Hier ruht ein Wohlstandsbürger, gestorben an falschem Essen – wer will schon diese Inschrift auf seinem Grabstein haben? Und doch prasst und völlt sich jeder Dritte von uns verfrüht unter die Erde, behaupten Epidemiologen. Bei zu viel Fett auf dem Teller, zu viel Zucker im Becher drohen Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs. Fisch ist eines der derzeitigen Lieblingsempfehlungen der Diätmode-Macher BILD

Die düsteren Botschaften kommen an: Bang überdenken wir unseren Speiseplan. Nur wie überdenken? Die Flut von Tipps ist überwältigend – und voller Widersprüche. Bringt uns wirklich das Fett ums Leben? Oder sind etwa Kohlenhydrate die wahren Killer? Erdbeeren machen schlau! Na ja, zumindest Versuchsratten. Brokkoli rette vor dem Krebstod, verkündet eine Meldung. Und Fisch halte die Arterien frei. Doch in den nächsten Studien erscheinen Gemüse und Getier plötzlich wirkungslos.

Fast wöchentlich verkündet eine Schlagzeile eine neue Wahrheit oder stürzt eine alte. Keine andere Wissenschaft ist so wechselhaft wie die vom Essen und Trinken. Die Ernährungsapostel der Fachgesellschaften predigen ihren Kanon in Form von Leitlinien und bunten Grafiken. Ketzerische Abweichler, mitunter selbst auf namhaften Lehrstühlen, halten dagegen. Hinzu kommen ganze Buchhandlungsabteilungen voller Ratgeber, die unterschiedlichste Ernährungsweisen anpreisen. Vegetarisch oder makrobiotisch, Trennkost oder Steinzeitdiät: Jede Philosophie verspricht Gesundheit und ein langes Leben.

Selbst im akademischen Establishment gehen die Meinungen drunter und drüber. Auf die simple Frage, warum Gemüse gesund sei, geben kaum zwei Forscher die gleiche Antwort: Einer hält es für eine Krebsbremse, der Nächste für einen Herzschützer. »Viele Menschen sind sich nicht darüber klar, dass die wissenschaftlichen Belege viel weniger eindeutig sind, als es die Botschaften suggerieren«, sagt Barnett Kramer von den U. S. National Institutes of Health. Noch deutlicher wird der Ernährungswissenschaftler Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim. Zu Beginn seiner Hauptvorlesung macht er seinen Studenten ein Angebot: »Wer mir am Ende der Vorlesung sagt, was gesunde Ernährung ist, bekommt einen Preis.« Die Vorlesung hat 80 Stunden. Der Preis bleibt unverliehen.

Es ist Zeit für ein Eingeständnis: Niemand weiß genau, was eine gesunde Ernährungsweise ausmacht. Und bei kaum einem Ratschlag ist die Wirksamkeit zweifelsfrei bewiesen.

Klar ist, dass die Nahrung die Grundbedürfnisse unseres Körpers decken muss. Ohne Eiweiße, bestimmte Fette, Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente und adäquate Energiezufuhr geht er zugrunde. Doch diese Gefahr ist in unseren Breiten eher hypothetisch. Zwar wird manchmal für einzelne Stoffe der Notstand ausgerufen und dann beispielsweise Jod oder Folsäure ins Speisesalz gemischt. Aber echte Mangelerscheinungen wie Skorbut oder Rachitis sind bei der hiesigen Verpflegungslage so gut wie unbekannt. Unser Leben ist nicht in Gefahr. Die Streitfrage ist: Können wir es durch den wissenschaftlich fundierten Griff ins Supermarktregal länger und angenehmer machen?

Vor vier Jahren machte sich die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen FAO auf die Suche nach der definitiven Antwort. Sie ließen den Wust wissenschaftlicher Daten von einer internationalen Expertenkommission durchkämmen – mit ernüchternd geringer Ausbeute. Der 2003 erschienene Bericht analysiert die Ernährungsempfehlungen zur Vorbeugung gegen die vier wichtigsten chronischen Leiden: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes und Osteoporose.