Essen kann ungerecht sein: Warum darf der eine Mensch sein Leben lang unbeschadet fettes Fleisch schlemmen, während seinem Tischnachbarn bei gleicher Kost das Herz versagt? Die Ursache kann im Erbgut liegen: Je nach genetischer Ausstattung unterscheidet sich die Wirkung von Nährstoffen. Das ist die Ausgangsthese des noch jungen Forschungszweigs der Nutrigenomik, die das Zusammenspiel zwischen Genen und Ernährung untersucht. Fettes Fleisch ist eines der derzeitigen Lieblingsempfehlungen der Diätmode-Macher BILD

Das Paradebeispiel der Nutrigenomik ist Laktose. Nach jahrtausendelanger Milchviehzucht hat sich in Europa eine genetische Variante durchgesetzt, dank der wir auch als Erwachsene noch Milchzucker verdauen können. Dagegen löst Milch bei vielen Afrikanern und Asiaten Übelkeit und Durchfall aus.

Andere genetische Unterschiede wirken sich subtiler aus. Zum Beispiel, wenn man Menschen unter kontrollierten Bedingungen Essen vorsetzt, das sich nur in der Zusammensetzung des Fettes unterscheidet. Das Blut von Probanden, die überwiegend pflanzliche Fette mit viel ungesättigten Fettsäuren essen, enthält weniger LDL-Cholesterin (Low Density Lipoprotein) als das von Menschen, die ausschließlich tierische Fette zu sich nehmen. LDL, die »böse« Form des Cholesterins, gilt als Risikofaktor für Herzinfarkt. In solchen Versuchen lassen sich Unterschiede im LDL-Blutwert von rund 15 Prozent erzielen. Was aber meist unerwähnt bleibt: Die Zahlen sind lediglich Durchschnittswerte. Bei jedem vierten Menschen bleibt das Blutfett entweder unverändert, oder die Werte verschlechtern sich sogar während der als allgemein für herzgesund befundenen Diät.

Die Nutrigenomik stöbert im Erbgut nach den genetischen Ursachen für solche Unterschiede: Ein genaueres Verständnis der Zusammenhänge könnte die Grundlage einer maßgeschneiderten Ernährungsberatung werden, meint Jose Ordovas von der Tufts University in Boston: »Wenn wir mit der traditionellen Vorstellung brechen, dass eine bestimmte Ernährungsform für alle Menschen die richtige ist, könnte uns das zum ersehnten Heiligen Gral bringen: zur Vermeidung und Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch Ernährung.« Ordovas hat eines jener Gene identifiziert, die die Blutfettwerte so stark von Mensch zu Mensch schwanken lassen können. Es ist die Bauanleitung für ein Enzym in der Leber, das den Auf- und Abbau des Cholesterins im Blut steuert. Drei von hundert Menschen tragen eine Mutation dieses Gens im Erbgut, die ihnen überdurchschnittlich gute Cholesterinwerte bescheren kann – solange sie sich fettarm ernähren. Essen diese Menschen allerdings viel tierisches Fett, dann verkehrt sich der schützende Einfluss ins Gegenteil: Dann sind ihre Cholesterinwerte, verglichen mit denen gleich ernährter Menschen, ungünstiger.

Das Zusammenspiel von Ernährung, Genen und chronischen Erkrankungen zu verstehen bedeutet ein Puzzle von gewaltiger Komplexität zu lösen. Chronische Erkrankungen werden von jeweils Hunderten von Genen beeinflusst, deren Variationen uns jeweils ein klein wenig anfälliger oder robuster machen. Prinzipiell wäre es denkbar, den Effekt dieser winzigen genetischen Veränderungen durch clever gewählte Nährstoffe zu beeinflussen – praktisch ist unser Verständnis der Zusammenhänge viel zu bruchstückhaft dafür. Da scheint es arg vermessen, dass erste kommerzielle Anbieter bereits Tests auf einige Gene verkaufen und dazu den maßgeschneiderten Ernährungsplan versprechen. Was die Kunden bekommen, ist dann auch wenig mehr als allgemeine Ratschläge für gesunde Ernährung, die nach Bezahlung mehrerer hundert Euro etwas ernster genommen werden.

Besseren und obendrein kostenlosen Rat bekommt man von Gary Paul Nabhan vom Center for Sustainable Environments an der Northern Arizona University: Am besten angepasst sei der Mensch an die Nahrung seiner Vorfahren, sagt er. Deshalb hat der Ethnobiologe eine Kampagne ins Leben gerufen, die Amerikas »gefährdete Esstraditionen« vor dem Aussterben bewahren soll. Tatsächlich variierte die Ernährung zwischen den Völkern bis vor wenigen Jahrzehnten beträchtlich und vereinheitlicht sich erst heute, im Zeitalter der globalen Lebensmittelkonzerne und Fast-Food-Ketten. Während die Inuit bis vor kurzem kaum Obst und Gemüse kannten und sich hauptsächlich von Fisch und Fleisch ernährten, essen Japaner traditionell sehr fettarm. Am Mittelmeer wiederum schwimmt alles in Olivenöl. In Süddeutschland könnten fern vom Meer die Traditionsgerichte mit Hirn und Innereien für die nötige Zufuhr an Omega-3-Fettsäuren gesorgt haben. Nabhans These wird von einer Untersuchung gestützt, die die Ernährungsforscherin Antonia Trichopoulou von der Universität Athen durchgeführt hat. Sie hat die Essgewohnheiten von fast 75.000 älteren Europäerinnen ausgewertet und folgert nun, dass die gerühmte Mittelmeer-Diät mit viel Gemüse und Olivenöl bei Griechinnen tatsächlich lebensverlängernd wirkt.

Bei deutschen Frauen allerdings hatte eine entsprechende Ernährungsumstellung keine Wirkung – jedenfalls keine positive: Sie starben eher ein wenig früher. Warum? Denkbar ist, dass unbekannte Variationen in unserem Erbgut dafür sorgen, dass der eine Mensch Olivenöl besser verwerten kann als der andere. Eine solche Variante könnte sich besonders in Gegenden durchsetzen, in denen viel Olivenöl konsumiert wird.

Mangels aussagekräftiger Genanalysen ist die eigene Herkunft daher nicht der schlechteste Wegweiser für eine individuelle Ernährungsberatung. Denn was die eigenen Vorfahren verzehrt haben, womit sie überlebt und erfolgreich ihre Nachkommen in die Welt gesetzt haben, das hat sich im Zusammenspiel mit den eigenen Genen bereits bewährt.

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