Ernährung Einfach essen

Wissenschaftler und Diätgurus verwirren uns mit unzähligen Ernährungsweisheiten. Nur drei sind belegt.

Hier ruht ein Wohlstandsbürger, gestorben an falschem Essen – wer will schon diese Inschrift auf seinem Grabstein haben? Und doch prasst und völlt sich jeder Dritte von uns verfrüht unter die Erde, behaupten Epidemiologen. Bei zu viel Fett auf dem Teller, zu viel Zucker im Becher drohen Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs.

Die düsteren Botschaften kommen an: Bang überdenken wir unseren Speiseplan. Nur wie überdenken? Die Flut von Tipps ist überwältigend – und voller Widersprüche. Bringt uns wirklich das Fett ums Leben? Oder sind etwa Kohlenhydrate die wahren Killer? Erdbeeren machen schlau! Na ja, zumindest Versuchsratten. Brokkoli rette vor dem Krebstod, verkündet eine Meldung. Und Fisch halte die Arterien frei. Doch in den nächsten Studien erscheinen Gemüse und Getier plötzlich wirkungslos.

Fast wöchentlich verkündet eine Schlagzeile eine neue Wahrheit oder stürzt eine alte. Keine andere Wissenschaft ist so wechselhaft wie die vom Essen und Trinken. Die Ernährungsapostel der Fachgesellschaften predigen ihren Kanon in Form von Leitlinien und bunten Grafiken. Ketzerische Abweichler, mitunter selbst auf namhaften Lehrstühlen, halten dagegen. Hinzu kommen ganze Buchhandlungsabteilungen voller Ratgeber, die unterschiedlichste Ernährungsweisen anpreisen. Vegetarisch oder makrobiotisch, Trennkost oder Steinzeitdiät: Jede Philosophie verspricht Gesundheit und ein langes Leben.

Selbst im akademischen Establishment gehen die Meinungen drunter und drüber. Auf die simple Frage, warum Gemüse gesund sei, geben kaum zwei Forscher die gleiche Antwort: Einer hält es für eine Krebsbremse, der Nächste für einen Herzschützer. »Viele Menschen sind sich nicht darüber klar, dass die wissenschaftlichen Belege viel weniger eindeutig sind, als es die Botschaften suggerieren«, sagt Barnett Kramer von den U. S. National Institutes of Health. Noch deutlicher wird der Ernährungswissenschaftler Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim. Zu Beginn seiner Hauptvorlesung macht er seinen Studenten ein Angebot: »Wer mir am Ende der Vorlesung sagt, was gesunde Ernährung ist, bekommt einen Preis.« Die Vorlesung hat 80 Stunden. Der Preis bleibt unverliehen.

Es ist Zeit für ein Eingeständnis: Niemand weiß genau, was eine gesunde Ernährungsweise ausmacht. Und bei kaum einem Ratschlag ist die Wirksamkeit zweifelsfrei bewiesen.

Klar ist, dass die Nahrung die Grundbedürfnisse unseres Körpers decken muss. Ohne Eiweiße, bestimmte Fette, Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente und adäquate Energiezufuhr geht er zugrunde. Doch diese Gefahr ist in unseren Breiten eher hypothetisch. Zwar wird manchmal für einzelne Stoffe der Notstand ausgerufen und dann beispielsweise Jod oder Folsäure ins Speisesalz gemischt. Aber echte Mangelerscheinungen wie Skorbut oder Rachitis sind bei der hiesigen Verpflegungslage so gut wie unbekannt. Unser Leben ist nicht in Gefahr. Die Streitfrage ist: Können wir es durch den wissenschaftlich fundierten Griff ins Supermarktregal länger und angenehmer machen?

Vor vier Jahren machte sich die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen FAO auf die Suche nach der definitiven Antwort. Sie ließen den Wust wissenschaftlicher Daten von einer internationalen Expertenkommission durchkämmen – mit ernüchternd geringer Ausbeute. Der 2003 erschienene Bericht analysiert die Ernährungsempfehlungen zur Vorbeugung gegen die vier wichtigsten chronischen Leiden: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes und Osteoporose.

