Autotest »Geilomat!«
Was passiert, wenn ein Ferrari Scaglietti durch Berlin-Kreuzberg fährt. Katja Nicodemus, ZEIT-Redakteurin im Feuilleton, im Ferrari Scaglietti 612
Sofort schämt man sich, dass man mit ihm Spielchen treiben wollte. Hinters Licht geführt werden sollten die Freunde mit kleinen Lügengeschichten über Gehaltserhöhungen und plötzliche Sportwagenträume. Beeindruckt werden sollten die türkischen Typen von der Eckkneipe, die höhnisch meinen Golf begrinsen, seit einmal beim Einparken das Nummernschild abfiel. Oder einmal vor dem Ökosupermarkt parken und drei H-Milch-Packungen in den Kofferraum des Ferrari legen!
Nun sind aber alle Angeberfantasien, die man zum Ferrari Scaglietti 612 haben kann, vulgär im Verhältnis zu seiner tatsächlichen Erscheinung. Ferrari, das ist Handarbeit vom Schräubchen bis zur Karosserienaht, ein Ingenieurskunstwerk, ein Auto, das so sehr in seiner Schönheit ruht, dass es sich nicht mehr in den Vordergrund drängen muss. Es ist die Schönheit der reinen Funktionalität.
Schon ein erster Blick in den Innenraum zeigt: nichts. Ein großer Tachometer im klassischen Ferrari-Gelb. Ein zierlicher Metallhebel, der sich als Rückwärtsgang vorstellt. Ledersitze, Radio. Schluss. Allein die Formel-1-Lenkradschaltung verrät, dass die Eleganz des schnellsten Viersitzers der Welt nicht von seiner ungeheuerlichen Effizienz zu trennen ist.
Mit Freunden im Scaglietti durch Berlin zu fahren ist etwa so, als ob man einen schwarzen Panter an einer Hundeleine ausführt. Notorisch unterfordert, grollen 540 PS unter der Motorhaube. Es ist das dunkle Gurgeln einer Kraft, die nicht von der Kette gelassen wird. Schon ein kurzer Beschleunigungsversuch am Ku’damm drückt uns mit Riesenkaracho in die Sitze, als sei’s der Start eines Space Shuttle. Im Morgengrauen, auf der leeren Autobahn Richtung Rostock, merken wir bei fast 300 Stundenkilometern, dass das Reaktionsvermögen des Menschen evolutionsbiologisch noch nicht wirklich für Ferraris gerüstet ist. Genau in dieser wunderschönen Nutzlosigkeit liegt der ganze Spaß.
Und weil der Scaglietti 612 unvergleichlich ist, schockiert er besonders jene, die glauben, den Dicksten zu fahren. Auf einem Parkplatz in der Lietzenburger Straße, der auch als Sportwagentreff dient, werden zwei Porsche-Fahrer vom einfach so dastehenden Ferrari mit vollendeter Beiläufigkeit kastriert. Ohne es drauf anzulegen, nimmt er die Parade ab, überall und überall ein wenig anders. In Charlottenburg und Zehlendorf gibt es das ganz kurze Hin- und Weggucken des uneingestandenen Sozialneids. Im studentischen Friedrichshain Reste von Klassenkampf (»Dekadenzscheiße!«), in Neukölln offene Missgunst (»Luxusschlampe!«).
Wirklich zu sich, zum Leben und zu seiner Würdigung kommt der Scaglietti 612 erst im tiefsten Kreuzberg. Hier, zwischen Kottbusser Tor und Oberbaumbrücke, wo Jugendliche mit Fingern auf den Wagen zeigen, Zwölfjährige aufgeregt winken und sich alle über den Starbesuch freuen. Vor unserem Haus scharen sich schon nach einer Minute zehn türkische Kids um den Ferrari. Sie spielen mit der Lenkradschaltung und bestaunen die massiven Karbon-Keramik-Bremsen: »Geilomat!« Sie strecken sich auf den Ledersitzen und stellen kichernd Fragen: »Hast du nicht Angst, dass wir was kaputtmachen, wir sind doch Türken!« Später drängen alle auf eine kleine Spritztour. Wir einigen uns auf sechs Fahrten mit etwa zwanzig Kindern.
Dann geht’s los. Die Kids lassen die Scheiben heruntersurren und jagen den türkischen HipHop-Sender durch die Bose-Boxen, bis uns fast die Köpfe wegfliegen. Sie geben die Route vor (»Ecke Naunynstraße, zum Café von meinem großen Bruder!«, »Zum Gemüseladen vom Onkel!«) und schreien vor Freude bei jedem Donnergrollen des Motors. Sie fotografieren sich mit Fotohandys und begrüßen alle Bekannten auf der Straße im Chor mit »Ferrariiiiii!«-Rufen.
Jedes Mal, wenn der Scaglietti wieder in die Wrangelstraße einbiegt, sieht man die wartenden Kids von weitem wie kleine Freudenpünktchen auf und ab hüpfen. Und es werden immer mehr. Sie holen ihre Schwestern und Brüder.
Sie bilden Schlangen, diskutieren (»Das erste Mal war viel zu kurz!«) und ziehen die Mützen tief ins Gesicht, um unentdeckt noch eine zweite Runde zu drehen. Sie setzen sich übereinander, legen sich quer, und irgendwann kugeln sechs Sechsjährige auf dem Rücksitz. Im seligen Übermut zeigen sie einer Polizeistreife den Mittelfinger. Am Ende wird jede weitere Fahrt durch den Kiez wie ein Karnevalszug bejubelt.
Als es dunkel wird, kommt der Scaglietti wieder ins Parkhaus, sozusagen in sein Gitterbettchen. Karosserie und Scheiben sind mit Hunderten von Handabdrücken übersät. Auf den hellen Ledersitzen haben die Turnschuhe der Sechsjährigen ihre Spuren hinterlassen. Der Ferrari bleibt trotzdem elegant und sieht irgendwie zufrieden aus.
Der Abschied vom Scaglietti 612 ist wie der Abschied von einem Fremden, mit dem man drei exzessive, durch keine längere Freundschaft zu überbietende Tage verbracht hat. Es war Halligalli, Glück, Größenwahn. Es war ein Heidenspaß. Es war Ferrari. Es war einfach geilomat.
Unter der Haube
Motorbauart/Zylinderzahl:
Zwölfzylinder-V-Motor, 5748 ccm Hubraum
Leistung:
397 kW (540 PS)
5-Gang-Schaltgetriebe, Beschleunigung (0–100 km/h):
4,2 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit:
321 km/h
Durchschnittsverbrauch:
20,7 Liter auf 100 km (Super Plus)
Basispreis:
218.000 Euro
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www.zeit.de/auto
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- Datum 17.11.2006 - 02:47 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.11.2006 Nr. 47
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