Ich habe einen Traum Fluchtmöglichkeit
Woody Allen, im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren, begann mit 16 Witze für Zeitungskolumnisten. Seit seinem Regiedebüt »What’s New, Pussycat?« (1965) hat Allen mehr als 40 Filme gedreht. Er lebt gern in der Traumwelt des Kinos
Als ich jung war, vor langer Zeit, ging ich zur Psychoanalyse. Damals erinnerte ich mich an alle meine Träume. Aber das ist mehr als 30 Jahre her. Heute würde ich sagen, dass ich nachts keine Träume von irgendwelcher Bedeutung habe. Ich gehe früh zu Bett, schlafe wie ein Toter und stehe früh auf. Ich mache dann meine Übungen – Gymnastik, Heimtrainer, Gewichte stemmen, Dehnungsübungen –, dann frühstücke ich und bringe die Kinder zur Schule. Morgens habe ich all meine Energie. Ich würde mich nicht unbedingt als Träumer bezeichnen.
Allerdings war das Kino für mich immer eine bessere Welt als die Wirklichkeit. Das glaube ich noch heute, ohne jeden Zweifel. Der erste Film, den ich je sah, war Schneewittchen und die sieben Zwerge, Ende der dreißiger Jahre. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich war. Für ein Kind ist schon das Medium magisch, der Inhalt ist nicht so wichtig. Vor einiger Zeit habe ich meinen Töchtern zum ersten Mal das Fernsehen vorgeführt. Ihre erste Reaktion hat mich an meine eigene erinnert. Sie waren verblüfft, aber ich hätte ihnen jede beliebige Show zeigen können, Nachrichten, Kochsendungen oder Baseball.
Die Welt auf der Leinwand war für mich immer eine wunderbare Fluchtmöglichkeit. Männer waren Helden, Frauen waren schön, die Gerechtigkeit siegte, die Leute lebten in riesigen Häusern und trugen Abendgarderobe. Es gab keinen Hinweis auf die schrecklichen Probleme der Wirklichkeit. Filme erschufen Welten, in denen man leben wollte. Wenn man die Wahl hätte zwischen der Realität und der Welt von Katharine Hepburn oder Fred Astaire, würde man sich immer für den Film entscheiden. Ich sah also als Kind die Wohnungen anderer Leute, begriff aber nicht, dass es sich um Studiokulissen handelte. In Wirklichkeit wohnte ich mit meinen Eltern und meiner Schwester in einem winzigen Apartment. Diese anderen Leute lebten in riesigen Penthouse-Wohnungen mit Terrassen, von denen aus man über ganz New York blicken konnte. Der Fahrstuhl fuhr direkt in die Wohnung. Da gab es keine feuchten Wände und nicht ein Insekt, der Champagner war vorzüglich, jedes Glas stand an seinem Platz, alles war perfekt. Als ich jung war, dachte ich, wenn ich hart arbeite und Erfolg habe, könnte auch ich so leben. Aber ich fand heraus, dass all das immer ein platonisches Ideal blieb, also reine Fantasie.
Viele in meiner Generation haben durch solche Fantasien schweren Schaden genommen. Sie gingen 15, 20 Jahre lang ins Kino, sie wuchsen mit Filmen auf, Filme hatten ihre Persönlichkeit geformt. Sie erwarteten, dass Männer und Frauen so waren wie im Film, dass Situationen sich von selbst lösten, dass es so etwas wie Fairness und Gerechtigkeit gab. Aber in der Wirklichkeit war vieles grausam und ungerecht. Darauf konnten sie sich nur schwer einstellen. Die meisten romantischen Filme drehten sich darum, dass ein Mann eine Frau umwarb. Er versuchte, sie zu gewinnen, und dann gewann er sie am Ende. Männer fanden heraus, dass es häufig nicht so lief. Frauen ebenso. Das nahmen sie einander übel. Sie hatten schließlich eine Vorstellung davon, wie die Dinge sein sollten. Das hat einige psychisch schwer mitgenommen. Viele brauchten eine Therapie, weil ihr Weltbild im Kino geprägt wurde. Wenn man älter wird, erkennt man, dass das Leben einem übel mitspielen kann und furchtbare Opfer erfordert.
