Klima Sind die Menschen noch zu retten?
Der Globus heizt sich auf. Die Staaten müssten schnell handeln. Aber noch können sie sich nicht einigen.
Der 9. Oktober 2006 war ein gewöhnlicher Montag. Angela Merkel hatte zum Energiegipfel geladen, das Institut der deutschen Wirtschaft präsentierte seine Konjunkturprognose. Alles Routine. Dass der 9. Oktober ein ganz besonderer Tag war, merkten nur wenige. Es war der Tag, an dem die Menschheit der Erde den Krieg erklärte. Es war der World Overshoot Day.
Der besondere Tag hätte es verdient, ein globaler Gedenktag zu werden. Overshoot Day ist der Tag eines Jahres, an dem die Menschen alles verbraucht haben, was ihnen eine sich selbst erhaltende Natur erst bis zum Ende des Jahres liefern kann: Fische, Holz, Getreide, Wasser und Platz, um Müll loszuwerden – auch solchen, der als klimaschädliches Kohlendioxid (CO 2 ) Schornsteinen und Auspuffrohren entfleucht und in der Erdatmosphäre landet. Vom 9. Oktober an tickt die Schuldenuhr, und die Menschen überziehen ihr ökologisches Konto täglich mehr.
Im zweiten Stock eines Hauses in Oakland, Kalifornien, sitzen elf Wissenschaftler, die das Datum des besonderen Tages errechnen. Jedes Jahr tun sie das aufs Neue. Und jedes Jahr erschrecken sie die Ergebnisse mehr – dokumentieren diese doch die fortschreitende »Zerstörung der Überlebensgrundlagen«, wie Mathis Wackernagel sagt, der Schweizer Chef des Forscherzirkels. Mit Hilfe gigantischer Datenmengen vergleicht das Team die Biokapazität der Erde mit den Ansprüchen der Menschen. 1987 lebten die Menschen erstmals auf zu großem Fuß; Overshoot Day war der 19. Dezember. Mittlerweile beanspruchen die Menschen schon ein Viertel Erde zu viel. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete am 9. Oktober: »Am Montag geriet die Welt ökologisch in den roten Bereich.« Die Botschaft ging in der Nachrichtenflut unter.
Will die Menschheit etwa nicht wissen, wie es um ihren Planeten steht? Die Erde wird sich zwar weiterdrehen, sie wird auch in Zukunft Menschen, Tieren und Pflanzen Lebensraum sein – selbst wenn ihre gegenwärtigen Bewohner sie herunterwirtschaften. Der Weltuntergang steht nicht bevor. Doch dürfte die Erde unwirtlicher werden. Womöglich werden viele verhungern und flüchten. Vor Stürmen, Fluten und vor Dürren. Wollen die knapp 6,6 Milliarden Erdbewohner das? Oder sind sie bloß unfähig, das Ungemach zu verhindern – geben sie sich zwar Mühe, aber mit wenig Aussicht auf Erfolg?
Viele fragen das heute. Schließlich hat sich die These, dass der Planet sich unmäßig aufheizt, zur Gewissheit verdichtet, schließlich sind vielerorts die ersten Folgen des Klimawandels bereits zu erkennen, schließlich hat Nicholas Stern, der frühere Chefökonom der Weltbank, gerade vorgerechnet, dass Klimaschutz die Menschheit deutlich billiger käme als Klimafrevel. Obendrein weiß die Menschheit von ihren Wissenschaftlern heute ziemlich genau, was sie tun müsste. Auch die Berechnungen von Kosten und Nutzen gehen in eine klare Richtung: Klimaschutz heute kostet wenig und nutzt morgen viel. Derweil sitzen Tausende Diplomaten in Nairobi bei der Weltklimakonferenz beisammen – und beschließen: nichts. Jedenfalls nichts, was die Erde vor immer mehr Kohlenstoff bewahren würde. Dabei macht allein die immer weiter wachsende Last dieser Substanz fast die Hälfte des zu großen menschlichen »Fußabdrucks« aus. Doch der Verhandlungsprozess, sagt ein Mitglied der deutschen Delegation über das zähe Gefeilsche in Nairobi, »ist, wie er ist«.
Der »Prozess«, die Rettungsaktion, beginnt 1972. Die Vereinten Nationen rufen nach Stockholm zur ersten Weltumweltkonferenz, gründen eine Ökobehörde – und Dennis Meadows, ein junger Forscher aus den USA, publiziert mit Kollegen eine aufsehenerregende Studie: Die Grenzen des Wachstums. Damals gibt es noch nicht in jedem Arbeitszimmer einen PC. Meadows & Co. müssen einen der wenigen existierenden Großrechner mit ihren Daten und Formeln füttern, um ihre Botschaft formulieren zu können: In einigen Jahrzehnten, vermutlich nach dem Jahr 2030, droht der globale Kollaps, wenn die Menschheit weiter so wächst und wirtschaftet wie bisher. Dass die Wachstumsgrenze womöglich im Himmel und nicht im Boden liegt, dass es ausgerechnet die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas ist, die den Blauen Planeten in den roten Bereich manövriert, ahnen Meadows & Co. damals noch nicht.
