Eltern sind immer ein Rätsel. Man kennt sie so gut wie nur wenige Menschen, und doch bleibt immer der unerklärte Rest, dieses Leben, das sie hatten, bevor sie Eltern wurden, ein Leben, das ausschließlich ihres war, in dem man selbst nicht vorkam. Eltern sind das, was bei Jim Knopf »Scheinriese« genannt wird: Personen, die von anfänglich überwältigender Größe zunehmend auf gewöhnliches Menschenmaß schrumpfen. Aber die einstige Größe, die ihnen ermöglicht hat, einen herumzutragen, zu füttern und zu erziehen, verhindert für alle Zeiten eine wirklich ausgeglichene Perspektive.

Das neue kleine Buch von Friedrich Christian Delius, Jahrgang 1943, ist ein Versuch, sich auf Augenhöhe mit der Mutter zu begeben, als sie noch keine war, sondern eine verliebte und schwangere junge Frau in Zeiten des Krieges. Im Januar 1943 wartet sie in Rom auf die Geburt ihres ersten Kindes – und auf ihren Mann, der an die nordafrikanische Front kommandiert wurde. »Laufen Sie, junge Frau, laufen Sie«, hat der Arzt ihr geraten, und das tut sie, mit kindlicher Tapferkeit, aber nur auf Wegen von einem sicheren und vertrauten Hafen zum andern. Sicher ist das evangelische Diakonissenheim, wo sie sich mit einer anderen Soldatenfrau ein Zimmer teilt, oder die Kirche der deutschen lutherischen Gemeinde.

Wir haben es hier nicht nur mit der reizvollen erzählerischen Spekulation eines längst erwachsenen Kindes über seine Mutter zu tun, sondern mit einer – nennen wir es vorsichtig: Betrachtung des deutschen Protestantismus vor dem ästhetischen und historischen Hintergrund der Stadt Rom und des Zweiten Weltkriegs. Wer sich mit den elterlichen Scheinriesen der Kriegsgeneration beschäftigt, wird deren Haltung zu Krieg und Nationalsozialismus immer miteinbeziehen müssen.

Die Glaubenslosigkeit und Liederlichkeit der Katholiken

Was es bedeuten mag, »die ganze Wartburg im Kopf durch Rom zu tragen«, lotet Delius in vielerlei Aspekten aus – und hält sich dabei streng an seine Rollenvorgabe: eine naive 21-jährige Predigerstochter aus Bad Doberan an der Ostsee mit entsprechend einseitiger Bildung, die, zum ersten Mal in ihrem Leben im Ausland und auf sich selbst gestellt, Eindrücke empfängt, die in ihrer bisherigen Welt nicht vorkamen. Ihr Mann, der Militärpfarrer in Rom war, hat ihr manch eine lutherisch sattelfeste Erklärung und kunsthistorische Erläuterung dazu gegeben. Diese und ihre eigenen beunruhigenden Fragen über Krieg und Nationalsozialismus trägt sie mit sich beim Gehen durch Rom. Aufmerksam und beeindruckt ist sie, das ja, aber durchaus misstrauisch (und nicht frei von protestantischer Selbstgefälligkeit) ob der römischen »Verschwendungspracht, Glaubenslosigkeit und Liederlichkeit«, die weiland den Mönch Luther bei seinem Rombesuch entsetzten. Weniger neugierig als nachdenklich versucht sie, manchmal mit Mühe, ihr inneres Gleichgewicht zu halten: Aufrecht, das ist auch so ein protestantisches Wort.

Die großen Choräle begleiten sie, Ein feste Burg ist unser Gott die Marschmusik, die ihren Schritten Rhythmus und Zielstrebigkeit verleiht. So wandert sie durch die Straßen Roms bis zum Pincio und zur Via Sicilia hinauf.

Die Farben und das Licht, die Fassaden und die Brunnen