Klimawandel Worte ohne Taten
Europa wirft beim Klimaschutz seine eigenen Grundsätze über Bord.
Die Europäische Union (EU) hat das Talent, bei wichtigen Prüfungen durchzufallen. Von Bosnien bis zur Europäischen Verfassung – die Liste des Versagens ist lang. Doch in den Augen vieler Europäer gibt es zumindest eine Ausnahme: Europas Erfolg beim Kampf für globale Maßnahmen zum Schutz des Planeten.
Als die Ratifizierung des Kyoto-Protokolls nach Präsident Bushs Ablehnung vor einigen Jahren auf der Kippe stand, rettete die EU den Vertrag. Und während sie noch Spott und Hohn über sich ergehen lassen musste, dass ihrer diplomatischen Haltung ohnehin keine Taten folgen würden, führte sie das Europäische Emissionshandelssystem ein. Es deckelt 46 Prozent aller Kohlendioxidemissionen in der EU und ist mittlerweile das Kernstück des weltweiten CO2-Handels.
Seit in der vergangenen Woche der Stern-Bericht veröffentlicht wurde, zweifelt niemand mehr an der Weitsicht der Europäer. Der Bericht ist das Ergebnis einer mehrjährigen wissenschaftlichen Untersuchung der weltweiten ökonomischen Folgen des Klimawandels. Geleitet wurde die Studie von Sir Nicholas Stern, Leiter der Klimaschutzinitiative der britischen Regierung und ehemaliger Chefökonom der Weltbank. In ihrem Bericht kommen die Wissenschaftler nicht nur zu dem Schluss, dass der Klimawandel ein äußerst ernst zu nehmendes und drängendes Problem ist. Sie gelangen auch zu dem Ergebnis, dass die Lösung im Wesentlichen darin liegt, der Emission von Kohlenstoff einen Preis zu verpassen. Genau das ist bereits das Kernstück des Europäischen Emissionshandelssystems.
Doch der Seufzer der Erleichterung, der nach Veröffentlichung der Stern-Studie in europäischen Regierungskreisen zu vernehmen war, kommt zu früh. Denn in den vergangenen Monaten haben die Europäer klammheimlich ihre eigenen Grundsätze zum Klimaschutz über Bord geworfen. Fast alle Länder haben mittlerweile »Allokationspläne« vorgelegt, die ihren Industrieunternehmen Verpflichtungen für die Zeit zwischen 2008 und 2012 auferlegen. Diese Pläne stimmen alles andere als froh. Die europäische Industrie wird sich nämlich nur wenig oder gar nicht um die Obergrenzen scheren müssen, so hoch fallen sie aus. Die Folgen: ein sehr niedriger Kohlenstoffpreis, höhere EU-Emissionen und wenige bis gar keine Investitionen privater Unternehmen zur Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes in den Entwicklungsländern.
Die von den meisten westeuropäischen Ländern geplanten Obergrenzen für die Wirtschaft sind nicht nur zu hoch, sie bleiben obendrein hinter den Zielen des Kyoto-Protokolls zurück. Zwar könnten die Staaten ihre Verpflichtungen dennoch erfüllen, das aber nur, wenn sie anderen Ländern überschüssige Emissionsrechte abkaufen. Das allerdings hätte zur Folge, dass ein System, das eigentlich marktorientierte Anreize für den privaten Investitionssektor schaffen sollte, zu einem öffentlich finanzierten Kaufinstrument pervertieren würde: Den europäischen Finanzministern würden Rechnungen ins Haus flattern – Anreize zur Emissionsreduzierung würde das System nicht bieten.
Einige der nationalen Allokationspläne sind inakzeptabler als andere. Der Plan Deutschlands steht auf atemberaubende Weise im Widerspruch zu den erklärten nationalen Zielen. Während ein Teil der deutschen Regierung sehr ehrgeizige Ziele zur Stabilisierung des Klimas propagiert und eine 40-prozentige Reduzierung der Emissionen bis 2020 fordert, leistet der Allokationsplan derselben Regierung einem vermehrten Ausstoß von Kohlendioxid Vorschub. Spezielle Regeln bedeuten de facto sogar eine Subventionierung neuer Kohlekraftwerke; der Kohlendioxidausstoß würde auf Jahrzehnte hinaus erhöht.
Österreich hat sich offenbar stark am Beispiel Deutschlands orientiert, obwohl es noch meilenweit von seinem Kyoto-Ziel entfernt ist. Bei vielen der neuen EU-Mitgliedsstaaten kommt es noch schlimmer. Die vorgesehenen massiven Emissionserhöhungen widersprechen dem früheren Trend zur raschen Umsetzung des Kyoto-Abkommens und stehen in eklatantem Widerspruch zur Grundhaltung der Europäer zum Klimaschutz.
