Türkei Schwarzmeerbrüder sollt ihr sein
Während Europa mit der Türkei hadert, sucht sich das Land neue Freunde im Osten. Der größte und wichtigste Partner heißt Russland.
Istanbul
Es war einmal eine schöne Zeit, in der Europa ein umworbener, geliebter, begehrter Kontinent war. An seiner Westgrenze lag der friedliche Atlantik, an seiner Ostgrenze wohlgesinnte kleinere Länder, die sich nichts mehr wünschten als einfach dazuzugehören. Sie nannten sich Kandidaten. Jenseits dieser Staaten erstreckten sich zwei ehemalige Großreiche, die Europa vor langer Zeit einmal bedroht hatten: Russland und die Türkei. Sie nannten sich nun Partner und waren längst zu Europas Bewunderern geworden. Die Russen wollten mit den Westlern in einem »gemeinsamen europäischen Haus« wohnen, die Türkei träumte vom Beitritt zur EU. Das war eine schöne Zeit, die neunziger Jahre. Diese Zeit ist vorbei.
Heute gilt als gestrig, wer träumt. Die EU leidet an ihrer äußeren Attraktivität und sucht nach Sinn und Ziel. Manche Europäer würden die Länder im Osten am liebsten ganz draußen lassen. Das wiedererstarkte Russland sieht in Europa kein Vorbild mehr, sondern ein Expansionsgebiet für seine Rohstoffkonzerne.
Die Türkei zweifelt und verzweifelt an ihrem Beitrittsgesuch. Wollten im Jahr 2004 noch fast 70 Prozent aller Türken den EU-Beitritt ihres Landes, so finden das heute gerade einmal 54 Prozent erstrebenswert. Die Verhandlungen über einen Beitritt laufen weiter, die Fortschritte der türkischen Reformen wird die EU am 8. November in einem Bericht bewerten. Sehr kritisch wird der sein. Schon jetzt zanken Europäer und Türken über Zypern, und vielleicht wird es darüber zum Abbruch der Gespräche kommen. Manchem Türken wäre das gar nicht so unrecht.
Wladimir Schirinowskij lässt sich am Bosporus begrüßen
Die Türkei hat ihren Blick geöffnet. Nach Osten, Richtung Iran, auf das nach einer Umfrage des German Marshall Fund 43 Prozent der Türken mit Wohlgefallen schauen. Nach Süden, wo die arabische Welt immer freundlicher über die muslimischen Türken spricht. Nach Norden, nach Russland, das den Türken neuerdings sympathischer ist als der Nato-Verbündete USA. Unbemerkt von Europa, lösen sich östlich des Kontinents alte geopolitische Gewissheiten auf, entstehen die Umrisse neuer Allianzen. Die russisch-türkische Annäherung ist die wohl wichtigste Veränderung an Europas Grenzen. An vier Orten ist mehr darüber zu erfahren: am Schwarzen Meer, im türkischen Parlament und am Sitz des Premiers sowie im Büro eines Experten für neue türkische Außenpolitik.
Noch vor wenigen Jahren war für einen Türken irgendwo im grauen Dunst über dem Schwarzen Meer die Welt zu Ende. Jenseits davon lag eine fremde Kultur, ein anderes Gesellschaftssystem, ein bedrohliches, feindliches Land. Russland. Über Jahrhunderte trennte das Meer die beiden Länder. Der russische Imperator Peter der Große jagte den Osmanen Ende des 17. Jahrhunderts die Küstenstadt Asow ab, bevor er sie danach wieder an Konstantinopel verlor. Katharina die Große eroberte ihr Neurussland am Schwarzen Meer dort, wo zuvor türkische Siedlungen lagen. Nikolaus I. schimpfte das Osmanische Reich den »kranken Mann«, den er zu beerben gedachte. Die Europäer spielten Türken und Russen oft gegeneinander aus, so am Ende des Krimkriegs 1856 und auf dem Berliner Kongress 1878. Nicht weniger als 14 Kriege führten die beiden Reiche gegeneinander, von denen die Türkei fast alle verlor. Damit sich das nicht wiederholt, trat die Türkei angesichts der sowjetischen Bedrohung 1952 der Nato bei, suchte Schutz bei Amerika.
