Am Ende wird er aufstehen und seinen Helm nehmen, wie er es in Gedanken schon so oft getan hat. Er wird in eine Reihe von Soldaten treten, von denen vielen die Jungenhaftigkeit noch ins Gesicht geschrieben steht, und wird, wie immer, aus der Menge ragen, blass wie der Mond, die Haare rot, die Linien weich, ums Kinn ein dünner Bart. Der Hauptgefreite Björn Uwe Schulz, 20 Jahre alt, Versorger im Panzergrenadierbataillon 421, ehedem stationiert in Brandenburg an der Havel, nun abkommandiert auf den Flughafen von Köln-Wahn, wird schließlich – am 10. November um acht Uhr früh – in den grauen Airbus draußen auf dem Rollfeld steigen; das Flugziel ist Usbekistan. Von dort wird Schulz in einer Transall der Bundeswehr nach Afghanistan gebracht, nach Kabul. Zum Schluss im steilen Sinkflug, um möglichem Beschuss zu entgehen. Vier Monate wird Schulz der Isaf angehören, der International Security Assistance Force, einer Armee aus 37 Nationen, die Afghanistan Frieden bringen soll. Und sei es mit Waffen. Björn Uwe Schulz in der »Wüstentarn«- Uniform für Afghanistan.
Weitere Bilder sehen Sie in unserer Bildergalerie » BILD

Seine Mutter wird wieder weinen beim Abschied, und Schulz wird wieder sagen, sie solle aufhören damit, wie ein Teenager, dem seine Eltern ein wenig peinlich sind. So ist das seit Wochen zwischen Mutter und Sohn. Ein stilles Familienleiden hinter den Nachrichten, die immer verworrener werden.

Vierzig Jahre lang war die Bundeswehr im deutschen Alltag kaum zu sehen, sie saß im Wald die Zeit ab, bis der Kalte Krieg zu Ende ging, ohne dass ein Schuss fiel. Doch nun steht da Schulz, Jahrgang 1986, schwer beladen mit Marschgepäck und Verantwortung. Schulz, ein deutscher Jedermann. Schulz wie Müller, Meier, Schmidt. Einer von fast 200.000 jungen Deutschen, die mittlerweile Dienst im Ausland geleistet haben. 9000 Bundeswehrsoldaten sind an dem Tag, da Schulz ins Flugzeug steigt, unterwegs, in Afghanistan und Bosnien, im Kosovo und Kongo, vor der Küste des Libanons und am Horn von Afrika, als Beobachter in Georgien, Eritrea, dem Sudan. Ihre Aufträge haben sperrige Namen, Isaf, KFor, EUFor, Unifil, Unmee, Unomig, Kürzel, so kompliziert wie die Welt mit ihren schmutzigen Konflikten, die die Bundeswehr beenden soll. Die Politik hat, wie es ihre Art ist, schönere Begriffe gefunden, sie spricht von »humanitären«, »friedenssichernden« und »friedenserzwingenden« Einsätzen, immer öfter auch von »robusten Mandaten«, zumal in Afghanistan, wo die Bundeswehr in der neuen Zeit der kleinen, heißen Kriege 21 von 63 Soldaten verloren hat. Es ist, als hätten wir einen Augenblick nicht hingesehen, währenddessen sind Losziehen, Schlichten, Schützen, Sich-in-Gefahr-Begeben zu einem deutschen Alltagsmotiv geworden. Und mittendrin steht Schulz. Wie ist er dorthin geraten?

Bei der ersten Begegnung ist Schulz nicht mehr als ein Name und ein noch sehr kurzer Lebenslauf aus der Schublade seines Kompaniekommandanten: Schulz, Björn Uwe; geboren am 23. Mai 1986 in Berlin/West, ledig, mittlere Reife, Sohn eines Tankstellenpächters, Einzelhandelskaufmann mit Fachrichtung Mineral- und Schmierstoffe, Führerscheine B, C1, C, Hobby: Feinmechanik. Und er ist derjenige, der sich bereit erklärt hat, sich auf seinem Weg nach Afghanistan von der ZEIT begleiten zu lassen, drei Monate lang, bis zum Abflug.

Es ist August, das Land, noch schwarz-rot-gold geschmückt und weltmeisterschaftsbeglückt, ereifert sich über das späte SS-Geständnis des Günter Grass. Die Meldung, dass Bundeswehrsoldaten im Kongo in heftige Schusswechsel geraten sind, kommt gegen diese Aufwallung nicht an.

Schulz und seine Kompanie haben in Sachsen-Anhalt Quartier bezogen, in Klietz an der Elbe, in einer Kaserne, weiß und schön wie ein Museumsdorf. Am Schwarzen Brett jedoch warnen böse Nachrichten: Die Elbländische Terrororganisation ETO, heißt es da, gewinne an Macht, begünstigt durch Drogenhandel. Elbländische Warlords haben das Land unter sich aufgeteilt, Frauen werden unterdrückt, Männer hingerichtet, immer wieder gibt es Anschläge auf Bundeswehrpatrouillen. Die Soldaten hätten eigentlich nur die Hauptstadt Stendal unter Kontrolle.

Seit dem Morgen läuft Schulz auf einer »Infanteriebahn« durch dieses Fantasie-Afghanistan, in dem es von der Küche her nach Gulasch riecht. Seine Ausbilder haben vier Stationen aufgebaut, einen Testlauf für den Terrorkampf, mit Stoppuhren stehen sie unter Birken. Schulz muss Gewehre zusammensetzen und einen verletzten Soldaten bergen. Er muss den Satz »Ich stehe 500 Meter südlich des Gefechtsstandes und habe zwei feindliche Schützen aufgeklärt« für den Funk verschlüsseln und danach ein militärisches Quiz lösen: Wie viel Strich hat der Marschkompass? Wie viele Patronen passen ins P8-Magazin? Wie lautet der Kampfschrei der 1. Kompanie? Was heißt PAGNAAPPF? In Afghanistan wird keine Zeit für lange Worte sein. Schulz muss rennen, rennen, rennen, seine Füße platschen beim Laufen, er hat riesige Schuhe, Größe 49/50. Auf seinem Rücken schlenkert das Gewehr, der Sommer hat seinen Nacken gerötet. Man sieht, dass es ihm Spaß macht hier.

»Draußen ist jeder für sich, da ist Gleichgültigkeit«, sagt Schulz während einer Pause auf die Frage, warum er sich für die Bundeswehr entschieden hat. »Draußen ist jeder für sich« – das ist einer seiner ersten Sätze, gesprochen in einem kehligen Berliner Tonfall. Schulz sitzt auf einer Bank in der Sonne, ringt noch nach Luft. Seine Stimme ist überraschend leise für seinen großen Körper. Elf Monate ist er jetzt beim Militär, einer, der vor seinen Kameraden das Wort »Angst« hinter einem Schutzwall aus Begriffen wie »Respekt« und »Aufmerksamkeit« versteckt und seine Entscheidung für den Einsatz zunächst nur sehr lakonisch kommentiert. »Ob das jetzt Afghanistan, Usbekistan oder Iran ist, ist mir eigentlich egal.« Schulz spricht über sich, als sähe er sich selbst in einem Film, dessen weitere Handlung ihn unweigerlich nach Kabul führt, das fällt gleich auf, bei ihm, bei allen jungen Soldaten hier, die in der Mittagspause den Dreck aus ihren Stiefeln treten, als kämen sie gerade von einem Fußballplatz.

