Türkei "Die wollen uns nicht"

Die Beitrittsgespräche zwischen Brüssel und Ankara wachsen sich nach dem neuen EU-Mängelbericht zum Nervenkrieg aus. Wer gewinnt?

Brüssel

Nur jeder dritte befragte Bürger ist noch für einen EU-Beitritt der Türkei. Gemessen wurde dieser Misstrauenswert freilich nicht in Rostock oder Recklinghausen, auch nicht in Belfort oder Bordeaux, sondern von großen Medien in der Türkei selbst. Vor zwei Jahren sprachen sich noch zwei von drei Türken für die Mitgliedschaft aus. Längst ist der Enthusiasmus verflogen, das Misstrauen gegen »Brüssel« sitzt mindestens so tief wie unter skeptischen EU-Bürgern.

Dabei spielen die schlechten Noten im Fortschrittsbericht der EU-Kommission, der die Annäherung eines Kandidatenlandes an die Regeln der Gemeinschaft bewertet und am Mittwoch in Brüssel vorgelegt wurde, noch nicht einmal die Hauptrolle. Es ist ein Gefühl, das sich bei vielen Türken verhärtet hat: Die Europäer wollen uns nicht.

Noch bevor die Kommission ihren Bericht vorgelegt hatte, bewertete ihn der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan: »Traurig nehme ich Bewertungen zur Kenntnis, wonach sich unser Reformprozess verlangsamt hätte und wir unseren Enthusiasmus für die EU verloren hätten. Das ist ungerecht gegenüber unserer Regierung.«

Zungenflink war auch Edmund Stoiber. Schon vor Vorlage des Türkeiberichts forderte der CSU-Chef ein Einfrieren der Verhandlungen und warf der Türkei »andauernden Vertragsbruch« vor. Besonders in der Zypernfrage verhalte sich die Regierung in Ankara »krass vertragswidrig«.

Diplomatischer formulierte das Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Beginn der Woche gegenüber der Süddeutschen Zeitung: »Ein einfaches Weiter-so gibt es nicht, wenn sich auf dem Gebiet des Ankaraprotokolls nichts bewegt.« Im Klartext, die Regierung in Ankara muss, wie in diesem Protokoll vom Juli 2005 vereinbart, die Zollunion auf alle EU-Staaten anwenden, also auch auf Zypern, das von der Türkei bisher nicht anerkannt wird. In der Praxis bedeutet das eine Öffnung aller türkischen Häfen und Flughäfen für Zypern – was die Regierung Erdoğan, eingezwängt zwischen Nationalisten und Militärs, aus innenpolitischem Kalkül bislang verweigert.

Doch nicht allein die Zypernfrage vergiftet derzeit die Beitrittsgespräche. Da ist auf europäischer Seite die berechtigte Klage über Paragraf 301 des türkischen Strafgesetzbuches, der die »Beleidigung des Türkentums« mit Gefängnis ahndet und Publizisten und Schriftstellern, etwa dem Nobelpreisträger Orhan Pamuk, bereits Ärger einbrachte. Da ist die Brüsseler Beschwerde, im kurdischen Südosten der Türkei werde weiterhin gefoltert, ohne dass die Übeltäter viel zu befürchten hätten. Und da ist schließlich die Kritik der EU an mangelnder ziviler Kontrolle des türkischen Militärs.

Der Massenmord an den Armeniern 1915 ist kein Beitrittskriterium

Auf der anderen Seite empören sich die Türken über neue Hürden auf ihrem Weg nach Brüssel, die im Reglement der Beitrittsverhandlungen – den so genannten Kopenhagener Kriterien und den 35 Verhandlungskapiteln – gar nicht vorgesehen sind. Zum Beispiel der Massenmord an den Armeniern 1915, in türkischen Geschichtsbüchern geleugnet oder übergangen, nach Auslegung einiger türkischer Staatsanwälte aber ein Akt jener »Beleidigung des Türkentums«, die Pamuk vor den Kadi zu bringen drohte.

Als unlängst französische Abgeordnete, etliche davon armenischer Abkunft, die Leugnung des Massenmordes in Frankreich unter Strafe stellten, wurde das in der Türkei als Affront empfunden – was es über den Ruf nach historischer Gerechtigkeit hinaus wohl auch sein sollte. Das erleichtert es den Nationalisten in der Türkei vor dem Großwahljahr 2007, in dem ein neues Parlament und ein neuer Präsident gekürt werden, mit Donnerruf auf Stimmenfang zu gehen. Was wiederum im Herzen Europas als Indiz für mangelnde EU-Tauglichkeit der Türkei gewertet wird. Übersehen wird dabei auf türkischer Seite, dass Frankreichs Präsident Jacques Chirac das Gesetz widerwillig hinnahm und womöglich nicht unterschreiben wird – und Frankreich seinerseits vor einem Großwahljahr 2007 steht, wo der eine oder andere schon heute mit Donnerhall auf Stimmenfang geht.

