»Setz dich hin! Sei still! Wir haben doch ausgemacht, dass wir nicht den Nachbarn stören! Wie oft soll ich noch sagen, dass du dich melden sollst!? Wenn du nicht endlich ruhig bist…« Jeder Schüler, jeder Lehrer kennt diese frustrierende Endlosschleife von Ermahnungen und Drohungen. Schnell sind 20 Minuten Unterrichtszeit mit ihnen verschwendet, die eigentlich der produktiven Stillarbeit zugedacht waren. So geht es Tag für Tag. Leise sein kann ohne Drohungen und Ermahnungen sogar Spaß machen BILD

Die Lehrer der Antoniusschule in Georgsmarienhütte haben einen Dreh gefunden, dass in ihren Grundschulklassen bei der Stillarbeit wirklich Stille herrscht. Ein Wunder? Nein, ein Spiel – das so genannte KlasseKinderSpiel. Gefunden hat es Clemens Hillenbrand, Pädagogikprofessor an der Universität Köln, in Amerika. Dort heißt es Good Behaviour Game und wird seit 30 Jahren mit Erfolg an Grundschulen eingesetzt. Die Körber-Stiftung hat Hillenbrand für seine Übertragung des Spiels in die deutsche Schulwirklichkeit mit dem Projektpreis ihres Transatlantischen Ideenwettbewerbs USable ausgezeichnet.

Wie spielt man »gutes Benehmen« mit einer ganzen Schulklasse von Siebenjährigen? Einfach! Der Lehrer erklärt das Spiel, das aus drei simplen Regeln besteht:

1. Nur einer spricht, und der hebt vorher die Hand.
2. Nicht aufstehen und herumlaufen.
3. Kein Zappeln und Stören.

Für das Spiel, das nicht länger als 20 Minuten dauern soll, wird die Klasse in Gruppen eingeteilt. Es können kleine Gruppen sein oder auch zwei große Gruppen. Die Gruppen bekommen Namen, über die die Kinder von Zeit zu Zeit abstimmen.

Wenn die Stillarbeit beginnen soll, sagt der Lehrer das Spiel an. Wenn das Spiel eingeführt ist, muss er die Regeln nicht jedes Mal neu erklären. Um die Kinder anzuspornen reicht es, wenn er sagt: »Wir spielen jetzt das Spiel.« Die Viertklässler arbeiten fleißig vor sich hin, die Lehrerin wandert durch das Zimmer, schaut hier über die Schulter, gibt dort einen Tipp oder beantwortet eine geflüsterte Frage. Irgendwann erklärt sie das Spiel für beendet. Niemand hat die Regeln gebrochen, alle werden gelobt, und das gute Benehmen wird ohne Spiel automatisch fortgesetzt. Denn »in eurem Kopf behaltet ihr ja das Spiel bei«, sagt die Lehrerin.

In der zweiten Klasse sind die Regeln ein wenig variiert. Hier dürfen die Kinder aufstehen, aber nur schleichen, nicht rennen oder laufen. Sie dürfen auch miteinander flüstern, was die kleinen Leute erst lernen mussten; ansonsten müssen sie sich melden, wenn sie eine Frage haben. Im Stehkreis wird der Tagesplan besprochen und sofort mit dem Spiel begonnen, ohne dass die Lehrerin es besonders angekündigt hatte. Als sie es für beendet erklärt, sagt ein Junge: »Hab gar nicht gemerkt, dass wir gespielt haben.« – »Warum nicht?«, fragt die Lehrerin. – »Weil es kein Foul gab.« Fouls werden immer dann für eine Gruppe gegeben, wenn eine Regel gebrochen wird.

