James Bond Brutal und verschwitzt
Die Zeit der selbstironischen Playboys ist vorüber. »Casino Royale« zeigt einen Agenten, der sich in die Schmutzgeschäfte moderner Kriege einmischt.
Wir sahen ihn auf dem Roten Platz und auf Tigerfellen, in deutschen Markenautos und in italienischen Anzügen. Wir folgten ihm von den Fronten des Kalten Krieges in die unübersichtliche Gegenwart des globalen Terrorismus. 007 hat alles überlebt, übersexualisierte Gegnerinnen und den ewig gleichen Showdown, Blofeld und den Beißer. Tatsächlich ist Bond, James Bond, eine der wenigen verlässlichen Konstanten der westlichen Populärkultur. Es hatte etwas zutiefst Beruhigendes, wenn er mit dem Elan des ewigen Playboys die Tür zum Vorzimmer von M aufriss. Wenn Miss Moneypenny ihn zum abendlichen Durchhören ihrer Barry-Manilow-Plattensammlung einlud und er dann doch lieber die Welt retten ging. James Bond, der große Dandy im Dienste Ihrer Majestät, ist Großbritanniens erfolgreichster Image-Export neben der Queen, den Beatles, den Rolling Stones und Harry Potter.
Zu den Erfolgsgeheimnissen der Figur gehört, dass sie ihren postmodernen Unernst auf jeden ihrer Darsteller projizierte und dabei stets größer blieb als jeder Einzelne von ihnen. Bond schaffte den Wechsel von Sean Connerys domestiziertem Barbarentum zu Roger Moores gelassener sophistication. Selbst ein Buchhalter-Typus wie George Lazenby konnte 007 nichts anhaben, und auch Pierce Brosnan, der immer zu glatt und zu schmächtig wirkte, nahm man die Bond-Mischung aus Coolness und Selbstironie irgendwann ab. Da 007 auf sich selbst mindestens so amüsiert blickte wie auf die Welt, konnte er nämlich nichts weniger gebrauchen als einen Schauspieler, der ihn ernst nimmt. Wirklich Ernst war ihm allenfalls sein Hedonismus – als seien all die Atombomben, Biowaffen und hässlichen Bösewichter für Bond nur lästige Hindernisse auf dem Weg zur nächsten Gespielin. Auf geradezu rührende Weise erfüllte sich mit ihm die Männerfantasie einer ewigen Gegenwart williger Mädchen, dienstfertiger Barmänner und lustiger Spielzeuge.
Daniel Craig gibt sich brutal, verschwitzt und sentimental
Doch so stoisch Bond an der Seite von Honeychild, Kissy Suzuki oder Pussy Galore durch die Zeitläufte wandelte – jede Neubesetzung war eine kleine Erschütterung, vergleichbar mit jener Verunsicherung, die bei Regierungswechseln, Umzügen oder Trennungen im Freundeskreis entsteht. Mit Casino Royale nach Ian Flemings allererstem Bond-Buch, das bereits zur Kinosatire und zum Fernsehfilm wurde, vollzieht sich jetzt die Inthronisation von Daniel Craig. Aber leider geht es zugleich um mehr, um nicht weniger als eine Neudefinition der Figur, um den Bruch, mit dem die Produzentin Barbara Broccoli bereits vor einem Jahr gedroht hatte. Gleich in einer der ersten Szenen bringt Bond, noch als 07 und ohne Lizenz zum Töten, seinen ersten Gegner um. Auf einer Herrentoilette drückt Daniel Craig den Kopf eines schmierigen Informanten ins Waschbecken. Es ist ein arges Spritzen und Zappeln, ein Würgen und Zucken, bis der Mann endlich erstickt. Bond ächzt und keucht, die Kamera zeigt seine nasse Stirn und jede Pore seines Gesichts. Die Botschaft ist klar: Hier kommt der echte, schwitzende, brutale Bond. Ein Klo-Killer und Todesarbeiter. The real thing.
