Roman

Alle Russen sind gaga

Gary Shteyngart ist so böse wie Borat und lustiger als Nabokov – kein Wunder, dass die Frauen auf ihn stehen.

Es sind wirre und wunderbare Zeiten, in denen wir leben, und wenn es einen Gott gibt, der sich das alles anschaut und zu dem sie alle beten, die Christen und die Juden und die Muslime in dieser wirren, wunderbaren Welt, dann muss dieser Gott ein ziemlicher Clown sein, ein zärtlicher, zynischer Clown.

»Da, siehst du das«, ruft Gary Shteyngart und schiebt seinen Teller mit gegrilltem Hammelfleisch weg. »Das ist ja wie in Sankt Petersburg!« Draußen vor dem Restaurant schiebt sich ein weißer Jeep der Firma Hummer vorbei, eine extra lange Variante, wie sie Rapper fahren oder Oligarchen oder eben die Mittelschicht im New Yorker Stadtteil Queens, wo es koreanische Wäschereien gibt und koschere Sushi-Läden und das georgisch-jüdische Restaurant Salute mit seinen Plastiktischen und den Flaschen voll Wasser, das säuerlich riecht und schmeckt wie das Wasser aus einer Heilquelle, in der alte Leute sehr lang gebadet haben.

»Aber es passt zum Hammelfleisch«, sagt Gary Shteyngart und dreht sich noch mal kurz zu dem Tisch hinter uns um, an dem 13 Männer in braunen oder schwarzen Lederblousons sitzen und laut lachen und immer wieder die Gläser heben und noch lauter lachen. »Ich verstehe leider nur die Hälfte«, sagt Shteyngart, »aber ich bin sicher, dass du gar nicht wissen willst, mit was für Geschäften die ihr Geld machen.« Es ist früher Nachmittag, und irgendwann wanken die Männer aus dem Restaurant, sie küssen sich auf die Wange, es ist rührend, wenn sich unrasierte, grimmige Männer küssen, die eine Pistole im Halfter bei sich tragen.

»Das ist Absurdistan«, sagt Gary. Das ist Shteyngart-Land. Alles ist verwirrend hier, folgt seiner eigenen Logik, ist depressiv und hysterisch und auf eine Art schön, die ziemlich bedrohlich wirken kann. »Ich habe meine halbe Leber geopfert für die Recherchen zu dem Buch«, sagt Gary und nimmt noch einen Schluck von dem schrecklich stinkenden Wasser.

Absurdistan heißt das Buch im Original, und die New York Review of Books fühlte sich an Nabokov erinnert; S nack Daddys abenteuerliche Reise heißt es auf Deutsch, und der Titel ist so bescheuert, dass es manchen gar nicht auffallen mag: Shteyngarts verspielter Witz ist für die Literatur das, was die brutale Komik von Borat für das Kino ist.

Shteyngarts Held Mischa Veinberg ist reich, verwöhnt und sexsüchtig, er lästert über Schwule, Arme und Juden, er ist natürlich selbst ein Jude und so ein armes Schwein, dass er ruhig sein literarisches Spiel treiben darf, zum Ziel einer höheren Wahrheit in den Weiten des epischen Lachens. Er ist fett, dieser Mischa Veinberg, er ist der Sohn eines russischen Oligarchen, er verprasst sein Geld und seine Zeit in New York, er wirft ständig Tavor ein und vergnügt sich mit seiner dunkelhäutigen Freundin Rouenna und telefoniert auch dann noch stundenlang mit seinem Therapeuten, als er längst nicht mehr nach Amerika zurückdarf, schließlich hat sein Vater einen Geschäftsmann aus Oklahoma ermordet, nur um Mischa bei sich zu halten, dann wird der Vater allerdings selbst bei einem spektakulären Attentat umgebracht, und der Sohn sitzt nun im Russland von heute fest, das so grell und gewalttätig geschildert ist, dass das wohl wahrer ist als die Wirklichkeit.