Man kann in Schulz’ Kompanie tagelang nach Sorgen fragen, niemand gibt ein Echo. Wer die deutsche Diskursgesellschaft verlässt und die Bundeswehr besucht, die direkt Beteiligten am neuen Weltszenario, die unteren Ränge, macht eine Reise in eine Kultur demonstrativer Gleichgültigkeit. Wahrscheinlich wird man nur so Soldat. Wahrscheinlich kann man nur so Soldat bleiben. Allerdings keimt auch eine erste Ahnung, dass die Armee für manchen Schutz vor dem ist, was Schulz »da draußen« nennt.

Schulz steht auf, er muss wieder los. Die nächste Übung heißt »Hubschrauber einweisen«. Mit den Armen rudernd, steht Schulz auf einer Wiese. Er weiß zu diesem Zeitpunkt, dass er in Kabul für Camp Warehouse eingeteilt ist, das internationale Isaf-Feldlager. Seine Vorgesetzten haben ihn in der Materialgruppe eingeplant: neue Waffen rein, alte Waffen raus. Schulz soll eine Materialschlacht für den Frieden schlagen, während seine Kameraden auf Patrouille gehen, Polizisten ausbilden, Entwicklungshelfer schützen. Schulz wird mit seinem gepanzerten Fuchs-Transporter auf der Route Violet zwischen Feldlager und Flughafen pendeln, 20 Minuten von einem Wachtturm des Westens zum anderen Wachtturm des Westens, dazwischen: Afghanistan.

Schulz ist am Computer mit GoogleEarth mal hingeflogen und auf ein wirres Geschachtel von Häusern hinabgestürzt. Sein Major sagt, dass es im November in Kabul eiskalt sein wird, auf 1800 Meter Höhe. Schulz kniet da gerade in flirrendem Baumschatten. Die Tage in Klietz wirken wie ein Sportfest. Am Ende wird Schulz in seiner Gruppe Neunter von vierzehn. In den Bäumen singen die Vögel, Schulz ist umgeben vom Soundtrack des Friedens. Der Einsatz ist noch fern wie ein Gewitter.

Unterdessen gehen in einem Waldstück 80 Kilometer weiter östlich, im Einsatzführungskommando der Bundeswehr bei Potsdam, wo hohe Militärs aus einer abhörsicheren Kommandozentrale heraus die weltweiten Einsätze koordinieren, besorgniserregende Nachrichten ein: In Afghanistan wird der Takt der Attentate immer schneller. Die Taliban sind zurück. In den Lageberichten ist das Land nicht mit der Farbe Grün gekennzeichnet wie Bosnien, auch nicht gelb wie der Kosovo. Afghanistan ist rot, und Rot bedeutet: »Lage nicht sicher, nicht stabil.«

Die Entsicherung der Welt begann vor 17 Jahren direkt vor der Haustür der Familie Schulz, ohne dass jemand das sofort verstand. Björn war zwei, seine Schwester Anica war vier, als die Eltern Uwe und Martina 1988 aus der Berliner Innenstadt hinaus nach Lichtenrade zogen, in eine Stadtrandlage voll gusseiserner Gewissheiten. Das neue Haus stand auf einem schmalen Zipfel West-Berlins, der in die DDR hineinragte, an drei Seiten umgeben von der Mauer. Manchmal, nachts, trug der Wind das Gebell der Kettenhunde ins Schlafzimmer und ließ die jungen Eltern schaudern. Ansonsten schien es in dieser Sackgasse der Weltgeschichte, wo der Kalte Krieg so nah war, friedlicher zu sein als anderswo.

Eines Tages nahm der Vater den Sohn und lief los. Zur Mauer. Der Dreijährige sah in Gesichter, die sich zu irrem Lachen verzogen hatten. Er sah Männer auf Autos schlagen. Das tat man sonst nicht. Schulz wusste den 9. November 1989 nicht zu deuten, doch er spürte das Glück der Erwachsenen. Vor seiner Haustür war der Frieden ausgebrochen, scheinbar für immer. »Das ist meine allererste Erinnerung«, sagt Schulz, der freier spricht, wenn er in Stube 313 seiner Kaserne allein ist, dort, wo drei Metallbetten stehen, ein Kühlschrank, ein Putzeimer voller Kronkorken und drei grüne Spinde, behängt mit Pin-ups.

Es ist Ende August, das Land fahndet nach den Kofferbombern. Überwachungskameras am Kölner Hauptbahnhof haben zwei Männer fotografiert, in Vorbereitung eines Anschlags. Es kann überall passieren, suggerieren diese Bilder, immer und jedem. Das Land lernt Vokabeln wie »Gefährdungslage« und »asymmetrischer Krieg«, den Terroristen gegen Staaten führen und Staaten gegen Terroristen. So findet die Gedankenwelt des Getötetwerdens langsam wieder ihren Platz in Deutschland, notfalls auch die des Tötens. 2002 schickte die Bundesregierung nicht nur einfache Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan, sondern auch die Eliteeinheit KSK mit dem Auftrag, Osama bin Laden zu jagen. Als im Juni dieses Jahres im Irak der Terroristenführer Abu Musab al-Sarqawi getötet wurde und amerikanische Soldaten ein goldgerahmtes Bild seiner Leiche in die Kameras hielten, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Tod des Terroristen sei »eine gute Nachricht«. So offen hat seit Jahrzehnten kein deutscher Politiker mehr eingestanden, dass es Feinde gibt, Feinde, deren Tod man gutheißt.

Als Schulz erzählt, wie er in diese Kaserne geraten ist, in seine Stube, in seine Uniform, dann klingt das so, als habe er sich seit 1989 zielstrebig hierher verirrt. In einem deutschen Vorort wie Lichtenrade konnte man die Welt leicht unterschätzen. »Das Leben war Party«, sagt Schulz mit einem schüchternen Lächeln, das verrät, dass ihm das heute etwas unangenehm ist. Doch damals war Politik nur Schulstoff, war Vergangenheit oder fernes, absurdes Welttheater, »im Nahen Osten zum Beispiel: Attentäter hier und Attentäter da«. Schulz erinnert sich an Kriege, die im Fernsehen nicht bedrohlich aussahen: »Erst wird ein amerikanischer Kampfjet von einem Flugzeugträger katapultiert – und dann kommt er wieder.« In sein Bewusstsein schlug das Weltgeschehen erst ein, als er vor fünf Jahren aus der Schule kam und Raumschiff Enterprise sehen wollte, dann aber auf RTL den ersten Turm einstürzen sah und dachte, als der zweite fiel, er sehe in Zeitlupe wieder den ersten. Schulz spürte am 11.September 2001 zum ersten Mal, »dass die Welt echt böse ist«. Ein halbes Jahrhundert Wohlstandsruhe und Weltstillstand waren zu Ende.

In den Medien machte das Wort »Globalisierung« Karriere, in der Schule hörte Schulz, wie wenig Jobs es draußen gebe. Die Politik sprach von der Bundeswehr als »Interventionsarmee«, Schulz rückte zum Grundwehrdienst ein. Als er am 1. Oktober 2005 Rekrut wurde, war Deutschland längst in einen Weltwettkampf geraten, nicht nur wirtschaftlich, auch politisch, demografisch, militärisch.