Von den unzähligen vermuteten Zusammenhängen befanden die Fachleute nur eine Hand voll für »überzeugend« belegt: Der Verzehr von Obst und Gemüse schützt vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ebenso eine salzarme Ernährung, die reich an ungesättigten und arm an gesättigten Fettsäuren und Transfettsäuren ist. Ältere Menschen sollten nicht vergessen, für weiterhin feste Knochen ausreichend Kalzium und Vitamin D zu sich zu nehmen. Nebenbei stießen die UN-Forscher auch auf ein Wundermittel, das allen vier Leiden gleichermaßen entgegenwirkt – aber nichts mit Ernährung zu tun hat: regelmäßige Bewegung.

Häufiger einen Salat oder Apfel, Hände weg vom Salzstreuer, lieber Fisch statt Fritten und vielleicht mal ein Glas Milch – das ist vorläufig alles, was vom Getöse bleibt. Über alles Weitere lässt sich streiten.

Wie vergänglich Ernährungsweisheiten sind, zeigt das Hin und Her ums Fett: Verzicht auf Fett galt viele Jahrzehnte als Kernstück jedes gesunden Speiseplans, und der Glaube daran hat sich tief in unser Denken eingegraben. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) denunzierte Fett noch 1999 als »Dickmacher Nummer eins« und rief mit dem Slogan »Fit mit wenig Fett« zur Jagd auf Butter und panierte Schnitzel. Stattdessen sollten Brot, Reis und Kartoffeln unsere Mägen füllen – und uns vor Fettleibigkeit, Herzinfarkt und Krebs retten.

Genau falsch, meint heute Walter Willett, Ernährungswissenschaftler an der Harvard-Universität: »Es gibt keine einzige Untersuchung, die einen langfristigen gesundheitlichen Nutzen einer fettarmen Diät belegt.« Willett ist der prominenteste Verfechter der Gegenlehre, die im wissenschaftlich verordneten Fettverzicht sogar eine Ursache des grassierenden Übergewichts erkennt. Die Fettphobie rührt seiner Meinung nach von einem Trugschluss her: Weil sich koronare Herzkrankheiten in den westlichen Industrieländern mit ihrer fettreichen Kost häufen, habe man Fett rundweg verteufelt. Die wahren Schuldigen seien aber nur ganz bestimmte Fette, so genannte gesättigte Fettsäuren – während ungesättigte Fettsäuren aus Fisch und pflanzlichen Ölen Gefäßkrankheiten sogar vorbeugen. Noch schädlicher sind so genannte Transfettsäuren. Wer seiner Gesundheit zuliebe Margarine statt Butter aufs Brot schmiert, sollte umdenken. Denn in gehärteten Pflanzenfetten stecken besonders viele Transfettsäuren.

Wer brav den Verlautbarungen der DGE folgt, generell auf Fett verzichtet und seinen Hunger mit kohlenhydrathaltiger Kost stillt, der begeht laut Willett einen noch fataleren Fehler. Die vermeintlichen Schlankmacher fachen den Esstrieb erst so richtig an, warnt er. Kohlenhydrate werden im Magen rasch zerlegt und erhöhen den Blutzuckerspiegel. Daraufhin schüttet der Körper Insulin aus, das den Blutzucker unter sein Ausgangsniveau sacken lässt und damit noch gierigeren Hunger weckt – so jedenfalls stellt Willett es sich vor. Allerdings sind längst nicht alle seiner Fachkollegen davon überzeugt, dass dieses Aufschaukeln des Blutzuckerspiegels wirklich maßgeblich für Übergewicht und Diabetes mitverantwortlich ist.

Auch ohne allgemein akzeptierte Belege hat Willetts wilde These in den USA geradezu eine Kohlenhydratphobie entfacht: Der low carb - Boom hat low fat abgelöst. Wer vorher voller Gesundheitsbewusstsein Cornflakes mit Magermilch löffelte, lud sich nun Fleisch und öltriefendes Gemüse auf den Teller. Gut und Böse tauschten die Rollen. Die Hersteller von Süßbackwaren gerieten in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Der Pastaproduzent New World meldete Konkurs an – und gab ausdrücklich der low carb- Welle die Schuld.

