Entertainer »Vor allem bin ich nicht ich«

Ein Gespräch mit Deutschlands bestem Entertainer Hape Kerkeling über seinen Weg zur Erleuchtung, die Grenzen von Satire und Leser-Reporter auf dem Herrenklo

DIE ZEIT : Herr Kerkeling, Ihr Buch über Ihre Pilgerreise auf dem Jakobsweg steht seit Monaten ganz oben in den Bestsellerlisten. Warum bloß?

Hape Kerkeling : So, jetzt könnte ich Ihnen was ganz Schlaues antworten. Kann ich aber nicht. Ich weiß es einfach nicht. Offensichtlich haben Menschen, die das Buch gelesen haben, es weiterempfohlen. Und das sind Menschen, die in einem ähnlichen Tempo laufen, ticken, denken, reden wie ich.

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ZEIT: Sie sind es gewohnt, ein Quotenkönig zu sein. Wie ist es, ein Bestsellerautor zu sein?

Kerkeling: Es fühlt sich ganz komisch an. Ich muss da noch reinwachsen. Geben Sie mir noch ein paar Stunden.

ZEIT: Ihr Buch heißt lapidar: Ich bin dann mal weg. Wie einfach war es für Sie, einfach mal weg zu sein?

Kerkeling: Das war einfach, weil ich einfach krank wurde. Ich musste mich operieren lassen, die Gallenblase wurde entfernt, und danach hatte ich noch einen Hörsturz. Da musste ich mir eine Ruhepause gönnen.

ZEIT: Und dann haben Sie sich der größten körperlichen Herausforderung Ihres Lebens gestellt?!

Kerkeling: Es stand zwar in meinem Wanderbuch: Erste Etappe sehr schwierig. Aber dass ich dann auf den Zähnen laufen würde, war mir so nicht bewusst.

ZEIT: Das Motto Ihres Buches heißt: »Der Weg stellt jedem nur eine Frage: Wer bist du?« Haben Sie eine Antwort gefunden?

Kerkeling: Ja, eine vorläufige. Ich kann das nicht in einem Satz beantworten. Vor allem bin ich nicht ich. Verstehen Sie, was ich meine? Man denkt doch immer, man ist ich. Ist man aber nicht. Das ist so ein Aufbau, den man sich macht. Ich bin weder Bestsellerautor, auch wenn das gut klingt, und auch kein Komiker. Das Ich ist eigentlich nicht wesentlich und eigentlich nicht da… Können Sie mir folgen?

ZEIT: Es geht so. Der Weg nach Santiago gilt als Erleuchtungsweg. Sind Sie jetzt erleuchtet?

Kerkeling: Wie, finden Sie, sehe ich aus? Nein, erhellt bin ich vielleicht. Die eigentliche Essenz, die ich aus dem Weg gezogen habe, ist sehr banal, aber dafür bin ich sehr weit gelaufen: dass man in jeder Sekunde seines Lebens komplett neu von vorne anfangen kann.

ZEIT: Sie bezeichnen sich selbst als »Buddhisten mit christlichem Überbau«.

Kerkeling: Ich bin Christ. Gelernt katholisch, ausgetreten. Der Buddhismus ist für mich der Schlüssel für diese Kiste, die ich bisher nicht verstanden habe. Und dieser Schlüssel passt in die Schatzkiste, und wenn ich die aufmache, kommt für mich Christentum raus. Ist verwirrend, fühlt sich aber ganz gut an.

ZEIT: Sie haben auch an einem Reinkarnationsseminar teilgenommen, bei dem herauskam, Sie seien am Ende des Zweiten Weltkriegs ein polnischer Mönch gewesen, der von den Nazis erschossen wurde. Hatten Sie schon immer einen Hang zur Esoterik?

Kerkeling: Ich bin wahnsinnig neugierig. Deshalb hat mich das interessiert. Ich schreibe ja auch, dass ich große Zweifel habe, ob mir das wirklich so passiert ist. Aber das ist natürlich keine Nachricht. Erst »Kerkeling – Mönch – tot«, das ist ’ne Mördermeldung. Ich denke, dass es mir geschadet hat, aber sei’s drum. Dem Buch hat’s genutzt. Ich will das auch gar nicht lächerlich machen. Es gibt weit über eine Milliarde Menschen auf diesem Planeten, die an die Reinkarnation glauben. Der Dalai Lama sagt, dass er von sich weiß, dass er schon mal da war. So weit würde ich nicht gehen. Ich weiß nur, dass meine Generation Probleme hat, wenn sie über den Faschismus und das »Dritte Reich« nachdenkt. Dass das im Unterbewusstsein wühlt – keine Frage. Und dann kommt das in so einer Sitzung in Bildern hoch, die tiefenpsychologisch eine andere Bedeutung haben. Das sind Zerrbilder. Ich weiß nicht, wie sie entstanden sind, aber sie waren da.