Der letzte Schulz, der in den Kampf zog, war sein Großvater. Werner Siegfried Schulz, MG-Schütze in Hitlers Heeresgruppe Mitte, einer der wenigen, die wiederkamen. Wenn der alte Mann im Sommer auf der Terrasse saß, bestaunte der Enkel dessen kalkweiße Beine und lauschte, wie er vom Pilzesammeln in Polen erzählte. Als der Großvater starb, röntgte ein Arzt seine Leiche und fand neun Granatsplitter.

»Ich dachte, das wäre es gewesen mit dem Krieg«, sagt Martina Schulz, Björns Mutter, die sich seit Wochen quält mit der Frage, warum sich ausgerechnet in ihrer Familie zwei Entwicklungen treffen mussten, eine politische und eine private. Martina Schulz sitzt im Wintergarten ihres Hauses, sie hat den gleichen hellen Teint des Sohnes, das gleiche Rot der Haare, den gleichen Blick, in dem stets ein leichtes Staunen über die Welt zu liegen scheint. Es ist September, im Garten beugen sich die letzten Blumen über scharf gestochene Rasenkanten, und die Mutter erzählt in zögerlichen, von tiefem Atmen unterbrochenen Sätzen eine Geschichte, die ihr Sohn so nicht erzählt.

»Am Anfang war ich stolz, wie er das durchzieht«, sagt sie, denn als sich Björn vor einem Jahr für den Grundwehrdienst entschied, als noch nicht von Afghanistan die Rede war, sah die Mutter darin einen Befreiungsschlag. »Er war als Kind ja nie so straff. Er war eher saft- und kraftlos.« Ein Frühchen, geboren an ihrem Geburtstag. Sie war krank damals, und ihr Kind war nicht gesund. In den ersten Jahren diagnostizierten die Ärzte motorische Schwächen, und der Sohn – ein Junge mit panischer Angst vor Spritzen – holte den Rückstand nicht auf. Die Mutter sah, wie er den Fußball mied, dieses maskuline Kräftemessen. Später ging er nicht mit ins Freibad, auf die Liegewiesenbalz. Björn, zeitweise mehr als 120 Kilo schwer. Die Jungen in der Schule nannten ihn »Fetti« und »Feuermelder«. »Er hat in den Augen der anderen nie Erbarmen gefunden«, sagt seine Mutter.

Früh ging Björn den Demütigungen aus dem Weg und schuf sich im Bastelkeller ein stilles Glück. Die Mutter muss nur das holzvertäfelte Treppenhaus hinabsteigen, um zu zeigen, dass das Leben ihres Sohnes so weite Kreise nicht gezogen hat. Da ist eine kleine Werkstatt und ein Zimmer voller Elektronik. Lautsprecher, Computer, Kabel. Wenn sich seine Kindheit auf ein einziges Foto bannen ließe, sagt sie, »dann ist das Björn im Keller. In einem Wust von Baumaterialien. Pappe, Klebe, Schere. Dazu tolle Zeichnungen mit dem, was er bauen will.« Schiffe. Autos. Panzer.

Bei der Bundeswehr schien Björn Vollbäder in Selbstbewusstsein zu nehmen. Er gab dem Militär seine Gewissenhaftigkeit, dafür schliff das Militär ihm Körper und Gesicht. Die Mutter spürte, dass diese neun Monate etwas waren, das ihr Sohn allein schaffte. Sie versuchte, sich mit ihm zu freuen, obwohl sie merkte, dass Björn in den Nachrichten kaum mehr die Bilder von Elend und Zerstörung sah, sondern nur noch Kalaschnikows und Panzerminen.

Als Martina Schulz ein Bild ihres Soldatensohnes ins Wohnzimmerregal stellte, tat sie das schon voller Zwiespalt. Dann eröffnete ihr Björn, dass er seinen Dienst um acht Monate verlängern und seine Kompanie nach Afghanistan begleiten werde. In dem Maße, in dem ihm die Gefahr bewusst wurde, hat er sich in die Gefahr hineinbegeben. Man kann nicht behaupten, dass das feige ist.

Die Mutter zerspringt jetzt fast vor Sorge, wenn die Nachrichten wieder mit dem Satz beginnen: »Bei einem Selbstmordanschlag in der afghanischen Hauptstadt Kabul…« Die Sorge um den Sohn ist zum beherrschenden Thema in ihrem Haus am Stadtrand geworden, tagelang, Nächte durch.

»Was macht er nur mit seinem Leben?«, fragt die Mutter, »er ist doch gerade mal mit angeklappten Ohren erwachsen.«

»Vielleicht Abenteuerlust«, erwidert der Vater.

Martina Schulz hat Björn das Pausenbrot bis auf den Schulhof nachgetragen, keinen Elternsprechtag versäumt. Dann übernahm ihr Mann und bildete Björn an der eigenen Tankstelle aus. Sie haben dort sogar Weihnachten gefeiert, die ganze Familie in roten Esso-Pullovern. Martina Schulz räuspert sich: »Wir haben alles getan, um unsere Kinder vor Schaden zu bewahren…« Ihre Stimme bricht.

Muss er auf diese Art erwachsen werden? Ist sein kindheitslanges Warten auf Anerkennung noch immer nicht beendet? Oder waren sie zu unpolitisch? Er hat doch keine Interessen in Afghanistan. Er hatte da immer eher Desinteressen.

Sie möchte mit ihm reden, ihn so viel fragen. »Björn antwortet mir aber nicht mehr«, sagt die Mutter, »er kann nicht mehr mit mir auf dem Sofa sitzen wie früher, da ist so eine Unruhe in ihm.« Nach einer Viertelstunde geht er runter in seinen Keller, klappt den Laptop auf und schaut mit Hardrock unterlegte Filme, die Wir machen Hausbesuche – weltweit heißen, private Soldatenvideos aus Afghanistan. Sie zeigen Afghanen auf Eselskarren und deutsche Soldaten mit Gewehren im Anschlag, breitbeinig, grinsend, so verwegen, wie es Björn Schulz nie war. Wenn die Mutter anklopft, klappt der Sohn den Laptop zu.

Martina Schulz ist, wie zunächst auch ihr Sohn, in einem Land groß geworden, dem es lange gelungen war, Leiden gering zu halten – und fern. Nun tritt das Land aus seinem sechzigjährigen Frieden ins grelle Licht all der neuen Kriege und reibt sich die Augen. Wie viel Blut und Gefahr soll es als Normalzustand akzeptieren? Wie viele Illusionen in die Wüste schicken – und wie viele Söhne?

Im September folgt die Zeit in der Kaserne zunächst dem ruhigen Takt der Routine. Schulz wartet Fahrzeuge. Er ist glücklich, wenn er seinen Kopf unter eine Motorhaube stecken kann. Er kann riechen, wenn dem Diesel Wasser beigemischt ist. Oft steht er in der Waffenkammer hinter einem Holztresen, gibt Öl und Munition aus und nimmt die Gewehre seiner Kameraden in Empfang. Er zerlegt jede Waffe in ihre Einzelteile, pinselt den Abzug ab, reinigt den Verschluss von Schmauch und säubert den Lauf mit einer Bürstenkette. Gewissenhaft still arbeitet er im Rein und Raus der Kameraden. Hier passt einer auf, sagt sein konzentriertes Gesicht, hier ordnet einer die Unordnung, während draußen das Leben tobt.

