Gesellschaft Die Frauen und die Macht
Ob Verlegerin Friede Springer, "Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer oder die Gewerkschafterin Ursula Engelen-Kefer: Frauen in Führungspositionen verhalten sich anders als Männer.
Als Ernst Ludwig Kirchners Bild Straßenszene 1913 , das in der vergangenen Woche für 34 Millionen Dollar versteigert wurde, Anfang August aus dem Berliner Brücke-Museum abgeholt wurde, da fühlte Magdalena M. Moeller sich nicht mächtig. Nicht wie die einflussreiche, international anerkannte Museumsdirektorin und Expressionismusspezialistin, die sie ist; eine von nur einer Hand voll Frauen, die in Deutschland Hoch- und Weltkultur bewahren, sammeln, pflegen, bewerten und ausstellen. Moeller fühlte sich vielmehr ausgesprochen machtlos.
Der Berliner Senat hatte die Straßenszene in einem Restitutionsverfahren an die Erbin der früheren jüdischen Besitzer, die es 1936 verkauft hatten, zurückgegeben. Umstritten war dabei nicht der moralische Anspruch der Erbin, wohl aber die geschäftstüchtige Begleitung des Verfahrens durch das New Yorker Auktionshaus Christie’s. Was sie über den Vorgang denkt, darüber sagt die loyale Beamtin Moeller kein einziges Wort.
Macht beschränkt sich nicht auf die Sphären Politik und Wirtschaft. In gewisser Weise kann auch eine Museumsdirektorin eine mächtige Frau sein, gerade wenn sie, wie Moeller, zuständig ist für die Interpretation einer ganzen Kunstrichtung. Die Maler der Brücke, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Max Pechstein, Emil Nolde und eben Kirchner sind ihre Stars, und ihr Museum besitzt die größte Sammlung des deutschen Expressionismus weltweit, mit einem Wert von mehreren hundert Millionen Euro. Was Moeller ausstellt, welchen Künstler sie in den Mittelpunkt rückt, das entscheidet ganz wesentlich darüber, wie dieser Künstler in Deutschland und anderswo gesehen wird. Und was er wert ist.
»Das ist ja gerade das Absurde«, sagt sie, »wir haben die Macht, die Preise hochzuschrauben. Und die Folge? Wir könnten uns unsere eigenen Bilder auf dem Kunstmarkt nicht mehr leisten.«
Reden über Macht? Aber nicht länger als eine Stunde, sagt Alice Schwarzer
Eine halbe Macht also, Definitions-, Deutungs-, aber keine Durchsetzungsmacht. Doch auch diese halbe Macht muss man erst einmal erringen. Machen Frauen das anders als Männer? »Ich jedenfalls mache es nicht anders«, sagt Moeller. »Um als Kunsthistoriker erfolgreich zu sein, braucht man Begeisterung, Biss, ja sogar Fanatismus. Fast alles ist eine Frage des Durchhaltevermögens: Dranbleiben, bis man alle Leihgaben für eine Ausstellung zusammenhat oder die Mittel für einen Ankauf.« Nach ihrer Beobachtung, sagt die Direktorin, schreckten viele Frauen vor der Verantwortung zurück, die eine solche Machtposition mit sich bringe. »Sie sind meistens ängstlicher als Männer.« Und vielleicht fehlt ihnen auch zu oft der Biss.
