Jetzt, da der Ministerpräsident und der Innenminister aus Neapel wieder abgereist sind und Neapels Tote 76 bislang im Jahr 2006 nicht mehr über die ersten Seiten der Tageszeitungen geistern, sondern wieder im Vermischten beerdigt werden, muss ich an jenes Mittagessen denken, das ich einem neapolitanischen Freund verdanke, der mir seine Stadt näher bringen wollte.

Es fand im Circolo Italia statt, dem exklusivsten und ältesten Club Neapels, der am Borgo Marinaro zu Füßen des Santa-Lucia-Viertels liegt. Der Club wurde vor 120 Jahren als Rudervereinigung gegründet und ist heute ein Segelclub. Vor den großen Fenstern liegen die Segeljachten der Mitglieder wobei der Freund nicht zu präzisieren versäumte, dass Massimo DAlema, der einstige Kommunistenführer und heutige Außenminister, unlängst am Steuer einer dieser Jachten gestanden hatte.

In den Familien der 120 Gründungsmitglieder konzentriert sich die ganze Elite der Stadt, Industrielle und Universitätsprofessoren, Richter und Aristokraten darunter auch jene, die zur Schatzkommission von San Gennaro gehören, jenem Schutzheiligen der Stadt, dessen Blut sich zweimal im Jahr verflüssigt. Den Apéritif nahmen wir vor einem offenen Kaminfeuer ein, in nilgrünen Ledersesseln versinkend. Zu Tisch baten uns Kellner, die weiße Handschuhe trugen und goldene Schultertressen, Kellner, die ihrerseits Söhne von Circolo-Italia-Kellnern waren und die geduzt wurden, weil die Mitglieder keinen großen Wert auf Förmlichkeiten legen. Am Tisch, der den allein essenden Gründungsmitgliedern vorbehalten war, saßen zwei alte Herren, die schweigend und mit aufgestützten Ellbogen aßen, einer von ihnen sah aus wie ein vertriebener König.

In den letzten zehn Jahren wurden hier 1131 Menschen ermordet

Ich weiß noch, dass neben mir ein Rechtsprofessor saß, dem Haare aus den Ohren wuchsen, und dass sich die Tischkonversation ausschließlich um die Beschaffenheit von Mürbeteig drehte. Angeregt erörterte man, ob sich als Füllung besser Aprikosenmarmelade eigne oder bittere Schokolade, weil Letztere einen größeren Kontrast zur Süße des Teigs ergebe, und ich dachte daran, dass die englischen Kolonialherren in ihren Clubs in Indien sicher auch Plätzchenrezepte ausgetauscht haben.

Ich weiß nicht mehr, wie viele Tote es in jenem Jahr in Neapel gab, vermutlich nicht weniger als jetzt. In den letzten zehn Jahren wurden 1131Menschen in Neapel ermordet, das sind im Durchschnitt mehr als hundert Tote pro Jahr. Anders als die sizilianische Mafia ist die Camorra horizontal organisiert, es gibt keine Hierarchie und kaum Regeln, jeder will Boss sein, das geht nicht ohne Mord. Selbst im legendären Jahr 1994, als Antonio Bassolino gerade zum Bürgermeister gewählt worden war und den Weltwirtschaftsgipfel in die Stadt holte, als Bill Clinton unter Missachtung der Bodyguards eine Pizza Margherita im Stehen aß und die Medien eilig die neapolitanische Wiedergeburt ausriefen, selbst in jenem Jahr gab es 105Morde in Neapel, keine ausreichende Trinkwasserversorgung und Analphabetismus unter den Jugendlichen, von denen jeder Dritte unter 25 Jahren arbeitslos war genau wie h eute.

In den 1980er Jahren flogen nachts Hubschrauber mit Scheinwerfern über den Hafen, um die Boote der Zigarettenschmuggler zu verfolgen. Fast sehnen sich manche Neapolitaner nach solchen Szenen, denn heute ist der Hafen vollständig in der Hand von Camorra und chinesischen Schwarzmarkthändlern. Chinesischer Geschäftssinn, gepaart mit neapolitanischer Kreativität das ist die Antwort auf die Herausforderungen des globalisierten Marktes: Im letzten Jahr beschlagnahmte die Hafenpolizei allein bei einer einzigen, zufällig ausgelösten Razzia 24000 Jeans, die für den französischen Markt bestimmt waren, 50000 Haushaltsgeräte aus Kunststoff, die in Bangladesch hergestellt worden waren und den Aufdruck made in Italy trugen, 450000 Plastikfiguren und weitere 46000 Plastikspielzeuge, all es zusammen im Wert von 36 Millionen Euro.