Die ersten drei Tage der Oberstufe haben Mattis, Mara, Emre und 22 weitere Bremer Gymnasiasten auf dem Segelflugplatz verbracht. Flügeldesign, Startgeschwindigkeit, Navigation – jeder hat eine praktische Kurzeinführung in die Geheimnisse des Fliegens erhalten und durfte selbst dreimal mit abheben. In der Woche darauf gab es eine Führung durch die Labors der Hochschule Bremen. Satellitenprüfstand, Windkanal, Vakuumkammer – »Es war schon verlockend, zu sehen, was es da alles gibt«, sagt Mara. Seitdem üben sich die Teilnehmer am »Oberstufenprofil Luft- und Raumfahrt« in Triebaufschub. Denn bevor sie ein praktisches Projekt beginnen dürfen, stehen erst mal theoretische Grundlagen auf dem Stundenplan.

Gelernt wird nicht im Klassenzimmer, sondern in einem Seminarraum des Hochschul-Instituts für Aerospace-Technologie am Bremer Flughafen. »Wir sind jetzt in der Schwarzbrotphase«, sagt Michael Eberz, der Physiklehrer – ein leicht gelichteter Lockenkopf mit offener Weste und abgewetzter Ledertasche, aus der er die nächste Folie zur Beschleunigungslehre zieht. Eberz ist ein Lehrer, dem es Spaß macht, wenn sich Schüler für den Unterricht begeistern. Einen Tag pro Woche verbringt er mit ihnen am Hochschul-Institut. In drei Jahren will er ihnen einen Einblick in die Kunst des Fliegens verschaffen. Für die Finanzierung des exklusiven Unterrichts haben Schulen und Hochschule einen Sponsor gewonnen. Die Telekom-Stiftung gibt pro Schuljahr 40.000 Euro – je zu einem Drittel für die beiden beteiligten Gymnasien und das Hochschul-Institut.

Überall in Deutschland haben in den vergangenen sechs Jahren Schulen den Kontakt zu Wirtschaftsunternehmen und Wissenschaftlern gesucht. Auf 4000 bis 5000 wird die Zahl derartiger Partnerschaften bundesweit geschätzt. Die Spanne reicht dabei vom einmaligen Sponsoring eines Schulfestes durch einen lokalen Getränkemarkt über die Ausstattung von Computerräumen mit Hard- und Software bis hin zu einer langjährigen inhaltlichen Zusammenarbeit wie die in dem Bremer Oberstufenprofil.

Dort diskutieren die Schüler in Wirtschaftslehre, gleich nach der Physikstunde, die akute Krise des Airbus-Konzerns. »Hamburg hat 670 Millionen Euro in den Ausbau des Airbus-Werks investiert, und jetzt war das vielleicht umsonst«, referiert Nikolai. In fünf Arbeitsgruppen haben sich die Pennäler das Thema vorgenommen, das Bremer Airbus-Werk ist nur ein paar hundert Meter entfernt.

»In den letzten Jahren ging es Airbus gut, da hatten wir keinerlei Nachwuchsprobleme«, sagt Bernd Steckemetz, Leiter des Instituts für Aerospace-Technologie. In den neunziger Jahren war das anders, und auch die aktuelle Airbus-Krise wird sich in den Bewerberzahlen für den Studiengang widerspiegeln, davon ist der schlaksige Luftfahrtingenieur überzeugt. Die Kooperation mit der gymnasialen Oberstufe war seine Idee. Er verspricht sich davon fähige Studienanfänger für die Zukunft. Und ab sofort eine Verbesserung der Lehre.

In mehreren Diplomarbeiten entwickeln seine Studenten Lehr- und Lernmaterial für den projektorientierten Schulunterricht. »Die Schüler werden etwa Flugzeugflügel entwerfen, als Modell bauen, im Windkanal testen und den technischen Bericht dann auf Englisch präsentieren«, sagt Steckemetz. Oft spricht der Hochschullehrer von »den Studenten«, wenn er die Schüler meint. Die Zusammenarbeit von Schule und Hochschule liegt ihm ebenso am Herzen wie die Kooperation mit den umliegenden Luft- und Raumfahrtunternehmen – neben Airbus auch die Raketen- und Satellitenschmieden EADS Space und OHB sowie die Lufthansa-Flugschule und kleine Zulieferunternehmen. Für die Hochschulabsolventen sind es Arbeitgeber, für die Schüler bieten sie Praktikumsplätze.

In Nordrhein-Westfalen haben Land und Wirtschaft eine gemeinsame Stiftung für die Partnerschaftsvermittlung gegründet. Das Ergebnis: Fast die Hälfte aller 2800 allgemeinbildenden Schulen des Bundeslandes kooperieren inzwischen mit einem Unternehmen. »Am Anfang wurde das vor allem unter dem Gesichtspunkt des Sponsorings gesehen«, sagt Stiftungssprecher Hermann Meuser, »inzwischen geht es oft auch um Know-how-Transfer, und zwar in beide Richtungen.« Unternehmen bieten Praktika, Lehrerfortbildung oder Bewerbungstraining für Schüler, die Schulen stellen qualifizierte Azubis und pädagogische Unterstützung bei der betrieblichen Weiterbildung bereit.