Klassiker der Moderne (40) Heilige Natur!

Leoš Janáček pflanzt Akkorde voll prosaischer Poesie. Sein Klavierzyklus "Auf verwachsenem Pfade" von 1908 erforscht den Düsterwald und entdeckt dabei das Leben

An der Schwelle zur Moderne ging der kleine Mann auf die fünfzig zu, um ihn herum zog sich alles zu Wärmegewittern zusammen: Mahler schrieb seine Sinfonien, Debussy schrieb La Mer, Schönberg schrieb die Gurre-Lieder, Strauss schrieb Salome. Dem kleinen Mann aber wurde es immer kälter in seiner mährischen Heimat, er rannte mit dem Notizblock um die Häuser, experimentierte mit Fetzen von Sprache und mit winzigen Melodien. Das Klavier trocknete er aus. Den Weg zum dürren Klang fand er im Unterholz, wo das Laub raschelt und dünne Äste knirschen, wo Akkorde erst gepflanzt werden müssen und nicht wie Trauben an den Reben hängen.

Als Leoš Janáček zwischen 1901 und 1908 die zehn Stücke seines Klavierzyklus Auf verwachsenem Pfade schrieb, war sein Leben von dumpfen Gedanken umdüstert. Über das achte Stück So namenlos bang schrieb er in einem Brief: »Sie hören in diesem Werk vielleicht das Weinen, die Vorahnung eines sicheren Todes.« Tatsächlich erlebte Janáček zu jener Zeit viel private Bitterkeit. Seine geliebte Tochter Olga starb, sie war sein Engel, seine Gefährtin auf den Reisen in die Welt des Slawischen gewesen, in ihr lebte jeder Takt seiner Oper Jenufa.

Der Zyklus reflektiert die musikalische Poesie des 19. Jahrhunderts und destilliert sie ins Prosaische. Dabei wird die Musik nicht geschmacksneutral, im Gegenteil: Sie nimmt eine nächtliche Aura an. Sie schwankt oft zwischen cis-Moll und Des-Dur, zwei schweren, dunklen Tonarten. Wenn mal ein fünftöniger Akkord zusammenkommt, ist das fast eine Sensation. In den Mittelstimmen summen kleine Motive in zarter Wiederholung vor sich hin. Das zweite Stück schaukelt seltsam und ist tatsächlich ein Verwehtes Blatt. Der leutselige Appell in Kommt mit! dementiert sich bald selber. Die Friedeker Mutter Gottes ist eine Madonna, welcher der Regen der Sechzehntelnoten übers Gesicht rinnt, und Sie schwatzten wie die Schwalben (Nummer 5) könnte von einem Leichenkaffee stammen. Tatsächlich geht in Auf verwachsenem Pfade von Nummer 6 an das Licht allmählich aus. Selten ist Verdunkelung in Musik so unheimlich und unaufhaltsam über den Hörer gekommen. Er wird von den Ausrufezeichen der Titel beschworen, sitzen zu bleiben. Gute Nacht! ist ein Betthupferl, das einem mit wehem Gemüt überreicht wird; nun hat die Partitur beinahe so viele Pausen wie Noten. In Tränen büßt seinen Grundton schon im ersten Takt ein. Ein reines Nachtstück unter Herzklopfen: das letzte Stück Das Käuzchen ist nicht fortgeflogen! Nun murmelt in der linken Hand nur noch ein Bach, und ein kleines Arpeggio zeigt, wie Käuzchen normalerweise aufrauschen. Dieses hier fliegt nicht, sondern starrt in den Finsterwald und fahndet nach Natur. Die hat Janáček geborgen, ganz feierlich zum Choral. Heilige Natur! Alles andere ist der Tod.

Leoš Janáček: Auf verwachsenem Pfade, Alain Planès (Klavier); harmonia mundi HMC 901508

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 16.11.2006 Nr. 47
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