Über Jahre hinweg haben wir die Butter immer dünner aufs Brötchen geschmiert. Und nun will man uns weismachen, der Übeltäter sei das Brötchen? Um endlich Klarheit über Fett zu schaffen, hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) vor zwei Jahren ein 14-köpfiges Expertengremium einberufen, das seither »evidenzbasierte Leitlinien« zum Fettverzehr erarbeitet. »Nachdem jahrzehntelang vor allem die Meinungen der Experten verbreitet wurden, wird es jetzt erstmals Leitlinien geben, die auf einer systematisch geprüften, wissenschaftlichen Evidenz beruhen«, kündigt Kommissionsmitglied Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam an.

Endlich wissenschaftlich solide Ernährungsempfehlungen: Schön wär’s. Doch obwohl längst angekündigt, lässt die Vollendung der Leitlinien auf sich warten. Den Experten fällt es schwer, zu einem Urteil zu kommen. »Allein zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben wir Hunderte von Studien ausgewertet«, erzählt Jakob Linseisen vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, der in der Kommission für diesen Bereich mitverantwortlich ist. »Auch wenn einzelne Studien ein scheinbar eindeutiges Ergebnis haben«, klagt er, »in der Gesamtschau aller Studien zu einem Thema ergibt sich kein so klares Bild.«

Die Ernährungsforschung hat ein grundsätzliches Problem mit ihrem Gegenstand: Essen ist so selbstverständlich, dass kaum jemand verlässlich über seine Ernährungsgewohnheiten zu berichten vermag. Das Gros der Feldforschung besteht darin, erkrankte und gesunde Menschen nach ihren Essgewohnheiten zu befragen. Die Beweiskraft solcher Fallkontrollstudien ist freilich schwach. Sie werden beispielsweise dadurch verzerrt, dass kranke Menschen, vom schlechten Gewissen geplagt, sich weitaus mehr Ernährungssünden in Erinnerung rufen als Gesunde.

Als beweiskräftiger gelten daher Studien, die nur Gesunde über ihre Ernährung befragen und dann über längere Zeit hinweg beobachten, wer erkrankt und wer nicht. Leider sind solche prospektiven Kohortenstudien weitaus teurer, daher seltener – und sie bleiben anfällig für Fehler. Die Teilnehmer bekommen oft Fragebögen mit über hundert Einzelfragen. Wer will bei Punkt 87 noch ausführlich darüber sinnieren, wie viel Stücke Brot er durchschnittlich am Tag verzehrt?

Ohnehin kann passiv beobachtende Forschung nicht mehr feststellen, als dass gewisse Phänomene gemeinsam auftreten – was noch kein Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang ist. Menschen, die sich gesund ernähren, bewegen sich meist mehr, rauchen weniger und haben eine höhere Bildung – alles Faktoren, die die Gesundheit beeinflussen. Solche Störeffekte rechnen Forscher mit komplizierten Methoden heraus. Erfolg ist ihnen nicht immer garantiert.

Letztlich sagen Beobachtungsstudien nur etwas über Menschen aus, die sich freiwillig auf eine bestimmte Weise ernähren. Wenn andere ihnen widerwillig folgen, muss nicht unbedingt der Effekt derselbe sein. Ist jemand, der auf wissenschaftlichen Rat hin das ihm verhasste Gemüse vertilgt, danach genauso gesund wie einer, der es mit Genuss tut? Den Beweis könnte nur eine Studie liefern, die eine große Anzahl von Menschen zu einer geänderten Ernährung bringt und über Jahre hinweg mit einer naturbelassenen Kontrollgruppe vergleicht. Solche Interventionsstudien sind der Idealfall der ernährungswissenschaftlichen Empirie – aber praktisch kaum durchführbar. Deshalb nehmen Ernährungsforscher meist mit Behelfslösungen vorlieb: etwa indem sie Menschen nur für kurze Zeit genau definierte Nahrung verabreichen und dann Veränderungen von »Biomarkern« wie Blutfettwerten messen – oder gleich ganz auf Versuche an Tieren und Zellkulturen ausweichen.

