Klassiker der modernen Musik (38) Aus der Kälte

Der blinde Pianist Lennie Tristano tauchte den Jazz in kochendes Gletscherwasser und prägte einen Stil von vergangener wie futuristischer Schönheit

Rasenden Bach zu bieten ist vielleicht von Bach zu viel verlangt. Für die Empfindung linearer – notgedrungen kalter – Raserei kann der letzte Satz von Schumanns Concerto sans orchestre von Pollini beigezogen werden. Die eigene Begeisterung entsteht aus dem Zuviel: Klänge, die sich kurz um hybride Schönheit ballen.

Der Pianist Lennie Tristano war blind, besaß große Hände, wollte jazzen, langweilte sich mit dem Jazz und griff sich ungefähr Folgendes heraus: Der Solist sollte das alte Jazzproblem, nämlich lauter ästhetisch annehmbare Phrasen über einem regelmäßigen Metrum – so war damals die Zeit – einzurichten, lösen durch eigene Annäherung an den Rhythmus. Pausen im linearen Ablauf waren zu unterdrücken, ebenso irgendwelche spontan veränderten Notenwerte. Angestrebt wurde ein waagrechter Brunnenstrahl an schnellen, völlig gleichen Notenwerten, mathematische Regularität, die sich aufs harmonische Gerüst legte, mehr noch, sie wob eine Art sich selbst tragenden Geflechts – am Ende steht der Korb.

Der Anspruch dieser Nebenart des Cool Jazz war so ausgeprägt, dass er auch von Tristano nur einige Male eingelöst wurde, am begeisterndsten in seinem Album Manhattan Studio, und dort nur in den schnellen Nummern. In den langsamen brach er ein und bot desorientierte Arabesken; das durch die Geschwindigkeit erzwungene Korsett fehlte. Tristanos Werke, dem Apokryphen verpflichtet, werden erst seit neuerer Zeit ausgegraben. Der professionelle Aufblitzer und Kurzfunkler wirkt nach Jahrzehnten ganz unverbraucht, kalt-eisern-unergründlich wie eine Steilwand, die Musik perfekt, überpotent, mit einem im Marken-Branding gepflegten Schuss an Verrücktheit.

Der Altsaxofonist Lee Konitz, später das anderweitig geniale Tenorsaxofon Warne Marshs holten in zahllosen Aufnahmen, meist ohne den Meister selber – der Blinde pflegte das konzertante Nichtauftreten – die kühle Schnelligkeit der unendlichen Dauer-Linie aus ihrer Abseitigkeit heraus, wurden demnach meist zusammen mit Tristano genannt: Es entstand so etwas wie ein Stil, dessen Ausführende nur so mal halb sich zeigten und ihre unbestimmte Unter-Repräsentanz offenbar genossen, etwa gemäß der Sottise »Ich spiele, also bin ich nicht«.

Tristano-Jazz muss in langen Fußmärschen aufgesucht werden, er ist in all seinen Facetten exklusiv, kochendes Gletscherwasser zum Aus-Chillen, und von klassischer, längst-vergangener so gut wie futuristischer Schönheit. Der rasende Ahnherr und seine Interpreten beweisen immer wieder die Unmöglichkeit der Vorgänge; das Konklave, der kleine cercle hat sich früh geschlossen. Ein Stil auf der Flucht, und dennoch bezwingend. Parallel zu jeder Art von Normjazz läuft immer ein Schuss von Tristanos mörderischer Alternative mit. Jazz, in der Fantasie des Hörers, ist bekanntlich immer das, was er auch sein kann.

Lennie Tristano: "Manhattan Studio", Jazz Records JR11CD

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 02.11.2006 Nr. 45
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