ZEIT: Sie waren auch mutig genug, sich als Zechpreller zu outen. Gehört sich das für einen guten Pilger?

Kerkeling: Bei dem Essen, was mir da vorgesetzt wurde, gehört sich das sehr wohl! Einem damals leicht behinderten, humpelnden Menschen vergammelten Tunfisch in ranzigem Öl vorzusetzen – da hab ich die Zeche gern geprellt. Ich hab’s ja gar nicht gegessen – es war also nicht mal Zechprellerei! Außerdem gibt es am Ende des Weges einen Generalablass. Ich bin ohne Sünde! Also fangen Sie nicht an, Steine zu werfen, das gehört sich nicht.

Leser-Kommentare
  1. Hape Kerkeling ist ein Mensch voller Liebe. Immer gut gelaunt, immer zuhörend und bereit auf jemanden zuzugehen. Er würde aus seiner Grundhaltung niemals jemanden vorsätzlich verletzen und hat doch genügend Haltung denjenigen, die Schwächere ausnutzen die Stirn zu bieten und sie mit Humor und Satire vorzuführen. Selbst da nimmt er den "Ertappten" nicht die Würde. Es gibt nur wenige Menschen, die mit der Gabe gesegnet sind andere zum Lachen zu bringen. In dem knallharten Geschäft des Showbusiness, in dem er als junger Mensch auch viele demütigende Erfahrungen erleiden musste, ist er eine liebenswerte, wie markante Persönlichkeit, die uns mit Witz, Herz und der Ironie der Realsatire immer wieder den Spiegel unserer Unvollkommenheit vorhält.Dafür lieben wir ihn. Danke Hape

  2. s. anhang: hätte gerne ein Bild dazu geschickt: wie schaffe ich das?
    U. sager

  3. So eifach sollte sich das auch ein Hape Kerkeling nicht machen. Was hinterlässt da ein deutscher Pilger für einen Eindruck in Spanien. Hape Kerkeling spricht und versteht die spanische Sprache. Wenn etwas nicht eßbar ist, so sollte er so viel Mann sein und reklamieren. Mit Weglaufen hat noch niemand ein Problem gelöst. Ferner hat er vorher schon ein Wasser bestellt und dieses Wasser hat er nicht bezahlt, also er ist ein Zechpreller. Narürlich gibt es in Spanien auch Lokale, wo das Esssen nicht so hervorragend ist, doch wenn es nicht geniesbar ist, dann ist es auch die Pflicht, dass man dies offen reklamiert. Glaubt Herr Kerkeling, dass durch Zechprellerei, dieser spanische Wirt seine Speisen ändert? Wohl kaum und anderen Pilgern würde so etwas nur erspart bleiben, wenn Herr Kerkeling den Mund aufgemacht hätte.

  4. Bzgl. der Zechprellerei habe ich in Spanien leider zweimal die Erfahrung gemacht, daß Reklamieren nichts bringt. Es führte dazu, daß die halbe Mannschaft geholt wurde, die für das Essen schwärmte und man dadurch jeglicher Möglichkeit "beraubt" wurde, die Zeche überhaupt noch prellen zu können. Trotz Spanischkenntnisse. Ja diesbezüglich herrschen in Spanien rauhe Sitten. Insofern würde ich bei nächsten ungenießbaren Essen in diesem Land vermutlich ähnlich handeln wir Herr Kerkeling...

    Persönlich wundert es mich nicht, daß das Buch von Herrn Kerkeling so erfolgreich ist. Wenn man im Showbusiness erstmal bekannt ist, dann verkaufen sich Printmedien auch gut. Gilt ja auch für Memoiren von Altpolitikern. Es gibt viele andere Berichte von Wanderwegen, auch von Jacobsweg oder dem Fernwanderweg E1, die nicht im Entferntesten daran anknüpfen können. Weil die Autoren einfach unbekannt sind.

    http://www.turzynski.de

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