Heute misst die Türkei diesem Schirm immer weniger Wert bei. Mit Russland gibt es seit einem Jahr eine feste Verbindung auf dem Grund des Schwarzen Meers: eine Gas-Pipeline, Blauer Strom genannt. Russland liefert der Türkei schon 65 Prozent ihres Erdgasbedarfs. Auf der Wasseroberfläche üben russische und türkische Marineschiffe Seite an Seite und verzichten dabei gern auf amerikanische Begleitung. Russische Tanker im Bosporus sind, anders als noch vor wenigen Jahren, kein Ärgernis mehr.
In einem Büro des türkischen Parlaments in Ankara hängt eine große Karte von Europa. Wenn die einmal ganz plötzlich herunterfallen sollte, hängt dahinter noch eine Reservekarte. Darauf das Schwarze Meer im Westen, östlich davon erstreckt sich Eurasien mit der Türkei, Russland und Zentralasien. Diese Karte gehört Nevzat Yalçintaş, einem Abgeordneten der regierenden konservativ-muslimischen AKP und Chef der türkisch-russischen Parlamentariergruppe. Yalçintaş ist stolz, denn er leitet die größte dieser Gruppen. 287 Parlamentarier sind dieser Freundschaftsbrigade beigetreten, bevor man einen Aufnahmestopp verhängen musste. Russland ist in.
Nevzat Yalçintaş ist ein achtunggebietender Mann von erhabener Statur und tiefer Stimme. Er fährt vier- bis fünfmal im Jahr nach Moskau, einen Orden von Präsident Putin hat er auch schon bekommen. »Russland ist sehr wichtig für die Türkei geworden«, sagt er. »Wir leben in einer goldenen Periode unserer Beziehungen.« Sein Premierminister sieht das ähnlich. Innerhalb nur eines Jahres haben sich Tayyip Erdoğan und Wladimir Putin fünfmal getroffen. Moskau wirbt um die Russen und betont gern den »Respekt« gegenüber der Türkei, wohl wissend, dass vielen Franzosen, Deutschen und Österreichern derlei Feingefühl abgeht. Im November bekommt Yalçintaş Besuch von einem Russen, der einst in dem Buch Der letzte Sprung nach Süden vom russischen Ausgreifen in türkische Gefilde träumte. Wladimir Schirinowskij fährt in die Türkei. Man freut sich auf ihn.
Und die vielen Zwistigkeiten zwischen Russland und der Türkei? Zypern? »Darüber streiten sich die Türken auch mit der EU«, sagt Nevzat Yalçintaş. Die Moskauer Unterstützung für die Kurden, die türkische Hilfe für die Tschetschenen? »Passé.« Und zwar spätestens seit einem Treffen von Putin und Erdoğan 2005. Seither bieten die Russen der PKK keinen Unterschlupf und keine Unterstützung mehr, seither blocken die Türken jedes tschetschenische Hilfsgesuch ab.
Auch südlich des Kaukasus kommt man sich näher. Traditionell verstehen sich die Russen gut mit den Armeniern; dagegen haben die Türken traditionell zu Armenien keine Beziehungen außer einem global ausgetragenen Streit über die türkischen Armenier-Massaker 1915. Das belastet Russen und Türken indes kaum. Eine neue Entwicklung aber interessiert Moskau viel mehr: Die Türkei hat sich mit Russlands Lieblingsfeind Georgien überworfen. Türkische Geschäftsleute treiben nämlich munter Handel mit dem von Georgien abgefallenen Rumpfstaat Abchasien, der seit 1992 von den Russen ausgehalten wird. Georgien ließ türkische Schiffe auf dem Weg nach Abchasien entern, die Besatzungen verhaften. Ankara ärgerte sich schwarz, und im Kreml hofft man nun, einen neuen Verbündeten gegen das eigensinnige Georgien gewinnen zu können. Diese neuen kaukasischen Konstellationen berühren auch Europa.