Glücklicherweise agiert die Europäische Kommission als Kontrollinstanz für die nationalen Allokationspläne. Sie prüft, ob diese in Einklang mit den Zielen von Kyoto stehen. Einige der Experten, die an den Plänen für ihr jeweiliges Land gearbeitet haben – dann aber gegenüber den mächtigsten unter den Industrielobbyisten einknickten –, lassen bereits leise den Wunsch anklingen, die Kommission möge doch bitte ihre eigenen offiziellen Zuteilungsvorschläge ablehnen. Ein wahrlich bizarres Spektakel.
Dabei geht es nicht nur um einige hundert Millionen Tonnen Kohlendioxid und um die Architektur des Kyoto-Abkommens, an dessen Rettung die Europäer so zäh gearbeitet haben. Nein, es geht um die Glaubwürdigkeit der EU selbst. Die Europäische Kommission hat die Macht, Europa vor der Verzagtheit seiner eigenen Regierungen zu retten. Sie sollte diese Macht nutzen – und unangemessene Allokationspläne dorthin zurückschicken, woher sie kamen. Mit dem Vermerk: Durchgefallen, muss sich mehr Mühe geben.
Michael Grubb ist Gastprofessor am Imperial College in London und an der Universität Cambridge. Sigrid Weise übersetzte seinen Beitrag aus dem Englischen.
Zum Thema
Die Forschung zum Klimawandel:
Klimaforschung und -wandel; Wetter; Energietechnik und alternative Energieformen »
Die wirtschaftliche Bedeutung:
Wie kann der Klimaschutz finanziert werden? Welche Energieformen sind bezahlbar? »
- Datum 08.11.2006 - 04:53 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 09.11.2006 Nr. 46
- Kommentare 3
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Man sollte bei den Ausführungen Grubbs auch wissen, dass Grubb indirekt in Diensten der Britischen Regiereung steht. Er ist Chefökonom des Carbon Trusts, einer von der britischen Regierung gegündeten und finanzierten Beratungs-Agentur. Carbon Trust hat im vergangenen Jahr 66,4 Millionen Pfund von der britischen Regierung erhalten. Eine Kritik an der britischen Regierung ist in seinem Beitrag nirgendwo zu entdecken.
Mit der Nähe zur britischen Regierung ist wohl auch seine Symphatie für den Report von Sir Nikolaus Stern dem Leiter der Klimaschutzinitiative der britischen Regierung und ehemaliger Chefökonom der Weltbank, zu verstehen.
Für den zweiten hochrangigen Ökonomie-Experten Englands, Prof. David Henderson, einst Chefökonom der OECD, gibt es bei Grubb keine Erwähnung. Wäre auch erstaunlich gewesen. Henderson vertritt nämlich eine ganz andere Meinung als Stern und Grubb.
Und noch etwas ist am Bericht zu kritisieren: War schon die Abbildung vom Kilimandscharo als anschaulicher Beweis für die Auswirkungen der globalen Erwärmung nicht geeignet, so sind jetzt die "dunklen Wolken über Europa" genau so fehl am Platze. Was man sieht, sind Wolken von Wasserdampf.
Wasserdampf ist zwar mit 75 % das bedeutendste Klimagas überhaupt. Aber leider weiß man viel zu wenig darüber, um endgültige Aussagen über seine Auswirkungen auf das Klima zu machen und damit auf die Entwicklung des Klimas insgesamt.
Um dem Redakteur fair gegenüber zu sein: CO2 darzustellen ist wirklich nicht einfach. Es ist sowohl geruchlos wie auch unsichtbar.
mein projekt zeit-kommentare verfassen langsam beendend --- was ist wissenschaft, mit welcher vorstellung von wissenschaft wird da gearbeitet - ist das eine integre auffassung von wissenschaft ?
es ist eigentlich common sense, dass heute niemand mehr den anspruch erhebt, abschließende vokabulare zu verfassen ... und gerade das thema klima ist viel zu komplex um ein abschließendes vokabular überhaupt garantieren zu können - in der ökologie sind abschließende vokabulare zudem paradox - parameter ändern sich dauernd ... bei vielen leuten hat wissenschaft überhaupt keinen wert (feedback dazu) ...
... ist es integer, den professor als symbolisches kapital anzuführen ... mit dem übersetzer als zeremonienmeister ...