Dabei sind die Europäer über den Umgang mit dem Kandidaten ziemlich uneins. Das ist nicht neu und käme dem türkischen Beitrittswunsch eher entgegen, wäre da nicht die neuartige Schwäche sowohl der eifrigen Befürworter wie der üblichen Gegner der türkischen EU-Mitgliedschaft. Dafür waren gestern noch Gerhard Schröder, Jacques Chirac, Tony Blair und Silvio Berlusconi. Der Erste ist aus dem Amt – und hat eine Erbschaft hinterlassen, die seine Nachfolgerin zu ärgern scheint. Jedenfalls beschwerte sich Angela Merkel jetzt, dass die Beitrittsverhandlungen am 3. Oktober 2005 zu einem Zeitpunkt beschlossen wurden, als die Wahl in Deutschland schon vorbei war: »Und trotzdem hat mein Vorgänger noch voll agiert.«

Jacques Chiracs Tage im Amt sind gezählt, wie anders wäre etwa das Armenien-Gesetz zu erklären, durchgepeitscht gegen seinen Willen. Blairs Verfallsdatum bleibt zwar unbekannt, rückt aber rasch näher. Und Berlusconis Nachfolger Romano Prodi, vormals als EU-Kommissionspräsident ein Befürworter der türkischen Kandidatur, plagen derzeit andere Sorgen, vom Libanon-Einsatz bis zur kreativen Budgetpolitik.

Die Gegner eines Türkei-Beitritts in der EU sind geschwächt

Geschwächt aber sind auch die Gegner eines Türkei-Beitritts. Nach seiner Wahlniederlage agiert Österreichs Kanzler Wolfgang Schüssel in einem Machtvakuum, das ihm den Atem für alles andere als seine Koalitionsexerzitien raubt. Und Angela Merkel warnte zwar, für die Türkei könne jetzt »eine sehr, sehr ernste Situation entstehen«. Doch zugleich musste sie von ihrem sozialdemokratischen Außenminister Frank-Walter Steinmeier oder ihrem Vizekanzler Franz Müntefering hören, die Gespräche seien »mit Bedacht und Besonnenheit« (Steinmeier) fortzusetzen. Und die skandinavischen EU-Mitglieder, in Menschenrechtsfragen stets hellhörig, streben nicht in die antitürkische Phalanx. Denn sie sind bei aller Strenge bislang für eine gründlich reformierte Türkei innerhalb der EU.

Beim Brüsseler Dezember-Gipfel der Staats- und Regierungschefs wird darum der kritische Kommissionsbericht von dieser Woche nicht dazu taugen, die Verhandlungen auf Grund laufen zu lassen. Es sei denn, die Regierung in Ankara verliert die Nerven, tut den Zynikern den größten Gefallen und wirft das Handtuch. Das wäre nicht die von Stoiber geforderte Pause, sondern das Ende der Verhandlungen. Ganz im Sinne der derzeitigen Umfragen.

Zum Thema
Fortschrittsbericht der EU - CDU und SPD ziehen unterschiedliche Konsequenzen aus dem Bericht »

Europa hadert mit der Türkei - und die sucht sich neue Freunde im Osten »

EU-Präsidentschaft Berlin möchte eine neue europäische Ostpolitik anregen. »

 
Leser-Kommentare
  1. Die Türkei lehnt nicht kategorisch ab, ihre Häfen und Flughäfen den griechisch-zyprischen Schiffe und Flugzeuge zu öffnen. Türkei will dies tun, aber gleichzeitig verlangt sie von der EU die wirtschaftliche Isolation gegen Nord-Zypern aufzuheben. Diese Aufforderung ist nicht aus der Luft ergriffen; Europäischer Rat hat bereits am 26.04.2004 beschlossen die Isolation von Nord-Zypern aufzuheben, nachdem im April 2004 die Inseltürken den Kompromissplan des UN Generalsekretärs Annan zur Wiedervereinigung der Insel angenommen und die Zyperngriechen abgelehnt hatten. Sehr oft wird dieser Zusammenhang sowohl von den europäischen Politikern als auch von der Presse unter den Tisch gekehrt. Auch wird gern darauf hingewiesen, dass die Zyperngriechen nun mal in EU sitzen und eben alles blockieren. Gerade diese Argumentation ist aber nicht überzeugend, wenn man sich beispielsweise an den erfolgreichen EU Druck an Österreich erinnert, als dort Jörg Heider an der Regierung teilnehmen wollte. Folglich, wenn politische Wille in der EU da wäre, gäbe es auch einen Weg um die Inselgriechen, die sich zur Zeit komfortabel an die EU angelehnt haben, dazu zu bewegen, dass sie mehr Kompromissbereitschaft zeigen..