Fragt man im Amt von Premier Tayyip Erdoğan nach, wo die Türkei heute steht, erhält man zur Antwort: in der Mitte. Einer, der dafür wirbt, ist Erdoğans außenpolitischer Berater Ahmed Davutoglu, der den Premier bei vielen Ausflügen in die Weltpolitik begleitet. Ankara führe Beitrittsverhandlungen mit der EU, spiele eine wichtige Rolle in der Nato mit Truppen in Bosnien, Kosovo und Afghanistan, sagt Davutoglu. Die Regierung verfolge zudem eine »Null-Problem-Politik« mit den Nachbarn und habe neue Methoden entwickelt (»Soft Power«). Sie zeige Präsenz auf anderen Kontinenten – in Asien, Afrika, Lateinamerika. Und sie wolle die Beziehungen zu den Großmächten »parallel und ergänzend zueinander« ausbauen.
Russen und Türken sind der Demokratie-Lektionen müde
Wie die türkische Außenpolitik in der Realität mittlerweile aussieht, weiß Suat Kiniklioglu, Bürochef des amerikanischen German Marshall Fund in Ankara und einer der wenigen Deuter der türkisch-russischen Beziehungen. Für ihn gibt es drei wesentliche Bindungen: Menschen, Geschäfte und die gemeinsame Abwehr Dritter, was für den Westen besonders interessant sein sollte.
Dass Russen viel verreisen, weiß mittlerweile ganz Europa. Aber besonders gern fahren sie in die Türkei. Russen sind in türkischen Hotels schon fast so oft gesehen wie Deutsche. Die Zahl türkisch-russischer Eheschließungen steigt rapide an. Journalisten der großen Zeitungen und Fernsehsender setzen sich für beste Beziehungen zu Moskau ein. Und natürlich werben die Wirtschaftsverbände in den boomenden Metropolen Istanbul und Moskau für engeren Austausch.
»Der Handel ist die treibende Kraft«, sagt Kiniklioglu. Moskau hat vor allem Öl und Gas zu bieten und ist heute schon der Hauptversorger der Türkei mit Gas, obwohl die so nah an den Feldern Irans und Zentralasiens liegt. Russland möchte die Türkei zum Gas-Transitland nach Süden, in Richtung Israel, machen. Die Türken schicken ihre fliegenden Baukommandos nach Russland und putzen mit am glitzernden Moskau im Neo-Zuckerbäcker-Barock. Geschäftsmänner beider Seiten investieren Milliardenbeträge beim Nachbarn.
Am harmonischsten wirken Russen und Türken jedoch, wenn sie über Dritte reden – über den Westen, vor allem die USA. Russen und Türken halten die amerikanischen Projekte in der Region für hoch gefährlich. Die US-Förderung der Kurden im Irak missfällt den Türken, die Päppelung Georgiens ärgert Moskau. Amerikas Idee, die Demokratie per Revolution und Regimesturz im eurasisch-nahöstlichen Raum zu verbreiten, lässt Türken und Russen die Haare zu Berge stehen. Deshalb versuchen sie, die Amerikaner aus dem Schwarzen Meer herauszuhalten. Bündnisse der Anrainerstaaten wie die Black Sea Economic Cooperation wollen sie nicht für die USA öffnen. Bei Nato-Manövern und einer Nato-Expansion im Schwarzmeer winken beide Hauptstädte ab. Sie üben lieber unter sich und nennen das gut amerikanisch »Black Sea Harmony« – ohne Amerikaner.
Das türkische Militär versteht sich dabei bestens mit Moskau. Man hat die Demokratie-Lektionen aus Amerika satt, die Fortschrittsberichte und Haltungsnoten der EU, das Klagen über den Genozid an den Armeniern und über die stalinistischen Verbrechen in der Ukraine.
