Film Königin der Törtchen
»Marie Antoinette« erzählt von einer Queen of Pop des 18. Jahrhunderts. Doch Sofia Coppolas Film scheitert am Wahnwitz von Versailles.
Was für eine spannende Idee, einen Film über eine Königin zu drehen, deren überliefertes Bild sich aus einem durchschnittenen Hals, turmhohen Perücken und einem zynischen Spruch über Brot und Kuchen zusammensetzt. Bis heute gilt Marie Antoinette als die Frau, für die sich die französische Revolution in all ihren Splatter-Exzessen doch noch gelohnt hat. Inbegriff der Verschwendungssucht, des Modewahns von Versailles, intrigante Gattin eines hoffnungslos verfressenen, aber letztlich gutmütigen Königs. Wo bei anderen ein Herzchen schlägt, steht bei Marie Antoinette ein Törtchen, heißt es in einem französischen Gassenhauer.
Es hat der letzten französischen Königin wenig geholfen, dass sie von Stefan Zweig als heroisch über sich hinauswachsende »Frau von mittlerem Charakter« rehabilitiert und von royalistischen Biografinnen wie Joan Haslip schluchzend verteidigt wurde. Sofia Coppolas Marie-Antoinette-Film beruft sich auf die nicht weniger identifikatorische Biografie von Antonia Fraser. Auch hier erscheint die Königin als Opferlamm, das zum Sündenbock für das Versagen der Monarchie gemacht wurde. Offenbar sollte das großzügig an die Filmrezensenten verschickte Buch den Geschichtsunterricht nachliefern, dem sich Coppolas Film mit jedem Recht verweigert.
Die Ankunft in Versailles: Ein Schock. Das Hofzeremoniell: Ein Alptraum
Nur zu Beginn treten die politisch-historischen Mächte ins Bild, bei einer Art Frauenhandel auf imperialem Niveau. Kirsten Dunst spielt Maria Antonia, den diplomatischen Hochzeitsimport aus Wien, der eigentlich nur seinen österreichischen Mops behalten will. Unziemlich fällt das Kind den indignierten französischen Hofdamen um den Hals. In einem prunkvollen Zelt wird der zitternden Braut jede österreichische Textilfaser vom Leib genommen. Schließlich geht es um einen zeremoniellen Übergangsakt, um den Austausch einer Person und ihrer Geschichte durch eine Marionette im habsburgisch-bourbonischen Allianzpoker. Dass die Vierzehnjährige von nun an kaum mehr ist als eine Zuchtstute für Thronerben zeigt ein Kurzauftritt von Marianne Faithful in der Rolle von Maria Theresia. Mit großartiger Kälte gibt sie die taktierende Muttermatrone, die ihre nach Frankreich verscherbelte Tochter zeitlebens mit diplomatischen Forderungen und ehelichen Ratschlägen terrorisierte.
Das wär’s auch schon mit dem historischen Rahmen, der nun der erstaunten Wahrnehmung eines einsamen Mädchens weicht. Die Ankunft in Versailles: ein Schock. Das starre Hofzeremoniell: ein Albtraum. Der dickliche Langweiler Louis Auguste: eine Enttäuschung. Nach und nach taucht Marie Antoinette in jene melancholische Verlorenheit, die bereits Coppolas frühere Heldinnen umgab. Die suizidalen, der Welt abhanden gekommenen Schwestern in Virgin Suicides , die zwischen Jetlag und klimatisierter Hotelkühle schwebende Scarlett Johansson in Lost in Translation und das allein im ehelichen Himmelbett vor sich hin starrende Habsburger Mädchen – sie alle sind kindliche Schwestern im Coppolaschen Geiste, fremd in einer sich allen Sehnsüchten und Zukunftsträumen verschließenden Welt.
Marie Antoinettes Modevernarrtheit, die Partys mit den wenigen vertrauten Freundinnen, ihre Spiel- und Amüsiersucht – all das wird bei Coppola zum Gegenprogramm eines Mädchens, das es im Luxusgefängnis wenigstens ein bisschen lustig haben will. Und so verbinden sich sprudelnde Champagner-Pyramiden, Schnallenschuhe und Tortenberge mit dem Sound von Bow Wow Wow oder Aphex Twin zu einem spätgirliehaften Popgefühl.
