Hoffnungslos altmodisch, wer beim Essen ans Sattwerden denkt. Zeitgemäße Nahrung hat höhere Aufgaben. Sie soll vor Krankheiten schützen und uns seelisch ins Gleichgewicht bringen. Die neuen Stars auf dem Teller tragen Namen wie Sulphoraphan, Fisetin, Lutein oder Capsaicin. Sie fangen Radikale ein, stoppen Zellgifte, manipulieren biochemische Prozesse.

Die fadeste Frucht wird zum medizinischen Versprechen. Die unterschätzte Tomate: Ihr roter Farbstoff Lykopen ist als wirkungsstarkes Antioxidans enttarnt. Deshalb gilt die Tomate neuerdings als Schützerin vor Krebs. Obendrein soll sie zu hohen Blutdruck kurieren. Israelische Forscher haben das jüngst an 31 Patienten demonstriert. Sechs Tomaten täglich, und schwupps sackte die Quecksilbersäule von systolischen 144 Millimeter auf 134 Millimeter.

Oder Spinat. Nachdem sich der hohe Eisengehalt der grünen Blätter als tragischer Rechenfehler entpuppt hat, soll der verzehrte Matsch den braven Spinatesser nun vor der Erblindung, genauer: vor der altersbedingten Makula-Degeneration bewahren. Immerhin trifft die Krankheit auch in Deutschland ein gutes Drittel der über 75-Jährigen. Unnötig viele, behaupten Forscher aus Manchester, denn der Spinat könne es richten. Eine Studie, die die versprochene Wirkung auch am Menschen beweisen könnte, gibt es zwar noch nicht. Egal, Projektleiter Ian Murray hält die wissenschaftliche Evidenz schon jetzt für »sehr stark«.

Kaum ein Körperteil, das sich nicht am Esstisch kurieren lassen soll: Kurkuma verhindert Gelenkentzündungen und Knochenschwund. Zwiebeln lassen Darmpolypen schrumpfen, Nüsse beugen einem kranken Herzen vor. Brokkoli zügelt Krebs im Allgemeinen, Chili-Schoten speziell den der Prostata. Tee besänftigt den Stress, Rotwein spült die Arterien, Kirschen sind gut gegen Muskelkater. Sogar der unter Gesundheitsaposteln einst verpönte Kaffee schützt, in Mengen konsumiert, vor Brustkrebs.

Die Fülle der kulinarischen Heilsbotschaften ist so überwältigend, dass kaum Zeit für ein Aber bleibt. Ungern lässt man sich den wissenschaftlich befeuerten Appetit davon verderben, dass viele der gepriesenen Effekte nur an Tieren beobachtet wurden, mit unrealistisch hohen Dosierungen.

Wie wäre es dann, wenn auch wir die Dosis steigern? Keine gute Idee. Spinat in großen Mengen fördert die Bildung von Nierensteinen. Zehn Tassen Kaffee auf einmal bereiten dem Magen eher Schmerzen. Von Nahrungssupplementen, die beispielsweise als so genannte sekundäre Pflanzenstoffe im Handel sind, raten Experten ganz ab. »Diese hohen Dosen stören die Balance der Nahrungsmittel und können zu ganz anderen, unerwünschten Wirkungen führen«, sagt Regina Brigelius-Flohé vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam.

Wie kann der Normalverbraucher einen Nutzen aus all den essbaren Arzneien ziehen? Am besten, er versucht es gar nicht. Was für Wissenschaftler von größtem Interesse und für die Pflanze überlebenswichtig sein mag, schürt beim Menschen höchstens leere Erwartungen – führt ihn womöglich gar in die Irre. Raucher könnten insgeheim hoffen, dem Lungenkrebs mit Äpfeln und kiloweise Brokkoli zu entgehen, statt sich ihr Laster zu verkneifen. Trinker könnten sich die nächste Pulle Wein als Entkalkungsmittel schönreden. Die Heilsversprechen würden in Unheil enden.
Kathrin Zinkant

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