Kein Zweifel: Die Briten haben eine abwechslungsreichere Kinderliteraturlandschaft als wir, eine größere Tradition des wertvollen Kinderbuches und weniger hohe Mauern zwischen der vermeintlich ernsthaften Erwachsenen- und der (bei uns oft abschätzig betrachteten) Kinderbuchwelt. Davon zeugen berühmte Namen wie Lewis Carroll und C. S. Lewis, Edith Nesbit und Arthur Ransome, A. A. Milne und Kenneth Grahame, Charles Dickens und Oscar Wilde, J. R. R. Tolkien, Roald Dahl und Joanne K. Rowling. Und dann haben die Briten noch Enid Blyton. Das Phänomen Enid Blyton schreibt an einem ihrer 600 Bücher. 1949, in Beaconsfield BILD

Die Frau war und ist ein Phänomen. Ein Stein des Anstoßes. Eine Bestsellermaschine. Fleischgewordener Trivialitätsvorwurf. Eine Autorin, die weltweit mehr als eine halbe Milliarde Bücher verkauft und das Kindheitsgefühl westeuropäischer Nachkriegsgenerationen geprägt hat. Die Fünf Freunde, die Schwarze Sieben, Dolly, Jack, Philipp, Lucy und Dina aus den Abenteuer- Büchern – sie alle entführen seit Jahrzehnten Leser in perfekt möblierte Ersatzwelten mit ewig währenden Sommerferien und zahmen Füchsen, mit finsteren Schurken, Schmugglern, Segelbooten und einsamen Stränden; mit Mitternachtspartys im Schlafsaal und grausamen Französischlehrerinnen.

Enid Blyton starb 1968 im Alter von 71 Jahren – und doch erscheint im kommenden Januar der 23. Band ihrer Hanni und Nanni- Internatsserie im Münchner Franz Schneider Verlag. Und obwohl die Schriftstellerin inzwischen seit fast vierzig Jahren tot ist, löste ihr Werk in diesem Sommer in Großbritannien wieder einmal eine der regelmäßig auftretenden Blyton-Kontroversen aus.

Woher kommt all die Aktualität? Warum bleibt Blyton in Zeiten populärer Charaktere wie Harry Potter, raumgreifender Computerspiele und MP3-Musik-Downloads eine Favoritin der Neunjährigen? Warum erscheint der Gipfel ihrer kulinarischen Nachkriegsfantasie – Dosenpfirsiche, Sardinen in Öl und Kondensmilch – auch heute noch so appetitanregend?

Das erste Rätsel, die Frage, wie Blyton von jenseits des Grabes an ihre ohnehin überwältigende Publikationsliste (zwischen 600 und 700 Bücher werden ihr zugeschrieben) noch anstricken kann, ist leicht gelöst. »Enid Blyton« ist ein eingetragenes Warenzeichen, und im Rahmen bestimmter Auflagen des Lizenzgebers können Verlage unter diesem Label Enid-Blyton-Erzählungen »nachempfinden«. Besonders eifrig betrieben wird dieses Geschäft in Frankreich und in Deutschland, wo sich zumal Blytons Mädchen-Serien noch größerer Beliebtheit erfreuen als in Großbritannien. So stammen aus Blytons Feder nur sechs der achtzehn auf Deutsch erschienenen Dolly- Bände (im Original: Malory Towers). Bei Hanni und Nanni sieht es ähnlich aus. Mitarbeiter des Schneider Verlags sind nicht unbedingt versessen darauf, über Blytons Ghostwriter zu diskutieren, schließlich haben sie wenig Interesse an der Desillusionierung ihrer Leser. Aber es ist auch nicht länger ein Staatsgeheimnis, dass etwa die Internatswelt von Dolly viele Jahre lang von der deutschen Kinderbuchautorin Rosemarie von Schach ausgemalt wurde: Unter dem Namen Tina Caspari verfasste von Schach auch zahlreiche eigene Kinderbücher, unter anderem die erfolgreiche Pferde-Reihe Bille & Zottel. »Ich habe mich immer bemüht, die Bücher so gut wie möglich zu schreiben, sprachlich sauber, interessant, mit Witz«, sagt von Schach; natürlich habe sie sich nah an Blyton anlehnen müssen und Ton und Motivauswahl des Originals nur behutsam modernisieren können.

Wer einen verregneten Sonntagnachmittag nutzt, um sich auf dem Sofa noch einmal durch Dollys gesammelte Abenteuer zu fressen, stellt überrascht fest, dass die »nachempfundenen« Folgen den Urtexten zum Teil deutlich überlegen sind: sprachlich anspruchsvoller, mit runderen Figuren und mehr interner Entwicklung der Charaktere. Ohne den festen Regelrahmen und das stark betonte Gemeinschaftsgefühl des Internats aufzugeben, die Dollys Faszinationskraft ausmachen, führt von Schach durch die Hintertür unerhörte pädagogische Neuerungen ein: So arbeitet die ehemalige Schülerheldin Dolly nun als Erzieherin auf Burg Möwenfels, organisiert altersgemischte Freizeitgruppen, Diskussionsrunden und eine Schülerzeitung. Die späteren Dolly- Bände klingen nach den siebziger – nicht länger nach den vierziger Jahren. Zwar gehört es immer noch zum unabänderlichen Dolly- Verlauf, dass »Neue« sich in die Gemeinschaft integrieren müssen, aber die Assimilationsmethoden der bereits etablierten Mitschülerinnen sind längst nicht mehr so ruppig wie in Blytons ursprünglicher public school- Welt.

Obwohl durch diese Form der Fortführung den Blyton-süchtigen Lesern also kein Schaden entsteht, mutet der ganze Vorgang doch eigenartig an: Das Buch als Produkt, der Autorenname als Marke, das erscheint nur zulässig bei literarischen Erzeugnissen, die sicher und dauerhaft als trivial eingestuft werden können. Freilich muss man in Rechnung stellen, dass Blyton selbst die Grundlage für die Vermarktung ihres Erbes und Namens legte: Gelegenheiten zur Cross-Promotion und zur Entwicklung von Merchandising-Produkten ließ sie selten aus.