An einem strahlend schönen Altweibersommertag verlässt ein hellblauer Bus die Brandenburger Kaserne. Schulz sitzt in der vierten Reihe, allein, auf dem Sitz neben ihm eine rote Plastiktüte, darin ein Auto-Tuning-Magazin, eine B.Z. und kleine Apfelsafttüten. Schulz’ Kompanie ist auf dem Weg in die Rhön, ins »Gefechtssimulationszentrum des Heeres« in Wildflecken. Das Radio meldet, dass im Irak, nach einer Rede des Papstes, deutsche Fahnen verbrannt werden. Sanft schaukelnd rollt der Bus über die Autobahn, Schilder mit der Aufschrift »Fritzlar«, »Niederaula« und »Schlitz« ziehen vorbei. Deutschlands geografische Mitte. Schulz blickt auf gekämmte Felder, auf eine satte Milchtütenlandschaft, vom Regen gut gegossen. Alle 50 Meter die weißen Marksteine am Straßenrand, alles in Ordnung. Das Land liegt da, als habe es seit Jahren nicht mehr Nachrichten gehört.

Der Bus arbeitet sich durch die Rhön, 45 Jahre lang die Wasserscheide zweier Weltsysteme. Oben auf einer Kuppe die schwarzen Dächer der Rhön-Kaserne. Im Zweiten Weltkrieg wurde dort die SS gedrillt, dann spähte hier die Nato nach Russen, die zum Durchbruch bei Fulda ansetzten. Nun werden hier 80 Prozent aller Bundeswehrsoldaten geschult, bevor sie ins Ausland gehen. Vor wenigen Jahren hat das Heer in Wildflecken mit Panzern noch großräumig das Gelände zerfurcht. Jetzt stehen »Minenkunde«, »Massenanfall von Verwundeten« und »Verhalten bei Geiselnahme« auf dem Lehrplan. Die Auseinandersetzungen von heute sind hinterhältiger geworden, bis hin zum Häuserkampf. Deshalb hat die Bundeswehr hier ein Dorf aus acht Rohbauten errichtet, auf Kieswegen liegen Autowracks, in alten Ölfässern glimmen Holzscheite.

In dieser Kriegskulisse warten 40 Laiendarsteller, Russlanddeutsche in ausgetretenen Schuhen, die für sieben Euro die Stunde Kosovaren oder Afghanen spielen und deutschen Söhnen internationale Härte beibringen sollen. Übt ein Trupp für den Kosovo, hängen sie am Ortseingang ein Schild mit der Aufschrift »Barbarica« auf, probt ein Trupp für Afghanistan, steht dort »Bagrami«. An diesem Tag hocken Erna Awerichew aus Tscheljabinsk und Jelena Gorbunow aus Omsk in einem der Häuser, auf einem Holzofen köchelt der Borschtsch. »Doitsche Soldaten nicht gut«, sagen sie, »haben immer Angst. Fragen immer uns: Was sollen wir jetzt tun?«

Der Lehrgang beginnt mit Theorie, mit Lageübungen an kleinen Sandkästen, in denen die Ausbilder Jeeps und Pappsoldaten durch eine Modellbahnlandschaft voller »Hinterhangstellungen« schieben, durch minenverseuchtes Land. Ein Gewitter von Warnungen entlädt sich über Schulz. Heb nichts auf, was du nicht selber fallen gelassen hast! Steig zum Pinkeln nicht aus dem Auto, mach besser von der Motorhaube! Sein Trupp steht vor mit Quecksilber getränkten Minen, vor Minen, die »Witwenmacher« heißen, vor Schmetterlingsminen, die wie Kinderspielzeug aussehen, vor Minen, die in Tierkadavern versteckt sind – 50 junge Männer, schweigend, mit den Füßen scharrend, im Angesicht des ganzen Arsenals menschlicher Hinterhältigkeit. »Wie krank muss ein Hirn sein, das sich so was ausdenkt«, flüstert Schulz.

Der Minenexperte sagt: »Wer suchet, der findet – wer drauftritt, verschwindet. Hier ist das letzte Mal, dass Sie das üben können.« Der Fachmann für Geiselnahmen warnt, in Afghanistan sei inzwischen mit dem Schlimmsten zu rechnen, die Taliban seien auf die »Demütigung von UN und Nato« aus. Was, wenn ein Soldat als Geisel zum Symbol für den verhassten Westen wird? Vermeide Stolz und Arroganz! Versuche, eine persönliche Beziehung zum Geiselnehmer aufzubauen! »Sei unscheinbar wie eine graue Maus!«, ruft der Mann.

Anschließend gehen sie raus. Als Schulz’ Konvoi in die Kulissen von »Bagrami« einfährt, haben sich Erna Awerichew und Jelena Gorbunow blaue Burkas übergezogen und empfangen die Soldaten mit spitzem Geschrei. In ihren Armen verblutet eine Puppe. In der Schule hat es eine Explosion gegeben. Schulz steht in einem inszenierten Inferno. Rauchbomben platzen, Kunstblut fließt, Männer brüllen auf ihn ein. Im Handgemenge klauen sie ihm seinen Kugelschreiber. Er tritt an den Rand eines Minenfeldes. Er hat vergessen, sich einzucremen. Er macht nicht mehr falsch als die anderen. Bei der Geiselnahme, wo Schulz’ Trupp von Vermummten entführt wird, steht er mit verbundenen Augen und erhobenen Händen in einem Keller, lässt sich anbrüllen, macht Liegestütze, wenn er dazu gezwungen wird, bleibt stoisch, während sich andere in gestellten Verhören verhaspeln. Eine Stunde lang ist Schulz die graue Maus. Er ist der Unauffälligste, der Beste. Dann beginnt sein Körper zu zittern. Ein Sanitäter eilt herbei, dann eine Psychologin. Schulz ist dehydriert. Er hat am Morgen nur eine Tasse Kaffee getrunken, kein Wasser. Dazu der Sonnenbrand.

In den Tagen von Wildflecken wird Schulz still. Abends sitzt er in einem verrauchten Bierzelt mit einer Cola zwischen dröhnenden, trinkenden Kameraden. Auf einer Leinwand läuft Vier Fäuste für ein Halleluja, am Nebentisch umkreisen ein paar Kerle die einzige Soldatin. Schulz geht schlafen.

Am folgenden Wochenende ist in Schulz’ Kaserne das Klackern von Absätzen zu hören, das Quäken kleiner Babys. Die Kompanie hat zum »Familientag« geladen, 400 Menschen kommen und drängen sich unter einem hohen Neonlampenhimmel. Soldaten schieben Kinderwagen, Soldaten heben ihre Töchter hoch, Soldaten knuffen ihre Söhne. Familien stehen vor einer Wandtafel mit der Aufschrift »Impressionen Einsatzland« und blicken wortlos auf das Bergmuster Afghanistans. Verloren stehen schwangere Frauen im Raum. Der Saal ist voller Vertrautheit und Entfremdung zugleich. Nach einer unveröffentlichten Befragung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr zur Kosovo-Mission trennen sich im Verlauf eines Auslandseinsatzes 26 Prozent der unverheirateten Paare, drei Prozent der Ehen zerbrechen. Bei über einem Viertel solcher Trennungen sind Kinder betroffen.

