Meinecke hört... (10) In den Weltraum
Harmolodisch komplexe Töne bereichern seit 1959 die Welt
Sie fangen mit einer hübschen thematischen Figur an, bemerkte der Swing-Trompeter Roy Eldridge über Ornette Coleman und seine Combo, und dann gehen sie ab in den Weltraum, kümmern sich nicht um Akkorde und spielen ungerade Taktzahlen; ich kann ihnen nicht folgen.
The Shape of Jazz to Come, wie Colemans drittes Album 1959 hieß, wies sich in zeitgenössischen Ohren zunächst einmal dadurch aus, was an Formen und Formeln alles weggelassen wurde. Später fand der Musiker den Begriff Harmolodics für seine Ästhetik, die mir, wenngleich sie ungestüm Freiräume erschloß, stets mehr lyrisch als aggressiv vorkam. Immer wieder in der populären Musik erscheint mir etwas auf harmolodische Weise komplex: das kann Dr. Buzzard’s Original Savannah Band in Art Disco sein, die No Wave Combo des James Chance, die gebrochene Slow Motion Post Bluegrass Music von Souled American oder der dekonstruktivistische Rock von Royal Trux.
Eine Definition habe ich nie gefunden, aber ich spüre (to dig, wie es im Jive des Jazz heißt), wenn ich Harmolodics höre. Ornette Coleman läßt sich akustisch auf Anhieb erkennen. Er ist jedoch kein vordergründiger Solist, sondern, bei aller Liebe zur Theorie, der kollektiven Improvisation ergeben. Besonders gut, in früher Stereophonie, nachzuhören ist das auf dem epochalen Free Jazz Album, New York, 1960, wo sich zwei Quartette synchron umspielen: links im Spektrum Coleman am Altsaxophon, Mitstreiter Don Cherry an der Trompete, der Bassist Charlie Haden und der Schlagzeuger Ed Blackwell, auf dem rechten Kanal der Trompeter Freddie Hubbard, Eric Dolphy an der Baßklarinette, Scott LaFaro am Baß und Billy Higgins an den Drums. (Dieses Album gehört wirklich in jeden Haushalt.)
Später erlernte Coleman Trompete und Violine (und wurde dafür, wie einst am Plastik-Saxophon, zunächst verlacht), schrieb eine Third Stream-Symphonie, sein Sohn wuchs zum regelmäßigen Begleiter und kongenialen Schlagzeuger heran. Nach zehn Jahren kam nun auf dem kleinen Sound Grammar Label ( www.ornettecoleman.com ) eine neue CD heraus, die auch Sound Grammar heißt, in Ludwigshafen live mitgeschnitten wurde und einen sehr tighten Mittsiebziger an Altsaxophon, Trompete und Violine präsentiert, begleitet von zwei Kontrabassisten (einer streicht, einer zupft) und Denardo Coleman am Schlagzeug.
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- Datum 07.11.2006 - 13:33 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 02.11.2006 Nr. 45
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