Functional Food Wer’s glaubt, isst selig

Lebensmittel sollen gesund machen: Mit Functional Food wollen Konzerne wie Nestlé ihre Gewinne steigern.

Gewichtige Röllchen in der Taillengegend haben in Frankreich einen bezaubernden Namen: poignées d’amour. In der Fitnessgesellschaft jedoch lösen solche »Liebeshaltegriffe«, überhaupt jedes sichtbare Kilo, gleich an welcher Stelle des Körpers, fast immer Entsetzen aus: zu dick! Abspecken!

Als einer von unzähligen Beratern bietet sich den Betroffenen das »Ernährungsstudio« von Nestlé im Internet an. Dort können sie nicht nur mit ein paar schnellen Mausklicks ihren Body-Mass-Index und den persönlichen Energiebedarf ausrechnen. Es gibt auch einen »Bewegungs-Check«; und in einer Tabelle zum Ankreuzen werden die persönlichen Essgewohnheiten überprüft. Am Ende empfiehlt der virtuelle Berater dann zum Beispiel, auf den Fettkonsum zu achten. Und rät: »Obst und Gemüse können Sie einfach nicht zu viel essen!«

Keine wirklich neuen Empfehlungen, werden sich die 300.000 Selbstzweifler denken, die die Nestlé-Website täglich anklicken. Doch das Leben ist voller Widersprüche: Wer der Utopie der perfekten Ernährung, dem Traum von der endgültigen Schlankheit nachjagt, muss sich eben immer wieder Anleitungen zur Buße (oder zur Absolution) holen – und wenn er es bei einem der größten globalen Nahrungsmittelimperien tut. Schließlich macht Nestlé mit dem Verkauf von Tütensuppen und Frühstücksflocken, Eiskrem und Schokoriegeln – und nicht dem Verzicht darauf – jährlich mehr als 47 Milliarden Euro Umsatz.

Warum aber betrachtet ausgerechnet ein globaler Konsumverführer neuerdings Ernährungs-Coaching und Gewichtsmanagement als »Kernkompetenz«? »Denken Sie an die Loyalität, die damit aufgebaut wird.« Konzernchef Peter Brabeck-Letmathe hat noch nie ein Blatt vor den Mund genommen. Er war es, der vor acht Jahren »Nutrition, Gesundheit und Wellness« strategisch auf die Fahnen von Nestlé schrieb. Seither schickt die deutsche Zweigstelle auch Beratungsteams in Supermärkte, oder sie hilft einen Rezeptordner zu erarbeiten, mit dem das renommierte Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung das Mittagessen in Ganztagsschulen verbessern will. Und das ist erst ein Teil der Mission. Hunderte von Markenprodukten unter dem Nestlé-Dach sollen darüber hinaus auf ihre potenzielle Übergewichtsträchtigkeit überprüft werden: Hollandaise von Thomy etwa wird »légère«, dem Mövenpick-Eis ein Teil des Fetts entzogen, bei Maggi-Suppen heißt es: Salz raus – Vitamine (allerdings auch mehr Aromastoffe) rein.

Schließlich setzt Nestlé verstärkt auf Lebensmittel mit Zusatznutzen, so genanntes Functional Food, das weit über die gute alte Margarine oder den mit probiotischen Bakterien angereicherten Jogurt hinausreicht. Die ersten Müsliriegel namens Für Sie Plus (mit Betaglutan und Folsäure) und der Gemüsesaft Vegaplus aus der groß angekündigten Produktserie Nutrel wurden allerdings schon nach kurzer Zeit wieder vom Markt genommen.

»Das waren Versuchsballons«, erklärt leicht zerknirscht Werner Bauer, im Nestlé-Vorstand zuständig unter anderem für Forschung und Entwicklung. »Wir wollten zunächst verschiedene Marketing- und Vertriebswege ausprobieren«, beispielsweise den Verkauf über Apotheken und Drogeriemärkte. Vielleicht waren die Verbraucher aber auch skeptisch, weil Gesundheitszusätze keineswegs unumstritten sind: In zu großen Mengen können manche Vitamine auch schädlich wirken. Oder sie fragen sich: Was wirkt wie bei wem? Schließlich ist der Stoffwechsel eine durchaus individuelle Angelegenheit.