Familie Schulz ist auch gekommen, Vater, Mutter, Schwester. Björn in seiner Uniform, steif vor Muskelkater. Er zeigt seinen Eltern sein Gewehr, das G36 von Heckler&Koch; 750 Schuss pro Minute. Der Vater nickt stumm, die Mutter wendet sich ab. Sie schieben sich an weiß gedeckten Tischen vorbei, auf denen Bücher ausliegen, Karl, der Bärenreporter, geht in den Einsatz heißt eines, ein Kinderbuch der Bundeswehr, in dem ein Vater »mit anderen Soldaten in einem fremden Land arbeiten muss«. Ein Abzählkalender für die nächsten vier Monate ist beigelegt, ein Kuchenrezept für den Tag der Rückkehr. Daneben ein Ratgeber der Katholischen Militärseelsorge, Wir schaffen das! Hilfestellung für Eltern und Kinder: Väter von Säuglingen sollten in den Wochen vor dem Einsatz ein Kuscheltuch bei sich tragen und dann als »Geruchsandenken« zurücklassen. Kindergartenkindern sollten sie Kassetten mit gemeinsam ausgewählten Geschichten besprechen und kleine Überraschungen für besondere Anlässe deponieren. Trotz allem werde bei Säuglingen »die Grundbindungsphase unterbrochen mit der Konsequenz, dass diese Kinder manchmal auch später eine schlechtere Bindung zum Vater haben als die Geschwister.«

Draußen kreischen Kinder auf der Hüpfburg.

Es gibt Kaffee und Kuchen, Martina Schulz und ihr Mann schauen in die Runde. Sie sehen Frauen mit rosa gefärbten Haaren, Freundinnen mit Steißtattoos. Truppenpsychologen sagen offen, dass die Bundeswehr mittlerweile einen großen Reiz ausübt auf eine soziale Schicht am Rande der Arbeitslosigkeit, auf die Unterlegenen im Wettkampf der freien Wirtschaft, auf jene, die zermürbt sind vom Zeitalter der Eigenverantwortung und des Individualismus. Die Kasernen sind Ganztagsschulen für Erwachsene geworden, die Bundeswehr strukturiert ihre Tage, gibt Geborgenheit im Befehl und schreibt die Biografien ihrer Soldaten.

Junge Männer aus dem Osten Deutschlands stellen inzwischen knapp die Hälfte der Soldaten, die ihren Grundwehrdienst auf bis zu 23 Monate verlängern, die Möglichkeit eines Auslandseinsatzes inklusive – für 92,13 Euro Auslandsverwendungszuschlag pro Tag rekrutiert aus einer Welt des Wartens auf eine Aufgabe, beseelt von der Aussicht, gebraucht zu werden, helfen zu können; das aber nicht ohne Risiko. Dafür wird Schulz nach vier Monaten in Afghanistan 11055,60 Euro mehr auf seinem Konto haben. Er möchte sich davon einen gebrauchten Pontiac TransAm kaufen, das Auto, das David Hasselhoff in der Fernsehserie Knightrider fuhr. Einige Soldaten in seiner Kompanie müssen Schulden abbezahlen, für andere soll das Geld Startkapital für eine neue berufliche Existenz sein. Nur wenige hier haben Abitur.

In der Kaserne beginnt derweil das eigentliche Programm, die Organisation der anstehenden Trennung. Ein Familienbetreuer erklärt das System der Feldpost und empfiehlt: »Pakete für Weihnachten bis spätestens Mitte November zur Post!« Ein Psychologe rät: »Verabreden Sie Momente, in denen Sie aneinander denken, etwa beim Zähneputzen.« Eine Sozialarbeiterin warnt: »Prüfen Sie, ob in Ihrer Lebensversicherung aktives und passives Kriegsrisiko eingeschlossen sind. Verfassen Sie ein Testament.« Martina Schulz sucht Blickkontakt zu ihrem Sohn, doch der beugt sich nach vorn. Am Ende tritt der Kommandeur ans Mikrofon und bittet die Eltern um Spenden, Bleistifte, Plüschtiere, damit ihre Söhne etwas in den Händen halten in Kabuls Straßen, um Afghanistans Kinder zu gewinnen – für solche Geschenke sei kein Geld im Wehretat. Dann sagt er: »Ich hoffe auf viel Schnee, weil Schnee die Bewegung anderer Kräfte lähmt. Das Ziel ist, dass wir Ostern wieder zu Hause sind. Und bitte bedenken Sie: Kein Berg ist so hoch, wie man meint, wenn man davor steht.« Schulz macht ein Gesicht, als sei er abgehärtet bis zur Schmerzlosigkeit. Seine Mutter streicht sich die Tränen aus den Augen.

Im Verteidigungsministerium treffen in dieser Zeit immer besorgtere Runden von Generälen mit dem Minister zusammen. Allein im Juni hat es über 300 Angriffe auf Isaf-Truppen gegeben; mehr als im gesamten Jahr 2002. Immer öfter geraten auch Bundeswehrpatrouillen unter Beschuss, vor allem nachts. Im Süden Afghanistans sind Briten und Kanadier in Kämpfe verwickelt, die nicht mehr wie Nation-Building aussehen, sondern wie Krieg.

Die Bundeswehr ist in ein Szenario geraten, das prototypisch sein könnte für die Einsätze der Zukunft. Im neuen Weißbuch, das die Sicherheitspolitik der Bundesrepublik festschreibt, ist nicht mehr nur die Rede davon, »die Unversehrtheit des deutschen Staatsgebietes zu sichern«. Es warnt auch vor den »Folgen unkontrollierter Migration« aus ärmeren Weltregionen und sieht Deutschland »in hohem Maße« abhängig »von einer gesicherten Rohstoffzufuhr und sicheren Transportwegen« – von »strategischer Bedeutung« sei eine »nachhaltige und wettbewerbsfähige Energieversorgung«.

Hilft die Bundeswehr im Kosovo noch, ethnische Gewalt zu verhindern, so ist sie am Horn von Afrika präsent, um Containerschiffe und Öltanker auf deren Weg in den Sueskanal zu schützen. Hin und wieder ist von einem Sitz im Weltsicherheitsrat die Rede, den sich die neue »Mittelmacht Deutschland« so erarbeiten könnte. Nach großen Debatten in den neunziger Jahren schien der Einsatz von Soldaten zu einem politischen Instrument geworden zu sein, dessen Gebrauch weniger Aufsehen erregte als die Erhöhung der Mehrwertsteuer.

Es gibt in der Bundeswehr Stimmen, die sich mehr Aufmerksamkeit wünschen. Die fragen, warum deutsche Soldaten so oft losgeschickt, aber nur selten zurückgeholt werden. Niemand möchte zitiert werden, doch wenn es vertraulich wird in den Offizierskasinos, sagen alle dasselbe: dass die westliche Welt ihre Armeen immer häufiger als Vorauskommando für eine neue Weltordnung losschicke, ohne mit durchdachten politischen Konzepten nachzurücken. Jede so genannte friedensschaffende Operation könne aber allenfalls kurz eine Tür für die Politik öffnen – nur fällt den Soldaten kaum ein Land ein, das gut vorbereitet hindurchgeschritten wäre oder auch nur all seine Zusagen je eingehalten hätte. Noch immer sind 70 Prozent der Afghanen unterernährt, nur jeder Zehnte hat Strom.