Das türkische Militär und die Kremlführer sorgen sich nicht um Menschenrechte, sondern um den starken Staat, damit widerborstige Minderheiten nicht ihre Länder spalten. Im Kreml interessiert sich niemand für Kurdenrechte und im Generalstab zu Ankara niemand für Säuberungen gegen Tschetschenen. Man versteht sich halt.
Diese Achse der moralisch Ausgeschlossenen ist keine neue Allianz, politisch oder militärisch. Die Türken sind Mitglied der Nato, und sie verhandeln mit der EU über den Beitritt, noch. Aber eine Gewichtsverlagerung ist festzustellen. Die historisch beispiellose Annäherung beider Länder verengt den Raum für amerikanische und europäische Politik.
Ob die EU-Kommission Pipelines an Russland vorbei über die Türkei nach Europa verlegen will, ob Brüssel und Washington die Unabhängigkeit der Ukraine zementieren wollen, ob die Deutschen während ihrer EU-Ratspräsidentschaft von Januar an die kleineren Völker Osteuropas und Zentralasiens stärker an den Westen binden möchten – überall reden Russen und Türken mit. Und wenn die sich über ihr »Nein!« einig sind, können Europäer und Amerikaner ihre Pläne für den großen Osten in den Reißwolf stecken.
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- Datum 02.11.2006 - 03:50 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 02.11.2006 Nr. 45
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Aus diesem Artikel kann man fast so etwas wie Neid heraushören. Neid darüber, dass sich zwei Länder gut verstehen ohne sich dieses Einverständnis von Amerikanern und Europäern genehmigen zu lassen. Eigentlich ist man es Leid, dass sich Europäer wie der Rotary-Club aufführen und andere Länder, die nicht diesem Club angehören, als maximal zweitklassig behandeln. Das Problem an Europa und Amerika ist, dass diese beiden Blöcke irgendwann an ihrer eigenen Großkotzigkeit zugrunde gehen.
Wenn man hier endlich einsehen würde, dass unsere Mittel und Möglichkeiten zu beschränkt sind, um die ganze welt glücklich zu machen, könnten wir uns um unsere eigenen Probleme kümmern statt ständig versuchen, die Probleme der ganzen Welt zu lösen. Wir können froh sein, dass wir hier Demokratie haben. Unsere Art der Demokratie, die nur im kapitalistischen Westen funktioniert, kann aber kein Exportschlager für Länder wie Russland oder die Türkei sein.
Wir erteilen der Türkei keine Lehrstunden in Demokratie, im Gegenzug lassen wir es uns nicht mehr gefallen, wenn sich die Türkei in unsere Integrationspolitik einmischt.
Ein faires Arrangement!
Könnte man auch die Quersumme der hier vorliegenden Beiträge übertiteln. Und dabei wird das wichtigste (der Satz am Ende gewissermaßen) geflissentlich übersehen: "Und wenn die sich über ihr »Nein!« einig sind, können Europäer und Amerikaner ihre Pläne für den großen Osten in den Reißwolf stecken."
Vielleicht liegt hierin eine große Wahrheit, aber ich befürchte vor allem: nur eine große Illusion. Denn wenn uns die beiden Weltkriege etwas gelehrt haben, dann, dass Bündnisse in aller Regel nur vordergründig sind; im Hintergrund tobt der Krieg jeder gegen jeden! Diese Interessen sind also in sich und außer sich völlig antagonistisch und führen daher zu jenem großen Krieg, der in der Tat dann der letzte sein könnte. Darüber reden wir also, wenn wir uns hier (und heute noch) so friedlich austoben.