Auch deshalb spreche Nestlé, sagt Bauer, beim Functional Food jetzt meist »viel fokussierter« konkrete Konsumentengruppen an: Allergiker mit glutenfreier Nahrung. Ältere Menschen, die häufig mangelernährt seien. Frauen, die Falten fürchten. Sportler. Womöglich Alzheimer-Kranke: Demnächst wollen Nestlé-Wissenschaftler ihre Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Ernährung und Gehirnleistung präsentieren.

Rund eine Milliarde Euro gibt der Welternährer vom Genfer See jedes Jahr für Forschung und Entwicklung aus. Und auf High-Tech-Nahrung setzen auch die Manager von Danone oder Unilever – nicht nur aus Sorge um die Volksgesundheit. Vielmehr kann die Lebensmittelbranche allein an der Verarbeitung billiger Rohstoffe wenig verdienen. Neben allerhand Marketing-Aufhübschungen soll daher das Gesundheits-Image zusätzlich »Werte schaffen«, sagt Nestlé-Chef Brabeck-Letmathe. Er glaubt, dass man künftig für Gewinnmargen von bis zu 25 Prozent »keinen roten Kopf mehr bekommen« müsse. Mit 8 bis 18 Prozent sind die Margen bei den ernährungsphysiologisch angereicherten Produkten noch nicht ganz so hoch. Aber laut Bauer setzt Nestlé mit Functional Food bereits knapp sieben Milliarden Euro um. Und der Markt wächst, auf dem angesichts des hohen Aufwands für Forschung und Zulassung mittelständische Konkurrenten gegenüber den Lebensmittelriesen deutlich weniger Chancen haben.

Die Sinnfrage allerdings bleibt: Tut’s nicht bei Vitamin-A-Bedarf auch eine krachende Möhre oder ein Salatteller, muss es Folsäure sein? Gilt nicht wie eh und je der alte Sinnspruch: »An apple a day keeps the doctor away«? Werner Bauer zögert nicht, das Leben ist, wie gesagt, voller Widersprüche: »Da haben Sie schon Recht.« In der Alltagspraxis jedoch habe der bewegungsarme Verbraucher heute einen komplizierten Ernährungsbedarf: Deutlich weniger Kalorien müssten die ganze Vielfalt der Nährstoffe bieten. Kompakt.

Diese im Speiseplan zu liefern erfordere Wissen und Aufwand – »und Zeit, die wir doch alle kaum mehr haben«. Also her mit der »Power Bar Pria«, die »speziell Frauen« im stressigen »Time Management zwischen Arbeit, zu Hause und Fitness Studio« zwischen die Kiemen schieben sollen? Ulrike Gonder, die als Ernährungswissenschaftlerin für die Verbraucherorganisation foodwatch arbeitet, meldet Zweifel an. »Die Unternehmen bleiben den Beweis schuldig, dass ihre Mixturen mehr wert sind als normale Lebensmittel«, kritisiert sie. »Functional Food soll eine fragwürdige neue Abhängigkeit von der Industrie erzeugen.«

Im virtuellen Ernährungsstudio findet dieser zerknirschte Kunde am Ende zumindest seine erhoffte Absolution: die »Nascherlaubnis«. Schokolade, heißt es beruhigend, enthalte auch Antioxidantien: »Es tut gut, zu wissen, dass auch der süße Genuss mit einem kleinen Gesundheitsplus verbunden ist.« Zudem mache der Gehalt des Kakaoschmelzes an Tryptophan, einem Serotonin-Baustein, richtig glücklich, »und wie!» Und wie am allerbesten? Natürlich »in Form von Nuts, Kitkat, Lion & Co«. Alles von Nestlé. Oder wie wäre es mit Rolo, der Karamellpraline? Früher lockte sie im Kino noch mit dem Slogan »Rolo zu zweit«. Heute huldigt sie eiskalter Gier: »Zu gut zum Teilen«.

Ein Gesundheitskonzern, der für süße Dickmacher wirbt: Das Leben bleibt voller Widersprüche. Man kann es auch so sehen: Erst wenn man sich die Taillenröllchen angefuttert hat, kann man sie mit Niedrigkaloriennahrung auch wieder loswerden.

Zum Thema
Einfach essen - Wissenschaftler und Diätgurus verwirren uns mit unzähligen Ernährungsweisheiten »

Nutrigenomik - Welches Essen wir am besten verdauen, bestimmen unsere Gene »

Länger leben mit Tomaten, Brokkoli und Spinat? Funktioniert leider nicht »

Du bist, was du gegessen hast - Das Weblog zur Ernährung »

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service