Den so mühselig erarbeiteten Entwurf der neuen Fett-Leitlinien hat die DGE im Frühsommer dieses Jahres zur allgemeinen Begutachtung ins Internet gestellt – und damit den nächsten Streit ausgelöst. Umgehend legte sich der Starnberger Ernährungsquerdenker und Publizist Nicolai Worm mit den DGE-Autoritäten an, und zwar über die Frage, ob es wirklich das Fett sei, das uns fett macht. Ja, beharren die Experten der DGE auf der alten Lehre und wollen krankhaft Dicke mit fettarmer Kost abspecken. Nein, widerspricht Worm und warf ihnen in einem Brief vor, »die Datenlage unzureichend erfasst, Studien einseitig selektiert, zum Teil im Ergebnis verfälschend dargestellt oder einseitig interpretiert« zu haben.

Im Gegenzug zitiert Worm einen ganzen Stapel von Untersuchungen, die keinen Zusammenhang zwischen Übergewicht und Fett auf dem Teller nachweisen konnten – oder in denen sich Menschen mit hohem Fettkonsum gar als die Schlankeren erwiesen. Folglich stellt Worm die traditionelle »Ernährungspyramide« komplett auf den Kopf: Er rationiert uns Getreide und Kartoffeln, die laut den alten Empfehlungen das Fundament jeder gesunden Ernährung bildeten. Dafür gestattet er uns reichlich hochwertige Öle: aus Oliven, Fisch, Disteln, Nüssen und Kernen.

Zu Worms eigener Überraschung ist die DGE auf seine Kritik eingegangen. Die entsprechenden Kapitel seien gründlich umgeschrieben worden, teilten ihm zwei der DGE-Autoren vor einigen Wochen mit. Die deutsche Öffentlichkeit indes wartet weiter auf die aktualisierten Fett-Tipps.

Während in Sachen Fett die Fachmeinungen zusammenrücken, gehen sie beim nächsten großen Ernährungsthema auseinander: Ballaststoffen wurde bis vor kurzem eine wichtige Schutzwirkung gegen Darmkrebs zugesprochen. Nun jedoch haben Harvard-Forscher 13 einschlägige Studien genauer analysiert – und plötzlich nichts mehr von dieser Wirkung gesehen. Der scheinbare Effekt verschwand, als sie den möglichen Einfluss von rotem Fleisch, Folsäure und Kalorienmenge konsequent herausrechneten.

Das einst feste Ballaststoff-Dogma wankt – und allgemein der Glaube, man könne durch die richtige Ernährung Krebs verhindern. »Den großen Effekt, den wir in den neunziger Jahren gesehen haben, sehen wir zum Beispiel bei Obst und Gemüse heute nicht mehr«, räumt auch Heiner Boeing vom DIfE ein – und das, obwohl er kürzlich an einer europaweiten Studie mit ballaststofffreundlichem Ergebnis beteiligt war.

Selbst die größte Interventionsstudie, die je unternommen wurde, um den Einfluss von Ernährung auf Gesundheit zu erforschen, stiftet mehr Verunsicherung als Klarheit. 49.000 amerikanische Frauen jenseits der Menopause wurden nach dem Zufallsprinzip entweder aufgefordert, sich besonders fettarm und mit viel Obst und Gemüse zu ernähren oder wie gewohnt. Acht Jahre lang lief die Women’s Health Initiative der USGesundheitsbehörde – und am Ende war die Verblüffung groß: Keiner der untersuchten Effekte, ob auf Krebs oder Herzinfarkt, war groß genug, um statistisch aussagekräftig zu sein.

Wenn also überhaupt kein Gesundheitseffekt eines bedachten Speiseplans mehr erkennbar ist: Dürfen wir nun, befreit von den Zügeln der Wissenschaft, munter drauflosfuttern? Besser nicht. Denn ein Mangel an Beweisen beweist noch lange nicht das Gegenteil. So zeigten sich während der Women’s Health Initiative die prinzipiellen Grenzen von Interventionsstudien: Kaum ein Proband findet sich bereit, sich von der Wissenschaft in seinen Speiseplan reden zu lassen. Die Frauen in der Kontrollgruppe hatten im Durchschnitt täglich knapp vier Portionen Obst und Gemüse gegessen, die zu Pflanzenkost ermunterten Probandinnen hatten gerade mal knapp eine Portion mehr verputzt. Gut möglich, dass diese Steigerung zu klein war, um einen messbaren Unterschied zu bewirken.

