Österreich Dauerfeuer mit vierzig Schlägen pro Sekunde

»Wunderkind« hat man ihn genannt. Dabei war es nur harte Arbeit. Der Schlagzeuger Martin Grubinger ist Spitzensportler, um Musiker sein zu können.

Mondsee

Es wird gleich ganz gewaltig krachen. Martin Grubinger stopft Ohrenstöpsel in den Gehörgang, denn er sitzt ja mittendrin im Getöse. Der 23-Jährige in blauem T-Shirt, ausgewaschenen Jeans und Turnschuhen lockert mit einer kreisenden Armbewegung seine Schultern, atmet noch einmal tief durch. Dann legt er los. Es klingt wie das Rattern Dutzender Maschinengewehre während eines Manövers. In atemraubender Geschwindigkeit prügelt er mit zwei Drumsticks auf die Schlaginstrumente vor ihm ein: Trommeln in verschiedenen Größen, zahlreiche Metallteller, große und kleine Glocken, wie sie Kühe um den Hals tragen. Alles scheint er gleichzeitig zum Klingen zu bringen. Seine Arme verschwimmen zu fahrigen Schemen, man kann nur noch ahnen, dass die beiden Holzstöcke in seinen Händen tatsächlich diese Klangexplosionen verursachen. Und doch fügen sich das Stampfen der großen Basstrommel, das Zischen der Becken und das helle Bimmeln der Kuhglocken zu einem merkwürdig fragilen Klangbild. Das dröhnende Chaos, das bei den vierzig Schlägen pro Sekunde droht, verwandelt sich in Musik. Das ist Martin Grubingers Job.

Der Salzburger mit dem Lausbubengesicht ist einer der besten Schlagzeuger der Welt. Er liefert nicht etwa das rhythmische Gerüst für eine Rockband oder Jazzcombo, sondern er tritt als Percussion-Virtuose in klassischen Konzerten auf, begleitet von Streichern und Bläsern. Bis vor kurzem bestand das Schlagwerk in der klassischen Musik aus nicht viel mehr als Pauke, Becken und Triangel, die das Orchester bestenfalls untermalen, niemals aber dominieren durften. Ganz anders bei Martin Grubinger: Komponisten aus verschiedenen europäischen Ländern komponieren eigene Orchesterwerke für den jungen Solisten. Einige dieser Trommelkonzerte sind so schnell und virtuos, dass niemand anders sie bewältigen kann. Bei dem internationalen Beethovenfest in Bonn stand er im September sogar sieben Stunden lang auf Bühne. »Er scheint Müdigkeit nicht zu kennen«, schrieb die Süddeutsche Zeitung damals und attestierte Grubinger das Zeug zum »Regierungssprecher für zeitgenössische Musik«.

In der Musikschule in Mondsee hat er inzwischen zwei Stunden lang geprobt. Als er aufhört, ist sein Kopf rot, Schweiß steht ihm im Gesicht. »Zusammen mit den Blechbläsern gibt das sicher ein schönes Feuerwerk«, meint er und streckt vor Erleichterung die Zunge aus dem Mund.

Die Klangraketen werden am 17. November im großen Saal des Wiener Musikvereins steigen. Begleitet vom Radiosymphonieorchester, wird Grubinger ein vierstündiges Marathon am Schlagzeug absolvieren. »Irgendwas total Abgefahrenes« wolle er machen, hatte Grubinger vor zwei Jahren geantwortet, als ihn Peter Marboe, Intendant des Wiener Mozartjahres, zu einem großen Konzert in Wien einlud. Herausgekommen ist der Plan für einen Kraftakt, der Grubinger nicht nur technisch, sondern auch körperlich und logistisch alles abverlangen wird.

»Zu siebzig Prozent schaff ichs, zu dreißig Prozent kipp ich von der Bühne«, sagt Grubinger. Insgesamt neun Konzerte wird er an diesem Abend auf mehr als 200 verschiedenen Schlaginstrumenten spielen: kleine und große Trommeln, Becken, Pauken, Glockenspiel, Xylo-, Marimba- und Vibrafon sowie exotische Klanggeräte, von denen ein durchschnittlicher Konzertbesucher kaum je gehört hat. Sie kommen aus aller Welt, heißen Congas, Bongos, Tamboras, Baras oder Dumdums. »Wie ein Designer« hat er ihre Anordnung auf dem Reißbrett geplant – streng nach einer eigens entworfenen Choreografie wird der »Multipercussionist« zwischen ihnen herumspringen.

