Mein Traum beginnt mit einem Telefonanruf, ziemlich spät abends. Gerade habe ich es mir gemütlich gemacht auf meinem Sofa. Ich will noch ein bisschen lesen, Homer. Draußen auf dem campo ist es endlich ruhig: Die armen Teufel aus dem psychiatrischen Zentrum hat man nach Hause gebracht. Meine taube Nachbarin hat ihr plärrendes Fernsehgerät abgestellt. Eine Wohltat! Da klingelt das Telefon. »Dann tritt Julius Cäsar auf, beginnt zu singen – und wieder rinnt mir ein Schauder über den Rücken: Das ist Senesino, der große Altkastrat! Ob ich das je irgendjemandem erzählen darf, dass ich die Engelsstimme eines Kastraten gehört habe?« BILD

Ich erkenne die Stimme sofort. »Signora«, sagt Alan, »die Maschine steht bereit. In einer halben Stunde bin ich bei Ihnen. Überlegen Sie schon mal, was Sie mitnehmen wollen!«

Alan! Wie jeder hier in Italien ist er davon überzeugt, dass jedes seiner Telefonate abgehört wird. Und niemand darf von unserer Reise erfahren. Deshalb siezt er mich.

Alan Curtis ist Dirigent, Cembalo-Virtuose, ein großer Fachmann für Barockmusik. Er kommt aus Amerika, wie ich, aber er lebt in der Toskana. Für mich ist er ein Glücksfall: Erst seit ich ihn kenne, habe ich jemanden, mit dem ich stundenlang über meine Obsession reden kann. Den ich ausquetschen kann in meiner Neugier, der mir jede Frage beantwortet und fantastische Geschichten erzählt.

Auch wenn wir manchmal, vor allem in diesem so genannten Mozartjahr, das Gefühl haben, wir müssten uns heimlich treffen wie Guido Brunetti seine Informanten: wie zufällig in einer Bar neben einander Platz nehmen, einen caffè bestellen oder einen spritz, eine Zeit lang im Gazzettino blättern und dann wie beiläufig murmeln, hinter vorgehaltener Hand, sodass es im Gläsergeklapper und im Geplapper der anderen Gäste untergeht: »Und Händel war doch der Größte!« – »Du sagst es. Der Allergrößte!« Dann zahlt der eine und geht, und fünf Minuten später der andere. Zahlt und geht in eine andere Richtung.

Wir sind Händel-Junkies, mein Freund Alan und ich. Um eine Händel-Oper zu sehen, nehmen wir jede Strapaze auf uns, fliegen nach München, nach Hamburg, nach New York (wenn es sein muss) oder nach London.

Einmal, vor Jahren in Basel, lange bevor ich Alan kannte, hätte ich mich beinahe geprügelt. Nach einer Alcina hatte ich den Regisseur ausgebuht, weil er Händel Gewalt angetan hatte: einfach ein paar Arien weggelassen und andere eingefügt. »Buuh!«, schrie ich, so laut ich konnte, als der Regisseur auf die Bühne kam (seinen Namen habe ich längst verdrängt). Da drehte sich mein Sitznachbar um und sah mich entgeistert an: »Was tun Sie da?« – »Ich buhe.« – »Aber das dürfen Sie nicht!« – »Doch«, sagte ich, »das darf ich. Ich bin Händelianerin.«