Es gibt außer des (vielleicht gemeinsamen) Interesses die Vormacht des Westens zu erhalten, vermutlich zwischen Europäern und Amerikanern keine weiteren gemeinsamen Pläne: aber es gibt vermutlich jede Menge solcher Pläne, die quasi jeder Art von Bündnis mit jedem und gegen jeden möglich machen. Daher auch das Bemühen der Europäer die Türkei mit im Boot zu halten (wobei da die armenisch-französische Version ein bisschen anders aussehen mag), sozusagen für den worst case einer gescheiterten Nahostpolitik, denn die Türken haben witzigerweise ein strategisches Abkommen mit Israel und gleichzeitig buhlen diese mit den Feinden Israels um den Kopf ihres Verbündeten. Und dass die Türken nun glauben, mit dem russischen Bären paktieren zu können, spricht der gesammelten Erfahrung der Türken mit eben jenem Nachbar blanken Hohn; denn keine Frage: Die Russen hatten schon immer großen Appetit gerade in diese Richtung. Die ganze Ausweitung des russischen Reiches ging zu Lasten türkischer, resp. mongolischer Völker! Und ist es nicht erkennbar, dass Putin so etwas wie die Mischung aus Zar Peter (dem Großen) und Zar Iwan (dem Schrecklichen) darstellt, wenn auch vorerst nur auf der Operettenbühne?
Das mögen archaische Vergleiche sein, aber sie weisen auf den Kontrapunkt im globalen Konzert, den man nicht unterschätzen sollte!
Die Europäer wissen das, aber gerade Deutschland bildet sich all zu viel ein, wenn es glaubt, es könne so wie gehabt auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzen.
Und die US-Amerikaner? Nun, die mögen in mancherlei Hinsicht hinter der europäischen Kultur daherhinken, aber sie sind Meister einer pragmatischen Politik, genau eines jenen Pragmatismus, der die wichtigste ideologische Konstante in all diesen Manövern darzustellen scheint. Sie sind auf diesem Gebiet vielleicht nur durch die Chinesen zu übertreffen, deren Skrupellosigkeit hiervon eine besondere Variante dhervorgebracht hat (Stichwort: Dengs Katze graue oder weiße Katze, die Mäuse fängt). Und darin verhalten sie sich ganz konsequent, wenn sie mit islamischen Regimes (wie dem Iran) genauso problemlos ins Geschäft kommen, wie mit ultranationalistischen, oder pseudosozialistischen (Nordkorea, Mittel- und Südamerika) Paranoiden. Und möglicherweise ist das das einzige, vor dem die USA überhaupt einen Respekt haben, daher womöglich auch ihr verzweifelndes Bemühen, den Ring um China - vor dem großen Schlachten sozusagen - so fest wie möglich zu ziehen. Und vielleicht ist das der eigentliche große Plan nach dem Osten, der aber aus der Sicht der USA auch als ein Plan nach dem Westen angesehen werden kann je nach Perspektive!
Und in der Tat: Die Deutschen könnten hierbei wieder mal die Verlierer sein. Erstens weil sie sich überschätzen, zweitens weil sie so fest davon überzeugt sind, dass es irgendwelche gemeinsame Werte gibt, die so was wie feste Bündnisse repräsentieren, wo sie doch als der, und das 3. ultimative Meister im Betrug bei eben solchen Bündnissen bekannt sind.
Übrigens: Das deutsche Vaterland übersetzt sich ins türkische mit Vatan, dass sollte man wissen, wenn sich hier in diesem Forum türkische Nationalisten so selbst betiteln. Und das ist womöglich auch das einzige, was einen (solchen) Türken interessiert: Die EG ist das Trittbrett für eine im Kern extrem nationalistische, wenn nicht gar pantürkische Politik, die sich da so an Europa anzuschmiegen gedenkt! Ein mindestens ebenso gefährlicher (nicht nur Ideen-)Import übrigens, wie der des russischen Gases, wie ich doch meine.
Der vorausgehende Kommentar von Peter Lange liegt goldrichtig mit seiner Analyse in Bezug die nationale bzw. eurozentristische Sichtweise der deutschen Weltpolitik, die trotz allen Abwägens, Überlegens und unbeschadet aller klugen Gedanken, die in der Presse, auch in der "Zeit", darüber formuliert werden der amerikanischen Großkotzigkeit dahingehend nur wenig nachsteht, daß sie sich nicht davon lösen kann, das gute, alte Europa im Verein mit den USA für den Nabel der Welt zu halten.
