Ich habe einen TraumEinmal 1724 und zurück

Donna Leon träumt davon, mit Hilfe einer Zeitmaschine in das alte London zu reisen, in dem Händel seine großen Erfolge feierte. Dort hört sie die Engelsstimme eines Kastraten von 

Mein Traum beginnt mit einem Telefonanruf, ziemlich spät abends. Gerade habe ich es mir gemütlich gemacht auf meinem Sofa. Ich will noch ein bisschen lesen, Homer. Draußen auf dem campo ist es endlich ruhig: Die armen Teufel aus dem psychiatrischen Zentrum hat man nach Hause gebracht. Meine taube Nachbarin hat ihr plärrendes Fernsehgerät abgestellt. Eine Wohltat! Da klingelt das Telefon.

Ich erkenne die Stimme sofort. »Signora«, sagt Alan, »die Maschine steht bereit. In einer halben Stunde bin ich bei Ihnen. Überlegen Sie schon mal, was Sie mitnehmen wollen!«

Alan! Wie jeder hier in Italien ist er davon überzeugt, dass jedes seiner Telefonate abgehört wird. Und niemand darf von unserer Reise erfahren. Deshalb siezt er mich.

Alan Curtis ist Dirigent, Cembalo-Virtuose, ein großer Fachmann für Barockmusik. Er kommt aus Amerika, wie ich, aber er lebt in der Toskana. Für mich ist er ein Glücksfall: Erst seit ich ihn kenne, habe ich jemanden, mit dem ich stundenlang über meine Obsession reden kann. Den ich ausquetschen kann in meiner Neugier, der mir jede Frage beantwortet und fantastische Geschichten erzählt.

Auch wenn wir manchmal, vor allem in diesem so genannten Mozartjahr, das Gefühl haben, wir müssten uns heimlich treffen wie Guido Brunetti seine Informanten: wie zufällig in einer Bar neben einander Platz nehmen, einen caffè bestellen oder einen spritz, eine Zeit lang im Gazzettino blättern und dann wie beiläufig murmeln, hinter vorgehaltener Hand, sodass es im Gläsergeklapper und im Geplapper der anderen Gäste untergeht: »Und Händel war doch der Größte!« – »Du sagst es. Der Allergrößte!« Dann zahlt der eine und geht, und fünf Minuten später der andere. Zahlt und geht in eine andere Richtung.

Wir sind Händel-Junkies, mein Freund Alan und ich. Um eine Händel-Oper zu sehen, nehmen wir jede Strapaze auf uns, fliegen nach München, nach Hamburg, nach New York (wenn es sein muss) oder nach London.

Einmal, vor Jahren in Basel, lange bevor ich Alan kannte, hätte ich mich beinahe geprügelt. Nach einer Alcina hatte ich den Regisseur ausgebuht, weil er Händel Gewalt angetan hatte: einfach ein paar Arien weggelassen und andere eingefügt. »Buuh!«, schrie ich, so laut ich konnte, als der Regisseur auf die Bühne kam (seinen Namen habe ich längst verdrängt). Da drehte sich mein Sitznachbar um und sah mich entgeistert an: »Was tun Sie da?« – »Ich buhe.« – »Aber das dürfen Sie nicht!« – »Doch«, sagte ich, »das darf ich. Ich bin Händelianerin.«

Wir Händelianer sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Eine Mafia. Wir kennen uns meist nicht beim Namen, und das ist wahrscheinlich besser so. Aber wir erkennen uns wieder und nicken uns unauffällig zu, wenn wir uns in der Met treffen oder an der Scala, in der Wiener Staatsoper oder im Liceu.

Die Reise aber, von der ich träume, machen nur Alan und ich. Wir werden nicht nur 1100 Kilometer hinter uns lassen, sondern auch fast 300 Jahre. Alan hat, woher auch immer, eine Zeitmaschine aufgetrieben. Sie wird uns nach London bringen. Vom Venedig des Jahres 2006 in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts, als Händel im Haymarket-Theater und am Covent Garden seine großen Triumphe feierte.

