RomanGefühle im Nichts

Ali Smith gelingt in ihrem Roman »Die Zufällige« das verstörende Bild einer Familie am Rande der Sprache. von Thomas David

Das Erste, was Astrid erkennt, als sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt haben, sind Ambers nackte Füße. Astrid spaziert durch das Ferienhaus, das ihre Eltern in einem bescheuerten Dorf in Norfolk gemietet haben; sie umfasst die Digicam, durch die sie seit ihrem Geburtstag die Welt betrachtet, und als sie aus der schattigen Diele in eines der sonnigen vorderen Zimmer tritt, sieht sie Amber im Sucher der Kamera zuerst wie im grellen Strahl eines göttlichen Lichts.

Im Bibelkitsch von MGM oder Twentieth Century Fox hätte man diese Szene früher mit dem Gesang himmlischer Chöre ausgestattet: In Ali Smiths Roman Die Zufällige jedoch ist alle Transzendenz Technik, obwohl die 1962 in Inverness geborene Autorin in ihren Büchern ja auch schon mal die Toten oder, wenn man so will, Wiederauferstandenen zu Wort kommen lässt. Amber klingelt eines Vormittags unerwartet an der Tür und legt sich kurz darauf aufs Sofa, wo die zwölfjährige Astrid sie schließlich filmt; das Rätsel ihrer Epiphanie wird von Astrids Familie ebenso wenig gelöst wie das ihres spurlosen Verschwindens gegen Ende des Romans. »Ich kam zur Welt«, so die geheimnisvolle Amber, die wie das Kino, in dem sie 1968 gezeugt wurde, eigentlich Alhambra heißt, »und so weiter. Meine Mutter und mein Vater. Und so weiter. Halten Sie sich nicht damit auf.« An ihren Füßen klebt der Schmutz eines weiten Wegs.

Amber trägt ein tief ausgeschnittenes T-Shirt und abgeschnittene Shorts, sie verhindert den Selbstmord von Astrids Bruder Magnus und küsst die Mutter der beiden auf den Mund. Ambers Besuch stellt das geordnete Leben der cleveren Familie Smart schon nach kurzer Zeit auf den Kopf und sprengt alles in die Luft, um Pier Paolo Pasolini zu zitieren, »was die Bürger über sich selbst wissen«.

Als Inbegriff verdrängter Träume ist Smiths schillernde Figur die kaum weniger charismatische Zwillingsschwester des verführerischen jungen Gottes, der in Pasolinis aberwitziger Allegorie Teorema die bürgerliche Existenz einer Industriellenfamilie zerstört und den letzten Endes absurden Nachweis für die ausweglose Leere ihres klassenspezifischen, im Konsumrausch verbrannten Bewusstseins führt. »Die Authentizität«, so Pasolini, dessen 1968 uraufgeführter Film zwischen der Arbeit an seinem Roman Teorema oder Die nackten Füße entstand, »zerstört die Inauthentizität.«

In Die Zufällige, Ali Smiths lustvollem und ziemlich raffiniertem Buch, das eine Generation später in den abgedunkelten Kulissen von Pasolinis Film spielt, ohne sich an dessen fremdem Mobiliar zu stoßen, erzeugt die unverfrorene Direktheit, mit der Amber die Maske alltäglicher Heuchelei befleckt, ein sehr zeitgemäßes Klima der Verunsicherung, in dem die unaufgeregte Selbstinszenierung der eigentlich ganz sympathischen Smarts immer weniger überzeugt.

Amber reduziert Michael, den Stiefvater von Astrid und Magnus, einen von langbeinigen Studentinnen und den Romanen Philip Roths gleichermaßen faszinierten Literaturprofessor, zum Klischee und schenkt ihm die wahrhaftige Überraschung eines echten Gefühls; sie nimmt der Erfolgsautorin Eve, der Mutter von Astrid und Magnus, die in ihren Büchern fiktive Interviews mit realen Toten führt, ihre Illusion einer heilen Welt. Im Herzen der Familie wird Amber allmählich zu einer erlösenden Kraft, die für die Dauer ihres Aufenthalts »alles davon abhält, in die winzigen Stücke eines explodierenden Nichts zu zersplittern«. Ihre Brüste erinnern den siebzehnjährigen Magnus an zwei vollkommene Glockenkurven.

»War es möglich, dass manchmal nur ein Außenstehender aufzuzeigen vermochte, dass eine Familie eine Familie war?« Tatsächlich lenkt Smith den Blick des Lesers bereits zu Beginn ihres Romans auf die disparaten Seelen ihrer Figuren, die im privaten Universum der Familie kreisen, ohne einander jemals nahe zu kommen. Aus den wechselnden, mit großem Einfühlungsvermögen dargestellten Innenperspektiven der Smarts entwirft die Autorin dabei allmählich das Bild eines leeren Raums, in dem sich das soziale Ideal der Familie zu verflüchtigen scheint und sich als ähnlich untaugliches Wahrnehmungsmodell erweist wie die mutmaßlich sinnstiftenden Systeme, in denen die Figuren ihre individuellen Welten eingerichtet haben.

Magnus zum Beispiel, der sich am Selbstmord einer Mitschülerin heimlich schuldig fühlt, ist längst in ein isoliertes Gegenleben im formalen System der Mathematik entkommen und existiert darin als »dreidimensionale Reproduktion von etwas, das eigentlich nicht da ist«; Astrids suchendes Kameraauge bannt das undurchsichtige Chaos der Realität auf Film und verleiht ihrem »wirklichen Leben« damit erst Ordnung und vermeintliche Bedeutung. Sie filmt das Morgengrauen, um herauszufinden, wann der Tag beginnt; sie filmt ein zermalmtes, auf der Straße überfahrenes Tier. Astrid filmt schließlich Amber, die schlafend auf dem Sofa liegt: Als sie kurz darauf zum ersten Mal mit der Fremden spricht, wirft Amber ihr einen Apfel zu. Als Amber Tage später dann Astrids Digicam zerstört, unternimmt das Mädchen die ersten Schritte auf dem Weg der Erkenntnis, von dem Ali Smiths Roman Die Zufällige auf mitreißende Weise erzählt.

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    • Schlagworte Roman | Pier Paolo Pasolini | Fox | Familie | Ferienhaus | Selbstmord
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