Grundfalsch allerdings ist das Fazit. Natürlich sollen wir der Türkei ihre neue "Freundschaft" mit Rußland gönnen und nicht neiden (siehe dazu auch meinen Kommentar in dieser Ausgabe unter Außenpolitik zu Steinmeiers "Expedition in den halbfernen Osten). Aber doch nicht deshalb, damit wir umso besser an der Lösung eigener Probleme arbeiten können! Es gibt zu viele eigene Probleme - und die meisten bedeutenden gehören dazu - die so umfassend sind, daß sie auf nationaler Ebene gar nicht mehr lösbar sind.
An vorrangiger Stelle ist die Sicherung der Energieversorgung für die Zukunft zu nennen, die ohne Beihilfe Rußlands gar nicht vorstellbar ist. Die Türkei mit ihren Bruderstaaten in Zentralasien kann hier aber helfen, unsere Abhängigkeit von Rußland zu mildern.
Ein weiteres Problem, das Peter Lange sehen mag, ist der Bevölkerungsdruck, dem Deutschland und die EU sich ja nicht nur vom afrikanischen Kontinent aus ausgesetzt sehen. Auch die Angst vor billigen Arbeitskräften, die aus Osteuropa und der Türkei noch verstärkt zu uns drängen könnten, spielt eine Rolle. Nur wenn es uns gelingt, die Bemühungen der jeweiligen Länder soweit zu unterstützen, daß der auf einem Großteil der Bevölkerung in den jeweiligen Ländern lastende, soziale Druck nachläßt, kann dieses Problem entschärft werden. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob diese Länder der EU angehören oder ob sie ihr nicht angehören.
Im Sinne internationaler Zusammenarbeit, die für die Lösung der wichtigen Probleme unerläßlich ist, können wir es natürlich nur begrüßen, wenn zwei so wichtige Länder wie Rußland und die Türkei einen vernünftigen Modus vivendi finden. Das enthebt uns aber keineswegs der Notwendigkeit, selbst mit beiden Ländern ein gutes Miteinander zu entwickeln. So oberlehrerhaft, wie Deutschland und EU mit der Türkei umspringen, mit welcher Starrköpfigkeit gerade der CDU-Vorstand gerade wieder die Vorgeschichte der unter Helmut Kohl eingeleiteten Einbindung der Türkei in die EU leugnet und tut, als könne man wieder bei Null beginnen, wird das aber niemals gelingen, und niemand braucht sich zu wundern, wenn die Bemühungen der Türkei um internationale Zusammenarbeit Schlagseite bekommen. Egal darf uns das aber nicht sein.
Und noch eines ist wichtig! Fürwahr eine Binsenweisheit, die trotzdem umso lieber verdrängt wird: Deutschland ist ein hochindustrialisiertes Land, ebenso die EU. Unsere Bevölkerung ist hoch, und die Winter sind kalt. Aber über Energievorräte verfügen wir kaum. Solange wir aber unseren Anspruch auf die anderswo verteilten Energievorräte für legitim, selbstverständlich geradezu halten, aber unsere Pflicht nicht wahrhaben wollen, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln unseren Brüdern diesseits und jenseits des Schwarzen Meeres und anderer Meere (von Schwestern gar nicht zu reden) zu helfen, ihr Leben angenehmer bzw. erträglicher zu gestalten, fehlt uns eine Grundvoraussetzung partnerschaftlicher Zusammenarbeit und sind wir selber noch im großkotzigen Nationalismus oder westlich-kapitalistischem Kulturimperialismus verhaftet. Beide sind bei der Suche nach Lösungen für die Zukunft der Menschen so hilfreich, wie ein Brett vor dem Kopf.