Und weil das 18. Jahrhundert mein Fachgebiet als Literaturprofessorin war, weiß ich, dass ich mir sehr gut überlegen muss, was in meinen Koffer kommt: der Haarföhn. Die Brille. Ein Zahnarzt aus dem 21. Jahrhundert. Eine Packung Aspirin. (Ich habe seit fünf Jahren kein einziges Aspirin genommen, aber man weiß ja nie!) Und ein Batzen Geld. Viel Geld, denn ich möchte komfortabel wohnen.

Dann steht Alan plötzlich in meinem Salon. Er nimmt mich bei der Hand, es rauscht und donnert, und als ich zu mir komme, kriege ich schwer Luft.

Wie praktisch, dass uns die Zeitmaschine gleich in die passenden Klamotten gesteckt hat! Ich weiß nicht, ob ich mit den Haken und Schnüren an dem Korsett zurechtgekommen wäre. Und dieser Reifrock… Aber wie sehen wir großartig aus! Alan gleicht einem wunderschönen Pfau mit seiner Weste aus gelbem Brokat, dem bestickten Samtrock darüber, dem Halstuch, der Kniebundhose, den Kniestrümpfen, den Schnallenschuhen. Unter meiner Perücke beginnt es zu jucken, aber ich weiß, wie ich mich zu benehmen habe. Nicht kratzen! Und weil das ein Traum ist, müssen wir nicht erst mühsam lernen, uns in diesen Kleidern richtig zu bewegen, richtig zu schreiten, richtig zu sitzen, richtig zu sprechen, das Richtige zu tun.

Ein Fegerjunge macht mit seinem Reisigbesen einen Weg für uns frei, quer über den Haymarket. Er fegt den Morast zur Seite, die Exkremente von Tieren und Menschen. Wir werfen ihm ein paar Pennies zu, ich raffe meinen Rock hoch, und während wir hinüber gehen zum King’s Theatre, wird mir erst bewusst, wie unglaublich es hier stinkt. Ich hätte mein Eau de Toilette mitbringen sollen. Oder noch besser Mottenkugeln.

Im Theater ist die Luft kaum besser. 960 Zuschauer fasst es, und weil heute zum ersten Mal Giulio Cesare gegeben wird, die neue Oper von »George Frideric Handel«, dem Superstar, ist das Theater bis zum letzten Platz besetzt. Von uns beiden und von 958 Menschen, die sich noch nie gebadet haben.

Der zweite Akt hat begonnen. Händel ist noch dicker, als ich ihn mir immer vorgestellt habe. Er sitzt am Cembalo und gibt die Einsätze. Auf der Bühne wartet Cleopatra auf ihren Geliebten. Und singt. »V’adoro pupille…« Francesca Cuzzoni, die Cuzzoni, jene Cuzzoni, der Händel noch vor einem Jahr handgreiflich gedroht hatte, sie aus dem Fenster zu werfen, weil sie eine Arie in Ottone nicht singen wollte. Dafür hat er ihr jetzt ein kleines Orchester zur Begleitung auf der Bühne platziert, mit gedämpften Streichern, Theorbe, einer Harfe und einer konzertierenden Bratsche. Eine unglaubliche Idee, ein typisch händelianisches Show-Element!

Das Publikum ist begeistert. Und zeigt das auch: erst zustimmendes Gemurmel, dann Szenenapplaus, schließlich einzelne Rufe. Vom Parkett zu den Logen hinauf: »Hey, Jack, du auch da? Ist das nicht wieder eine tolle Oper?« In anderen Logen wird gegessen und getrunken, und ich möchte nicht wissen, was in jener Loge im zweiten Rang passiert, aus der man es immer wieder kichern hört.