Und dann stehen da 20-Jährige wie Schulz in einem Klima der Enttäuschung, das sie so nicht erwartet haben, geraten in die Schockwellen eskalierenden Hasses, den viele Bundeswehrsoldaten auch dem offiziell wichtigsten Verbündeten anlasten, den Vereinigten Staaten. Die US-Armee, am Rand ihrer Kräfte, lässt ihre GIs mittlerweile zwischen dem Irak und Afghanistan rotieren. Entsprechend überreizte Kämpfer kämen ins Land und brächten mit ihrem rabiaten Verhalten auch Deutsche in Misskredit.

Für viele habe der Auslandseinsatz dann schnell nicht mehr viel mit humanitärer Hilfe zu tun, sondern doch mit Gefahr. Nach wenigen Wochen sei die Motivation verloren, verdrängt durch Ängste und Depression. Unter den 63 Todesfällen im Ausland sind inzwischen mehrere Suizide.

Die neue Zeit hat einige alte Motive zurückgebracht. Als Anfang der neunziger Jahre erstmals eine große Zahl von Soldaten ins Ausland verlegt wurde, nach Somalia, riefen bald die ersten Frauen in den Kasernen an und wollten wissen: »Wie kriege ich einen Rasenmäher an?«, »Wer kann mir Winterreifen aufziehen?« Fragen, die nur mühsam eine ungewohnte Einsamkeit kaschierten. Die Bundeswehr musste ein Netz archaisch anmutender Hilfe flechten, ein Netz von 31 Familienbetreuungszentren, von jedem Punkt der Republik in höchstens hundert Kilometern zu erreichen. Eine Parallelwelt neben der Zivilgesellschaft ist entstanden, sie kommt monatlich zu Grillfesten, Bootsausflügen, Zoobesuchen zusammen. Aber dass an diesem Tag in Delmenhorst bei Bremen gleich 300 Frauen und Kinder in Kleinwagen aus Oldenburg, Diepholz und Verden-Bostel zur Feldwebel-Lilienthal-Kaserne fahren, das liegt daran, dass eine Videoschaltung angekündigt worden ist.

Das Logistik-Bataillon von Delmenhorst hat seit Juni Soldaten nach Gabun, Kabul und Masar-i-Scharif entsandt. Teile der Kaserne stehen leer, doch schnell füllt sich das alte Offizierskasino, von der Wehrmacht in dunklem Holz beplankt, mit hellen Stimmen und Parfumgeruch. Es sieht aus wie beim Familientag in Brandenburg – nur fehlen jetzt die Männer, und die angekündigten Probleme sind Tatsachen geworden. Eine Tochter, 13 Jahre alt, ist in Schweigen verfallen und verweigert den Kontakt zum Vater in Afghanistan. Beziehungen kriseln. Zwei Kinder sind geboren. Eines davon trägt Silvia Katthau auf dem Arm, 26 Jahre alt, eine kleine Frau mit kurzem Lockenhaar. In ihren Händen Twen, die sieben Wochen alte Tochter in Mädchenrosa. Die Bundeswehr hat den Vater zur Geburt aus Kabul eingeflogen, zum terminierten Kaiserschnitt. Vier Tage später musste er zurück. Seitdem zeigt Silvia Katthau ihrer Tochter jeden Tag ein Foto des Vaters in Uniform und sagt: »Das ist Papa bei der Arbeit.« Heute will sie ihm sein Kind zeigen.

Es ist 16 Uhr in Deutschland und 19.30 Uhr in Afghanistan, als sich ein Meer von Frauen und ein Heer von Männern vor zwei Webcams setzen, zwischen ihnen 5000 Kilometer. Ein Flackern auf dem Bildschirm. Dann, im Dunkel, schemenhaft Soldaten, abgehacktes Winken wie von Marionetten. Der Saal in Delmenhorst braust auf, applaudiert, Gesichter glühen im Glück eines bewegten Bildes, dem ersten nach so langer Zeit. Junge Frauen heben ihre Kinder hoch, die rufen »Papa?« und drehen sich fragend zu ihren Müttern um. Silvia Katthau sitzt in der ersten Reihe und hält Twen vor die Kamera.

»Hallo, Masar-i-Scharif?«, fragt ein Major.
Nichts.
»Hallo, Masar?«
»Hallo, Delmenhorst.«

Es ist ein verzerrter Ton wie aus frühen Korrespondentenberichten, ein gereizt gezischtes »Schscht!« geht durchs Kasino, als die Telefonstimme berichtet: »Lage bei uns nicht so dramatisch wie im Süden … gebrochener Fuß, eine gebrochene Hand… Feldpost kommt nicht nach, die Briefe sind dreißig Tage unterwegs, nicht wie versprochen zehn… Wir freuen uns auf zu Hause.« Die 300 im Saal machen enge Augen, suchen nach ihren Männern. Manchmal ein Aufschrei. »Da! Ich seh ihn!« Der Major ruft die Angehörigen auf, jeder hat ein paar Sekunden. Mütter ziehen ihre Kinder nach vorn und stellen sich winkend vor Webcam und Mikrofon.

»Hallo!«
»Hallo.«
»Hast du unser Päckchen gekriegt?«
»Welches Päckchen?«
»Wir lieben dich ganz doll.«
»Was?«
»Wir liiieben dich!«
»Ich euch auch.«
»Justin will auch noch was sagen.«
»…«
»Sag was, Justin!«
»Hallo, Papa.«
»Hallo, Justin.«

Da waren so viele Fragen, jetzt fehlen die Worte. Kinder werden ungeduldig, Mütter räuspern gegen den Kloß im Hals an. Der Tag löst sich in Schwermut auf, die Reihen leeren sich. Silvia Katthau aber sitzt noch immer da, ihr Baby an der Brust. Sie zupft dem Major am Ärmel, der beugt sich zu ihr, nickt und fragt nach Kabul: »Ist der Hauptfeldwebel Katthau da?«
»Wer?«
»Haupt-feld-we-bel Kat-thau.«
»Katthau?« Rauschen aus Afghanistan. »…Auftrag, auf Patrouille … lässt seine Familie grüßen.«

Stille im Saal. Die kleine Frau Katthau beißt sich auf die Lippen, steht auf und geht. Durch die Fenster ist zu sehen, wie sie ihre Tochter in den Wagen legt und zu weinen beginnt.

Drei Wochen vor dem Abflug fällt im Panzergrenadierbataillon 421 das Wort »Afghanistan« so oft, dass alle nur noch »Afga« sagen. Es ist Mitte Oktober. Schulz schiebt einen Einkaufswagen durch die Kaserne. Er muss zur Einkleidung, er hat einen Laufzettel bekommen, auf dem steht, dass er »zwei Feldjacken, Tropen« und »zwei Paar Kampfschuhe heiß/trocken« erhält. In einer Halle warten Frauen in Kittelschürzen vor deckenhohen Regalen voller Stiefel, Helme, Hosen. Mit engen Augen blicken sie über ihre Brillen, schätzen Schulz ab wie früher die Verkäuferinnen bei C&A, verschwinden und kommen mit einem Stapel Uniformen wieder.