... es werden forschungsaufträge angeleiert, hinter denen interessen stehen (wie der andere kommentator bereits aufklärte) ... geliefert wird nicht das interessante an wissenschaft - transparent gemachte forschung, sondern ergebnisse (das uninteressanteste) ...
klimawandel wird auf jeden fall negativ konnotiert - es werde dürren usw geben - kümmert man sich heute oder in den letzten jahrzehnten um die dürreopfer - es gab vor über 30 jahren grausamste hungerkatastrofen ... hat das irgendwas geändert - gar nichts ... dann nun ökonomisch zu argumentieren ist taktlos im verhältnis dazu -
... klimawandel kann aber sehr gut machtgefüge durcheinander wirbeln (geografische etc.) ... sowas will man wissen - um ggf den wandel einzufrosten oder usw. ... die natur als solche wird mit dem wandel klar kommen ... jeder interpretiert sich den wandel zurecht - bspw pro akw, das würde den bösen wandel stoppen im verhältnis zu kohlekraft ... was sich nicht wandelt, ist das festkrallen an macht, der boden auf dem dabei gestanden wird, wird ggf durch den wandel bedroht ... es wird mit aller macht am hab und gut (materiell wie immateriell) gehangen ... die natur als ganzes schwebt nicht in solcher gefahr, sie hat sich immer mit den bedingungen gewandelt und sich nicht gegen wandel gestellt ... die bedrohungspolitik mit bildern und szenarien ist uninteger - propaganda(ganz einfach, das ist nicht die zukunft, sondern sogar bereits gegenwart und vergangenheit, die auf die zukunft projiziert wird als sei das nicht da und schon länger da gewesen)- zudem haben schockszenarien nie etwas gebracht ...
... diskursiv wird man gar nichts ändern können, diskursivität neigt zu allerlei rationalisierungen dazu ... diskursiv ist das, was bislang bspw seit bereits um 1970 dauernd getan wird ... wer einen castor stoppt verhält sich allerdings nicht diskursiv ... wer kernbrennstäbe erst ins kraftwerk lässt braucht sich nicht wundern, könnte man sagen ... die mehrheit will keine kernkraft ... sie darf nicht direkt abstimmen ... der ausstieg wurde beschlossen, ohne wissenschaft ... der klimawandel dient zur begründung den ausstieg wieder zu kassieren ... der ausstieg war der versuch, ein abschließendes vokabular zu setzen ... und diskursiv somit ...
... nicht-diskursive wege sind ansatzlos ... in einer diskursgesellschaft wenig machbar ... zudem ist die gesellschaft heterogen ... nicht-diskursive ansätze wären in homogenen gesellschaften hegemonial, was sie in heterogenen gesellschaften nur schwer wären ... weil das so ist verkaufen sich zeitungen bspw sehr gut ... große änderungen aber finden nicht statt ... die kunst ist, dass die doch stattfinden ohne dass irgendwelche mehrheiten etwas dagegen haben ... diskursiv wäre dabei eher sehr schwierig ...
worte ohne taten heißt der artiekl - die worte nennt man diskursives vorgehen ... abschließende vokabulare gelten heute längst als unrealistisch (es sei denn ein diktator sagt basta manche wollen sowas ja) ...
im nicht-diskursiven fallen nicht-diskursives und taten zusammen, ansatzlos ... wie kleists bär
mit freundlichen grüßen
Man sollte bei den Ausführungen Grubbs auch wissen, dass Grubb indirekt in Diensten der Britischen Regiereung steht. Er ist Chefökonom des Carbon Trusts, einer von der britischen Regierung gegündeten und finanzierten Beratungs-Agentur. Carbon Trust hat im vergangenen Jahr 66,4 Millionen Pfund von der britischen Regierung erhalten. Eine Kritik an der britischen Regierung ist in seinem Beitrag nirgendwo zu entdecken.
Mit der Nähe zur britischen Regierung ist wohl auch seine Symphatie für den Report von Sir Nikolaus Stern dem Leiter der Klimaschutzinitiative der britischen Regierung und ehemaliger Chefökonom der Weltbank, zu verstehen.
Für den zweiten hochrangigen Ökonomie-Experten Englands, Prof. David Henderson, einst Chefökonom der OECD, gibt es bei Grubb keine Erwähnung. Wäre auch erstaunlich gewesen. Henderson vertritt nämlich eine ganz andere Meinung als Stern und Grubb.
Und noch etwas ist am Bericht zu kritisieren: War schon die Abbildung vom Kilimandscharo als anschaulicher Beweis für die Auswirkungen der globalen Erwärmung nicht geeignet, so sind jetzt die "dunklen Wolken über Europa" genau so fehl am Platze. Was man sieht, sind Wolken von Wasserdampf.
Wasserdampf ist zwar mit 75 % das bedeutendste Klimagas überhaupt. Aber leider weiß man viel zu wenig darüber, um endgültige Aussagen über seine Auswirkungen auf das Klima zu machen und damit auf die Entwicklung des Klimas insgesamt.
Um dem Redakteur fair gegenüber zu sein: CO2 darzustellen ist wirklich nicht einfach. Es ist sowohl geruchlos wie auch unsichtbar.
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