Noch verschärft wird das Glaubwürdigkeitsdefizit der Ernährungsforschung durch den Einfluss der Industrie. Als US-Wissenschaftler vor sechs Jahren nachwiesen, dass Kakaogenuss die Verklumpung des Blutes verlangsamt, wurde vielfach gemeldet, Schokolade sei gesund, sie schütze vor Herzerkrankungen. Dabei hatten die Probanden gar keine Schokolade gegessen – sondern eben Kakao getrunken. Schon gar nicht hatten sie sich die Zucker- und Fettriegel des Studiensponsors Mars einverleibt, in denen Kakao nur eine Nebenrolle spielt.

Wenn sich heute zumindest Teile der Ernährungsforschung am Rand des wissenschaftlich Seriösen abspielen, dann könnten sie diese Grenze demnächst endgültig überschreiten – auf Druck der Politik: Im Januar 2007 wird es EU-weit Gesetz, dass Lebensmittelhersteller ihre Werbeaussagen wissenschaftlich belegen müssen, wenn sie darin heilsame Effekte behaupten. Die Idee der Gesetzgeber ist, die Verbraucher vor falschen Versprechungen zu bewahren. Die gute Absicht birgt aber auch die Gefahr, dass sich Wissenschaftler zu Handlangern der Auftraggeber machen lassen: wenn eine Studie davon motiviert ist, auf Teufel komm raus die Heilsversprechen auf der Produktpackung zu verifizieren.

Will die Ernährungsforschung künftig mehr produzieren als den nächsten Diäthype, dann braucht sie eine Pause zur Besinnung. »Wir müssen unsere Konzepte auf einer systematisch erfassten Datenlage aufbauen«, fordert DIfE-Forscher Boeing – eigentlich eine naturwissenschaftliche Selbstverständlichkeit. Nur ausgenüchterte Ernährungsforschung hätte Chancen, vielleicht doch noch ein klares Wirkgefüge zwischen Nahrung und Krankheitsrisiko zu erkennen.

Die ratlose Zwischenzeit dürfen auch die strengsten Gesundesser zum Genießen nutzen – und jeder Schlagzeile, die ihnen mit Zahlen und Vorschriften ins Essen pfuschen will, getrost mit Skepsis begegnen. Drei Sätze reichen Ursel Wahrburg von der Fachhochschule Münster, um die zeitlosen Wahrheiten gesunder Ernährung zu formulieren: »Esst weniger. Bewegt euch mehr. Und esst reichlich Obst und Gemüse.« Damit lassen sich keine Diätbücher verkaufen. Im Gegenteil, es macht die meisten davon überflüssig.

Zum Thema
Nutrigenomik - Welches Essen wir am besten verdauen, bestimmen unsere Gene »

Functional Food - Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé predigt Wellness, profitiert aber von Dickmachern »

Länger leben mit Tomaten, Brokkoli und Spinat? Funktioniert leider nicht »

Du bist, was du gegessen hast - Das Weblog zur Ernährung »

 
Leser-Kommentare
  1. Weiß irgendjemand, ob und ggf. wo die zitierte Studie der FAO verfügbar ist? Auf den Seiten der UN konnte ich sie leider nicht finden. Vielen Dank!

    • wpaul
    • 12.11.2006 um 21:00 Uhr

    Einer der besten Ernärungs-Artikel den ich seit langem gelesen habe!
    Trotzdem ist nicht Ratlosigkeit angesagt. Das Thema ist komplex, interdisziplinär. Ärzte sind keine Ernährungsforscher, kennen sich aber mit Krankheiten besser aus und umgekehrt, einer plappert aus dem fremden Bereich einfach nach etc.
    Es gibt nach wie vor das unverückbare Basiswissen, dass ein Übermass an Kalorieren zur Zunahme führt und zur Verkürzung der Lebenserwartung.
    1)Der Megatrend ist aber durchaus erkennbar, die alten Ernährungs-Richtlinien waren nicht wissenschaftlich in Bezug auf die Empfehlung der "gesunden Kohlenhydrate", dies ist ganz besonders zutreffend für die "Sondersituation" der Übergewichtigen, die abnehmen möchten ("leere Kalorien").
    2)Eine weitere nicht haltbare Empfehlungsposition ist die Warnung vor zu viel Eiweiss, ein vermuteter Schaden ist niemals belegt worden, wiederum besonders wichtig für die Abnehmewilligen
    3) und ich sage die Schleifung einer 3. noch von ihnen vertretene "Festung" zur generellen Warnung vor simplem Kochsalzverzehr gerade für Vegetarier voraus, die wirklich nur für bestimmte Herzkreislauferkrankungen ihre Berechtigung hat, aber in ihrer Veralgemeinerung, besonders in höherem Alter bei Einschränkung der Nierenfunktion viel mehr Schaden als Nutzen verursacht. Die riesigen Trinkmengen, die ja gelegentlich gefordert werden, deuten an dass hier ein Salzmangel Problem eine Rolle spielt.
    Salve

