Musik Eros is Eros is Eros…

Erinnerungen an den eigenwilligen amerikanischen Pionier und Musikexperimentator James Tenney, der vor drei Monaten gestorben ist.

Eine drum, eine Trommel; vielleicht doch eher eine Pauke. Eine ungewöhnliche jedenfalls, eine Klang-Skulptur von Stephan von Huene: Über einem zylindrischen Acryl-Glas-Rahmen ein ebenso transparentes Trommelfell, rundum an der Aufspann-Kante befestigt eine Batterie aus 32 Schlägeln. Die werden freilich nicht von menschlicher Hand bewegt, sondern durch Elektromagneten, die wiederum dem Kommando eines Computerprogramms gehorchen.

Wake for Charles Ives nannte der kalifornische Komponist James Tenney sein knapp vierminütiges Stück, das nun durch das High-Tech-Drum-»Ensemble« aufgeführt und per Mausklick dirigiert wird. Eine »repetitive« rhythmische Phrase, die Ives (1874–1954) mehrfach in seinen Kompositionen verwendete, arbeitete Tenney, Ives damit »auferweckend«, zu einer Art Fuge aus, die wiederum ein »Wachrütteln des Klanges« in Zweiunddreißigstel-Schlägen bewirkt, ein additives Crescendo von zunächst stockenden Einzelklängen bis zu donnerndem »Trommelfeuer«. Dessen Präzision kann einzig und allein der Computer garantieren: Seit den frühen 1960er Jahren zählt James Tenney – neben Max Mathews bei Bell Telephone Laboratories forschend – zu den Pionieren der Computermusik sowohl in Partitur- wie vor allem in Klangsynthese.

Sieben Minuten hält ein Kontrabassist ein A in der tiefsten Lage aus, der Bogenwechsel ist kaum zu hören. Wohl aber ein Wechsel in der Intonation: Fast unmerklich schleicht sich eine Interferenz-Schwebung ein, ein immer breiteres Vibrato, der Ton spaltet sich. Beast ist keine Klanganalogie zu irgendeinem unbekannten wilden Tier, sondern einer von vielen Versuchen Tenneys, auf den Spuren von John Cage unsere Ohren empfindsam und empfänglich zu machen für die mannigfaltigste und ungewöhnlichste »Musik um uns herum«. Oder: Ein gemischter Chor singt auf eine schlichte Melodie einen Kanon über die berühmte Verszeile der Gertrude Stein: »A rose is a rose is a rose«. Das Außergewöhnliche: Tenney verlangt von seinen Sängern, bei jedem neuen Kanoneinsatz bei gleich bleibender Musik den Textakzent zu verschieben – A rose is … arosis … sisero … eros is eros: Das Tautologische der poetischen Botschaft wird so in Tenneys minimalistischer Verwandlungstechnik noch einmal potenziert.

Fast vierzehn Minuten benötigt ein Schlagzeuger, um aus dem absoluten Nichts ein ohrenbetäubendes Klanginferno auf- und wieder abzubauen, ohne dass dabei ein einziger Schlag heraushörbar würde: Having Never Written a Note for Percussion, stapelt Tenney tief – scheinbar. Denn sein eigentliches Ziel ist eine Emanzipation jenes »Schießbuden«-Hexenmeisters, der bislang seine Virtuosität bewies, indem er »so schnell und laut wie möglich auf ein Maximum an Instrumenten einschlug« (Globokar) – und den Tenney nun animiert, auf einem einzigen »Selbstklinger« ein ganzes Universum von Klängen zwischen Säuseln und Knallen, Rauschen und Dröhnen zu erzeugen.

Ähnliches gilt für ein Cello, einen Posaunisten (der kaum mit dem Atmen nachkommt), eine Harfenistin (die nach jedem Zupfer an einem Saiten-Wirbel dreht und so die Erinnerung an die voraufgehende Phase der Minimalismen nicht mehr nachvollziehbar macht), ein ganzes vierzehnköpfiges Ensemble. Postal Pieces heißt die Sammlung. Hinter dem Titel verbirgt sich eine Kuriosität: Die »Partituren« sind geschrieben auf je einer Postkarte – Tenney nannte sie »Scorecards« (auf denen für gewöhnlich Golfer ihre erspielten Punkte notieren): flink festgehaltene Einfälle zu Klang, Form, Artikulation, Mikrointervalle, Harmonie.

A propos Harmonie: Zu seiner 1996 für die Donaueschinger Musiktage geschriebenen Kammermusik Diapason formulierte James Tenney einen Teilaspekt seiner in ganz neue Dimensionen vorstoßenden Gedanken zu einem »Zusammenklang durch alle Töne« (wörtliche Übersetzung des griechischen dia pason): Zusammenklang auf der Basis von siebzehn nebeneinander liegenden Teiltönen eines sehr tief liegenden Grundtones, die im Verlauf des Stückes innerhalb des Klangspektrums wandern – was unter anderem voraussetzt, dass etwa die Streicher nach einer theoretisch (also mal wieder mit Hilfe des Computers) ermittelten Skala »verstimmt« werden – und er stellte selber die nicht ganz unverständliche Frage, warum wir uns »so außerordentlich bemühen, diese ungewöhnlichen Tonhöhen herzustellen«.

Geboren 1934 in Silver City im äußersten Südwesten des US-Staates New Mexico, aufgewachsen in Arizona und Colorado; früh Klavier und, jawohl, Komposition. Ziemlich schnell an der Juilliard School. Unter seinen Lehrern so hochansehnliche Künstler wie der Pianist Eduard Steuermann, die Komponisten Lejaren Hiller und Edgar Varèse. Als James Tenney 1963 in New York sein Tone Roads Chamber Ensemble gründete, komplettierte er bereits die Phalanx der »radikalen« amerikanischen Avantgarde zwischen den Zufall-Komponisten Cage, Morton Feldman, Earle Brown, Morton Subotnick und deren nahezu symbiotischen Kontakten zur Bildenden Kunst hier, der Minimal Music von Phil Glass, Steve Reich oder La Monte Young dort. Lehrer am Polytechnic Institute Brooklyn, am California Institute of the Arts (CalArts), an der University of California, an der University of Toronto. Am 24. August dieses Jahres starb James Tenney in Valencia, CA, still und unauffällig – wie er letztlich nach außen hin auch gelebt hatte.

Eine Auswahl seiner zwischen 1961 und 1964 erarbeiteten Computer-Kompositionen ist direkt erhältlich über www.newworldrecords.org

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 09.11.2006 Nr. 46
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    • Schlagworte Musik | John Cage | Rose | New York
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