Denn Shteyngart ist ein großer Satiri-ker, in dessen Händen sich die Gegenwart zu einem Gebilde verbiegt, das schillert und glänzt und rattert und rappelt wie eine Albtraummaschine für erwachsene Kinder. Er ist der multikulturelle Springteufel der amerikanischen Literatur.

Sein Geschichtenarsenal ist dabei, wie das des jüdischen Kinokomikers Cohen und seiner Figur Borat, die Brachlandschaft des untergegangenen Kommunismus, die macht- und geld- oder überhaupt geile Eliten zurückgelassen hat, eine Armut, die Hass und Gewalt und Antisemitismus befördert, und eine bizarre Amerikasehnsucht, die auch Mischa Veinberg voll erwischt hat. Auf diesem Umweg ist seine fabelhaft trunkene Farce Snack Daddys abenteuerliche Reise also auch eine Hommage an jenes Land und jene Stadt, wo Gary Shteyngart aufgenommen wurde, als er 1979 mit seinen Eltern aus Russland fortging. Da war er sieben Jahre alt und bald so dick und fett wie sein Romanheld Mischa.

»Da hat meine Großmutter gewohnt«, sagt Shteyngart, der heute eher klein ist und zarte Kinderhände hat und dunkle Haare, die am Rand schon grau werden, und der gar nicht so glühend und frauenverspeisend wirkt wie auf den Fotos, die ihm, zusammen mit dem satten Sex seiner Romane, zu einem gewissen Ruf in New Yorker Kreisen verholfen haben. »Frag ihn, ob er eine Freundin hat«, sagte meine New Yorker Bekannte Catherine, die sich beruflich und privat für alles interessiert, was mit Literatur und Erotik zu tun hat. »Mh! Er ist so sexy!«

An diesem Sommernachmittag jedenfalls trägt er sehr unsexy weiße Shorts mit blauen Streifen und ein hellblaues Hemd, der Bart ist ab, die überflüssigen Kilo sind weg, und in der Hand hat er einen kleinen Regenschirm, falls die suppige Luftfeuchtigkeit doch noch in einen kleinen Tropensturm kippen sollte. »Ich habe zurzeit eine koreanische Freundin«, sagt er und schaut so zufrieden lüstern, als ob ich wissen müsste, was das bedeutet. »Ich brauche eben eine Schickse!«

Wir sind lange gelaufen durch die Straßen von Queens, wo es mehr Nationen auf einem Haufen gibt als sonstwo auf der Welt. Jetzt stehen wir vor einem Hochhaus aus mattbraunen Steinen, Anfang der achtziger Jahre war dieser Stadtteil eher heruntergekommen, wie die ganze Stadt New York – heute wohnt hier in sauberen Straßen die Mittelklasse. Jeden Tag nach der Schule kam der kleine Shteyngart damals zu seiner Großmutter, jeden Tag wurde er stundenlang gemästet. Es war Fressen gegen die Fremde, Essen gegen die Angst. Und wenn ihnen ein Schwarzer entgegenkam, dann hielt die Großmutter den kleinen Gary noch fester bei der Hand und wechselte die Straßenseite.

Geblieben ist ihm aus dieser Zeit ein genaues Gespür dafür, welcher wundersame Schatz die eigene Biografie sein kann – und seine sehr zeitgemäße, potenziell komische und immer auch anstrengende Identität zwischen den verschiedenen Kulturen und Welten. Drinnen war immer Russland, draußen war immer die Welt, und morgen geht es wieder in die jüdische Schule.

Aus diesem Zwiespalt, aus dieser Spal-tung zieht Shteyngart die Energie für seine Geschichten. Sein erster Roman 2003 hieß Handbuch für den russischen Debütanten und erzählte von einem jungen russischen Einwanderer, der in Amerika an eine Gruppe mafiöser Landsleute gerät und mit ihnen dunkle Geschäfte in Mitteleuropa macht – der Roman war nicht zuletzt auch eine aberwitzig lustige Abrechnung mit jenem Prag, das bekiffte junge Amerikaner in den neunziger Jahren so verehrten. »Es gab wohl fast keine ethnische Gruppe, die sich von dem Buch nicht beleidigt fühlte«, sagt Shteyngart zufrieden. »Es gab damals eben viel schmutzige Wäsche zu waschen.«