Die Dame neben mir klappt ihren Fächer zusammen, und ich sehe ihre schlechten Zähne. Am Mundwinkel trägt sie einen schwarzsamtenen Schönheitsfleck, und mir fällt wieder ein, was die Damen damals mit diesen Flecken verbargen: ihre Syphilis-Pusteln. Natürlich: In dem hübschen Döschen, das die Dame vorher geöffnet hat, waren auch keine Bonbons, sondern Quecksilberpillen! Vielleicht hätte ich noch ein vernünftiges Antibiotikum mitbringen sollen.

Aber diese Stimme! Kein Mensch bei uns zu Hause, im 21. Jahrhundert, hat je die Cuzzoni singen hören. Historische Musikinstrumente, die ja. Aber die großen Sängerstars? Sogar Carusos Stimme kennen wir nur aus schlechten Konserven. Und jetzt höre ich Francesca Cuzzoni, und ihre Stimme klingt überirdisch, unbeschreiblich schön.

Dann tritt Julius Cäsar auf, beginnt zu singen – und wieder rinnt mir ein Schauder über den Rücken: Das ist Senesino, der große Altkastrat! Ob ich das je irgendjemanden erzählen darf, dass ich die Engelsstimme eines Kastraten gehört habe?

Und weil das ein Traum ist, erleben wir ein paar Tage (oder Jahre?) später die Uraufführungen von Rodelinda, von Ariodante, von Alcina. Und wir sind dabei, als Farinelli, der noch berühmtere Kastrat, der internationale Star jener Zeit, zum ersten und einzigen Mal ein paar Arien von Händel singt. Nicht in der Oper, da hat ihn Bononcini unter Vertrag, Händels großer Konkurrent, aber bei einer Privatvorstellung für den König. Wir sehen Farinelli mit seinen überlangen Armen und Beinen, wir hören seine himmlische Stimme, wir zerfließen vor Glück – aber wir halten uns im Hintergrund. Alan fällt schon genug auf mit seinen sechseinhalb Fuß unter all diesen kleingewachsenen Menschen. Das telefonino in meiner Tasche vibriert – verdammt, ich benutze doch nie ein Mobiltelefon! –, meine Freundin Roberta aus Venedig ist dran, aber ich widerstehe der Versuchung, das Telefon hochzuhalten und sie einfach mithören zu lassen.

Denn eines – das wissen wir genau – darf man auf keinen Fall, wenn man mit einer Zeitmaschine unterwegs ist: in den Lauf der Geschichte eingreifen. Und deshalb lasse ich auch meinen CD-Spieler und den Kopfhörer in der Herberge, als wir Händel eines Tages zu Hause in der Lower Brook Street besuchen.

Er spricht Englisch mit einem furchtbaren sächsischen Akzent, sein Italienisch ist wesentlich flüssiger, wir sprechen über Venedig, er kennt sich gut aus dort. Eigentlich wollte ich ihm vorspielen, wie Cecilia Bartoli in 270 Jahren die Cleopatra singt. Ich bin sicher, es hätte ihn interessiert. Aber vielleicht würde er danach manches anders machen.

Und wer weiß, ob wir unser 21. Jahrhundert dann noch wiedererkennen könnten, wenn wir zurückkommen.

Aufgezeichnet von Wolfgang Lechner

Donna Leon, 64, stammt aus New Jersey und hat in vielen Ländern als Reiseleiterin, Werbetexterin und Englischlehrerin gearbeitet, bis sie sich 1981 in Venedig niederließ. Seit 1992 hat sie in 14 Krimis von den Fällen des Commissario Guido Brunetti erzählt. Vor allem auf Deutsch waren ihre Bücher sehr erfolgreich; einige sind verfilmt worden. Donna Leon liebt die englische Literatur des 18. Jahrhunderts und die Musik von Georg Friedrich Händel. Sie träumt davon, mit Hilfe einer Zeitmaschine in das alte London zu reisen, in dem Händel seine großen Erfolge feierte

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    • Schlagworte Georg Friedrich Händel | Traum | Julius Cäsar | Aspirin | Cleopatra | Italien
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