Klima Kader auf dem Ökotrip

Saubere Kohletechnik ist auf dem Land in China zu teuer. Die Kommunisten wollen das ändern.

Richard Hausmann könnte der effektivste Klimaschützer der Welt sein. Der Siemens-Chef in China müsste nur noch mehr chinesische Kraftwerksbauer finden, die ihm seine Technologie abkaufen. Schon heute sind 60 Prozent aller modernen Kohlekraftwerke in der Volksrepublik mit deutscher Siemens-Technologie ausgestattet. Statt der für China durchschnittlichen Energieeffizienz von 28 Prozent liefern sie westlichen Industriestandard: Ihre Energieeffizienz reicht von 43 bis 58 Prozent. Das heißt, sie erzeugen die gleiche Menge Strom aus deutlich weniger Kohle. »Wir installieren nur die weltweit effizienteste Kohletechnologie«, schwört Hausmann.

In China ist das nicht nur eine Frage des Geschäfts, sondern auch des Klimawandels. Keine Industrie der Welt, nicht einmal die amerikanische Autoindustrie, schädigt das Klima so sehr wie die chinesische Kohle. Sie verursacht bald 14 Prozent aller weltweiten CO 2 -Emissionen. Sie ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass China bis 2010 die USA als größter CO 2 -Emittent der Welt ablösen wird. Aus China werden dann über 20 Prozent solcher Emissionen kommen. »Die Welt kann mit dem, was China zur Reduzierung von CO 2 -Emissionen tut, wahrscheinlich nicht zufrieden sein«, gesteht Zhao Xingshu von der Chinesischen Sozialakademie.

Chinas Klimasünden machen die Anstrengungen des Westens zunichte

Die Kohleindustrie etwa ließe sich in China mit relativ geringem Aufwand umrüsten. Es bedürfte nur höherer Investitionen, wie sie sich im Westen längst rentieren. Schon mit der heutigen Siemens-Technik könnte die Branche ihren Effizienzgrad um 30 Prozent steigern, und damit gäbe es immerhin 20 Prozent weniger CO 2 -Emissionen als ohne diese Technologie.

Dass es bislang nicht passiert, macht alle Klimaanstrengungen des Westens zunichte. Was die chinesische Kohleindustrie jährlich zusätzlich an CO 2 -Emissionen verursacht, kann die EU auch auf lange Sicht nicht einsparen. Jede zweite Woche geht in der Volksrepublik ein neues Kohlekraftwerk ans Netz – mit konventioneller Technik. Meistens sind es kleine Kraftwerke in ländlichen Provinzen, die Kreisstädte oder industrielle Entwicklungszonen mit Strom versorgen. Sie ermöglichen, dass sich das chinesische Wirtschaftswunder von der Küste ins Hinterland verbreitet, dass auch die Bergwerker in der Inneren Mongolei und die Stadtbewohner in Sichuan den ganzen Winter lang heizen können. Für energieeffiziente Kohletechnologie fehlt den ärmeren Provinz- und Stadtregierungen das Geld. Nicht umsonst liegen 16 der 22 Kohlestandorte von Siemens in reichen Küstenprovinzen.

Die Folgen für die Welt sind dramatisch. In den vergangenen drei Jahren stieg der globale Kohleverbrauch so schnell wie in den 23 Jahren zuvor. 90 Prozent des Anstiegs gingen auf das Konto Chinas, Indien folgt mit acht Prozent. In China gibt es Kohle landauf, landab im Übermaß, und die Menschen sind vielerorts arm und arbeitslos. So entstanden überall kleine private Kohleminen mit abschreckenden Arbeitsbedingungen, die China zum größten Kohleproduzenten der Welt machten und inzwischen 80 Prozent der chinesischen Kohle fördern. Diese Minen liefern ihre Kohle heute zu einem Preis weit unter dem am Weltmarkt – und erhalten damit die Wettbewerbsfähigkeit der ineffizientesten und klimaschädlichsten Kraftwerke.

Allerdings profitieren von den niedrigen Kohlepreisen Hunderte Millionen armer Chinesen, die bislang im Winter frieren mussten. »Man kann von Leuten, die darum kämpfen, genug fürs Essen zu verdienen, nicht verlangen, ihre Emissionen zu reduzieren«, sagt Lu Xuedu, Vizeleiter des chinesischen Amts für globale Umweltangelegenheiten. Er vertritt die offizielle, für den diplomatischen Gebrauch bestimmte Pekinger Regierungsposition. Lu lehnt für China alle CO 2 -Reduktions-Verpflichtungen im Rahmen des Kyoto-Prozesses ab. Er argumentiert, dass China ein Entwicklungsland sei und dass seine Pro-Kopf-Emissionen ohnehin unter dem Weltdurchschnitt lägen.