Sie haben geschrieben:
"Wir sollten uns endlich klarmachen, dass uns von Asien nur eine Meerenge, von Amerika aber ein Ozean trennt... "
Ich denke, es ist eher umgekehrt. Der kulturelle Abstand zwischen Europa und Nordamerika ist so breit wie der Bosporus, der Abstand zur Türkei aber so breit wie der Atlantik.
Russland ist nicht ganz so weit entfernt wie die Türkei, aber die alte Pendelbewegung Russlands zwischen Europa und Asien ist bis heute nicht zu Ende gegangen.
Mehr Offenheit Europas gegenüber Russland ist angebracht, wenn Russland nicht in die Hänge Chinas getrieben werden soll. Das Verständnis Gerhard Schröders bzgl. der Probleme Russlands auf dem Weg zur Demokratie wurde oft kritisiert und verkürzt wiedergegeben. Nur sehe ich eher in Russland als in der Türkei Chancen, dass sich im Land westliche Werte entfalten werden.
Man kann Putin den guten Willen nicht absprechen, aber er muss schon bei seiner Rede 2001 vor dem deutschen Bundestag geahnt haben als er die demonstrativ zur Schau gestellte Langeweile der Atlantiker, der Revanchisten und sonstiger Russenfresser verspürt hat, dass die Deutschen als mächtigste Europäer lieber auf den Zerfall Russlands setzen wie als auf gutnachbarliche Beziehungen . Ein gähnender Joschka Fischer als Aussenminister setzte dem ganzen noch die Krone auf. Russland ist konfrontiert mit organisierter Subversion politischer und auch Kathofascho NGO's und anderer Konfessionen, die schon den Balkan und Polen Ukraine et. geplättet haben, der europäishen Unterstützung von Tschetschenen- und UCK Terroristen . Die EU- Fraktionen der heutigen Nato entsprechen in ihrer nationalen Zusammenstellung der Zusammensetzung der früheren deutschen SS - Freiwilligenarmeen, die vom Baltikum bis Spanien mit "Freiwilligen" die das Abendland verteidigen wollten aus fast allen heutigen Natostaaten Europas nach Osten gezogen sind. Die Hälfte der Waffen SS waren keine deutschen, sondern Europäer von Klerus aufgefordert das Abendland zu verteidigen. Die kulturellen Bruchlinien zwischen Katholen und Orthodoxen sind heute noch von westlicher Seite aufrechterhalten diese Linie geht durch den Balkan und die Ukraine Teile von Weissrussland und an dieser Bruchlinie liegen auch die Konflikte offen zu Tage. Die Europäer können sich vom geistigen Erbe und dem Hass und die Verachtung der deutschen Ordensritter gegen Russland nicht trennen. Es gibt keine politische Kraft oder Ideologie im Abendland das die abendländische Christenheit hier bändigen könnte Frieden mit der Orthodoxie zu schließen. Diese kulturelle Prägung sitzt so fest in der abendländischen Kultur wie der Antisemitismus. Europa lässt Russland gar keine andere Wahl als sich abzuwenden, genauso der Türkei.
Aber die Karawane wird auch ohne Europa weiterziehen , das zu einer Region der Finsternis wird wenn die Europäer ihren Dünkel nicht ganz schnell ablegen.
Nun, was wundert sich Europa über derartige Allianzen. Die Arroganz, mit der Europa in den vergangenen 20 Jahren aufgetreten ist, muß zu derartigen Allianzen führen. Da die Europäer die Weisheit für sich gepachtet haben, sind sie mit ihrer Dekadenz, die stets in der Geschichte zum Untergang von Großmächten geführt hat, auf dem absteigenden Ast. Der kranke Mann am Bosporus ist dabei, zu genesen und väterchen Russland unterzieht sich gerade einer Jungbrunnen-Therapie. Folge: Wichtige Märkte gehen für die Europäer verloren.
Wo ist eigentlich das Problem?