Eine Annäherung an den Begriff »Macht« ist schwierig, und wenn es dann noch um den weiblichen Umgang mit Macht oder gar um die Macht der Frauen geht, droht schnell Frauenzeitschriften-karriereberaterprosa. Oder Männer schreiben Hymnen, die nicht wirklich den Einfluss, sondern den Sex-Appeal einer Frau preisen. Viele politische Kommentatoren scheinen ihren Machtbegriff ohnehin aus J. R. R. Tolkiens Herrn der Ringe zu beziehen: Bei ihnen klingt es, als sei Macht ein Ding, ein Gegenstand, den man besitzen kann oder eben nicht. Das neueste Buch des ehemaligen Spiegel- Autors Hajo Schumacher über Angela Merkel, laut Forbes »die mächtigste Frau der Welt«, erliegt just diesem Irrtum. Dabei ist Macht natürlich nicht greifbar, kein Ding, kein Ring, sondern ein höchst kippeliger Zustand. Klassisch definiert hat den Begriff der Soziologe Max Weber: »Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.«
Die spannenden Fragen in Bezug auf Frauen lauten also: Unterscheiden sich die weiblichen Chancen, den eigenen Willen durchzusetzen, von denen der Männer? Haben sie andere Möglichkeiten, an die Macht zu kommen – seltener vielleicht durch Kampf, öfter als Männer durch Heirat, Erbe oder als Bestandteil eines gegenseitig sich fördernden Powerpaares à la Hillary Clinton? Fällt das Widerstreben gegen weiblichen Willen anders aus als das Widerstreben gegen männlichen? Und vor allem: Lassen sich Belege dafür finden, dass der Wille der Frauen sich auf andere Ziele richtet als der der Männer?
Es ist schwer, auf diese Fragen verbindliche Antworten zu geben. Aufschluss geben können aber Gespräche, Beobachtungen, Nachforschungen bei Frauen, die die Durchsetzung ihres Willens bereits erprobt haben – sei es als Museumsdirektorin, Verlegerin, Unternehmerin, Politikerin, Gewerkschafterin.
Oder feministische Publizistin. Die Emma- Redaktion ist im Kölner FrauenMediaTurm direkt am Rhein untergebracht, das ist eine Art Festung, da hat man nicht einfach ein Büro, da residiert frau. Alice Schwarzer, Gründerin und Herausgeberin der Emma, wird mit Terminanfragen überhäuft wie eine Spitzenpolitikerin. Wenn sie vor einer Fernsehsendung in die Maske kommt, springen die Redaktionsassistenten, damit Frau Schwarzer sich auch wohlfühlt. Die Tatsache, dass sie sich für die CDU-Vorsitzende Angela Merkel als Bundeskanzlerin aussprach, hatte einen schwer zu beziffernden, aber ganz realen Wert im Wahlkampf 2005. Macht? Das müsste ihr Thema sein. »Na, darüber sollten wir aber auf keinen Fall länger als eine Stunde reden«, sagt sie am Telefon. Wie meint sie das?
Später, in einem Berliner Restaurant, lässt Alice Schwarzer erkennen, dass sie einfach ein ganz altmodisch politischer Mensch ist. »Macht an sich«, sagt sie, »ist doch vollkommen uninteressant!« Interessant sei ausschließlich, wozu man seine Macht nutzen wolle. »Und Karriere« – das ruft sie –, »schrecklicher Begriff! Die meisten Menschen freuen sich, wenn sie überhaupt einen Job haben. Es kann doch in jeder Situation nur darum gehen, die Dinge, die man tut, so gut wie nur irgend möglich zu machen!« Eines allerdings, sagt sie, sei ihr von Anfang an klar gewesen: »Ich habe schon als Volontärin begriffen, dass es wichtig ist, eine Position zu erreichen, wo einen nicht mittelmäßige Leute bevormunden können!«
Ist das vielleicht ein Unterschied zwischen Männern und Frauen, dass Letztere immer skrupulös nach dem »Wozu« fragen, während Erstere vor allem das »Wie« der Macht interessiert? »Auf jeden Fall hat es mich schon immer genervt, wenn Frauen flöteten: Ich will doch keine Macht«, sagt Schwarzer. »Lange Zeit kam man ja gar nicht bis zum ›Wozu‹, weil sich allein der Gedanke an den Griff zur Macht für Frauen nicht gehörte. Sie hatten relative Wesen zu sein, abhängig, sichtbar höchstens im Dienst der Männer.«
Aus genau diesem Grund hat Schwarzer auch die Tendenz der vergangenen Jahre, junge Frauen, die »Töchter« der Frauenbewegung, gegen ihre Mütter auszuspielen und eine »neue Weiblichkeit« gegen das angeblich verkniffene Emanzentum in Stellung zu bringen, mit Sorge beobachtet. »Schön wäre, wenn die Mädchen es nicht wieder mal zu spät merken würden«, schrieb sie in ihrem 2000 erschienenen Bilanzbuch Der große Unterschied. »Die Strapse von Madonna kann ich mir nur erlauben, wenn ich auch ihr Maul habe, noch besser auch ihr Bankkonto. Die schwache Frau kann ich nur spielen, wenn ich in Wahrheit stark bin.« So stark eben wie die Pop-Ikone, die sich selbst auf solider ökonomischer Basis zum universellen Sexsymbol stilisierte: als vermutlich reichste Künstlerin der Welt.
