Ausländische Flüchtlinge hinter käfigartigen Absperrungen, Menschen, die sich nur mit Passierscheinen frei bewegen dürfen, Vorstadtzüge mit vergitterten Fenstern, Polizei- und Militäreinheiten im permanenter Alarmbereitschaft mit ein paar flüchtigen Einstellungen projiziert Alfonso Cuarón die europäische Einwanderungssituation in das Jahr 2027.

Die Bilder eines Science-Fiction unterliegen einem seltsamen Paradox.

Sie sollen visionär und doch wiedererkennbar sein, das Leben einer noch fernen Welt imaginieren, dabei gleichzeitig aus einer Gegenwart heraus erzählen. In Children of Men vereint Cuarón diese Widersprüche zu einer Zukunftsvision, in der unsere schlimmsten Ängste Gestalt annehmen. Der rote Doppeldeckerbus markiert den vertrauten Schauplatz, der digitale Werbefilm an seiner Seitenfront den Einbruch der neuen Zeit. Immerhin, ein Teil der Menschheit wird auch noch in 20 Jahren mit dem Kaffeebecher zur Arbeit gehen. Plötzlich ein Knall, Schreie, Sirenengeheul. Mit beklemmender Beiläufigkeit skizziert Cuarón einen Londoner Alltag, in dem Bombenanschläge und Attentate längst zur Tagesordnung gehören. Die Nachrichtenbilder aus Bagdad und anderen Krisengebieten verschmelzen mit dem Treiben vor unserer Haustür.

In jüngeren Science-Fiction-Filmen wie Gattaca, Minority Report oder I Robot dominierte noch das Schreckensszenario von Big Brother, der die totale Kontrolle übernommen hat. Auf Hochglanz polierte Tableaus erzählten von keimfreien Welten, geometrischen Architekturen und hierarchischen Ordnungen. Cuaróns Children of Men ist hingegen ein grauer, dreckiger Film, mit einem Himmel, dem jahrzehntelange Umweltverschmutzung auch das letzte Blau genommen hat. Die Kamera bewegt sich ähnlich orientierungslos durch die Straßen wie die Bewohner dieser Zukunft. Über den Verhältnissen thront keine autoritäre Macht, die den Bildern eine Struktur geben könnte. Die Stärke von Cuaróns Film liegt in dieser Beschreibung einer Demokratie im fortwährenden Ausnahmezustand. Es ist eine Gesellschaft, die, um sich selbst zu erhalten, auch den letzten zivilisatorischen Anstand aufgegeben hat. Die Schwäche ist seine Heilsgeschichte, eine krude Mischung aus Theologie, Political Correctness und aktuellen Demografiedebatten: Aus unerklärlichen Gründen sind die Frauen der Zukunft unfruchtbar geworden, seit 18 Jahren kam kein Säugling mehr zur Welt. Die Menschheit schwindet dahin. Doch wie durch ein Wunder ist ausgerechnet eine illegale schwarze Emigrantin schwanger geworden.

Die Kamera kann sich gar nicht satt sehen an ihrem runden Bauch, zoomt ihn immer wieder in den Bildvordergrund und teilt uns recht messianisch mit, dass er das Glück dieser Welt in sich trägt. Auch Theo (Clive Owen), ein resignierter Aktivist, lässt sich von dem hoffnungsfrohen Anblick wieder zum Kampf für eine bessere Welt bewegen. Er beschließt, die schwangere Frau an allen Kontrollen vorbei in Sicherheit zu bringen.

Wie in Der Gefangene von Askaban, der wohl besten Harry-Potter-Verfilmung, gelingt es Cuarón auch hier, seinen Helden mit minimalen Mitteln vom allzu geradlinigen Weg abzubringen. Gönnte Cuarón dem Zauberlehrling die ganze Gefühlsverwirrung der Pubertät, gibt er Theo die Zeit, ganz allmählich in die Heldenrolle hineinzuwachsen. Schon während der ersten Verfolgungsjagd verliert Clive Owen seine Schuhe und gibt einen wunderbar erschöpften Weltenretter in grauen Socken. Trost und Zuflucht sucht er bei seinem Einsiedlerfreund Jasper, gespielt von Michael Caine, den man unter einer grauen Hippie-Perücke zunächst gar nicht erkennt. Wenn der britische Schauspieler inbrünstig idealistische Reden schwingt, scheinen die Utopien der 68er auch noch in der Zukunft Bestand zu haben. Ohnehin lassen sich in Cuaróns düsterem Science-Fiction allerlei beruhigende Fixpunkte finden. Etwa selbst gedrehte Joints und Autos, die immer noch angeschoben werden müssen.