»Alles Ausreden«, meint dagegen Yang Ailun, die junge Klimakampagnen-Managerin von Greenpeace in Peking. Sie rät ihrer Regierung, endlich die Augen zu öffnen – für den Klimawandel im eigenen Land. Yang zeigt Aufnahmen von zerborstenen Gletscherseen im Quellgebiet des Gelben Flusses. Wie Indien sei auch China ein Opfer der nachweislich klimabedingten Gletscherschmelze im Himalaya. Yang erklärt, wie die Schmelze erst zu Überschwemmungen und dann zu Dürreperioden führe. Allein am Gelben Fluss sei die Wasserversorgung von 120 Millionen Menschen gefährdet. Forscher des Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) prophezeiten noch für dieses Jahrhundert den Untergang Shanghais durch die Anhebung des Meeresspiegels.

Derweil ändern sich die allgemeinen Klimabedingungen schon heute. Mehr Taifune im Süden, längere Hitzeperioden im Landesinneren und warme Winter im Norden – das seien die Trends, berichtet Yang. »In zehn bis zwanzig Jahren werden sich viele Millionen Chinesen als Opfer des Klimawandels sehen«, glaubt die Umweltschützerin. Deshalb müsse die Regierung schon heute aktiv werden und dringend etwas gegen den billigen Kohlepreis unternehmen. »Umwelt- und Gesundheitsfolgekosten sollten bei der Kohle mitberechnet werden«, fordert Yang. So ähnlich sieht das auch Richard Hausmann von Siemens, denn erst bei weltmarktgerechten Kosten rentiert sich seine Technologie.

Viele Chinesen wissen schon heute um diese Zusammenhänge. »An Informationen und Verständnis mangelt es nicht«, berichtet der Pekinger Aktivist Wen Bo, der mit ausländischen Spenden den Aufbau neuer Umweltgruppen in China organisiert. Das neue Lifestyle-Magazin Lens widmete der »Rettung der Erde vor dem Klimawandel« erst im Sommer einen Titel. Im Augenblick, meint Wen, seien chinesische Organisationen und die Öffentlichkeit aber noch nicht zu Taten bereit. Sie seien mit den drängenderen Alltagsproblemen der Luft- und Wasserverschmutzung beschäftigt.

Bleibt als Ansprechpartner in Sachen Klimawandel nur die Pekinger Regierung. Sie hat sich trotz aller Zurückhaltung im Kyoto-Prozess ein ehrgeiziges klimarelevantes Ziel gesetzt: die Steigerung der Energieeffizienz um 20 Prozent von 2006 bis 2010. Dabei mag es der Regierung mehr um die eigene energiepolitische Unabhängigkeit als den Klimaschutz gehen, wie es etwa die Energieexpertin Zhao behauptet. Der englische Ökonom Nicholas Stern hat Peking in seinem kürzlich veröffentlichten Klimabericht dennoch gelobt.

Energiesparen gilt jetzt als oberstes Ziel der Partei

Das hohe Energiesparziel der Partei bleibt bislang eher ein Wunschtraum, denn die durchschnittliche Effizienz nimmt im Augenblick noch ab. Doch langsam kommt der Pekinger Regierungsapparat auf Touren: Als oberstes Parteiziel nennen KP-Kader nun immer häufiger die Energieeffizienz statt wie früher Wachstumsziele. So hat es das Zentralkomitee vorgegeben.

Yang Fuqiang ist deshalb optimistisch. »Die Bürokraten wissen, wie sie an ihr Ziel kommen«, glaubt der erfahrene Energieberater der US-finanzierten Energy Foundation in Peking. Yang erzählt von einem Treffen auf der Insel Hainan, zu dem am vergangenen Wochenende Vizeminister, Staatssekretäre aller energierelevanten Ministerien und hochrangige Vertreter von 31 Provinzen erschienen.

Zwei Tage lang hätten sie nur über Energiepläne gesprochen. Jedem Industriezweig würden künftig spezifische Energiesparvorschriften gemacht. Die Zentralregierung plane entsprechende Verträge mit den tausend größten Unternehmen des Landes, und dann sollten Verträge auf Provinz-, Kreis- und Stadtebene folgen. »Das Schwierigste dabei ist die lokale Umsetzung«, sagt Yang. Er wirbt deshalb für steuerliche und finanzpolitische Anreize. Peking dürfe sich nicht mehr auf eine reine Verordnungspolitik verlassen.

Dass sich energiepolitisch etwas tut, hat auch Richard Hausmann bemerkt. »Das Thema Energieeffizienz spielt jetzt in jedem Gespräch mit der Zentral-, Provinz- oder Stadtregierung eine entscheidende Rolle«, berichtet der Siemens-Manager. Geredet wird dabei auch über neue Technologien wie die Kohlevergasung, in der das Versprechen einer nahezu emissionsfreien Kohleverbrennung liegt. »Das wäre die ideale Technologie für China«, meint Hausmann.

Bei solchen Nachrichten fürchten daheim manche den Ausverkauf der westlichen Kohletechnologie, während Peking von einer »Bringschuld« der alten Industrieländer spricht. Der Streit darüber hat gerade erst begonnen. Eigentlich aber fehlt die Zeit für gegenseitige Anschuldigungen. Ohne China lässt sich der Klimawandel nicht stoppen.

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