Der französische Schriftsteller und Moralist Jean-Jacques Rousseau prangerte gern die Dekadenz und den Sittenverfall des Adels an, der in Saus und Braus lebte, während das Volk darbte – eine jener Ungerechtigkeiten, die schließlich die Französische Revolution hervorriefen. In seinen Bekenntnissen schrieb er, dass »eine große Prinzessin angab, als man ihr sagte, die Bauern hätten kein Brot … ›So mögen sie Kuchen essen‹«.

Rousseau schrieb diese empörten Zeilen um das Jahr 1766. Marie-Antoinette war zu der Zeit eine zehnjährige Prinzessin und lebte als Tochter von Kaiser Franz I. und Maria Theresia am Hof in Wien – wohl kaum die »große Prinzessin«, von der Rousseau berichtet, zumal der Dichter sich auf eine Begebenheit bezieht, die sich noch einige Jahrzehnte früher zugetragen haben soll. Da Rousseau die Anekdote nicht weiter belegt, wird es für Historiker wohl für immer rätselhaft bleiben, ob sie wahr ist oder ein Ausfluss dichterischer Fantasie. Aber eines ist nachweisbar: Von Marie Antoinette stammt der Ausspruch nicht.

Dabei hätte er zumindest zu der späteren Königin ganz gut gepasst. Marie Antoinette heiratete im Jahr 1770, also mit 14 Jahren, den französischen Thronerben Louis-Auguste, den späteren König Ludwig XVI. Mit ihrem verschwenderischen Lebensstil machte sie sich nicht nur beim Volk verhasst, auch am Hof war sie umstritten, zumal sie ja keine Französin war. Und so waren es wohl politische Gegner, die am Vorabend der Revolution das angebliche Zitat in Umlauf brachten: S’ils n’ont pas de pain, qu’ils mangent de la brioche! Ein weiteres Beispiel also aus der Kategorie »falsch, aber gut erfunden«. 1793 machten die Revolutionäre der »Witwe Capet« den Prozess, und am 16. Oktober wurde sie auf der heutigen Place de la Concorde mit der Guillotine hingerichtet, wie zuvor schon ihr Ehemann. Christoph Drösser

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