    Mit jeder (großen oder kleinen) Gelegenheit wird der Türkei vorgeworfen, sich „nicht europäisch“ zu verhalten. In manchen Sachen aber benehmen sich die Europäer ganz im Widerspruch zu ihren Grundsätzen, in dem sie sich nur an den Teil der Beschlüsse erinnern, die ihnen in den Kram passt… Eben „europäisch“ ?... Aus diesem Grunde stellen sich in der Türkei immer mehr Bürger die Frage, ob die EU Ambitionen der Türkei sich zunehmend zu einem einseitigen „Geben aber dafür nichts bekommen - Geschäft“ entartet. Man hatte sich dort eine ganz andere Partnerschaft mit der EU vorgestellt, nämlich eine ausgeglichene, faire und ehrliche, die leider zurzeit nicht erkennbar ist..

  2. 2. "Kadi"

    hat dafür in den deutschen Sprachschatz Aufnahme gefunden und dient allgemein als Synonym für "Richter" oder "Gericht" - "jemanden vor den Kadi bringen" heißt also nichts anderes als: jemanden vor Gericht / vor den Richter bringen.

  3. Tut mir leid aber was wir als tuerkische Kultur in Deutschland beobachten koennen ist das was viele Leute gegen eine tuerkische Mitgliedschaft in der EU beeinflusst.

    • EROL
    • 09.11.2006 um 23:05 Uhr

    Manche sehen was sie sehen möchten und verpassen einen grossen Teil der Wirklichkeit. Engstirnigkeit bringt einen nicht aus dem Schachtel der Vorurteile. Aber das ist das Bild von mnachen Menschen hierzulande.

    Das ist einer der Gründe warum hier ein nebeneinander statt miteinder zwischen den Deutschen und den anderen Volksgruppen herrscht. Von Lissabon bis Bangkok können Sie von den Menschen hören, dass unter allen Touristen die Deutschen die unbeliebtesten sind. Da klingt der Grieche auf Rhodos nicht anders als der Spanier auf Mallorca. Während der Türke hier verhasst ist, ist der Deutsche es überall auf der Welt. Das traurige ist, dass er es entweder noch nicht gemerkt hat oder es auszugleichen versucht oder es auf andere zu projezieren versucht. Vor ein Paar Jahren versuchte man hierzulande ausländische Akademiker mit etwas ähnlichem wie Greencard in America ins Land zu locken, scheiterte aber kläglich. Woran es lag? Tja, ein Alfredi würde wahrscheinlich behaupten; wegen Türken und die erbärmliche Figur, die er mit seinem Kommentar macht, wiederholen. Da macht es einem Türken wenig aus, wenn ein Paar NPD'ler oder feige biedermänner Ihn nicht haben wollen. Es sind genügend Menschen da mit denen Sie trotzdem auskommen. Da kann sich ein Alfredi auf den Kopf stellen es wird sich trotzdem keine Trennung einstellen die er sich so sehr wünscht. Die Türken sind hier und sie werden bleiben.

    Auch der Kümmeltürke hat sich so weit angepasst, dass er sich seiner Rechte bewusst ist und die wird er auch beanspruchen und nicht einfach sich abschieben lassen. Das wird so manche vor Wut zum kochen bringen aber es wird auf legalem Wege nichts bewirken können. Deshalb wird er auch weiterhin auf die erste Genaration der Gastarbeiter schimpfen und eine langweilige, lächerliche Figur abgeben, weil er immer noch nicht realisiert hat, dass es hier schon längst eine Generation herangewachsen ist, die sich behaupten und es mit den Deutschen in allen Hinsichten aufnehemn kann. Vielleicht weiss er es sogar schon längst aber wie oben erwähnt ignoriert er die Realität, weil es einfach schmerzen muss, zu sehen dass sogar der Türke, über den er so gerne schimpft, gar nicht dem Bild entspricht, das er von Ihm hat und am besten behalten sollte. Ein Zeit-leser kann den Artikel "die Wahrheit über den Ausländer" der vor nicht all zu langer Zeit hier erschienen ist, nicht übersehen haben. Wenn er trotzdem das Gegenteil über die Ausländer behauptet, kann nur ein, ja Sie wissen schon was ich meine, was er sein muss.

    Alles in allem meine Herren gewöhnen Sie sich daran, dass die Türkei, wenn auch erst mit 2,5 Millionen, bereits in der EG ist. Wenn Ihnen das nicht gefällt vesuchen Sie es mal mit der NPD aber vergessen Sie nicht, was es auch für Sie für Folgen haben könnte wenn Sie für die Wiederholung der Geschichte sorgen und vielleicht arbeitslos, alt, behindert werden oder plötzlich das Gegengeschlecht interessant finden würden.