Bis vor kurzem lebte ich in dem Glauben, sehr alt zu werden. Mein Vater wurde über 100 Jahre alt, meine Mutter 96. Es heißt ja immer, »die Gene, die Gene, die Gene!«, also dachte ich mir: Ich achte auf mich, hatte hochbetagte Eltern, alles klar. Dann las ich eines Morgens in der New York Times: Gene bedeuten überhaupt nichts, Langlebigkeit ist nicht erblich. Na ja, solange ich gesund bin, Ideen habe und es Leute gibt, die das finanzieren, werde ich weiter Filme machen. Warum sollte ich das nicht tun?
Alles, was ich jemals geschrieben habe, habe ich auf meiner mechanischen Schreibmaschine geschrieben, einer Olympia, einer deutschen Reiseschreibmaschine. Ich habe sie mit 16 Jahren gekauft, für 40 Dollar. Das war damals eine Menge Geld für mich. Ich fragte den Händler: »Wird sie lange halten?« Er sagte: »Diese Schreibmaschine wird Sie noch überleben.« Tatsächlich, sie sieht aus, als hätte ich sie gestern gekauft, sie hat nicht den kleinsten Kratzer. Die Leute sagen mir dauernd, ich solle mir einen Computer anschaffen, aber ich brauche keinen. Wenn ich einen Dialog schreibe, spreche ich ihn laut vor mich hin, und dann tippe ich ihn. Wenn ich im Raum herumlaufe und mir zum Beispiel eine Szene zwischen zwei Leuten vorstelle – »Guten Tag, kommen Sie herein, nehmen Sie Platz« –, dann weiß ich beim Hinschreiben auch, dass die Schauspieler das spielen können. Sie können es, weil ich es konnte. Das ist etwas anderes, als wenn man die Stimmen nur in seiner Vorstellung hört. Dann schreibt man vielleicht Dinge, die nicht gut klingen. Wenn man es sich selbst vorspielt, weiß man, ob ein Witz funktioniert.
Schon als kleiner Junge habe ich mich für Zauberei begeistert und dauernd irgendwelche Tricks geübt. Ich mochte überhaupt alles, was es mir erlaubte, stundenlang allein in meinem Zimmer zu bleiben. Ich liebte es, Klarinette zu spielen, zu schreiben oder Tricks mit Karten, Münzen, Zigaretten, Seilen oder Taschentüchern zu lernen. Ich schloss die Tür, und der Rest der Welt war verschwunden.
Das ist in gewisser Weise wie im Kino. Man setzt sich in einen dunklen, abgeschlossenen Raum, die anderen Menschen sind nicht wirklich da. Man ist allein mit etwas Irrealem. Auch wenn ich vor meiner Schreibmaschine sitze, bin ich allein in einer Fantasiewelt. Ich erfinde falsche Ärzte oder falsche Cowboys. Ich erschaffe eine Welt für mich selbst, in der mich niemand stört. Dann muss ich mich nicht mit der wirklichen Welt auseinander setzen. Die einzigen Fragen sind: Kann ich diesen Trick lernen? Kann ich diese Melodie spielen? Das sind überschaubare kleine Aufgaben.
Im Laufe des Lebens erfindet man Strategien, sich die Wirklichkeit vom Leib zu halten. Manche Leute gucken Fußball, andere malen oder töpfern. Man erschafft sich seine eigenen dummen kleinen Probleme. Selbst wenn man mit seiner Frau eine wunderbare Beziehung hat, erschafft man sich Schwierigkeiten, die man überwinden zu müssen glaubt. Das beschäftigt einen und lenkt ab von den unlösbaren Problemen der Welt. Mag sein, dass es irgendwo in der Wirklichkeit einen Platz für mich gegeben hätte. Aber ich hatte nie Lust, dorthin zu gehen. Ich wollte nicht in der Wirklichkeit leben. Ich glaube, niemand will das.
Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke
Woody Allen, 70, kam im New Yorker Stadtteil Brooklyn zur Welt und hieß zunächst Allen Stewart Konigsberg. Mit 16 begann er, Witze für Zeitungskolumnisten zu schreiben, mit 19 belieferte er die großen amerikanischen Fernsehshows und wurde bald darauf als Stand-up-Comedian erfolgreich. Seit seinem Regiedebüt »What’s New, Pussycat?« (1965) hat Allen mehr als 40 Filme gedreht. Sein neuestes Werk, die Kriminalkomödie »Scoop«, startet am 16. November.
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- Datum 10.12.2007 - 13:31 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 02.11.2006 Nr. 45
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