Schulz tauscht an diesem Tag den alten dunkelgrünen »Fleckentarn« der Bundeswehr gegen den neuen sandgrauen »Wüstentarn«. Es sind die Farben des Staubes und der Hitze, die er über seinen blassen Körper zieht, die Farben der Golfkriege. Die Bundeswehr trägt nicht mehr das Grün des deutschen Waldes, sie trägt die Farben des Weltkrisenherdes. Bundeswehr – wie alt der Name plötzlich klingt.

Schulz ist sehr müde in letzter Zeit. Er geht um neun ins Bett und träumt dann Träume, die er früher nicht kannte: Er steht mitten in einer Party. Er besucht seine Eltern zu Hause. Er träumt Normalität. Und er liest im Koran. Er will nichts falsch machen. Er hat gelernt, mit der P1 zu schießen, mit der P8, dem G36 und dem MG3. Er hat gelernt, sich mit Laub zu tarnen, zu funken und Lkw zu fahren. Er kann einen Satz Pashtu: »Melgäro Mellatuna – Dreesch, ka ne se dasee kawum!« , lautmalerisch für: »Vereinte Nationen – stehen bleiben, oder ich schieße!«

Er hat wie ein Schüler in der »Landeskunde Afghanistan« gesessen, auf dass er ein politisch korrekter Soldat werde, falls das möglich ist. Er hat gelernt, dass Afghanistan ein »Land der Distanzunterschreitung« ist, in dem ihm Kinder sehr nahe rücken werden. Er hat gelernt, dass er bei einem Unfall keine verletzte Frau berühren darf, auch wenn sie vor seinen Augen stirbt. Dass ein Topf am Straßenrand auch eine Bombe sein kann. Und dass der Moment, in dem er beim Blick aus seinem Wagen sieht, dass er gefilmt wird, der Augenblick seines Todes sein könnte, weil al-Qaida ihre Attentate filmt.

Manchmal schreckt er auf. »Was, wenn ich ein Schaf überfahre? Ein Kind?« Er wird nicht viel sehen durch die Luken seines Panzerwagens. Schulz hat so viel gehört, gelesen, geübt, doch am Ende wird sein Leben auch vom Zufall abhängen. Ob er einen Meter weiter links oder rechts fährt, ob der Topf am Straßenrand wirklich nur ein Topf ist, ob er zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Ist das Krieg?

Schulz weiß jetzt, dass er Tankstellenpächter werden möchte wie sein Vater, wenn er zurück ist. Aber er muss da jetzt durch, er möchte es auch, »ich will zeigen, mir ist die Welt nicht scheißegal«. Das kann nicht jeder Besserwisser mit Abitur von sich behaupten.

Am nächsten Morgen marschiert Schulz mit zweihundert Mann durch einen lichten Nebel zum Abschiedsappell. Die erste Kälte des Winters ist da. Atemwolken stehen vor den Gesichtern der Soldaten. Zweihundert Silhouetten stehen stramm, eine von ihnen ist Schulz, allein mit seinen Gedanken. Er hat sein Testament geschrieben. Alles geht an seine Schwester. Vorn sagt ein Oberst: »…ist der Auslandseinsatz ein nicht ungefährlicher Einschnitt in das Leben unserer Soldaten … im Auftrag des deutschen Volkes…« Ein Marsch wird gespielt. Den Jahresbeitrag für den Modellbauverein hat er schon überwiesen. Er muss noch Weihnachtsgeschenke für seine Eltern kaufen, sein Auto abmelden. In seiner Lebensversicherung sind aktives und passives Kriegsrisiko abgesichert. Jetzt tritt die Oberbürgermeisterin nach vorn, eine kleine Frau auf hohen Absätzen, und überreicht ein Ortsschild der Stadt Brandenburg.

Als die Nationalhymne verhallt, beginnen für die Soldaten die »Kuschelwochen«, verordneter Abschiedsurlaub in den Familien.

Der Mann, der in einem farblosen Häuserblock am Stadtrand von Kiel die Tür öffnet, wirkt auf den ersten Blick kerngesund. Sein Händedruck ist kräftig, seine Haut ist gebräunt, seine Augen leuchten, als er sagt: »Na denn mal rein!«

Hinter seinem Rücken tut sich eine Wohnung auf, karger als Schulz’ Zimmer, sehr klein. Über dem Sofa hängt die schwarze Attrappe einer Maschinenpistole, gegenüber steht ein Computer mit riesigem Monitor, 32 Zoll groß. Die Jalousien sind heruntergelassen. Es riecht nach Putzmittel.

Martin Jäger, 35, war vor drei Jahren dort, wo Björn Schulz jetzt hinwill. Er war Busfahrer in Kiel und Reservist der Marine, als er sich freiwillig für den Isaf-Einsatz meldete. »Ich hab’s nicht aus humanitären Gründen gemacht, das macht keiner«, sagt Jäger. »ich wollte die Kohle, ich wollte unser Haus abbezahlen.« 1999, im Kosovo, hatte es doch auch geklappt, deshalb ließ er 2003 seine Frau und seinen Sohn erneut zurück und flog nach Kabul. »Da kriegste ’n Hammer«, erzählt Jäger an diesem Herbstag in die Stille seiner Wohnung hinein, »die ganze Stadt stinkt nach Scheiße.« Er fuhr Bus wie in Kiel. Aber Kabul, das war ein wilder Ritt durch die Dritte Welt. Krüppel, Kranke. Kinder wie Treibgut auf den Straßen. Jäger im 60 Grad heißen Bus, Staub in den Haaren, unter den Fingernägeln. Er machte Stadtrundfahrten und pendelte auf der Route Violet, Schulz’ Strecke. Er war mit einem 23 Jahre alten Daimler-Benz-Bus unterwegs, nicht gepanzert, nur olivgrün lackiert, »so was gab’s in Kiel schon gar nicht mehr.«

Am 7. Juni 2003 war Kontingentwechsel in Camp Warehouse. Ein kleiner Konvoi verließ das Lager. Soweit Jäger sich erinnert, vorne ein Jeep und hinten ein Jeep, dazwischen zwei Busse, seiner voller Gepäck, der andere mit 30 Soldaten auf dem Weg nach Hause. Die Straße zum Flughafen lag seltsam leer vor ihm. Plötzlich war da ein gelber Wagen, der schnell zum Konvoi aufschloss. »Ich denk noch, der hat’s aber eilig. Dann hat es geknallt, und alles war weg.«

Das Erste, an das Jäger sich wieder erinnert, war, dass er nichts sehen konnte. Die Welt war schwarz und still. Dann hörte er Katzen schreien. Es waren seine Kameraden. Jäger stürzte aus dem Bus und stolperte durch Scherben, zerrissenes Metall, zerfetzte Körper. Der Sanitäter aus dem hinteren Jeep stammelte: »Ich kann das nicht«, und rannte weg. Jäger riss vor Schmerzen singende Verletzte aus verzogenen Sitzreihen, band blutende Arme ab, starrte in die entstellten Gesichter von vier Toten. Auf der Straße fand er ein Bein und steckte es in eine Plastiktüte. Jäger und die wenigen anderen Leichtverletzten setzten immer wieder flehentliche Funksprüche ab. »Nach 28 Minuten kam Hilfe«, ruft Jäger, »acht-und-zwan-zig!« Seine Stimme ist viel zu laut für seine Wohnung.

