Seien wir ehrlich: Wohl niemand hält sich für einen Dieb, nur weil er manchmal kostenlos einen Song aus dem Internet besorgt. Anreize gibt es schließlich genug. Unzählige Tauschbörsen bieten an, was in Einsen und Nullen zerlegbar, in Sekundenschnelle kopierbar und transportierbar ist: Musik, Filme und selbst Bücher; aber auch Software und Spiele – alles gratis. Wird da nicht zum Depp, wer überhaupt noch einkauft und bezahlt? BILD

Nein, sagen viele Künstler, die mit ihren Ideen Geld verdienen. Sie sehen sich als Opfer skrupelloser Zeitgenossen, aber auch biederer Bürger, die per Mausklick zu Wissenspiraten mutieren. Wem Musik, Filme und Bücher nichts mehr wert seien, der zerstöre nicht nur Existenzen, sondern auch die kulturelle Vielfalt, so das Argument dieser Mitglieder der gebeutelten Geisteszunft.

Ganz falsch, sagen ihre Kontrahenten. Sie warnen vor Wissensmonopolen, weil sie fürchten, dass sich die gesammelten Werke der Kreativen demnächst nur noch in den elektronischen Archiven einiger weniger Wirtschaftskonzerne konzentrieren. Die allein könnten dann das geistige Eigentum vermarkten. Stattdessen müsste das Wissen der Menschheit für jedermann frei verfügbar sein. »Information ist der Sauerstoff der Demokratie«, lautet die Überzeugung der Freiheitskämpfer wie zum Beispiel in der Menschenrechtsorganisation namens Article 19. Der Zugang zu digitalen Inhalten sei eben nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine soziale und politische Frage.

Dementsprechend hitzig verläuft die Debatte um das neue Urheberrecht. Inzwischen hat es das Thema sogar schon auf die ganz große Polit-Bühne geschafft: Es steht auf der Agenda, wenn sich 2007 die mächtigen Industriestaaten zu ihrem G8-Gipfel in Deutschland versammeln. Der Widerspruch zwischen dem Schutz der Rechteinhaber und der Freiheit der Nutzer ist zu einem ärgerlichen Hemmnis bei der Verbreitung neuer Medien geworden. Das ungelöste Problem droht Milliardengeschäfte zu blockieren. Populärstes Beispiel für den Ärger, den man sich ins Haus holen kann, ist derzeit Google. Seitdem die Suchmaschine die Video-Tauschbörse YouTube gekauft hat, wird sie mit Abmahnungen wegen Copyright-Verstößen überhäuft. Das lähmt nicht nur die Umsetzung neuer Ideen, sondern könnte am Ende auch richtig ins Geld gehen.

Wer nach intelligenten Lösungen sucht, stößt unweigerlich auf eine Frage: Wem gehört das Wissen in der Wissensgesellschaft überhaupt? Folgt man dem legendären US-Präsidenten Thomas Jefferson, ist die Antwort ganz einfach. »Wenn es etwas gibt, das sich nicht zum Eigentum eignet, dann ist es die Kraft des Gedankens«, lautet seine Erkenntnis. Und weiter: »Ein Einzelner kann eine Idee vielleicht besitzen, wenn er sie für sich behält; sobald er sie aber öffentlich macht, geht sie in das Eigentum aller über.« Klar und einleuchtend – und trotzdem kamen die Menschen auf die Idee mit dem Urheberschutz. Das räumt dem Einzelnen eine Art Naturrecht an seinen Gedanken ein. Aber fast so, als wollten sie Jefferson noch Jahrhunderte später Recht geben, nehmen es viele Bürger damit nicht mehr so genau.

Wenn es dunkel wird in Deutschland, gehen sie auf die Jagd: Außer nach Musik suchen sie inzwischen vor allem nach Filmen, aber auch Hörbücher sind zunehmend gefragt. Internet-Tauschbörsen sind beliebter denn je. Das fand die Leipziger Firma Ipoque im Oktober heraus. Sie wertete die Daten von 100.000 Haushalten aus. Rund 70 Prozent des nächtlichen Verkehrs im Netz entfallen auf Tauschbörsen. Warum aber nachts? Mit entsprechender Software ausgestattet, können Rechner automatisch im Unterhaltungs- und Wissensfundus dieser Welt herumstöbern – während ihre Besitzer seelenruhig schlafen. Ein Pauschaltarif, die Flatrate, sorgt dafür, dass sogar die Lieferung frei Haus erfolgt.

Erstes Opfer des virtuellen Volkssports wurde die Musikindustrie. Sie hat eine dramatische Entwicklung hinter sich. So brach allein in Deutschland der Absatz von Singles seit 1996 um rund 60 Prozent ein. Der von CDs schrumpfte um ein Drittel auf 124 Millionen Stück. Inzwischen beschäftigt die Branche nur noch 28.000 Menschen. Vor zehn Jahren waren es noch fast 10.000 mehr. Die im vergangenen Jahr privat kopierte Musik hatte laut Phonoindustrie einen Wert von 6,3 Milliarden Euro – dreimal mehr als der tatsächliche Umsatz auf dem hiesigen Musikmarkt. Nun gibt die Branche selbst zu, dass nicht das gesamte Dilemma den Raubkopierern anzulasten ist, »aber der Zusammenhang zwischen der hohen Zahl der Musikkopien und sinkender Umsätze liegt auf der Hand«, heißt es im Jahresbericht des Phonoverbandes.