Mut kommt im Kino häufig vor. Denn Mut ist ein Charakterzug, der ins Zeitalter der Spezialeffekte besser passt als Bescheidenheit, Verlässlichkeit, Güte, weil man ihn so gut bebildern kann. Er ist die Utopie, die übrig bleibt, wenn der Hollywoodorkan losbricht, die Motorboote explodieren, die Hochhäuser schwanken, die Raumschiffe kollidieren und nur noch Helden wie Bruce Willis eine Chance haben. Dass Mut aber auch unheroisch, ja sogar komisch sein kann, daran erinnert uns jetzt das Seelendrama Snowcake .

Es ist ein Film ohne teures Getöse, gedreht sozusagen in Zimmerlautstärke, in einer Allerweltskleinstadt in Kanada, der auf humorvolle Weise von der Renitenz dreier außergewöhnlicher Menschen handelt. Am außergewöhnlichsten benimmt sich Linda, eine Autistin, am Tag der Beerdigung ihrer Tochter. Als Lindas Nachbarin einen Kondolenzkuchen vorbeibringt, dessen Zuckerglasur im Stil einer Kranzschleifenaufschrift an die liebe, bei einem Autounfall getötete Vivienne adressiert ist, bricht die Mutter, die künftig allein in ihrem Häuschen in Wawa wohnen wird, keineswegs in Tränen aus. Unbeeindruckt erklärt sie, dass sie den Kuchen nicht essen könne, worauf die beleidigte Bäckerin sagt, tja, dann werde sie ihn halt weiterverschenken, sie müsse nur den Guss abkratzen. Abkratzen ist Lindas Stichwort.

Nachdem sie von sämtlichen Nachbarn mit Beileidsfloskeln tyrannisiert wurde, kommt nun der Moment der Rache: Sie schnappt den Kuchen, rennt in die Küche, greift das Kehrblech und schabt ratzfatz die oberflächliche Anteilnahme in den Hundenapf. Dann knallt sie das auf seine ursprüngliche Bestimmung reduzierte Gebäck der perplexen Überbringerin zurück in den Karton.

Sigourney Weaver als Linda spielt die Szene nicht besonders autistisch, mehr als Triumph über die Scheinheiligkeit der schrecklich netten Kleinstadtgesellschaft. »Wird von mir erwartet, dass ich am Grab weine?«, fragt Linda ihren Verbündeten Alex, einen schweigsamen Engländer auf Durchreise, der in Viviennes Unfall verwickelt war. Die Frage enthält schon den Protest gegen die Zumutungen des normalen Zusammenlebens. Darum geht es in Snowcake: um das Beharren auf sich selbst im Gegensatz zu dem, was als Norm gilt.

Die Abweichung davon erfordert ja weit mehr Courage als Bruce Willis Heldentaten. Wenn man sich aber zur radikalen Ehrlichkeit durchringt, mit der allein man die stets in der Überzahl befindlichen Hüter der Konvention entwaffnen kann, wird das Leben leicht.

Der walisische Regisseur Marc Evans erzählt die ländliche Novelle der einsamen Linda – die für einige Tage den einsamen Alex zu Gast hat, der sich ein bisschen in die Provinzblume Maggie verliebt, was den Sheriff des Ortes sehr eifersüchtig macht – als Hymne auf den Typus des Sonderlings. Aus der Literatur kennt man ihn auch als »Schwierigen«, denn er lebt nach schrulligen Ideen, die nicht allgemein verbreitet sind, und statt an seiner Einsamkeit zu leiden, empfindet er sie als Refugium. Deshalb muss am Ende von Snowcake auch niemand heiraten.

Vorm Hintergrund des melancholisch verschneiten Ontario, das langsam zu frühlingshafter Heiterkeit auftaut, inszeniert Evans drei verschiedene Varianten von Weltfremdheit: Lindas pathologisches Abschottungsbedürfnis, verbunden mit Putzzwang und Ordnungswahn. Alex’ zur Misanthropie tendierende Schweigsamkeit.