»Ich gebe es zu«, sagt die Erbin Friede Springer, »ich bin sein Produkt«
Was Alice Schwarzer selbst an öffentlicher Aufmerksamkeit und publizistischen Chancen zu Gebote steht, das setzt sie für das Recht der Frauen ein, Leidenschaft für etwas anderes als »die Liebe« zu entwickeln. Deshalb sieht sie auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nach wie vor gern im Amt: »Der Gedanke, dass tatsächlich eine Frau es macht, macht mir einfach Spaß.« Gleichwohl brauche die Kanzlerin erkennbar ein Netzwerk, das über ihre CDU-nahen Kreise hinausgehe, und: »Man kann den symbolischen Wert einer Situation hochhalten und trotzdem in der Sache kritisieren.«
Für die Feministin besteht also ein immanenter Zusammenhang zwischen Macht und weiblicher Autonomie – nur wer selbst etwas ist, selbst etwas will, kann »mächtig« werden. Die von einem Mann abgeleitete Frau kann es eigentlich nicht. Oder doch?
»Ich habe mich an seiner Seite entwickelt. Ich gebe es zu: Ich bin sein Produkt«, sagt jedenfalls eine der reichsten und ganz ohne Zweifel mächtigsten Frauen Deutschlands in einem Interview mit der Welt am Sonntag – die heute 64-jährige Verlegerin Friede Springer. Sie ist die Mehrheitseignerin der Axel Springer AG, die mehr als 10.000 Menschen beschäftigt, fast zweieinhalb Milliarden Euro Umsatz im Jahr macht und allein mit der Bild- Zeitung jeden Tag mehr als zehn Millionen Leser erreicht. »Ich weiß schon, was ich will«, hat Friede Springer in einem anderen Interview gesagt. »Aber ich bin ein Produkt Axel Springers. Es stimmt einfach: Er hat mich geschaffen und gemacht, und das sage ich auch ehrlich.«
Ein Mann hat sie gemacht, der mit ihr in fünfter Ehe verheiratet war, 30 Jahre älter als sie; ein Mann, der sich nach eigenem Bekunden das Recht herausnahm, »Frauen regelmäßig auszuwechseln«. Ein Mann, der jetzt allerdings tot ist, während sie lebt und das Zeitungsimperium lenkt. »Im Verlag geht nichts ohne sie«, schreibt der Axel-Springer-Biograf Michael Jürgs in der Süddeutschen Zeitung. »Rein formal hat der Vorstandsvorsitzende das letzte Wort, aber wer es ihr nicht lassen will, wird von ihr hören.«
Wie sieht solche entlehnte Größe aus? Wie das sorgsam arrangierte Foto einer eleganten Frau hinter einem gigantischen Holzschreibtisch – seinem. Springers Macht ist eigenartig sicht- und doch nicht greifbar. Parteispenden verteilt sie, anders als andere reiche Erbinnen, nicht. Politische Parteinahmen – über ihre Stimme für Horst Köhler in der Bundesversammlung und die frauensolidarische Unterstützung für Angela Merkel im Bundestagswahlkampf 2005 hinaus – sind von ihr nicht bekannt. Man kann sie, obwohl es interessant wäre, zu alledem nicht befragen, weil Frau Springer »prinzipiell (und dies aus Sicherheitsgründen) jedes Interview absagt«, wie ihre Sprecherin mitteilt. Aus Sicherheitsgründen? Vielleicht gehört die Freiheit vom Zwang zur Selbsterklärung ja gerade zu dieser spezifischen Form von Macht.
