Heiß und trocken

Australien wird umweltbewusst

Ein paar Kilometer landeinwärts von Sydney ist die Hitze unerträglich.Hier, im sonst so fruchtbaren Delta der Flüsse Murray und Darling, hat die Sonne das Gras zu bleichen Stoppeln verbrannt, und der Boden bildet eine rissige schwarze Kruste.Seit fünf Jahren schon sehnen sich die Bauern nach Regen.Es ist seit Beginn der Wetteraufzeichnung die schlimmste Trockenperiode im Südosten Australiens.Farmer verzweifeln, Selbstmordmeldungen häufen sich.Der Landwirtschaftsminister warnt vor Preisstei gerungen bei Lebensmitteln. Wetterforscher prophezeien, dass weite Teile Australiens dauerhaft mit weniger Wasser auskommen müssen. So reden in Australien jetzt alle über den Klimawandel.Im Kino läuft Al Gores mahnender Umweltfilm An Inconvenient Truth.Und der Öko-Thriller Wir Wettermacher des australischen Wissenschaftlers Tim Flannery ist ein Bestseller.Anfang des Monats gingen in den Metropolen des Landes Tausende auf die Straße.Ihre Botschaft: John Howard solle endlich einlenken der australische Premierminister, der seit Jahren das Klimaschutzabkommen von Kyoto boykottiert und an der Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Nairobi gar nicht erst persönlich teilnehmen mochte. Ob mit oder ohne Howard: Australien steht vor einer Kehrtwende in seiner Umwelt- und Energiepolitik.Im nächsten Jahr wird in Australien gewählt, und 91 Prozent der Bürger halten den Klimawandel für ein ernstes Problem, so eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts AC Nielsen.Fast zwei Drittel wären bereit, mehr Steuern zu zahlen, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern. Von diesem klaren Signal sind alle Parteien überrascht, sagt Peter Cosier, ehemaliger Regierungsberater und Mitglied der führenden nationalen Forschergruppe Wentworth Group of Concerned Scientists. Ein radikaler Politikwechsel ist unausweichlich. Kaum eine Nation verbraucht mehr Wasser pro KopfZum ersten Mal könnte das Thema Umwelt eine Regierungswahl entscheiden.Bisher hatte stets die Wirtschaft Priorität, und da konnte Howard triumphieren.Mit seiner marktliberalen Wirtschaftspolitik verwandelte er das an Bodenschätzen reiche Austral ien in eine boomende Volkswirtschaft und in den wichtigsten Rohstofflieferanten Chinas.In seiner Amtszeit sank die Arbeitslosenrate auf ein historisches Tief von derzeit 4,6 Prozent. Howards Energiepolitik hatte jedoch auch eine Schattenseite: Obwohl sich Australier gern als naturverbundenes Buschvölkchen geben, fällt ihre Umweltbilanz katastrophal aus. Nach OECD-Angaben zählt Down Under zu den vier Nationen mit dem weltweit höchsten Wasserverbrauch pro Kopf.Zudem gewinnt das Land drei Viertel seines Stroms aus Kohle, der Pro-Kopf-Ausstoß an schädlichem Kohlendioxid (CO2) ist deshalb mit mehr als 17 Tonnen pro Jahr enorm hoch. Noch aber lehnt Howard Gesetze zum Schutz des Klimas ab und den Beitritt zum Abkommen von Kyoto erst recht.Solange sich nicht auch China und Indien an strengere CO2-Grenzwerte halten müssten, argumentiert er, seien die Kosten zu hoch: Ich werde nichts unterzeichnen, was meinem Land Auflagen beschert, aber unseren Wettbewerbern nicht. Howard will stattdessen zweierlei erreichen.Seine Regierung will Milliarden in die so genannte Clean-Coal-Technologie investieren, eine umweltfreundliche Methode zur schadstoffarmen Verbrennung von Kohle. Langfristig wiederum hält er die Atomkraft für eine echte Alternative. Australien sitzt auf 40 Prozent der weltweiten Uranvorräte, spielt aber bislang wegen strikter Minengesetze als Produzent kaum eine Rolle.Eine Ausweitung der Nuklearindustrie brächte Australien einen Wachstumsschub.Bislang ist die Atomenergie teurer als der Kohlestrom, und da Howard es ablehnt, die Kohle durch eine Steuer zu verteuern, müsste seine Regierung die Atomkraft subventionieren. Ganz anders die linksgerichtete Labor Party: Sie will im Falle eines Sieges das Kyoto-Abkommen umsetzen und verstärkt Strom aus Solarzellen, Windrädern und Biomasse fördern.Umweltgruppen und Wissenschaftler haben für sie ein Szenario entworfen: Ein Fünftel des australischen Stroms könnte im Jahr 2030 aus der Windkraft kommen, prognostiziert etwa der World Wide Fund For Nature (WWF) Australia. Steinkohle würde nur noch zu neun Prozent genutzt, auf Atomstrom würde man verzichten.Howard hält dagegen, dass solche Alternativenergie noch teurer sei als die Atomkraft. Wer auch gewinnt: De facto ist der Weg für eine alternative Klimapolitik längst geebnet.Zum einen regiert die Labor-Partei bereits in allen Einzelstaaten und unterwandert die Ziele der Bundesregierung.Vor allem in den dürregeplagten Staaten haben die Provinzregierungen eigene Gesetze erlassen, mit denen sie den Einsatz von Kohlestrom zurückschrauben wollen.In New South Wales etwa müssen Energieversorger bis zum Jahr 2020 nun 15 Prozent ihres Stroms aus Solar- oder Windkraft beziehen. Zum anderen gehen sogar die Unternehmen in Australien davon aus, dass sich das Land über kurz oder lang einer Kohlendioxid-Steuer nicht entziehen kann.Anfang des Jahres hat sich eine Hand voll Großkonzerne zu einem Business Roundtable on Climate Change zusammengeschlossen und von der Regierung klare Vorgaben für eine Kohlendioxid-Steuer gefordert zwecks Planungssicherheit.Seitdem ist die Arbeitsgruppe auf mehr als ein Dutzend Mitglieder angewachsen, unter ihnen Konzerne wie BP und Anglo Coal. Am vergangenen Sonntag fiel Howard sogar sein eigener Schatzmeister Peter Costello in den Rücken. Australien, sagte er im Fernsehen, kann es sich eindeutig nicht mehr leisten, allein gegen den Rest der Welt zu stehen.

 
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