Die Statistik war so brisant, dass Niedersachsens Wissenschaftsminister Lutz Stratmann sie bis zu seiner Regierungserklärung am Mittwoch unter Verschluss hielt. Offenbar befürchtete der CDU-Politiker, die Zahlen zu den Studienanfängern, die ihm die Hochschulen vergangene Woche melden sollten, könnten allzu schlecht ausfallen – und wollte sie nicht ohne ausführliche Rechtfertigungsrede auf die Öffentlichkeit loslassen: Niedersachsen ist das erste Bundesland, das seine Studenten im gerade begonnenen Wintersemester flächendeckend zur Kasse gebeten hat, zunächst nur die Erstsemester, vom Sommersemester an auch alle anderen. Bald kein Gedrängel mehr? Studienanfänger in der Uni Oldenburg im Immatrikulationsamt. BILD

Die richtig miesen Schlagzeilen bleiben Stratmann zwar erspart; nach vorläufigen Ergebnissen haben sich rund zwei Prozent weniger junge Menschen an den staatlichen Hochschulen eingeschrieben als vor einem Jahr. Sein Kollege in Nordrhein-Westfalen allerdings hatte weniger Glück. Die Erstsemesterzahlen sackten dort gegenüber dem Vorjahr um 5,3 Prozent ab, wie Andreas Pinkwart (FDP) bekannte. In NRW können die Hochschulen selbst darüber entscheiden, ob sie Studiengebühren erheben. Die Mehrzahl hat es im Wintersemester erstmals getan. Er könne »nicht ausschließen«, dass die Gebühren »einen gewissen Effekt« gehabt hätten, sagt Pinkwart. »Wenn das so sein sollte, handelt es sich um ein vorübergehendes psychologisches Phänomen.«

Viele Abiturienten wählen jetzt lieber einen Ausbildungsberuf

Ein erstaunliches Eingeständnis für einen der entschiedensten Verfechter des Bezahlstudiums, der immer wieder die soziale Verträglichkeit der Gebühren betont hatte. Die alarmierend schlechten Ergebnisse in einem Bundesland, das sich bundesweit als Vorreiter in der Einführung präsentiert, scheinen jenen Kritikern Recht zu geben, die vor Abschreckungseffekten warnen. Zwar betont Pinkwart, für das Wegbleiben der Jungakademiker seien »in erster Linie« neue NCs verantwortlich, die die Hochschulen eingeführt hätten, um »endlich die Betreuungsrelationen zu verbessern, besonders in den neuen Abschlüssen Bachelor und Master«.

An der Schlussfolgerung jedoch kann auch dieser Einwand nichts ändern: »Die jungen Leute haben Angst, sich zu verschulden, und wandern in die Ausbildungsberufe ab«, sagt Dieter Dohmen vom Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) in Berlin. Ein gefährlicher Trend, der Anteil deutscher Hochschulabsolventen liegt schon heute unter dem OECD-Schnitt.

Gebühren-Befürworter warnen trotzdem vor Panikmache. Aus den Einschreibezahlen allein lasse sich der Beweis kaum erbringen, dass die Gebühren eine schädliche Wirkung entfaltet hätten, sagt der Chef des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), Detlef Müller-Böling: »Da wird jetzt viel Kaffeesatzleserei betrieben.« Das CHE, das von Bertelsmann Stiftung und Hochschulrektorenkonferenz finanziert wird, plädiert für die Einführung von Studiengebühren.

Abschreckung real und kein Hirngespinst