Manche leisten sich Schmuck, Susanne Klatten lässt diskutieren
Manche leisten sich Schmuck, Gemälde, Landsitze, um ihren Status zu dokumentieren. Susanne Klatten, die reichste Frau Deutschlands, lässt diskutieren. Zweimal im Jahr lädt die Herbert-Quandt-Stiftung, deren Stiftungsrat sie vorsitzt, ins Sinclair-Haus in Bad Homburg. Die Bewirtung ist vom Feinsten, der Moderator der 20-Personen-Runde ein sehr bekannter Fernsehjournalist, sodass die Gäste – Politiker, Wissenschaftler und weitere Journalisten – den Eindruck gewinnen können, ja womöglich sollen, auch sie selbst seien vom Feinsten und ihre Gedanken zu den hier diskutierten Fragen ziemlich erheblich.
Das Thema der Veranstaltung, zu der neben Klatten auch der Vorstandsvorsitzende ihrer Altana AG, Nikolaus Schweikart, willkommen heißt, passt stimmungsmäßig ins Frühjahr 2006. Die chattering classes sind erfüllt von düsteren Deutschland-vor-dem-Untergang-Gefühlen, die Euphorie der Fußballweltmeisterschaft ist noch nicht zu ahnen. Um die – vermeintlich?, tatsächlich? – bedrängten Mittelschichten geht es. Die Angst kriecht die Bürotürme hinauf lautet der programmatische Titel eines Vortrags.
Nun wäre es ja durchaus von Interesse gewesen, was die Quandt-Erbin Klatten, Betriebswirtin, Altana- und BMW-Aufsichtsratsmitglied, dreifache Mutter, mehrfache Milliardärin und vermutlich nach jeder geltenden soziologischen Definition Mitglied der Oberschicht, sagen würde: zu den Ängsten Andersschichtiger. Oder zu den Bemühungen deutscher Unternehmen, ihren Mitarbeitern die Ängste zu nehmen. Sie ist eine ausgewiesen höfliche Gastgeberin – was »Guten Morgen«, »Guten Appetit« oder »Gut, dass mal Pause ist« angeht. Zur Sache äußert sie sich am ganzen Wochenende nicht.
Es gibt für die Klattensche Zurückhaltung ein freundliches Deutungsmuster, das sich zumindest in der Wirtschaftspresse durchgesetzt hat: Die Quandts sind so bescheiden. Drängen sich nie in den Vordergrund. Sind praktisch gar nicht zu sehen. Auch der Journalist Rüdiger Jungbluth, der das ultimative Familienporträt geschrieben hat, findet über Klatten nur Worte, die ihr Understatement preisen. Und fragt: »Wie kann es sein, dass kaum jemand in Deutschland Notiz nimmt von einer klugen, attraktiven Frau, die in der deutschen Wirtschaft seit Jahren eine Macht ausübt wie keine zweite?«
Weil sie einfach nichts sagt, vielleicht? Susanne Klatten tarnt ihre real existierende Macht mit ostentativer Bescheidenheit. Das ist seit Jahrhunderten eine zutiefst weibliche Strategie, aber reicht es hin? Seit sie den Altana-Konzern aufgespalten, dessen Chemiesparte an die Börse gegeben und die Pharmasparte verkauft hat (wo jetzt Hunderte von Arbeitsplätzen abgebaut werden), wünschen sich auch die Kommentatoren aus den Wirtschaftsressorts etwas mehr Stellungnahme. »Erbe verpflichtet – nicht«, bemerkte die Financial Times Deutschland sarkastisch zur Altana-Entscheidung.