Was bedeutet dieser Kraftakt für den Spion? Agent 007 war immer das Kind seines Landes und seiner Zeit. In den frühen Fünfzigern, als die Siegeseuphorie des Zweiten Weltkrieges verblasste und das Kolonialreich zerbröselte, erschuf Ian Fleming mit ihm ein Phantasma unerschütterlicher Britishness. Bond rettete die Großmannssucht des Empire und die moralischen Gewissheiten des Zweiten Weltkrieges in das desorientierte, machtlose, verbitterte Großbritannien des Kalten Krieges. Er hatte die absolute Kennerschaft in Sachen Essen, Trinken, Frauen, Sex, Kleidung und fremde Länder. Seine Weltgewandtheit war immer eine spätkoloniale. Und sie reichte aus, um ein halbes Jahrhundert lang in allen Krisengebieten die Übersicht zu behalten. Mit einer gewissen Mühelosigkeit war Bond der »Held der freien Welt«, wobei die freie Welt ihm letztlich Wurscht war. Er kämpfte auf der Seite von Demokratie und Weltfrieden, aber mit dem »Zynismus des desillusionierten Gentlemans« (Umberto Eco).
In Martin Campbells Casino Royale hingegen verkehrt sich die angenehm oberflächliche Bond-Figur nun plötzlich in einen Menschen mit Tiefgang. Die Handlung besteht im Wesentlichen aus einem hoch dotierten Pokerspiel in Montenegro, bei dem Bond seinen Gegenspieler, den globalen Geldwäscher Le Chiffre (Mads Mikkelsen), austrickst. Hintermänner, Warlords und ein Bürgerkrieg in Afrika werden vage angedeutet. Angesichts seiner profillosen Feinde schlägt sich 007 umso verbissener und liebt umso ernsthafter.
Die Wahl von Craig ist schon das halbe Programm. In jeder Szene führt uns dieser Schauspieler mit dem Charme eines Provinzdisco-Besitzers Bonds Wandlung vor Augen – und seine neue, ungewohnte Körperlichkeit. Er trägt Polo-T-Shirts, die einen dezent modellierten Bizeps freigeben. Er sprintet wie ein Wahnsinniger. In einer Folterszene wird er nackt auf einen Stuhl gefesselt. Er sieht aus wie ein goldener Rodin, eine lebendige Skulptur aus Schweiß, Blut und Massage-Öl. Als der Bösewicht auf Bonds Geschlechtsteil einpeitscht, entringt sich 007 ein aus tiefstem Inneren hervorbrechender Schrei. Die Szene mag für eine Filmfigur, deren physische Existenz bisher allein danach bemessen wurde, wie gut sie im Smoking aussieht, ein ästhetisches Problem sein. Vor allem aber birgt sie ein grundsätzliches: Ein Bond, der seinen Körper bis in die letzte durchtrainierte Faser bewohnt, steht natürlich nicht mehr neben sich.
Zugegeben, schon früher gab es in der Bond-Saga Kapitel, in denen der Spion Gefahr lief, seine Selbstironie zu verlieren. Timothy Dalton ließ den Glamour und Luxus des Pop-Dandys Roger Moore hinter sich und machte das Töten zu einem Job, dem alles Spielerische abhanden kam. Mit Pierce Brosnan kam wieder das britische Understatement, aber auch ein aggressives Product-Placement, mit dem Bond in der Warenwelt der Neunziger zu versinken drohte. Wenn es bei den Darstellern an typisch Bondscher Selbstbezüglichkeit haperte, gab es ja Gott sei Dank noch die Spielzeuge. Explodierende Zigaretten, ferngesteuerte Autos oder ein als Palmolive-Rasierseife getarnter Schalldämpfer verliehen Bond jenen spätpubertären Charme, mit dem er die Welt zum Abenteuerspielplatz machte.
Hier fand sich im wunderbar passenden Moment stets auch die Luxusyacht mit der gelangweilten Schönen, die gerade ein Fläschchen Bollinger kalt gestellt hatte. Einmal, in Im Geheimdienst Ihrer Majestät, verliebte sich George Lazenbys Bond sogar ernsthaft in Diana Rigg. Als er ihr den Heiratsantrag machte, hatte er allerdings gerade die Patientinnen einer Schweizer Schönheitsklinik vernascht. In Casino Royale hingegen verpassen melodramatische Geigenteppiche Bonds Liebesgeschichte die Tonlage eines Rosamunde-Pilcher-Melodrams. Aus dem frivolsten Konsumenten der westlichen Welt, der mit allem, was ihn anlächelte, ins Bett fiel, ist ein monogamer Moralist geworden. Will man wirklich einen solchen Bond sehen, der mit verklärten Augen Liebesschwüre flüstert?