    Für den Fall gebe es für Sie trotzdem einen Ausweg, nämlich die Türkei, die damals so viele, die vor der NS-Regime flüchteten, aufnahm. Wenn der Unterschied zwischen dem Türken und Ihnen in Sachen Menschlichkeit, denn ohne ihre Technologie wären manche hier gar nichts, immer noch nicht bewusst wird dann fällt mir nichts mehr ein als das Türkische Sprichwort: Sie müssen noch viele Backofen brot essen bis Sie es zu einem Menschenähnlichem Geschöpf bringen.

    Also auf zum Bäcker!

    • Bahri
    • 15.11.2006 um 10:04 Uhr
    5. EU

    Ich habe schon einmal in einem anderen Forum gesagt: Was soll denn die Türkei im sinkenden Schiff der Arroganz und Dekadenz, allgemein bekannt unter EU. Die bekommen doch nicht einmal eine Verfassung zustande und quatschen gegenüber der Türkei von notwendigen Reformen. Sorry, ich vergass, die bekommen doch etwas zustande, nämlich Richtlinien, die regeln, wieviel Sonne man sich aussetzen darf und kann. Adieu mündiger Bürger.
    Ergo sollte die Türkei besser die Politik fahren, aus dem sinkenden Schiff der EU alles "Brauchbare" zu übernehmen und im übrigen die EU sinken zu lassen.

  4. Tun sie sich und uns doch bitte einen Gefallen und toben sie sich woanders aus. Und wenn sie es nicht lassen können, dann lernen sie doch wenigstens im Groben wie man Interpunktion setzt. Ohne Punkt und Komma draufloszuschreiben, ist doch eine Zumutung für alle Leser. Bitte seien sie so freundlich und geben sie sich Mühe und fangen sie erst bei der Deutschen Sprache an, um ein guter Deutscher zu sein. Ist es nicht im Interesse aller, dass entweder die Form oder der Inhalt stimmt?

  5. Sie sprechen hier von Niveau und dass ich behaupte jetzt mal mein Landsman Erol sich auf einem hoeheren Niveau sehen wuerde. Ich verfolge Ihre Kommentare auch in anderen Beitraegen zudem Sie Ihre Meinung aeussern. Ich muss zugeben so richtig bewegendes oder sagen wir mal aufschlussreiches habe ich bis jetzt in keinen Ihrer Kommentare in keinen der Beitraege sehen bzw. lesen koennen. Was wundern Sie sich dann wenn Herr Erol mit Ihnen auf einem gewissen Niveau diskutiert der m.E. Ihrem Bildungsniveau angepasst ist. Man kann ja studiert haben, sogar einen Doktortitel besitzen, aber ob das ausreichen sollte um gebildet zu sein. Na ja.

    Ach und noch etwas in Sachen Bundeswehreinsatz vor den Kuesten von Libanon. Ich hoffe Sie sind doch nicht so naiv um zu glauben dass DE den armen Israelis dabei hilft den Hamas zu entwaffnen bzw. nicht noch weiter aufzuruesten. Wenn ich dies sagen darf, sie sollten mal weg von der Oberflaeche und ein bischen mehr tiefer in die Sachlage sich einarbeiten. Im Prinzip gilt das fuer alle Kommentare die Sie bis jetzt abgegeben haben. Alles nur oberflaechlich.

    • EROL
    • 11.11.2006 um 20:31 Uhr
    8. kb0815

    Respekt ist genau das richtige Wort. Wie wäre es mit gegenseitigem.

    Du hast für Deine Zukunft gesorgt? Dass ich nicht lache. Bekommst die Rente, zu dem die Türken mit beitragen und schimpfst über sie.

    Dich persönlich zu kennen ist auch nicht notwendig. Mit deinen Kommentaren hast du dich genau beschrieben. Ich muss niemanden zur Wahrheit, ja zur Wahrheit, zwingen. Auch wenn du und deine brüder es ignorieren bleibt die Wahrheit einfach die Wahrheit. Voher ich sie habe? Darauf habe ich doch mehrfach hingewiesen. Der Zeitartikel "die Wahrheit über Ausländer" wäre mal ein guter Anfang für dich. Vielleicht kannst du bei der Gelegenheit auch mal nachforschen was deine Ost und Russlandbrüder dich jährlich kosten.

    Es ist und bleibt die Tatsache: ohne Ausländer läuft nix, was sogar deine Politiker zugegeben haben und du musst damit leben. Insgeheim freust du dich bestimmt, dass es Sie gibt. Denn ohne Sie wären die Renten und Krankassen noch leerer.

    Basta!!!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service