Die alljährliche Gedenkfeier für Jitzhak Rabin ist der Moment, in dem wir ein wenig innehalten, uns an Rabin als Mensch und Staatsmann erinnern und den Blick auch auf uns lenken, auf die israelische Gesellschaft, ihre Führung, auf die nationale Stimmung, den Zustand des Friedensprozesses, unsere persönliche Situation innerhalb der großen, nationalen Ereignisse. Ein israelischer Junge an einem Soldatendenkmal auf dem Bental-Berg, Golanhöhen BILD

Es ist nicht leicht, diesem vergangenen Jahr ins Gesicht zu schauen.

Es war Krieg. Israel hat militärisch seine Muskeln spielen lassen, aber gerade so kamen seine Schwäche, seine Verletzlichkeit zum Vorschein. Uns wurde klar, dass militärische Stärke allein unsere Existenz langfristig nicht sichern kann. Vor allem entdeckten wir, dass Israel in fast allen Lebensbereichen viel tiefer in der Krise steckt als angenommen.

Ich frage euch, wie kann es angehen, dass ein schöpferisches und neuerungsfreudiges Volk wie unseres, ein Volk, das es immer wieder fertig bringt, sich aus dem Staub zu erheben, gerade heute, da es große militärische Stärke besitzt, so schwach und hilflos wirkt? Dass unser Volk wieder Opfer ist, diesmal jedoch ein Opfer seiner selbst, ein Opfer seiner Ängste und seiner Verzweiflung, seiner eigenen Kurzsichtigkeit?

Der letzte Krieg hat uns schmerzlich bewusst gemacht, dass dieser Tage keiner König in Israel ist. Dass unsere Führung hohl ist, die politische wie die militärische. Die wesentlichen Inhalte, mit denen Israels Führungskräfte die Hülle ihrer Politik heute füllen, sind Ängste und Einschüchterung, Machtverliebtheit und Machenschaften, Feilschen über alles, was uns lieb und teuer ist. In dieser Hinsicht sind sie keine wahren Führer, gewiss nicht von dem Schlag, den ein Volk in einer so schwierigen und verunsicherten Lage braucht. Manchmal könnte man meinen, ihr Denken, ihre historische Erinnerung, ihre Vision, alles, was ihnen wirklich wichtig ist, fülle gerade einmal den winzigen Raum zwischen zwei Schlagzeilen. Oder die Zeit zwischen zwei Ermittlungen des Generalstaatsanwalts.

Herr Ministerpräsident, ich sage diese Worte nicht aus Wut oder Rache. Mir ist weh um dieses Land und um die Dinge, die Sie und Ihre Gefährten ihm antun. Glauben Sie mir, Ihr Erfolg ist mir wichtig, denn unser aller Zukunft hängt an Ihrer Fähigkeit und Entschlossenheit, ans Werk zu gehen.

Jitzhak Rabin hat den Weg des Friedens mit den Palästinensern nicht aus besonderer Sympathie für sie oder ihren Führer eingeschlagen. Auch damals war die vorherrschende Meinung, dass wir keinen Partner unter den Palästinensern hätten und es mit ihnen nichts zu verhandeln gäbe. Rabin schritt zur Tat, weil er in weiser Einsicht erkannte, dass die israelische Gesellschaft nicht ewig in einem ungelösten Konflikt würde existieren können. Früher als viele andere merkte er, dass das Leben in einem Dauerklima der Gewalt, der Besatzung, des Terrors, der Angst und Hoffnungslosigkeit einen Preis verlangte, den Israel langfristig nicht aufbringen konnte.