Der neue 007 kommt von unten. Martinis kippt er ab
Es ist nicht verwunderlich, dass mit diesem radikalen Bruch auch eine soziale Verschiebung einhergeht. Der neue Bond ist ein Mann von unten. Als ehemaliger Waisenhauszögling, so teilt uns der Film mit, konnte er in Oxford nur dank eines Stipendiums studieren. Auf die Frage, ob er seinen Martini gerührt oder geschüttelt will, reagiert er gereizt mit dem Spruch: »Sehe ich aus, als ob ich einen Scheiß draufgebe?«
In dieser Umdeutung liegt unbestritten etwas Zeitgemäßes. Angesichts von Abu Ghraib und Guantánamo, von Geheimdiensten, die sich in unübersichtlichen Kriegen auf das Verschleppen und Foltern spezialisieren, wirkt die Idee eines Upper-Class-Agenten, der so sicher auf der richtigen Seite kämpft, dass er sich wie ein Outlaw benehmen kann, anachronistisch. Man versuche sich nur vorzustellen, ob Bond in einem Bagdader Hotel absteigen, die Badewanne für weiblichen Besuch herrichten und nach dem Sex eine tief dekolletierte einheimische Schöne zum amerikanischen Botschaftsempfang führen könnte. Da passt der neue Bond besser ins Schmutzgeschäft der neuen Kriegswirklichkeit: ein Aufsteiger, der sich im Casino sichtlich unwohl fühlt und Maßanzüge verachtet. Ein harter Hund für die Drecksarbeit. Ein amerikanisierter Bond, der in der Action aufgeht, statt sie als Flaneur zu nehmen.
Mit einer gewissen Melancholie sei daran erinnert, dass das Schöne an Bond gerade sein natürliches Phlegma war. Er tötete, weil er nun mal die Lizenz dazu hatte. Nie hätte er sich schwitzend in einem Herrenklo verausgabt. Eher zufrieden nahm er hin und wieder zur Kenntnis, dass die Kugelschreibertorpedos und Manschettenknopfbomben seine Gegner wirklich trafen. Und lag in seiner Nonchalance, in seinem Übermaß an Kultiviertheit nicht auch eine Utopie? Die uns lehrte, dass man das Schicksal der Welt nicht den Haudegen anvertrauen sollte? Sondern doch lieber einem Mann, der eine handgemachte Zigarettensorte raucht (Morlands, Grosvernor Street) und selbst in einem kasachischen Raketensilo noch den richtigen Wodka wählt (Vorkriegs-Wolfschmidt aus Riga). Schließlich gibt es genug amerikanische Banausen, die auf der Welt für Ordnung sorgen wollen.
Vielleicht ist es so, dass jede Zeit den Bond bekommt, den sie verdient. Das hieße aber nichts Gutes für unsere Zeit. Wir hätten lieber den Bond zurück, den wir nicht verdienen.
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- Datum 15.11.2006 - 08:50 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.11.2006 Nr. 47
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'Schöngeister wie Frau Nicodemus mögen Brosnan vermissen. Aber ich kann sie trösten: Ihnen bleiben immer noch sämtliche Tom Cruise Filme. Die sind banal und nicht ernst zu nehmen. Also ideal und nonchalant zwischen zwei Lachshäppchen konsumierbar.'
Ich glaube Sie meint eher Sean Connery und eine Zeit die noch besser war. Sorry wenn ich was falsch verstehe, hab bis vor kurze noch Bild Zeitung gelesen ;-)
Liebe Frau Nicodemus, nicht WIR wünschen uns den alten Bond zurück, sondern SIE! Es sei denn, Sie meinen 'wir Frauen', denn Ich habe auch das Gefühl, dass der Neue eher was für UNS ist - uns Männer mein ich!
Es sei dahingestellt, ob man nun den neuen oder den alten Bond bevorzugt, jedoch würde ich klar widersprechen, wenn es darum geht, dass es sich bei dem neuen Bond um die männlichere Variante handelt.
