Italien
Roberto schweigt nicht
Warum die Camorra einen jungen Reporter ermorden will
Vier Kirchen, zwei Friedhöfe, niedrige Häuser mit unverputzt gebliebenen, dunkelgrauen Betonfassaden: Das ist der Ort Casal di Principe, etwa 50 Kilometer nördlich von Neapel. Dass die Häuser hier unfertig herumstehen, ist verwunderlich, denn in Casal di Principe kommen auf 19300 Einwohner exakt 517 Baufirmen.
Viele dieser Unternehmen unterstehen Strohmännern des Clans der Casalesi, einer der brutalsten und mit geschätzten 30 Milliarden Euro Jahresumsatz wirtschaftlich erfolgreichsten Banden der kampanischen Camorra. Die Casalesi machen ihre Geschäfte mit öffentlichen Bauaufträgen, Drogen, Waffenhandel und Zinswucher, vor allem aber mit Müll. Die Gegend um Casal di Principe, einst eine fruchtbare Ebene, auf der Tabak, Obst und Gemüse angebaut wurden, ist heute eine einzige Kippe für Abfälle und Giftmüll aus dem Norden.
Roberto Saviano, ein 28-jähriger Journalist aus Casal di Principe, hat die Geschäftspraktiken der Camorra in seinem Buch Gomorra beschrieben – so detailliert, wie es bislang noch niemand gewagt und geschafft hat. Gomorra, erschienen in einem Verlag von Silvio Berlusconi, führt die Bestsellerlisten in Italien an, interessanterweise aber nicht in der Abteilung Sachbuch, sondern in der Belletristik. Dabei ist Savianos Buch kein Roman, sondern ein erschütternder Bericht über eine Gegend, die Europa vergessen zu haben scheint. Beschrieben wird auch, wie die Camorra in Deutschland Geschäfte macht und investiert und wie Lebensmittelmultis und selbst die weltberühmten italienischen Modelabels von den Machenschaften der Clans profitieren. In der Gegend um Neapel heißt die Camorra ja längst »il sistema«, das System. Sie betreibt auch legale Geschäfte: Supermärkte, Kleiderfabriken und Zuckerraffinerien. Und sie ist der größte Arbeitgeber neben dem Staat.
Jetzt muss der 28-jährige Saviano jedenfalls um sein Leben fürchten. Bei einer Veranstaltung in Casal di Principe hatte der Autor vor einigen Wochen drei mächtige Camorra-Bosse aufgefordert, den Ort zu verlassen. Mit der Folge, dass ihm sein Bäcker kein Brot mehr verkaufen wollte, dass ihn Kellner in einem Restaurant abwiesen, dass er anonyme Morddrohungen erhielt.
Saviano nimmt diese Signale ernst. Er weiß auch, warum: Sein Vater hatte bei einem Einsatz als Notarzt einmal einen von Camorra-Killern schwer verletzten jungen Mann ins Krankenhaus gebracht, anstatt ihn, wie die Rettungssanitäter vorschlugen, auf der Straße verbluten zu lassen. Dass er seine Pflicht als Arzt getan hatte, wertete die Camorra als Rebellion. Die Rechnung folgte prompt. Vater Saviano wurde so zugerichtet, dass er monatelang nicht arbeiten gehen konnte.
Der Sohn erhielt jetzt nach Interventionen des Schriftstellers Umberto Eco und des Staatspräsidenten Giorgio Napolitano eine Polizeieskorte und Personenschutz. Das hat es schon für Priester, Politiker und Richter gegeben, aber noch nie für Schriftsteller oder Journalisten.
Doch die Regierung von Romano Prodi erwägt inzwischen sogar, das Militär nach Neapel zu schicken. Seit Anfang des Jahres wurden über 50 Menschen von der Camorra ermordet. Schießereien sind längst nicht mehr nur in der Peripherie, sondern auch in der Altstadt an der Tagesordnung, vergangenen Montag wurden innerhalb weniger Stunden drei Menschen auf offener Straße erschossen. Staatspräsident Giorgio Napolitano sagte: »Neapel erlebt die schlimmsten Tage seit sehr langer Zeit.« Die 13500 Polizisten in der Stadt scheinen die Lage nicht mehr allein unter Kontrolle zu bekommen.
Zu allem Übel versinkt Neapel auch noch im Müll. Weil die Abfälle nicht mehr der Camorra übergeben werden sollen, verrotten sie auf der Straße, unter Krankenhäusern und Schulen. Es scheint für die städtische Müllentsorgung offensichtlich keine Alternative zum »System« zu geben.
Die Casalesi betreiben unterdessen neue Geschäfte: Über einen Strohmann versuchten sie, den Erstliga-Fußballklub Lazio Rom zu kaufen. Wenigstens das konnten die Staatsanwälte gerade noch verhindern.
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- Datum 1.11.2006 - 07:52 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 02.11.2006 Nr. 45
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das es noch Journalisten gibt, die den Mumm in den Knochen haben derartige Bücher zu recherchieren, anstatt irgendwelche Skandälchen künstlich hochzukochen.
Respekt.
Das schockierende ist nicht das Bild, nicht der Text und nicht der Inhalt. Das schockierende ist, das es unter 1.000.000 Menschen nur einen einzigen gibt, der die Wahrheit kennt und sie hinausschreit ! Noch !
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