Werbung Ich habe den Gilb geliebt

Die Fernsehwerbung feiert ihren 50. Geburtstag. Jens Jessen erinnert sich

Am 3. November vor fünfzig Jahren wurde die erste Werbesendung im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Was heißt das? Hinter unserem Rücken hat sich ein neues Jubiläum zusammengebraut, das gewiss bald ausführlich bedacht werden will. Wo sind die singenden, tanzenden Gemüse geblieben, die aus der Dose auf den Bildschirm purzelten? Was ist mit dem hungrigen Gilb, der das Weiß der Gardinen fraß? Wie lässt sich Clementines sophistische Begriffsklauberei (»sauber ist nicht rein«) historisch angemessen würdigen? Und wo schließlich bleibt der Deinhardt, all das Vergangene zu begießen und nostalgisch zu feiern?

Die beschwipste Frau, die auf einem Schlagzeug verzweifelt nach neuem Schaumwein trommelte, ist seinerzeit zu einer Ikone der neuen Vulgarität erhoben worden. Und heute? In unserer alternden Moderne gibt es augenscheinlich keine Institution mehr, die nicht auf eine ehrwürdige Geschichte zurückblicken kann. Moos sammelt sich auf eben noch für ewig jugendfrisch gehaltenen Häuptern, und unser auf Vergänglichkeit trainierte Blick verliert sich tränenfeucht im Dämmer der Fernsehvorzeit.

Ich habe den Gilb geliebt. Der Gilb war ein kleines gelbes, von Trickfilmtechnik wunderbar belebtes Körnchen, das von den Vorhängen die strahlende Weiße herunterfraß. Der Jakobskaffee dagegen war der große Tröster, der die Ehre der Hausfrau vor den Gästen wiederherstellte. Wenn der Jakobskaffee kam, strahlten die dritten Zähne der Hausfrau wie zuvor die Gardinen. Der Kaffee setzte auch die Kukident-Reklame erst in den richtigen gesellschaftlichen Zusammenhang. Er war der Zeremonienmeister, der Showmaster der Fernsehwerbung.

Der Gilb dagegen musste sein Zerstörungswerk geduldig im Hintergrund verrichten, unbelohnt und am Ende von den siegreichen Körnchen eines Waschmittels gefressen. Es war schade um den Gilb. Er hat aber überlebt als ewiges Angebot zur Identifikation mit den Verlierern der Gesellschaft. So war das im goldenen Zeitalter der Fernsehwerbung. Die Hausfrau flirtete mit dem General, der über die Kacheln tobte, der Vater besiegte mit seinem neuen GTS die Schrecken der Landstraße, der Sohn brillierte mit Turnschuhen in den Hochhausschluchten von New York, es war eine Exzellenzinitiative ohnegleichen.

Dann verschleierte sich das Bild unserer Welt. Es kam die existenzialistische Flüsterwerbung der Banken und Versicherungen, besorgte, schon ergraute Familienväter führten metaphysische Gespräche im Hochgebirge, aber Gott der Herr schickte ihnen die Hausratversicherung, und der Sohn konnte die Glastür zur Veranda unbekümmert zerdeppern. Geheimnisvoll raunende Haushaltsgeräte traten auf und übernahmen die seelische Erbauung. Aber seien wir dennoch gerecht: In ihrem fünfzigsten Jahr ist die Fernsehwerbung noch immer die zuverlässigste Quelle allen Trostes.

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Leser-Kommentare
  1. Und gen Ende der 1960er waren wir dann dank desa Produzenten Charles Wilp und sich hinter einer nassen Glass-Scheibe zu psychedelischer Musik räkelnden Jung-Nonnen im Afri-Cola Rausch. "Sexy-mini-super-flower-pop-op-Cola - alles ist in Afri-Cola!". Dass das Logo dieser deutschen Cola Marke wohl der Palme des Rommelschen Afrika-Corps ähnelte störte keinen.

    Einigen war das wohl zuviel, "aber wer wird den da gleich in die Luft gehen?" fragte das einem losgelassenem Lufballon in die Luft entschwirrende "HB-Männchen". "Greife erst zur HB, dann geht alles wie von selbst", wurde uns versichert.

    So sogen wir uns dann gemütlich zu Hause hinter den "Ado" Gardinen - "nur echt mit der Goldkannte", erklärte uns Marianne Koch (auch bekannt als Miraterin bei "Was bin ich?", dem "heiteren Beruferaten" mit Robert Lembke - "den Duft der grossen, weiten welt" mit Hilfe einer Peter Stuyvesant in die Lungen.

    Vielleicht kam aus der Küche auch das Aroma eines frischen Kuchens, gebacken natürlich mit Mehl von "Aurora - mit dem Sonnenstern"

    Nun, "wenn einem soviel gutes wird beschert, dass ist dann wohl einen Asbach Uralt wert!"

    • vdh
    • 03.11.2006 um 8:12 Uhr

    Ich mochte die headline für den bekannt zweitklassigen Billig-Stossdämpfer "Monroe", weil er so ehrlich war: *Monroe dämpft das Risiko*

  2. Die englische Werbeagentur D'Arcy-McManus & Masius bekam so um 1972 den Auftrag, für Wilkinson Sword(Rasierklingen) eine Headline zu machen, die auf die Angst des Nassrasierers vor dem "sich schneiden" abzielen sollte.

    Masius schlug vor: "Krümmt der Haut kein Haar!"
    Wilkinson lobte die Zeile, konnte sich aber wegen der Gefahr von Missverständnissen (unscharf!) nicht dazu entschliessen.

  3. Für "Bounty" warben die Zuckerbäcker damals mit dem Endlos-slogan: "Alle Herrlichkeit der Tropen zum Greifen nah!"

    • hagego
    • 09.11.2006 um 17:56 Uhr

    Als vor 50 Jahren die Reklame geboren wurde, konnte ein generöser Chef seinem Atelierleiter zurufen: "Reklamieren Sie mal!" Als aus der anfangs hausbackenen Reklame Werbung wurde, hießen die Werbefachleute "Art Director" und "Copy Chief" und "Reinzeichner". Jetzt reklamierten meistens die Kunden, weil sich einige Werbeversprechen als haltlos erwiesen. Als nun aber aus der Werbung die ganzheitliche Kommunikation entstand (d.h., die Globalisierung auf verbaler und nonverbaler Ebene), erklärten sich manche Werbepromis zu Künstlern. Und deshalb muss man wohl auch einen Großteil der Print- und TV-Werbung so betrachten, als sei diese ein Gemälde von (sagen wir mal) Jackson Pollock.
    Wer aus Honig Kunst macht, macht Kunsthonig. Aber der wird ja auch gebraucht. Auf die nächsten 50 Jahre, Ihr fleißigen Kommunikationsbienen!

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