    • iDog
    • 19.11.2006 um 22:55 Uhr

    ich habe nicht den eindruck, dass es in diesem artikel um gesunde ernaehrung geht, sondern um gewohnheit, moden, konsumratlosigkeit, verquastes spezialistentum, pseudowissenschaft und volksverdummung. ein thema, das es bestimmt wert ist behandelt zu werden, aber wenn man es schon anhand der beispielhaften frage nach der gesunden ernaehrung behandelt, sollte vielleicht nicht nur die verwirrung , richtungslosigkeit und ahnungslosigkeit beschrieben werden. es gibt doch jenseits aller "wissenschaftlichen prophezeiungen" auch tatsachen, die jedem klar denkenden mitbuerger bekannt sind. es wird in der tat auf den zusammenhang zwischen bildung und nahrung hingewiesen, aber ist es nicht erstaunlich, dass hier zum thema gesunde ernaehrung in den kommentaren die worte "bio" und "naturbelassen" nur je einmal erwaenht werden ?
    noch erstaunlicher die frage des artikels selber "was man sich denn im supermarkt in den wagen laden solle", um gesund zu essen - dort kein wort von biologisch angebauter nahrung.
    die frage schien rethorisch gemeint zu sein = antwort obsolet ? ... um die allgemeine ratlosigkeit zu pointieren ? ... vielleicht auch ironisch.
    hier meine bescheidene antwort: am besten gar nichts in den wagen laden. 85 % der angebotenen waren gehoeren eigentlich auf den sondermuell. der eventuelle rest (zB. wasser, milchwaren, getreideprodukte ) ist mit vorsicht zu geniessen und in manchen regionen leider niergendwo anders zu bekommen.
    wenn hier also so schoen ueber fett oder balast, fisch oder fleisch, zucker oder salz ... obst oder gemuese gemutmaßt wird fehlt mir einfach die etwas radikalere unterscheidung zwischen zb fisch und fisch oder obst und obst : das ist lange nicht das selbe. wie auch schon der kommentar von "kaizendesign" anregte, sollte man immer die naturbelassene nahrung vorziehen - am besten in den garten gehen und die aepfel vom baum runteressen. das wir da vorher kein gift draufgeben versteht sich eigentlich von selbst, oder?. tiefkuehlpizza - labberbrot -zuckersuppe = bllläääää.
    stimmt: wenn man ueberhaupt irgendwas ganz vermeiden sollte dann weissen zucker und weissmehl - hier ist der naehrwert gleich null und schlechte zaehne gibts gratis dazu - rafffffiniert eben - junkfood heisst nicht umsonst so.
    bioladen und biobauer ist mit sicherheit die beste wahl fuer gesunde ernaehrung , wenn man nicht selbst die moeglichkeit hat etwas zu ergaertnern - obwohl schon auf dem balkon einiges geht - und was man dann isst wird individuell zur reinen geschmacksache - gesuender ist es allemal - aber fuer uns alle zusammen wird es zur ueberlebensfrage. wir koennen uns nicht mehr lange von den ethisch ruecksichtslosen foodmultis gaengeln, entwuerdigen und zum konsumentenvieh erniederigen lassen, indem uns ueber konsumentenprofile in einer feedbackschleife profitoptimierte angebotsreduzierung die wahl der lebensmittel immer weiter einengt. Hier droht die 100%ige abhaengigkeit. klar zu erkennen, wenn man aufmerksam verfolgt welche grossfirmen welche kleineren branchen schlucken. wie schon in einem anderen kommentar von mir bemerkt , geht es insgesamt um verantwortungsbewustes konsumieren, hier im speziellen um selbsbewustes "verzehren" von bewust naturbelassener nahrung ... schmeckt auch besser und kann sich jetzt schon fast jeder leisten, wenn er isst, um satt zu werden ( besser eine vollkornstulle als 5 wasserbroetchen) und ganz bestimmt alle zusammen, wenn die gesamte nahrung nur noch biologisch angebaut werden wird. der trend geht jedenfalls dahin aber leider kommt ja die einsicht immer erst wenn die katastrophe schon da ist.
    weitere moegliche anmerkungen zum thema gesunde ernaehrung sind legion.
    ich moechte sie hier nicht weiter mit unbequemen wahrheiten auf die zeit halten... bis auf einen allerletzten biss : gut kauen bitte.