Eigentlich gilt: Sozialdemokratinnen greifen keine Männer an
Zu der Frage nach ihrer Art von Macht »möchte sich Frau Klatten nicht öffentlich äußern,« mailt der persönliche Referent der Familie Quandt. Und so lässt sich auch nicht in Erfahrung bringen, ob die Bescheidenheitsstrategie eher ein Frauen- oder ein Erben- Phänomen ist.
Was die eine um Himmels willen meidet, das gehört für die andere zum Berufsbild: öffentliche Auftritte, Podiumsdiskussionen, Talkrunden. Weiblicher Darstellungslust – man denke an Schauspielerinnen, Tänzerinnen, Sängerinnen – müsste das entgegenkommen, andererseits: Glamourös ist das Leben einer Bundestagsabgeordneten nicht. An einem Dienstag im Herbst sitzt Andrea Nahles, SPD, zusammen mit ihrem CDU-Kollegen Ralf Brauksiepe, im Kolpinghaus von Andernach in der Eifel. Ahrweiler, der Wahlkreis, ist fest in Unionshand, die Kolpingfamilie nicht eben SPD-affin, und die rund 20 Rentner, die sich an diesem Abend den Zustand der Großen Koalition im Allgemeinen und die Gesundheitsreform im Besonderen erklären lassen, schauen generationstypisch verdrossen drein. Trotz dieser widrigen Bedingungen ist es am Ende eher Nahles als Brauksiepe, die das Publikum irgendwie erreicht – und das weniger mit Argumenten für einen Reformkompromiss, an dem sie selbst genug auszusetzen hat, als mit der rein menschlichen Mitteilung: Ich bin schwerbehindert, 50 Prozent, nach einem Autounfall. Ich weiß, wovon ich rede. Da geht eine Art Anknipsen durch die Gesichter oberhalb der Biergläser: Aha, ein Mensch, kein Politikmonster.
Dabei begegnet Andrea Nahles diesem Vorurteil nicht gerade selten. Vor mehr als zehn Jahren wurde sie Juso-Bundesvorsitzende, spätestens seit damals ist die Literaturwissenschaftlerin Berufspolitikerin, pflegt Netzwerke, organisiert Mehrheiten, hat Mentoren und Förderer gehabt und wieder verloren.
Und trotz all der Routine ist da mehr als bei anderen. Begabung? Auf jeden Fall eine fast fanatische Heimatliebe, die vor dem Abdriften in Berliner Kunstwelten bewahrt. Nahles, Sprecherin der Demokratischen Linken 21, ist die wichtigste SPD-Nachwuchsfrau, wobei »Nachwuchs« für einen Profi wie sie langsam zur Beleidigung wird. Aber so funktioniert die SPD, die Generation der tonangebenden 60-Jährigen wird niemals freiwillig aufgeben. Und doch wird Nahles langsam unvermeidbar.
Sie steht als Vorsitzende der zuständigen Projektgruppe für das ursprüngliche Bürgerversicherungsmodell der SPD. Und noch etwas unterscheidet sie von allen anderen. Sie hat mit ihrer Kandidatur als Generalsekretärin der SPD vor einem Jahr den Parteivorsitzenden demontiert, worauf dieser selbst das Amt hinwarf. Damit hat Nahles eine unsichtbare Regel verletzt: Sozialdemokratinnen konkurrieren untereinander um die quotenmäßig festgeschriebenen Frauenplätze in Gremien. Aber sie greifen eigentlich keine mächtigen Männer an.
Nie wurde darüber diskutiert, ob Franz Münteferings Rücktritt vielleicht eine überzogene, gar eine hysterische (und damit fast weibliche) Trotzreaktion gewesen sei – Nahles war die Königsmörderin. Hätte sie trotzdem kandidiert, wenn sie seine Reaktion abgesehen hätte? »Nein.« So sehr »Parteimensch« ist sie sehr wohl. Abgestraft aber wurde sie als Verräterin.
