Als Ernst Ludwig Kirchners Bild Straßenszene 1913 , das in der vergangenen Woche für 34 Millionen Dollar versteigert wurde, Anfang August aus dem Berliner Brücke-Museum abgeholt wurde, da fühlte Magdalena M. Moeller sich nicht mächtig. Nicht wie die einflussreiche, international anerkannte Museumsdirektorin und Expressionismusspezialistin, die sie ist; eine von nur einer Hand voll Frauen, die in Deutschland Hoch- und Weltkultur bewahren, sammeln, pflegen, bewerten und ausstellen. Moeller fühlte sich vielmehr ausgesprochen machtlos. Alice Schwarzer, Feministin BILD

Der Berliner Senat hatte die Straßenszene in einem Restitutionsverfahren an die Erbin der früheren jüdischen Besitzer, die es 1936 verkauft hatten, zurückgegeben. Umstritten war dabei nicht der moralische Anspruch der Erbin, wohl aber die geschäftstüchtige Begleitung des Verfahrens durch das New Yorker Auktionshaus Christie’s. Was sie über den Vorgang denkt, darüber sagt die loyale Beamtin Moeller kein einziges Wort.

Macht beschränkt sich nicht auf die Sphären Politik und Wirtschaft. In gewisser Weise kann auch eine Museumsdirektorin eine mächtige Frau sein, gerade wenn sie, wie Moeller, zuständig ist für die Interpretation einer ganzen Kunstrichtung. Die Maler der Brücke, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Max Pechstein, Emil Nolde und eben Kirchner sind ihre Stars, und ihr Museum besitzt die größte Sammlung des deutschen Expressionismus weltweit, mit einem Wert von mehreren hundert Millionen Euro. Was Moeller ausstellt, welchen Künstler sie in den Mittelpunkt rückt, das entscheidet ganz wesentlich darüber, wie dieser Künstler in Deutschland und anderswo gesehen wird. Und was er wert ist.

»Das ist ja gerade das Absurde«, sagt sie, »wir haben die Macht, die Preise hochzuschrauben. Und die Folge? Wir könnten uns unsere eigenen Bilder auf dem Kunstmarkt nicht mehr leisten.«

Reden über Macht? Aber nicht länger als eine Stunde, sagt Alice Schwarzer

Eine halbe Macht also, Definitions-, Deutungs-, aber keine Durchsetzungsmacht. Doch auch diese halbe Macht muss man erst einmal erringen. Machen Frauen das anders als Männer? »Ich jedenfalls mache es nicht anders«, sagt Moeller. »Um als Kunsthistoriker erfolgreich zu sein, braucht man Begeisterung, Biss, ja sogar Fanatismus. Fast alles ist eine Frage des Durchhaltevermögens: Dranbleiben, bis man alle Leihgaben für eine Ausstellung zusammenhat oder die Mittel für einen Ankauf.« Nach ihrer Beobachtung, sagt die Direktorin, schreckten viele Frauen vor der Verantwortung zurück, die eine solche Machtposition mit sich bringe. »Sie sind meistens ängstlicher als Männer.« Und vielleicht fehlt ihnen auch zu oft der Biss.

Eine Annäherung an den Begriff »Macht« ist schwierig, und wenn es dann noch um den weiblichen Umgang mit Macht oder gar um die Macht der Frauen geht, droht schnell Frauenzeitschriften-karriereberaterprosa. Oder Männer schreiben Hymnen, die nicht wirklich den Einfluss, sondern den Sex-Appeal einer Frau preisen. Viele politische Kommentatoren scheinen ihren Machtbegriff ohnehin aus J. R. R. Tolkiens Herrn der Ringe zu beziehen: Bei ihnen klingt es, als sei Macht ein Ding, ein Gegenstand, den man besitzen kann oder eben nicht. Das neueste Buch des ehemaligen Spiegel- Autors Hajo Schumacher über Angela Merkel, laut Forbes »die mächtigste Frau der Welt«, erliegt just diesem Irrtum. Dabei ist Macht natürlich nicht greifbar, kein Ding, kein Ring, sondern ein höchst kippeliger Zustand. Klassisch definiert hat den Begriff der Soziologe Max Weber: »Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.«