Um das überhaupt körperlich durchzuhalten, trainiert er wie ein Spitzensportler. Jeden Tag zwei Stunden Radfahren, danach werden Hanteln gestemmt und die Rückenmuskulatur gestärkt. Ein elektronisches Gerät misst Leistung und Herzfrequenz, ein Computer dokumentiert in Diagrammen die Effizienz des Aufbautrainings. Immer wieder fährt der Salzburger auch in eine Privatklinik in Wien-Döbling, um seine Blutlaktatwerte zu testen. »Früher bin ich nach einer Stunde müde geworden. Und wer müde ist, macht Fehler«, sagt er. Niemals dürfe die Musik darunter leiden, dass der Interpret körperlich nicht topfit ist. »Deshalb kann ich den Wahnsinn im Musikverein auch nur jetzt machen«, ist er überzeugt. Schon in drei Jahren, wenn er gerade einmal 26 Jahre alt sein wird, würde er den Kraftakt konditionell nicht mehr durchhalten. Und noch vor wenigen Jahren hätte er das Trommelmarathon technisch nicht hinbekommen: ein Athlet im Zenit seiner Kunst. »Außer mir«, sagt Grubinger, »gibt es weltweit wohl im Moment niemanden, der so etwas machen könnte.«

Dass der Ausdauermusiker einen ganzen Tag lang keinen einzigen Ton geschlagen hat, ist schon eine Zeit her. Man sieht es an seinen Händen: Neben den Zeigefingergelenken haben sich Buckel aus Hornhaut gebildet, auch auf seinen Handflächen wächst eine dicke Schicht, die vom vielen Üben aufgerissen ist. »Da könnte man mit einer Nadel reinstechen, ohne dass ich etwas spüre«, sagt er. Es klingt stolz. Ebenso gerne zeigt er die dicken Venen auf seinen Handrücken und Unterarmen, denn »die zeugen von Kraft«. Er spielt Schlagzeug, seit er vier ist. »Für mich ist das wie morgens Aufstehen und Zähneputzen«, sagt er.

Derzeit übt er zehn bis zwölf Stunden täglich. Eine durchschnittliche Konzertminute, rechnet er vor, koste ihn ungefähr eine Woche Arbeit. Er lernt jeden Ton auswendig. Etwa 600.000 Schläge sind es, schätzt Grubinger, die er an seinem großen Abend in Wien aus dem Gedächtnis auf Metallobjekte, Holzplättchen oder gespannte Tierhäute wirbeln wird. In seinem privaten Proberaum, einem kleinen, wintergartenähnlichen Zubau am Haus seiner Eltern in Thalgau, trommelt er regelmäßig bis in die frühen Morgenstunden. Er probt am liebsten nachts, wenn ihn niemand stört. Direkt angrenzend liegt das Schlafzimmer seiner Eltern. Während die Mutter zu schlafen versucht, liegt sein Vater oft wach im Bett und hört zu. Er ist vom Fach, Schlagzeuglehrer am Salzburger Mozarteum, und unterrichtet seinen Sohn, seit er vier ist.

Mit vierzehn erhielt Grubinger als Schlagzeuger in einem Jugendensemble mehrere Preise, mit sechzehn nahm er als Jüngster am größten internationalen Marimbafon-Wettbewerb in Japan teil und erreichte den vierten Platz. Ein zweites »Wunderkind« aus Salzburg glauben damals die Medien entdeckt zu haben. Auch Mozartjahr-Intendant Marboe zieht diesen Vergleich und paraphrasiert ein Zitat des Dirigenten Nikolaus Harnoncourt über die Familie Mozart: »Was muss das für ein Schock gewesen sein im Hause Grubinger, als der Vater im Kleinkind das Genie erkannte: Man meint ein herziges, gescheites Kind zu haben und sieht unvermittelt – ein Krokodil.«

Grubinger will dergleichen nicht hören. »Das ist mir doch bitte nicht gottgegeben«, erwidert er und wirkt fast ein wenig beleidigt. Er trainiere einfach zu hart, um sich auf dem Ruf des Genies ausruhen zu wollen. »Das in Japan war kein Wunder. Ich war einfach konkurrenzfähig. Da steckt jahrelange, harte Arbeit dahinter.«