Russland ist für die EU zu groß, die Türkei zu fremd. Beide gehören nicht dazu und haben auch keine realistische Beitrittsperspektive. Insofern ist es doch nur legitim, wenn sie sich neben der bisher erfolgreichen Zusammenarbeit mit Europa auch um andere Allianzen und Integrationräume bemühen und die bilateralen Beziehungen ausbauen. Das sorgt für klare Verhältnisse und ist den versachlichten Beziehungen zur EU eher förderlich.
Es ist doch eine sensationelle Erfolgsstory, wenn zwei über Jahrhunderte verfeindete Nationen endlich Frieden und Freundschaft zueinander entwickeln - vergleichbar dem deutsch-französischen Verhältnis. Dass sie hierfür zuallerletzt die Amerikaner brauchen, versteht sich von selbst. Die haben im Schwarzen Meer ohnehin absolut nichts zu suchen.
Apropos Amerikaner - deren unilaterale Weltbeglückungsfantasien erweisen sich zunehmend als Rohrkrepierer. Immer mehr Länder haben das arrogante Evaluieren nach good gouvernance mit regime change-Option oder bunter Revolution einfach satt und entwickeln alternative Schutzallianzen, siehe z.B. Schanghaigruppe oder die geradezu explodierenden chinesisch-afrikanischen Beziehungen. Immer geht es dabei neben der ökonomischen Zusammenarbeit auch darum, die Amerikaner herauszubekommen oder draußenzuhalten.
Europa muss sich langsam entscheiden, ob es weiter im Fahrwasser einer absteigenden Supermacht dümpeln oder ob es geopolitische Handlungsfreiheit erlangen will.
Letztere ist m.E. nur durch verstärkte eurasische Integration zu erlangen. Wir sollten uns endlich klarmachen, dass uns von Asien nur eine Meerenge, von Amerika aber ein Ozean trennt...
Es wird immer wieder auf die "Verfehlungen" der beiden Länder verwiesen und ihr Arrangement, sich nicht in die Angelegenheiten des Anderen einzumischen.
Mit welcher Moral will den Europa vorangehen? Es wirkt geradezu lächerlich wenn Moskau wegen Verfehlungen in Tschetschenien gerügt wird, aber im Kern Europas selbst und unter euopäischer Mitwirkung Menschenrechtsverletzungen und ethnische Säuberungen en Mass in den 90er Jahren stattgefunden haben.
Nehmen wir dazu das Jahr 1995, wo unter Mithilfe der Nato Truppen die serbischen Stellungen in Koratien und Bosnien bombardiert wurden und eine Beispiellose Vertreibung durch die Kroatischen und bosnisch-muslimischen Truppen ausgelöst haben. Das Zeigen der 300'000 aus Kroatien flüchtenden Serben und Ihrer Treks welche ohne Rücksicht durch die Gegnerische Luftwaffe bombardiert wurden war ja nicht Opportun. Es passte einfach nicht in die Meinungsbildung. Die Krajina (teil welcher früher durch Serben bewohnt wurde) ist bis heute ethnisch "rein".
Das hält die europäische Union nicht davon ab mit Kroatien Beitrittsverhandlungen zu führen. Wo sind da Moral und Menschenrechte geblieben? Was für gottverdammte Heuchler ihr doch seid! Da können Russland und die Türkei noch lange ein Lied davon singen. Wer mit blutbefleckter Weste die Menschenrechte verteidigen will, hat jede Art von Skrupel schon längst abgelegt.
Das sollen also die Fundamente sein, auf welchen unser Europa ein gemeinsames Haus errichten will? Das ist das Europa Blairs, Solanas, Robertsons und anderer Zwiegestalten. Jeder Tag, an dem diese Leute und deren Gefolgsleute die Themen und Politik in Europa bestimmen, ist ein schlechter Tag für Demokratie, Völkerverständigung und Menschenrechte.
"The truth will set you free"... das wäre ein schöner Ansatz für die EU, Russland und die Türkei.
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