Vor zwei Monaten schrumpfte die Welt der Amina Atouba (Name von der Redaktion geändert) plötzlich auf ein Zimmer, einen Gang, einen Balkon und zwei Sitzecken zusammen. Seither geht die 36-Jährige jeden Tag mit kleinen Schritten über den Flur der Station sechs im Krankenhaus Großhansdorf nahe Hamburg, vorbei an einer Kommode mit Puzzles von Wien und Venedig, einer Vitrine mit Büchern, deren Seiten vergilbt und deren Kanten abgenutzt sind. Nur selten darf sie die Etage verlassen. Die junge Frau aus Kamerun ist an Tuberkulose erkrankt. BILD

Noch vor kurzem hustete sie Tag und Nacht, und auf den Röntgenbildern sah es aus, als sei in ihrem linken Lungenflügel ein Schneesturm ausgebrochen. Die Tuberkulosebakterien hatten sich von der Lungenspitze bis zur Basis ausgebreitet. »Die Abwehrkräfte der Patientin waren zu schwach, um die Erreger aufzuhalten«, sagt Burghart Lehnigk. Der Lungenfacharzt leitet in der Großhansdorfer Klinik eine der größten Tuberkulosestationen in Deutschland und kämpft bei seiner Patientin gleich gegen zwei Gegner. Atouba leidet nicht nur an Tuberkulose, sondern auch an der Immunschwäche Aids.

Noch erhält die Patientin eine Therapie gegen beide Erkrankungen. Doch bald muss sie zurückkehren nach Afrika, wo sich HIV und Tuberkulose fast ungehemmt ausbreiten. Die Liaison beider Infektionen und die Zunahme extrem resistenter Tuberkulosebakterien hat die Infektionsmediziner inzwischen so alarmiert, dass die Situation in dieser Woche zu einem Generalthema der Weltkonferenz zur Lungengesundheit in Paris avanciert.

Vor allem in Afrika eskaliert die Lage. Nirgendwo steigt die Zahl der Tuberkulosepatienten so rasant. Mehr als zwei Millionen Menschen leiden dort an der Krankheit. Und ein Patient steckt pro Jahr durchschnittlich zehn weitere Menschen an. »Da muss nur jemand im Buschtaxi husten, schon breiten sich die Bakterien aus«, sagt Stefan Kaufmann, Direktor am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin. Normalerweise bricht die Tuberkulose nur bei zehn Prozent der Infizierten aus. Die Erreger zerstören die Lunge der Patienten, befallen Knochen, Nieren, Harnwege. Bei den übrigen neunzig Prozent schlummern sie lebenslang in Knötchen aus Immunzellen, ohne Symptome auszulösen.

Doch die Ausbreitung des Immunschwächevirus hat die Statistik längst über den Haufen geworfen. HIV-Infizierte tragen ein fünfzigfach erhöhtes Risiko, dass die schlafende Tuberkuloseinfektion binnen eines Jahres ausbricht. Fast die Hälfte aller Aids-Patienten stirbt an Tuberkulose. Allein in Kamerun leidet jeder zweite HIV-Infizierte daran.

Auch Amina Atouba war früher nie krank. Sie hatte in ihrer Heimatstadt Reis, Gemüse und rohes Fleisch verkauft, bevor sie als Asylbewerberin nach Deutschland kam. Sie habe sich wohl als Kind mit Tuberkulose infiziert, vermutet Lehnigk. Doch erst nach ihrer HIV-Infektion hätten sich die Bakterien in ihrem Körper ausbreiten können. Was in ihrer Heimat passiert, weiß Amina Atouba genau. »Wer kein Geld hat, bekommt keine Therapie«, erzählt sie. Aber selbst wenn man zahlen könnte, gäbe es oft zu wenig Medikamente vor Ort. »Dann wird die Behandlung zu früh abgebrochen«, sagt Lehnigk. Manche Bakterien überleben, mutieren und rüsten sich gegen die Therapie.

Aus diesem Grund verbreiten sich zunehmend Erregerstämme, gegen die viele Antibiotika machtlos sind. Im vergangenen Jahr tauchten bei Patienten in der südafrikanischen Provinz Kwazulu-Natal Bakterien auf, die nicht nur gegen vier übliche Antibiotika, sondern noch gegen zwei weitere Wirkstoffklassen gefeit waren. Bis März 2006 starben 52 von 53 behandelten Kranken. Inzwischen ist die Zahl der Opfer auf 73 gestiegen.