Seinen Eltern zeigte er dieses Buch aber lieber nicht, und auch Snack Daddys abenteuerliche Reise ist keine Werbebroschüre für weichgewaschenen Multikulturalismus. Die »Neger oder Negretten«, schreibt Shteyngart, schienen den sowjetischen Juden, die neu nach Amerika kamen, »so fürchterlich wie Kosakenhorden, die über die Ebene stürmten. Ich dagegen verliebte mich auf den ersten Blick in das bunte Völkchen. Der Anblick der unterbeschäftigten Männer und Frauen, aufgestellt vor endlosen Reihen bröckelnder Veranden und verwahrloster Vorgärten, hatte etwas Verfluchtes, Verruchtes, geradezu Sowjetisches – wie meine sowjetischen Landsleute schienen sie ihre Niederlage zum Lebensstil erhoben zu haben.« Vor allem die Mädchen auf den Straßen Brooklyns hatten es Mischa Veinberg angetan, »so groß und dick wie Baobab-Bäume, die Brüste geformt wie perfekte Flaschenkürbisse, die sie würdevoll die Straße hinabtrugen.«

Es ist auf jeden Fall ein erotisches Paradies, aus dem Mischa Veinberg da vertrieben wurde – Rouenna betrügt ihn in New York mit dem Literaturprofessor Jerry Shteynfarb, während er sich zusammen mit seinem Diener Timofej ins ölreiche Absurdistan ans Kaspische Meer flüchtet, wo er sich die belgische Staatsbürgerschaft erkauft, aber in die Wirren eines inszenierten Bürgerkriegs gerät, bei dem die Firma Golly Burton eine Rolle spielt und das US-Militär, das sich dadurch hervortut, dass es Marmortoiletten finanziert. Es werden Demokraten erschossen, im Hotel warten die Nutten, und Mischa wirft sich auf die dralle Nana, »ihre Vagina war der Knüller, wie es in urbanen Medien gern heißt – ein kräftiger Eingeborenenmuskel mit einem Geruch nach bitteren Melonen, der absurdischen Meeresbrise und der schweißverklebten Not eines winzigen Landes, das sich in eine neue Zukunft katapultieren wollte«.

So klingt das, wenn Gary Shteyngart sich »mit schamloser Gier in die Sprache hineinfrisst«, wie die New York Review of Books schrieb; so klingt das, wenn Robin Detje sehr gut gelaunt übersetzt. Es ist das Tempo, der Sprachwitz, die Lust daran, immer einen Schritt zu weit und einen Schritt zu schnell zu gehen, es ist die intelligente Gemeinheit, die diesen Roman so unterhaltsam und klug macht. Shteyngart wirft sich mit der gleichen schamlosen Gier auf die großen Themen wie Mischa auf die großen Frauen – Korruption, Rassismus, Antisemitismus, Frauenverachtung, russischer und amerikanischer Imperialismus, menschliche Gleichgültigkeit und der Wahn der Machthaber, all das packt er, dieser zynische, zärtliche Clown, in einen Roman, der, das gibt er merkwürdig kichernd zu, vielleicht achtzig Seiten zu lang ist.

»Seien wir ehrlich«, schreibt er am Ende des Buches. »Die Sommer in New York sind weniger romantisch, als man denkt. Die Luft steht und stinkt abwechselnd nach Meer, Sauerrahm und regennassen Hunden.« An dem Tag, als wir durch Queens liefen, roch es nach dem abgestandenen Wasser osteuropäischer Heilquellen. Gary Shteyngart war ziemlich froh, als wir endlich wieder in Manhattan waren. An der Essex Street verabschiedeten wir uns, und er verschwand im Strom der Menschen.

Anzeige
Schreiben Sie den ersten Kommentar!
    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
    • Von Georg Diez
    • Datum 10.11.2006 - 03:00 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 09.11.2006 Nr. 46
    • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Literatur | Roman
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service