In einer anderen Klasse haben in der zweiten Reihe zwei Jungen miteinander gequatscht. Ganz ruhig verkündet die Lehrerin: »Foul für Werder Bremen.« Still und knapp wird das an der Tafel notiert, ebenso knapp ist der Kommentar der Schüler: »Mist!« Bestraft werden sie nicht. Das Ungewöhnliche an dem Spiel ist, dass es keine Strafen gibt, sondern nur Belohnung. Die Belohnung für die Gruppe mit den wenigsten Fouls hängt von der Fantasie der Lehrer ab. Eine Lehrerin lässt die Kinder fünf Minuten früher raus und Seifenblasen pusten, eine andere erlaubt Brettspiele am Ende des Schultags, ein Lehrer verteilt Kaugummi und Stickers oder erlässt die Hausaufgaben. Wichtig ist, dass die Belohnung nicht Wochen auf sich warten lässt, sondern am selben Tag oder zumindest in derselben Woche eingelöst wird.

Nun sind längst nicht alle Klassen so friedlich. Meist gibt es ein, zwei Ruhestörer, Zappelphilippe oder anders Verhaltensauffällige. Auch da haben die Lehrer in der Antoniusschule ein probates Mittel gefunden. Echte Störer kommen in eine Gruppe für sich. Das klingt nur für Sozialromantiker ungerecht, im Spiel kommt es allen zugute. Sitzt ein Störenfried in einer Gruppe, wird er stets der Gruppe Fouls eintragen, und sie wird ihn dafür nicht lieben. Allein in seiner eigenen Gruppe, das lehrt die Erfahrung nicht nur an der Antoniusschule, entwickelt der kleine Störer den Ehrgeiz, auch mal zu gewinnen. Oft kann man ihn nach Wochen der Vereinzelung in eine Gruppe integrieren, und er kann zum Erfolg beitragen.

Wer von der ersten Klasse an das Spiel lernt, wird von Anfang an konzentrierter arbeiten können. Amerikanische Studien belegen, dass sich nicht nur 25 Prozent mehr Zeit für den Unterricht gewinnen lässt und das Klassenklima verbessert wird, sondern dass auch Verhalten eingeübt wird, das auch in den späteren Klassen beibehalten wird. Hillenbrand nennt es darum auch »eines der einfachsten und zugleich effektivsten Präventivprogramme«. Die Kinder finden das Spiel mindestens so »Klasse« wie die Lehrer. Wer genug variiert, es so oft verdeckt wie offen spielt und die Gruppen häufiger verändert, hält die Lust am Spiel auch wach. An der Antoniusschule hat ein Lehrer das Spiel mit Erfolg schon auf der Klassenfahrt angewandt. »Und er hat es uns nicht mal gesagt«, kommentiert ein Achtjähriger diesen Trick.

Die Lehrerin Renate Lübbers hat festgestellt, dass die Klassen, in denen sie das Spiel gespielt hat, deutlich kooperativer geworden sind. Vor allem brauche sie nicht mehr »jedes Vergehen ausführlich zu kommentieren«.

Die Nachhaltigkeit des früh gelernten Verhaltens hat eine Studie in Baltimore dokumentiert, an der 800 Erstklässler öffentlicher Schulen teilnahmen. Sechs Jahre später war das Verhalten der Kinder, die zwei Jahre lang das Spiel gespielt hatten, immer noch weniger aggressiv als das von Kindern einer Kontrollgruppe. Zudem stellten die Forscher einen erstaunlichen Nebeneffekt fest: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kindern zu Rauchern werden, sank um 50 Prozent. Das Spiel soll sogar helfen, späterer Kriminalität und Drogenmissbrauch vorzubeugen. »Alles ist kumulativ« sagt Jürgen Baumert vom Max Planck Institut für Bildungsforschung im Zusammenhang mit den unerfreulichen Pisa-Ergebnissen. Es wird unten bei den Erstklässlern eingeübt – im Guten wie im Schlechten –, und wenn es gut geht, erkennt sogar ein sonst recht wilder achtjähriger Yasin den Segen des Spiels: »Da gewöhnt man sich an die Ruhe.«

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