Auf Dauer wirkt es allerdings ein wenig ermüdend, wenn Coppola jede weitere Kutschfahrt mit ihren Lieblingsbands unterlegt, Marie Antoinette von intimen zu großen Partys folgt und die Zuckertörtchenberge immer höher türmt. Tatsächlich liegt im Bild einer Königin, die im Petit Trianon-Schlösschen nicht anders feiert als, sagen wir mal, Paris Hilton mit ihrer Clique, auch das Poblem von Marie Antoinette. Für die weltabgewandte Dekadenz von Versailles findet Coppola keine Vision, weil sie an allzu alltäglichen Luxus- und Markenkategorien kleben bleibt. Und während der Konsumrausch der jungen Königin zunächst mit großem Schwung in die Palastgemächer einzieht, beschleicht uns eine Ahnung, dass der Wahnwitz von Versailles mehr gewesen sein muss als Schnittfolgen aus schrillen Pumps und einem Paar Turnschuhe. Mehr als Tortenwerk und Petits Fours. Mehr als ein hübsches kleines Partyschlachtfeld mit Koks und umgestürzten Gläsern. Statt die Gegenwärtigkeit von Marie Antoinette zu entdecken, projiziert Coppola hippe Lebensgefühle unserer Gegenwart ins 18. Jahrhundert. Und erblickt im Spiegel der Geschichte doch nur die Stars von heute.
Während der letzten Filmfestspiele von Cannes wurde Coppola von der französischen Presse die Geschichtsferne ihres Films vorgehalten. Vielleicht hätte ein konventioneller Historienfilm Marie Antoinette als Intrigantin gezeigt, die ihren Günstlingsfamilien, den Lamballes und Polignacs, Posten auf Pöstchen zuschanzte. Er hätte ihre sture und dümmliche Diplomatie verfolgt, die nicht nur die Sympathie des Volkes, sondern auch die Loyalität des Adels untergrub. Ihre moralische Wandlung vom unbedarften jungen Ding zur selbstbewussten Amüsementkönigin und wiederum zu einer moralisch denkenden Frau, die gefasst den Weg zum Schafott ging. Und doch ist es nicht weniger legitim, diese seltsam tragische Epochenfigur zum Kinokonzentrat zu verdichten.
Hätte sie doch zwischendurch mal die Gläser weggeräumt
Schließlich entwarfen auch Regisseure wie Alexander Sokurov und Derek Jarman atmosphärische Geschichtsgemälde, durchgeknallte Historienfantasien, die sich nicht ums Schulbuchwissen scherten. Bei Coppola bleibt allerdings nicht nur die politische Figur, sondern auch die wie auch immer geartete Idee Marie Antoinette irgendwann auf der Strecke. Zurück bleibt ein der Partys überdrüssiges Vogue- Geschöpf, das mit verlorenem Blick in einem Rousseau-Buch blättert. Hätte sie zwischendurch mal die Gläser weggeräumt und ein paar Schnallenschuhe weniger gekauft, wäre das Volk bestimmt nicht so wütend geworden.
Und so hat die hübsche, bunte, entpolitisierte Mädchensolidarität am Ende einen paradoxen Effekt: dass nämlich die Luxus- und Konsumkönigin, die verwöhnte
queen of pop
des 18. Jahrhunderts von der bei Coppola so konsequent außen vor gelassenen Geschichte letztlich doch verpasst bekam, was sie verdient hat.
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- Datum 02.11.2006 - 10:45 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 02.11.2006 Nr. 45
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"Hätte sie zwischendurch mal die Gläser weggeräumt und ein paar Schnallenschuhe weniger gekauft, wäre das Volk bestimmt nicht so wütend geworden." - Dann schon lieber eine Interpretation "ohne Geschichte", als in 250 Jahre alte Fallen tappen!
Gegen Marie Antoinette lief schon Jahre vor der Revolution eine Rufmordkampagne in Form eines pornographischen Kupferstich-Seriendrucks, der die Königin in "poses plastiques" mit 150 verschiedenen Partnern beiderlei Geschlechts zeigte. Der erste Teil behandelte ihre Kindheit unter dem Titel "Fureurs uterines". Das Machwerk wurde in so gewaltiger Auflage verbreitet, dass es wahrscheinlich jedem dritten Franzosen als Wichsvorlage gedient hat. Prominentestes Opfer dieses allgemeinen ferngesteuerten Liebeswahns (mit letztendlicher Zerfleischung des Lustobjekts - ein Schicksal, das MADONNA hoffentlich erspart bleiben möge)- wurde der Kardinal de Rohan, der für ein getürktes rendezvous mit einer gespielten Marie Antoinette Vermögen und Ruf ruinierte.
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