Wenn einer Tag und Nacht trommelt – wird er dann der Musik manchmal überdrüssig? Nein, sagt Grubinger, im Gegenteil. Er höre sogar gerne Popmusik. Phil Collins zum Beispiel, oder Sting. Nach stundenlangem Studium und Training von Stücken, deren Rhythmus sich alle paar Sekunden völlig verändert, findet Grubinger es »wunderschön«, in der kleinen Pizzeria in Mondsee zu sitzen, eine Cardinale zu bestellen und im Radio einen Robbie-Williams-Song zu hören. Er zischt den banalen Takt mit. »Tschk-tschk-tschk-tschschhh. Ist das nicht wunderbar?« Rhythmus ist für ihn ohnehin überall. »Sehen Sie die Kellnerin da drüben?«, fragt er und deutet hinter die Theke der Pizzeria. Die Frau ist fünf Meter entfernt und räumt Tassen und Teller in den Geschirrspüler – es klappert leise. »Ich kann Ihnen von hier aus sagen, in welchem Rhythmus sie während der letzten Sekunden die Teller eingeräumt hat.« Dafür muss er sich nicht einmal konzentrieren. Keine Geräuschfolge könnte chaotisch genug sein, Grubinger erkennt darin stets ein komplexes, musikalisches System. »Das ist schon ein bisschen krankhaft«, gesteht er.

Als Fünfzehnjähriger hat er die Schule abgebrochen, die 680 Fehlstunden in nur einem Semester waren nicht nachzuholen. »Das war die richtige Entscheidung«, sagt er heute: »Ich brauchte die Zeit einfach zum Üben.« Sieben Stunden hat er damals täglich trainiert. Eine verlorene Kindheit? »So ein Blödsinn«, kontert Grubinger. »Der Gegenbeweis ist: Ich bin ein guter Kicker.« Er habe das Schlagzeugspielen eben als Vierjähriger wie eine eigene Sprache gelernt und dann sein Leben lang viel und gerne geredet. »Langsam ernte ich die Früchte dieser Arbeit«, sagt er. In nächster Zeit werde er in »allen wichtigen Konzertsälen Europas« spielen.

Das bringt ihn auch in seiner selbst auferlegten Mission ein Stück weiter: »Das Schlagzeug muss als Soloinstrument außer Diskussion stehen.« Sein Traum: Jeder Komponist, der etwas auf sich hält, sollte Konzerte für Schlagzeug komponieren. Gerade junge Menschen würden nämlich durch das Schlagzeug angesprochen, findet Grubinger. Von Pop oder Jazz sei es ein kürzerer Weg zu einem Schlagzeugkonzert als zu einem traditionellen Orchesterabend. Er selbst sieht sich dafür als lebenden Beweis: »In meine Konzerte kommen Leute, die noch nie vorher einen Konzertsaal von innen gesehen haben.« In der Percussionszene ist er ein Popstar: der Jamie Cullum des Schlagzeugs.

Seine Bekanntheit nutzt er gerne für sein zweites großes Hobby: die Politik. »Sich politisch zu äußern ist nicht nur künstlerische, sondern auch staatsbürgerliche Pflicht«, sagt der Trommler. Er warnt vor »den Hetzern und vor denen, die mit ihnen koalieren«, und dabei blitzt in seinen Augen jenes Feuer auf, das ihn beflügelt, wenn er hinter seiner Batterie von Schlagwerken herumwirbelt. Berufspolitiker werden, das wäre sein Plan B, wenn ihm auf seinem Weg zum Schlagzeug-Weltstar etwas dazwischen kommt.

Im Moment sieht es freilich nicht danach aus. Als er die Pizzeria in Mondsee verlässt, hat er bereits ein abendliches Treffen mit einem Komponisten vereinbart, um dessen Komposition für seine spektakuläre Performance noch einmal durchzugehen. Eine Woche vor dem Hochleistungsauftritt übersiedelt er dann mit seinen Instrumenten nach Wien, um mit dem Orchester zu proben. Eine klassische Generalprobe wird es aber nicht geben. »Das wäre ein schwerer Fehler«, sagt Grubinger. Es ist eine Gewaltleistung, die er sich nur ein einziges Mal zutraut.

Nachdem er das monumentale Konzert vom ersten bis zum letzten Schlag durchgespielt hat, wird er sehr erschöpft sein. Dann will er endlich wieder mal Urlaub machen. Sein letzter ist mehr als zehn Jahre her. Diesmal geht es nach Tirol. Eine ganze Woche ohne Trommeln. Er freut sich auf die stillen Tage in den Alpen, an denen ihm einzig echte Kuhglocken zu Ohren kommen werden.

»Welch ein Schock im Hause Grubinger: Man meint ein herziges Kind zu haben und entdeckt – ein Krokodil«

 
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