An diesem Fall lassen sich eindrucksvoll die spezifischen Widerstände betrachten, auf die eine Frau treffen kann, wenn sie versucht, ihren Willen gegen Männer durchzusetzen. Die tribunalartigen Versammlungen im Wahlkreis hätte vermutlich auch ein männlicher Abgeordneter durchstehen müssen. Aber das väterlich-strenge Schulterklopfen des Fraktionsvorsitzenden Peter Struck, der ihr mit dem Satz »Strafe muss sein« verkündete, den stellvertretenden Vorsitz in der Bundestagsfraktion könne sie vergessen? Auf die Spitze trieb es Bild- Kolumnist Franz Josef Wagner: Der sah Frauen wie Andrea Nahles »Deutschland in die Krise stürzen«. Warum? Natürlich sexuelle Frustration. Andrea Nahles sei »unverheiratet«, brauche ergo einen Mann.
Zu alt! Auch Lebensalter lässt sich instrumentalisieren
Kein männlicher Politiker müsste sich jemals Vergleichbares anhören. Das ist immer noch die andere Seite der Macht: Frauen dürfen, in einem hübsch angemessenen Rahmen, heute selbst danach streben. Aber nie, niemals darf das zulasten eines bereits mächtigen Mannes gehen.
Andrea Nahles wird die Krise überstehen, hat sie eigentlich längst überstanden. Ihre Partei ist inzwischen zwei Vorsitzende weiter und immer noch nicht untergegangen. Die Zeit arbeitet für sie, die 36-Jährige.
Aber auch Zeit oder besser: Lebensalter lässt sich instrumentalisieren. Beim DGB-Kongress im vergangenen Mai sollte eine erneute Kandidatur von Ursula Engelen-Kefer zur stellvertretenden Vorsitzenden verhindert werden. Nun mag es gute und weniger gute Gründe dafür geben, warum die männlichen Häuptlinge der Einzelgewerkschaften die Arbeitsmarktexpertin nach 16 Jahren Amtszeit von der DGB-Spitze verdrängen wollten. Aber Franz-Josef Möllenberg, der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten, wählte treffsicher den allerschlechtesten zur Begründung aus: Engelen-Kefer werde am Ende der Wahlperiode 67 Jahre alt sein. Die Gewerkschaften setzten sich gegen das spätere Renteneintrittsalter ein. Also komme eine weitere Amtszeit nicht in Frage.
Zu alt! Man sieht der schlanken, hoch konzentrierten, mit jeder Faser ihres Wesens aufrechten Engelen-Kefer an, wie sie dieses Argument erbittert. Hat man den Einwand je gehört gegen in die Jahre gekommene Gewerkschaftsfunktionäre wie IG-Metall-Chef Jürgen Peters, genauso alt wie Engelen-Kefer? Gegen männliche Spitzenpolitiker wie den Vizekanzler, heute schon 66 Jahre alt? Es ist ein Anti-Frauen-Vorwurf. Und eine besondere Beleidigung für eine Frau, die zu Hoch-Zeiten der neoliberalen Welle gern in allen Talkshows den Sündenbock machen durfte für die Gewerkschaften; die der stern -Journalist Hans-Ulrich Jörges als Sinnbild für die »Nation ohne Hirn« schmähte, Im Engelen-Kefer-Land hieß sein Artikel.
Warum hat sie sich diesen letzten Kampf überhaupt noch angetan? »Weil mich so viele Leute unterstützt haben, dass es unanständig gewesen wäre, aus Konfliktscheu nicht anzutreten«, sagt Ursula Engelen-Kefer.