James Bond als Verkörperung überheblichen, machohaften, britischen Gentleman hat für mich ebenfalls das Eigene und Abgrenzende von James Bond ausgemacht. Eine Art Anachronismus wie etwa auch Raumschiff Orion, der gerade dadurch besticht, dass er sich eben nicht direkt an der Realität orientiert.
In diesem Sinne halte ich, auch als Mann, den Stilwechsel für einen Verlust.
ich stimme Machtdochnix da zu, es scheint als wollten SIE den alten Bond zurueck, aber ich denke der neue Bond musste kommen, da man dieses seichte Actiongeballere der letzten Bonds nicht ewig so weiterfuehren konnte. ja, dieser Bond ist tiefgruendig, ja, er ist verletztlich und ich denke, der 'neue' Bond ist so wie ihn Ian Flemming in seinen Buechern beschrieben hat, mit einem brutalen Zug in seinem Gesicht.
Doch ich muss Machtdochnix widersprechen wenn 'wir' als 'die Frauen' gemeint sind, ich finde den neuen Bond sehr ansprechend.
Falls ich mich täuschen sollte, was die weibliche Beurteilung des neuen Bond angeht (soweit man das überhaupt verallgemeinern kann), bin ich nur zu gern bereit, diese Beurteilung über Bord zu werfen.
Fakt ist, Daniel Craig bringt die nötige Dosis Testosteron mit, um die Rolle wiederzubeleben. Zum erstenmal seit Connery ist Bond wieder hart im nehmen, sexy, lässig und smart. Craig hat die gleiche Aura der Gefahr und Unberechenbarkeit die Connery ausmachte, auch wenn er (noch) nicht die gleiche Klasse versprüht wie dieser. Aber schließlich ist das ja auch ein Reboot der Serie und Bond steht noch ganz am Anfang seiner Agenten-Karriere.
Jedenfalls nimmt man Craig, im Gegensatz zu dem leicht schwuchteligen Moore und dem zarten Brosnan endlich wieder ab, dass er tatsächlich in der Lage ist, zu tun was er tut. Der neue Film bringt Bond zurück zu seinen Wurzeln und verpasst der Serie, die durch ihre klischeehafte Redundanz im Begriff war vollkommen irrelevant zu werden, die nötige Brise Frischluft. Bond war zuletzt kaum mehr zu unterscheiden von Austin Powers und nur noch eine Parodie seiner selbst. Der neue Film gibt ihm seine ursprüngliche Energie zurück. Ich für meinen Teil weine dem alten Bond keine Träne nach.
Es ist natürlich gewagt, sich ein Urteil zu erlauben, wenn man den Film noch nicht gesehen hat, noch nicht sehen konnte.
Aber alles, was bereits zu sehen war, spricht mich an. Die Härte. Die Ernsthaftigkeit. Die Gefahr. Die Kompromißlosigkeit.
Einer meiner Vorredner hat es bereits angesprochen: Bond, so wie ihn Brosnan darstellte, war nicht viel mehr eine peinliche Parodie. Einer, der unsichtbare Autos fuhr, einer, der sich still leidend, ohne ein Widerwort, von M maßregeln ließ. Einer, bei dem ich nie wußte, woher er eigentlich seine Motivation für den Job nimmt, einer, der nicht mehr ernstzunehmen war.
Connery gegen Glent, oder wie der gegnerische Agent in 'Liebesgrüße aus Moskau' hieß, das war der Idealzustand. Etwas, bei dem man mitfiebern konnte. Ein Film, bei dem man sich nicht nach einer halben Stunde gelangweilt zurückgelehnt hat und unbeteiligt die Exposionen im Minutentakt an sich vorbeirauschen ließ.
Und die Entwicklung von Bond hin zum Mann mit Stil, mit Bildung, mit Lebensart - die soll ja noch kommen. Daß Bond auch als Bonvivant ernst zu nehmen ist, hat Connery bewiesen. Ich bin optimistisch.
Schöngeister wie Frau Nicodemus mögen Brosnan vermissen. Aber ich kann sie trösten: Ihnen bleiben immer noch sämtliche Tom Cruise Filme. Die sind banal und nicht ernst zu nehmen. Also ideal und nonchalant zwischen zwei Lachshäppchen konsumierbar.
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