Die schreckliche Bilanz der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 bleibt unfassbar: 1406 Synagogen und Betstuben wurden in jenen wenigen Stunden in Deutschland niedergebrannt oder vollständig zerstört. Etwa 30.000 Menschen jüdischen Glaubens verschleppte die Polizei in die Konzentrationslager. In der Pogromnacht selbst wurden ungefähr 400 Menschen ermordet; weitere 400 Menschen kamen in den Tagen danach zu Tode. Überdies nahmen sich nicht wenige Verfolgte selbst das Leben. Insgesamt soll der inszenierte Gewaltakt mehr als 1300 Opfer gefordert haben. Deutsche Soldaten und jüdische Zwangsarbeiter 1941 in der weißrussischen Stadt Mogilew BILD

Von offenem Protest aus der Bevölkerung gibt es nicht viel zu berichten. Und dennoch wurde damals wohl auch dem Unbedarftesten klar, was die Stunde geschlagen hatte. Zu denen, die sahen und das Ungeheuerliche erkannten, das da geschah, gehörte der 22 Jahre alte Jurastudent Heinz Drossel.

Am 10. November sieht er, in der Berliner S-Bahn sitzend, schwarze Rauchwolken in den Morgenhimmel steigen. »Kurz vor dem Bahnhof Zoo«, berichtet er in seiner 1988 erschienenen Autobiografie Die Zeit der Füchse, »wälzt sich eine riesige schwarze Wolke empor. Was ist los? Die Fahrgäste werden aufgeregt. Mir gegenüber sitzt ein älterer, dicker Mann mit Hornbrille, er liest seine Zeitung und sagt mit sonorer Stimme in das aufkommende Getümmel: ›Alle Synagogen brennen – und jetzt plündern sie die jüdischen Geschäfte.‹ Bahnhof Zoo – raus und herunter in Richtung Fasanenstraße, wo sich eines der größten jüdischen Gotteshäuser befindet. Menschen stehen stumm mit starrem Blick, um die Synagoge eine lockere Absperrung von Polizei und Feuerwehr. […] Aus dem schon halb zusammengestürzten Gebäude quellen weiterhin schwarze Rauchwolken, hohe Flammen schlagen aus dem schwarzen Gebälk des Dachstuhles. Die Feuerwehr rührt keine Hand – aber drüben schuften sich lachende und Witze reißende SA-Männer damit ab, Benzin- und Ölfässer die Treppe hinaufzuwuchten, um sie dann durch das schon halb verbrannte Portal in das Innere der Synagoge zu rollen. Ein Sprung zurück, eine dumpfe Explosion, eine Feuersäule steigt zum Himmel, das Gotteshaus kann weiterbrennen. […] Die unbeteiligten Zivilisten […] stehen oder gehen stumm, erschüttert. Vielleicht wird jetzt manchem klar, welch ein Schicksal sich das deutsche Volk gewählt hat.«

Im November 1939 wird Drossel zur Wehrmacht eingezogen. Als einfacher Soldat macht er den Krieg gegen Frankreich mit und lernt das »Grauen des Mordens« aus nächster Nähe kennen. Er selbst ist nicht gewillt, auf einen Menschen zu schießen, und er hält diesen Vorsatz den ganzen Krieg über konsequent durch. An die Ostfront versetzt, gerät Drossel 1941 nach Litauen und Lettland. In Dagda wird er Augenzeuge eines Massakers der SS an Juden, auch jüdischen Kindern. In ohnmächtiger Wut berichtet er das Gesehene seinen Kameraden. Sie wissen, dass sie nun »Komplizen von Mördern« sind.

Heinz Drossel schreibt, der so genannte Kommissarbefehl – nach dem alle Kommissare der Roten Armee nach Gefangennahme sofort zu erschießen waren – sei ihm bekannt gewesen, und er berichtet, dieser verbrecherische Befehl sei in seinem Regiment auch tatsächlich durchgeführt worden. Einmal verhindert Drossel, dass eine Gruppe russischer Kriegsgefangener von hinten erschossen wird. Ein andermal nutzt er die Gelegenheit, einen Politkommissar befehlswidrig laufen zu lassen.

Noch im Februar 1945 darf Drossel für einen Kurzurlaub zu seinen Eltern nach Berlin. Dort wird er, inzwischen zum Oberleutnant befördert, plötzlich mit einer brisanten Situation konfrontiert: Eine jüdische Familie, die sich am Stadtrand versteckt hielt, ist denunziert worden. In ihrer Not bittet sie Drossel und seine Eltern um Hilfe. Die überlegen nicht lang, sondern helfen spontan, aber auch umsichtig und schlau. So können sie die Familie Hesse retten, die Eltern, die erwachsene Tochter Margot und deren Freund Günter Fontheim. Bis heute sind beide Familien beziehungsweise ihre Nachkommen einander in Freundschaft verbunden.

Diese und etwa dreißig weitere Geschichten von »Rettern in Uniform«, die als Angehörige der Wehrmacht, der Polizei oder der SS während des Zweiten Weltkrieges verfolgten Juden oder Kriegsgefangenen halfen und sie zu retten versuchten, sind in den vergangenen Jahren von Historikern und Journalisten aus dem Umfeld der Historischen Friedensforschung biografisch erkundet worden. Trotz der prekären Quellenlage wäre es eventuell möglich, einige Dutzend weitere zu ermitteln. Mehr aber nicht. Über die von vielen vermutete Dunkelziffer lässt sich nur spekulieren. Hält man sich vor Augen, dass allein die Wehrmacht von etwa 18 Millionen Männern und einer halben Million Frauen durchlaufen wurde, so wird unmittelbar deutlich, dass es sich bei dieser geringen Anzahl von Rettern um eine verschwindend kleine Minderheit gehandelt hat.