Die spürbarste Folge des Machtverlusts sei für sie persönlich das schlagartige Abhandenkommen eines funktionierenden Mitarbeiterstabes gewesen: »Jeden Text selbst tippen, jede Reise selbst organisieren, jede Recherche selbst anstellen, das verschlingt unheimlich viel Arbeitszeit.«
Warum ist die promovierte Volkswirtin eigentlich nie selbst als DGB-Chefin angetreten? Jetzt lächelt sie mit der freundlichen Nachsicht gegenüber jemandem, der durch die letzte Frage seine vollkommene Unkenntnis gewerkschaftlicher Kräfteverhältnisse entblößt hat. »Bei ver.di wäre eine Vorsitzende vielleicht denkbar«, sagt sie, »aber der DGB wird immer noch dominiert von den großen Industriegewerkschaften. Die IG Metall hat nicht einmal 30 Prozent weibliche Mitglieder. Eine Frau, noch dazu eine Akademikerin, an der Spitze des Deutschen Gewerkschaftsbundes? Das ist selbst in einem Land mit einer Bundeskanzlerin absolut unmöglich.«
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- Datum 16.11.2006 - 09:11 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.11.2006 Nr. 47
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Leia, das war's dann wohl von femininer Seite, kein Argumentieren, nichts, nur das Motzen ist geblieben. Das ist systematisch^in solchen Debatten von Frauenseite aus: argumentieren scheint unmöglich.
Doch die Welt wartet doch darauf dass ihr mal nicht Männer sein wollt, und nicht den Gott Mann vom Altar stossen wollt, sondern endlich eigenständige Wesen die Paroli bieten können.
Sogar bei den Bonobos funktionniert dies hervorragend, warum nicht bei den Frauen? Das verstehe ich nicht.
@leia76 und warumfragtmann
Bitte verlassen Sie den Elfenbeinturm ihres sozialwissenschaftlichen Instituts (oder das geisteswissenschaftliche Kuschelseminar) und begeben Sie sich in das wirklich Leben.
Arbeiten Sie in paar Jahre in der freien Wirtschaft (egal in welchem Beruf).
Und lesen Sie nach 5 Jahren Ihre Postings noch mal.
Nein, Sie brauchen dann nicht vor Scham im Boden zu versinken. Im Gegenteil, es wird für Sie sprechen, wenn Sie erkennen was für ein Stuss das war, was Sie am 20.11.2006 geschrieben haben.
und was lernen wir aus diesem mehrseitigen Beitrag? Frauen handhaben Macht auf verschiedene Weise, und vielleicht anders als Männer. Dass sie es auf eine 'bessere' Weise tun (der unausgesprochene Grundgedanke), dafür steht der Beweis noch aus...
Die ganze Gender-Diskussion lässt vergessen, dass das Patriarchat abgeschafft, nicht die Macht der Frauen angeschafft gehört.
»Ich habe mich an seiner Seite entwickelt. Ich gebe es zu: Ich bin sein Produkt« Da hat ein Mann noch über den Tod hinaus Macht über seine Frau. Weil er sie gelehrt hat, seine Ziele als die ihren anzusehen. Und weil er ihr beigebracht hat, das Maul zu halten. Genau so und funktioniert Diskriminierung im 21. Jahrhundert.
Wenn es überhaupt einen machtbezogenen Unterschied gibt zwischen Frauen und Männern, dann ist es wahrscheinlich der: Männer sind noch immer nicht in der Lage, das Warum ihrer Machtansprüche zu definieren. Wieso? Ganz einfach: auch im Jahre 2006 ist es Männern in öffentlicher Position nicht erlaubt zuzugeben, dass ihre Macht lediglich ihrem krankhaften Bedürfnis nach Selbstschutz dient. Macht soll Männer vor dem Willen anderer Männer (und natürlich vor dem Willen 'starker' Frauen) schützen. Das Wort 'Widerstreben' enttarnt die Definition des Mannes Max Weber als Tschador für den Herren von Welt.
Feigheit gilt Männern wie Frauen als unmännlich. Ehrenhafter ist es, ziellos machtgeil (und dabei natürlich reich) zu sein. Jede Gesellschaft hat die Mächtigen, die sie verdient.
Die ganze Diskussion empfinde ich als typisch deutsch, es gibt halt nur schwarz oder weiß.
Für die grauen Töne haben die Meisten anscheinend keinen Sinn, dabei sind alle entscheidenden Dinge nur dort zu lösen.
