Am Ende wird er aufstehen und seinen Helm nehmen, wie er es in Gedanken schon so oft getan hat. Er wird in eine Reihe von Soldaten treten, von denen vielen die Jungenhaftigkeit noch ins Gesicht geschrieben steht, und wird, wie immer, aus der Menge ragen, blass wie der Mond, die Haare rot, die Linien weich, ums Kinn ein dünner Bart. Der Hauptgefreite Björn Uwe Schulz, 20 Jahre alt, Versorger im Panzergrenadierbataillon 421, ehedem stationiert in Brandenburg an der Havel, nun abkommandiert auf den Flughafen von Köln-Wahn, wird schließlich – am 10. November um acht Uhr früh – in den grauen Airbus draußen auf dem Rollfeld steigen; das Flugziel ist Usbekistan. Von dort wird Schulz in einer Transall der Bundeswehr nach Afghanistan gebracht, nach Kabul. Zum Schluss im steilen Sinkflug, um möglichem Beschuss zu entgehen. Vier Monate wird Schulz der Isaf angehören, der International Security Assistance Force, einer Armee aus 37 Nationen, die Afghanistan Frieden bringen soll. Und sei es mit Waffen. Björn Uwe Schulz in der »Wüstentarn«- Uniform für Afghanistan.
Weitere Bilder sehen Sie in unserer Bildergalerie » BILD

Seine Mutter wird wieder weinen beim Abschied, und Schulz wird wieder sagen, sie solle aufhören damit, wie ein Teenager, dem seine Eltern ein wenig peinlich sind. So ist das seit Wochen zwischen Mutter und Sohn. Ein stilles Familienleiden hinter den Nachrichten, die immer verworrener werden.

Vierzig Jahre lang war die Bundeswehr im deutschen Alltag kaum zu sehen, sie saß im Wald die Zeit ab, bis der Kalte Krieg zu Ende ging, ohne dass ein Schuss fiel. Doch nun steht da Schulz, Jahrgang 1986, schwer beladen mit Marschgepäck und Verantwortung. Schulz, ein deutscher Jedermann. Schulz wie Müller, Meier, Schmidt. Einer von fast 200.000 jungen Deutschen, die mittlerweile Dienst im Ausland geleistet haben. 9000 Bundeswehrsoldaten sind an dem Tag, da Schulz ins Flugzeug steigt, unterwegs, in Afghanistan und Bosnien, im Kosovo und Kongo, vor der Küste des Libanons und am Horn von Afrika, als Beobachter in Georgien, Eritrea, dem Sudan. Ihre Aufträge haben sperrige Namen, Isaf, KFor, EUFor, Unifil, Unmee, Unomig, Kürzel, so kompliziert wie die Welt mit ihren schmutzigen Konflikten, die die Bundeswehr beenden soll. Die Politik hat, wie es ihre Art ist, schönere Begriffe gefunden, sie spricht von »humanitären«, »friedenssichernden« und »friedenserzwingenden« Einsätzen, immer öfter auch von »robusten Mandaten«, zumal in Afghanistan, wo die Bundeswehr in der neuen Zeit der kleinen, heißen Kriege 21 von 63 Soldaten verloren hat. Es ist, als hätten wir einen Augenblick nicht hingesehen, währenddessen sind Losziehen, Schlichten, Schützen, Sich-in-Gefahr-Begeben zu einem deutschen Alltagsmotiv geworden. Und mittendrin steht Schulz. Wie ist er dorthin geraten?

Bei der ersten Begegnung ist Schulz nicht mehr als ein Name und ein noch sehr kurzer Lebenslauf aus der Schublade seines Kompaniekommandanten: Schulz, Björn Uwe; geboren am 23. Mai 1986 in Berlin/West, ledig, mittlere Reife, Sohn eines Tankstellenpächters, Einzelhandelskaufmann mit Fachrichtung Mineral- und Schmierstoffe, Führerscheine B, C1, C, Hobby: Feinmechanik. Und er ist derjenige, der sich bereit erklärt hat, sich auf seinem Weg nach Afghanistan von der ZEIT begleiten zu lassen, drei Monate lang, bis zum Abflug.

Es ist August, das Land, noch schwarz-rot-gold geschmückt und weltmeisterschaftsbeglückt, ereifert sich über das späte SS-Geständnis des Günter Grass. Die Meldung, dass Bundeswehrsoldaten im Kongo in heftige Schusswechsel geraten sind, kommt gegen diese Aufwallung nicht an.

Schulz und seine Kompanie haben in Sachsen-Anhalt Quartier bezogen, in Klietz an der Elbe, in einer Kaserne, weiß und schön wie ein Museumsdorf. Am Schwarzen Brett jedoch warnen böse Nachrichten: Die Elbländische Terrororganisation ETO, heißt es da, gewinne an Macht, begünstigt durch Drogenhandel. Elbländische Warlords haben das Land unter sich aufgeteilt, Frauen werden unterdrückt, Männer hingerichtet, immer wieder gibt es Anschläge auf Bundeswehrpatrouillen. Die Soldaten hätten eigentlich nur die Hauptstadt Stendal unter Kontrolle.

Seit dem Morgen läuft Schulz auf einer »Infanteriebahn« durch dieses Fantasie-Afghanistan, in dem es von der Küche her nach Gulasch riecht. Seine Ausbilder haben vier Stationen aufgebaut, einen Testlauf für den Terrorkampf, mit Stoppuhren stehen sie unter Birken. Schulz muss Gewehre zusammensetzen und einen verletzten Soldaten bergen. Er muss den Satz »Ich stehe 500 Meter südlich des Gefechtsstandes und habe zwei feindliche Schützen aufgeklärt« für den Funk verschlüsseln und danach ein militärisches Quiz lösen: Wie viel Strich hat der Marschkompass? Wie viele Patronen passen ins P8-Magazin? Wie lautet der Kampfschrei der 1. Kompanie? Was heißt PAGNAAPPF? In Afghanistan wird keine Zeit für lange Worte sein. Schulz muss rennen, rennen, rennen, seine Füße platschen beim Laufen, er hat riesige Schuhe, Größe 49/50. Auf seinem Rücken schlenkert das Gewehr, der Sommer hat seinen Nacken gerötet. Man sieht, dass es ihm Spaß macht hier.