  2. Die Aussage, dass die naturbelassenen pflanzlichen Öle und Fischfette z.T. nicht auf das Gefäßsystem schlagen ist mir eigentlich das Interessante an diesem Artikel, aber dies ist ja wohl nun auch schon reichlich bekannt.

    Dass die opportunistischen Studien eben selbst in den Giften noch das Gute finden, gehört gepredigt. An Paracelsus sei erinnert ... alles ist Gift nur die Menge macht das Gift zum Gift.

    Dieser globale Forschungsansatz zur Quantitativen Verteilung der Grundnahrungsmittel und seine Aussage, da gäbe es keine gesundheitsrelevanten Hinweise, ist mir kontraproduktiv ... indem man daraus den Schluß zieht, laßt es euch munter schmecken. Er besagt doch im Grunde auch, dass die Probleme anderswo zu suchen sind. Der Teufel steckt ja vielmehr oftmals in den Details. Ich kann mich zum Beispiel an eine Studie zu dem naturbelassenen Sonnenblumenöl erinnern, die die Aussage machte, dieses erhöhe bei Frauen das Brustkrebsrisiko. Zu mehr Fischverzehr zu raten ist ja eigentlich auf Grund der Schwermetallbelastung auch nicht ohne Einschränkung möglich. Zum reichlichen Verzehr von Gemüse gehört eigentlich auch die Warnung vor der damit verbundenen erhöhten Nitratbelastung ... insbesondere im Wintergemüse. Dass meine Lipome bei Verzehr von Hefeextrakthaltigen Nahrungsmitteln ganz munter proliferieren sei hier nebenbei auch mal unter das Volk gestreut. Solche konkreten Negativanzeigen kann sich aber vermutlich kaum ein Massenmedium mehr erlauben.

    In den immer raffinierteren Optimierungsmethoden bei der Lebensmittelherstellung, von der genetischen Aufrüstung, Medikation und Pflanzenschutz, über den Tierzuchtbetrieb, den Anbau, die Verarbeitung bis zur geschmacklichen Aufwertung und zur Haltbarkeitsverlängerung, sehe ich die eigentlichen zu beobachtenden Problemzonen.

    Ausserdem finde ich vergleichende epidemiologische Ernährungsstudien böten doch interessantere Ergebnisse als die künstlich Kohortenbildung im selben Kulturkreis. Auch die ethischen und psychologischen Aspekte der Nahrungsauswahl sind mir eigentlich höher zu bewerten als der Fokus auf ein Prozent weniger oder mehr unserer Zivilisationskrankheiten. Ich erinnere an die Ökodiät und provoziere immer noch ... du bist mir so zu sagen das Schwein und das Zuchthauswesen das du isst.

    Nicht zu vergessen, eine jahrtausende alte Ernährungsrichtlinie ist das Fasten; dazu gibt es auch sehr Interessantes zu sagen.

  3. Die Menschen sind doch sehr leichtgläubig. Es braucht lediglich einen Hinweis auf eine wissenschaftliche Untersuchung oder auf einen "Experten" damit ein Großteil der Menschen eine Behauptung als bewiesene Tatsache einstuft. Dass wird dann natürlich ausgenutzt um wirtschafliche Ziele zu verfolgen - und nicht nur im Bereich der Ernährung.