Schwarz und Weiß? Das genügt nur, um abstrakte Prinzipien zu verdeutlichen, die viellschichtigen Einflüsse und Beziehungen im Leben bedeuten aber einne so häufigen Positionswechsel zwischen weiß und schwarz, das das Endergebnis nur Grau sein kann, wenn nicht oberflächlich bleibt.
Die Emanzipation ist ebenfalls so ein Ding, die Meisten versuchen das festzumachen an Rollen, an Verhaltensmustern, an Interessen und derne Unterschiede.
Dabei ist das völlig nebensächlich, es geht um den Umgang miteinander, um Realitätssinn und Durchsetzungsvermögen und um die Tatsache, das in Deutschland Interessengruppen eher passiv erwarten, das ihre Probleme gelöst werden. Man stellt Forderungen, übt Druck aus und läßt entscheiden durch die Obrigkeit.
Das kommt sicher einem Tei lder weiblichen Mentalität entgegen, ist aber auch ihr Fluch.
Anders in Amerika, da mußten sich Frauen schon immer der realen Herausforderung stellen und sie selbst meistern. Deshalb sind sie dort auch erfolgreicher, was die Emanzipüation angeht.
Jammern und Wehklagen?
Ja sie sind nicht selten berechtigt, nur was nützt das? Nur wer das Heft in die Hand nimmt, entscheidet und handelt kann auf Dauer was erreichen.
Umsonst ist das aber nicht zu haben, den die Benachteiligung kann nur durch überflügelnde Siege geändert werden. Erst nachfolgende Generationen können dann ernten, was errungen wurde.
Unsere Frauen aber wollen zwar das Ergebnis, aber den Preis nicht bezahlen.
Ich kanns verstehen, nur die Realität ist und bleibt eine Andere!
B Grabe
Schön ist doch, dass unsere Generation die Möglichkeit hat, alles zu werden, was sie will. Vielleicht ist der Weg für Frauen in die Machtzentren etwas beschwerlicher, weil die Männer eben keine Kinder bekommen können und auch weiterhin ihre Netzwerke haben. So what? Ein Chancengleichheit wird es nie geben. Studierende mit reichen Eltern haben es im Studium leichter als die, die ihr Studium selbst finanzieren. Gesunde haben es im Alltag leichter als Kranke oder Menschen mit Behinderung. Dafür wird man aus diesen Nachteilen andere Dinge lernen und zu seinem persönlichen Vorteil nutzen. Daran wird sich grundsätzlich nichts ändern. Es ist nie gerecht, aber es liegt an jedem selbst, zu entscheiden, wo er hin will und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Wass soll das Jammern? Wenn eine Andrea Nahles erfolgreich ist, dann wird es stets als ihr persönlicher Erfolg verbucht. Dann ist sie eine starke Frau mit großem politischem Gespür. Wenn sie nicht erfolgreich ist, dann waren es die Männer, die sie nicht mitspielen lassen oder deren Regeln sie nicht beachtet hat. Warum betrachtet man nicht jeden Einzelnen danach, was er kann? Dann würden sich auch für Frau Nahles viele andere Erklärungen finden, warum aus ihr nichts wird. Z.B. dass da kein politisches Talent ist. Andere Frauen in der richtigen Welt, wo Jobs nicht nach Quoten, Wahlplakatekleben oder 'wer schreit am lautesten' vergeben werden, machen viel häufiger diese Erfahrungen.
Es ist hanebüchen, Frauen wie Frau Nahles oder Frau Engelen-Kefer mit Frauen wie Friede Springer und Alice Schwartzer in eine Reihe bzw. einen Artikel zu stellen.
Vielleicht waere die Welt ausgewogener und vor allem friedlicher.Aber wenn ich so manche Kommentare lese dann wird offenbar dass viele Maenner es noch nicht akzeptieren dass Frauen in Fuehrungspositionen sind und viele tun auch alles um es zu verhindern.Ich denke da an die sogeannte 'glass ceiling'.
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