Im Feldlazarett erzählten sie ihm, er habe sieben Leben gerettet. Jäger flog als Held heim. Als er nachts in Kiel ankam, zeugten er und seine Frau weinend ein Kind. Bei der Geburt der Tochter war ihre Ehe schon kaputt.

Jäger fand nicht ins normale Leben zurück. Sobald er sich in Kiel ans Lenkrad eines Busses setzte, zitterten seine Knie. Als er erfuhr, dass das Bein, das er geborgen hatte, dem Attentäter gehört hatte, betrank er sich vor Ekel und hielt tagelang den Pegel. Abends ließ er seine schwangere Frau im Wohnzimmer sitzen und stieg in den Keller, an den Computer. Unter einem Tarnnetz kämpfte er sich erst durch Egoshooter-Spiele, später durch die Standbilder seines Traumas. Ein Sanitäter hatte ihm die Fotos auf CD gebrannt, Jäger kann von den blutigen Szenen nicht lassen. Einen USB-Stick mit den Bildern hat er noch heute immer in der Hosentasche. Er zeigt sie gern, er muss sie teilen.

Ende 2003 diagnostizierten die Ärzte des Hamburger Bundeswehrkrankenhauses bei Jäger PTBS, eine posttraumatische Belastungsstörung, nicht enden wollender Stress nach Situationen größter Angst und Hilflosigkeit. In den USA ist diese Krankheit seit Vietnam bekannt, ein Drittel aller Obdachlosen dort sind Veteranen. Die Bundeswehr geht davon aus, dass mindestens ein Prozent ihrer Rückkehrer traumatisiert ist und den seelischen Sondermüll der neuen Auseinandersetzungen mit sich herumträgt.

Jäger wurde zum Zeitsoldaten gemacht, ein Vertrag bis April 2007 fing ihn auf. Bisher will das Verteidigungsministerium ihn nicht verlängern. Der Staat hat keine Verwendung für Jäger, aber er hat eine Verantwortung für ihn, denn Jäger ist der Kollateralschaden der neuen deutschen Außenpolitik. Die Psychologen beschreiben ihn als »hypomanischen Patienten«, er geht mit voll bepacktem Rucksack joggen, er wischt jeden Tag, »ich hab ’n Putzfimmel wie ein Mädchen«, sagt Jäger leise. Manchmal wirkt er weich, verdutzt, als begutachte er einen anderen, dann sagt er Sätze wie: »Ich weiß ja, dass ich nerve. Ich hab wohl ’n Ding an der Bimmel.«

Seine Frau hat sich scheiden lassen, seinen Sohn sieht er nur selten, seine Eltern haben den Kontakt abgebrochen. Das Haus ist verkauft. Im Flur seiner Wohnung, zwischen zig Soldatenfotos, hängt ein Bild seiner Tochter, eine unscharfe Farbkopie.

Mittlerweile sind die Kofferbomber gefasst, einer von ihnen studierte in Kiel. »War mir klar«, sagt Jäger. Sein Krieg ist überall, in Afghanistan, in Kiel, auf der Straße, in seinem Kopf. Einer Kassiererin hat er nach einer kessen Bemerkung die Einkäufe vor die Füße geknallt, einem Nachbarn ist er an den Kragen gegangen, weil der ihm zu laut war.

Jäger hat zwei Anzeigen wegen Körperverletzung bekommen. Seit einigen Tagen ist er seinen Führerschein los. Er macht jetzt 100-Kilometer-Läufe. Er hat sich in Polen zum snajper ausbilden lassen, sein Scharfschützendiplom liegt auf der Kommode im Flur, neben den Patronenhülsen. Er schläft schlecht und sucht nachts im Internet nach Jobs. Dort ist er auf die Werbung von Söldnertruppen gestoßen, die im Irak die Drecksarbeit übernehmen. Personenschutz, Konvois flankieren, für 500 Dollar pro Tag. »Die nehmen nur kaputte Einsatzsoldaten wie mich«, sagt Jäger. Wenn die Bundeswehr ihn nicht mehr will, geht er nach Bagdad. Die 28 Minuten von Kabul sind bis heute nicht zu Ende.

Es ist das Schicksal von Martin Jäger. Es muss nichts heißen. Nicht für andere, nicht für Schulz. Es ist der worst case . Unwahrscheinlich, aber im Bereich des Möglichen.

In den Tagen vor dem Abflug treibt Schulz in einem Ozean aus Zeit. Er fährt mit seinem Vater zum Hochseefischen nach Heiligenhafen, doch sie brechen ab, die Wellen sind zwei Meter hoch. Schenkt seiner Mutter eine Brosche. Lässt Fotos von sich und der Schwester machen. Trifft so viele Freunde, wie er kann. Was Alltag war, ist nun Leben.

Plötzlich liegen an der Tankstelle des Vaters diese Zeitungen aus: Soldaten in Wüstentarn, Soldaten mit Totenschädeln, Soldaten wie Hooligans. In Afghanistan eilen Bundeswehrmajore in die Moscheen und bitten die Imame, ihre Freitagsgebete nicht zu wütend zu gestalten. Das Verteidigungsministerium will Panzer nach Masar-i-Scharif verlegen, falls Evakuierungen nötig sein sollten. Martina Schulz schreibt eine E-Mail an die Bild -Zeitung mit dem Wunsch, ihren Sohn durch neue Fotos nicht noch mehr zu gefährden; die Antwort liegt am nächsten Tag am Kiosk. Die Medien rufen »Schock!« und »Skandal!« Der Minister spricht erstmals von »Rückzug«, wenn auch aus Bosnien.

Schulz lackiert noch ein U-Boot-Modell.

Er will jetzt keine Angst haben. In wenigen Tagen wird er am Flughafen sein, auf seinem Weg aus kindlicher Geschichtsgeborgenheit in die Brutalitäten der Welt. In seinem Rucksack der erste Teil des Herrn der Ringe. In seinem Kopf die flehentliche Bitte der Mutter: Mach dich unsichtbar. Auf seinem Helm die guten Wünsche seiner Freunde und Familie. »Ich vermisse Dich jetzt schon« , »Komm wieder« , »Big sister is watching you … Anica.« So wird er dort warten, Björn Uwe Schulz, 20 Jahre alt, ein Soldat aus Deutschland. Trotz seiner Angst vor Spritzen geimpft gegen Polio, Diphtherie, Hepatitis, Meningokokken, Masern, Mumps, Röteln, Influenza, Tetanus, Typhus und Tollwut.

Am Freitag, dem 10. November, kurz vor neun Uhr, wird sein Flugzeug abheben und bald im Herbsthimmel über Köln verschwunden sein. Es wird keine Meldung in den Nachrichten geben. Doch seine Mutter hat das Radio eingeschaltet.

Zum Thema
Die Bundeswehr im Wandel - Aktueller Schwerpunkt zu Einsätzen und Verteidigungspolitik »

Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan ist riskant. Das Land droht im Krieg zu versinken. Hintergründe und Analysen »