  4. Im Grunde ist es gar nicht so schwer:
    Auf die Waage achten und weniger Kalorien zuführen, sprich weniger essen wenn sie zuviel anzeigt. Dazu regelmässig Bewegung (erfordert zuweilen Selbstdisziplin, kann aber auch Spass machen !), wobei man nicht für Olympia trainieren muss.
    Ansonsten gehört zum Essen auch der Genuss, der ist ausdrücklich erlaubt.

    Und nicht so leichtgläubig allen "Experten" auf den Leim gehen, deren Schmuck mit Doktor- und Professorentitel oftmals Expertise mehr vorgaukelt als garantiert.

    • ASRA
    • 12.11.2006 um 19:20 Uhr

    Mein kleiner Neffe ist, als er noch nicht laufen konnte, immer zum Kohlenkasten gekrabbelt und hat seinen schwarzen Finger abgeleckt, wenn er Durchfall hatte. Kohletabletten brauchte er nicht.
    Aus all Ihren Artikeln wird deutlich, wie verflochten die "Wissenschaft" mit der Wirtschaft ist. Dazu passt, dass sich auch unter Ihren Beiträgen kein einziger findet, der etwas weiß vom grundsätzlich anderen Ansatz der traditionellen chinesischen Ernährungslehre. Deren Erfahrungswerte aus über tausendjährigen "Versuchsreihen" immer wieder von westlicher "Wissenschaft" bestätigt werden.
    Für den chinesischen Ernährungsberater muss ich über mehrere Tage aufschreiben, was ich zu mir nehme. Alles, Nahrung, Getränke, Alles. Er bekommt dadurch ein Profil meiner Vorlieben und Bedürfnisse (die sich je nach gesundheitlichem Zustand/jahreszeitlich/ etc. ändern können). Wir finden gemeinsam heraus, welche Nahrungsmittel ich warum esse: Dass es vielleicht Hunger auf Salz ist, wenn ich abends immer Heißhunger auf Salami habe oder dass ich Energie und Wärme brauche, wenn ich mittags lieber Pommes frites esse als Salat, obwohl ich anschließend immer furchtbar müde werde. Er schlägt mir dann Alternativen vor, die auf meinen individuellen Bedarf eingehen und dabei die unerwünschten Nebenwirkungen vermeiden.
    Bananen: Gesund, Obst, Vitamine = also immer "gesund"? Die chinesische Ernährunglehre weiß, dass sie den Körper auskühlen, im Winter und bei Erkältung also überhaupt nicht "gesund" sind.
    Was mich überzeugt hat an der chinesischen Ernährungslehre ist, dass es so einfach ist: Hör auf deinen Körper, werde aufmerksam dafür, was dir gut tut und was dir schadet. Und dass das, was "gesund" für mich ist, mir auch schmeckt. Dass ich darauf vertrauen kann.
    ASRA

  5. Auch wenn ich es selber wissenschaftlich nicht beweisen kann, habe ich eine einfache, ketzerische These, die den vielen PR-Strategen der Industrie, welche auch die Ernährungsforschung finanziert, wahrscheinlich nicht so gut schmeckt: Nämlich möglichst naturbelassene Nahrungsmittel einkaufen und selber verarbeiten.

    Je mehr die Nahrungsmittel industriell verarbeitet sind und daher einfacher für die Zubereitung, desto geringer ist deren eigentlicher Nährwert. Zusätzlich kommen immer mehr Farb-, Geschmacks- und Konservierungsstoffe in das Essen.

    Außerdem wird "Diätnahrung" mit Sacharin und Aspartam versetzt und jedes dünne Tütenfutter mit Glutamat erst schmackhaft gemacht. Der Joghurt wird immer politisch korrekter, weil keine einzige Erdbeere mehr dafür sterben mußte und vielleicht bald auch keine Kuh mehr dafür ihre Milch lassen muß.

    Irgendwoher muß es ja kommen, daß in den letzten zwanzig Jahren immer mehr Kinder Fettleibig werden. Liegt es vielleicht daran, daß das Essen immer künstlicher wird und vor allem unsere Kleinen derart konditioniert werden, daß nichts mehr ohne Aromastoffen (werden diese nicht durch Schimmelpilze und Fäulnisbakterien hergestellt) schmeckt?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service