Acht Jahre später folgt der nächste Schock. Global 2000 heißt der fast 1500 Seiten umfassende Weckruf, der 1980 unter Mitwirkung des amerikanischen Geheimdienstes CIA im Auftrag des damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter entstand. »Die Schlussfolgerungen, zu denen wir gelangen, sind beunruhigend«, schreiben die Experten dem Präsidenten. Das Problem besitze »globale Tragweite« und könne »von keiner der momentan existierenden menschlichen Institutionen angemessen bewältigt werden«. Die Bedingungen für Wirtschaft und Umwelt der Nationen könnten sich in den nächsten 20 bis 30 Jahren dramatisch verändern. Alarm!
Heute hat die Realität nicht nur die Klimaprognose überholt; die Menschheit hat auch bewiesen, dass sie lernfähig ist. 189 Staaten haben die Klimakonventionen ratifiziert, auf die sich die Staats- und Regierungschefs 1992 beim Erdgipfel in Rio de Janeiro einigten. 166 Nationen stehen hinter dem Kyoto-Protokoll, das drei Dutzend Industriestaaten verpflichtet, ihren Ausstoß von Treibhausgas zu begrenzen. In Bonn arbeitet ein Klimasekretariat – und jedes Jahr trifft sich die Völkergemeinschaft zur Weltklimakonferenz. Viel ist geschehen. Aber nicht annähernd genug, so eine gerade zu Ende gegangene Wissenschaftlerkonferenz in Peking. Die 1000 Experten aus aller Welt sehen die Erde unter »ernsthafter Bedrohung«.
Wie dehnbar die Begriffe der Klimadiplomaten sind, hat Hans-Jochen Luhmann akribisch untersucht. Der Mathematiker und Ökonom in Diensten des Wuppertal Instituts hat sich das Kyoto-Protokoll genau angeschaut – und ist ernüchtert: Diverse Schlupflöcher in der Abmachung, der Umstand, dass weder die USA noch Australien sie ratifiziert haben, und die wachsenden Emissionen in China und Indien ließen den Ausstoß von Treibhausgas geradezu explodieren – bis Ende 2012, wenn das Kyoto-Protokoll seine Gültigkeit verliert, um rund 40 Prozent gegenüber 1990!
Das soll Ergebnis konsequenter Umweltpolitik sein? Es ist die Konsequenz symbolischer Politik.
Dass die Umweltpolitiker auch anders können, haben sie bewiesen. Nur ihrem Wirken ist es zu verdanken, dass Gewässer und Atemluft wieder sauber sind, dass Landschaft unter Schutz steht. Sie haben sogar den Widerstand mächtiger Lobbys gebrochen: als sie das Blei aus dem Benzin verbannten und die Autohersteller zwangen, Katalysatoren einzubauen; als sie für den Bau von Kläranlagen sorgten. Hätten die Bedenkenträger Recht gehabt, wären längst sämtliche Automotoren verreckt, wären die Lichter ausgegangen. Nichts von dieser Panikmache hat sich als wahr erwiesen. Stattdessen stieg die Lebensqualität – dank Umweltpolitik. Warum nur tut sie sich mit dem Klimaproblem so schwer?
Dass Dummheit der politischen Eliten schuld daran sein könnte, ist nicht ausgeschlossen. Die amerikanische Historikerin Barbara Tuchman hat in der Geschichte haufenweise Belege dafür gefunden, dass Regierende gegen ihre eigenen Interessen handelten: Trotz aller Warnungen haben die Trojaner das hölzerne Pferd in die Mauern ihrer Stadt gezogen. Päpstliche Ignoranz beschwor den Protestantismus und Religionskriege herauf. Die englische Krone zerstörte die Beziehungen zu den amerikanischen Siedlern und musste schließlich den Verlust der Kolonien in Kauf nehmen. Warum soll Torheit der Regierenden, so der Titel von Tuchmans Buch, nicht auch ein Grund für das Desaster der Klimapolitik sein?
»Übermaß an Macht« sei ein wichtiger Auslöser für Torheit, schreibt die verstorbene Buchautorin. Dann herrsche geistiger Stillstand. Den früheren US-Außenminister Henry Kissinger zitiert sie mit den Worten, politische Führer lernten im Amt nichts hinzu, was über die alten Überzeugungen hinausgehe. Diese seien »ihr intellektuelles Kapital, das sie während ihrer Amtszeit verbrauchen«.
Exbundeskanzler Gerhard Schröder hat kürzlich die These auf fast tragische Weise bestätigt – als er in einem Interview forderte, »die ökologische Dimension der Politik allgemeinverbindlich« zu machen. Das, so Schröder, dem auch die Elbeflut 2002 zur Wiederwahl verhalf, lerne er erst jetzt, weil er sehr kleine Kinder habe. In seiner Zeit als Kanzler habe er das »nicht ausreichend gesehen«. Sollten auch andere Regierungschefs solche Erkenntnisdefizite haben – es wäre ein Teil der Erklärung dafür, dass zu wenig geschieht, um den Klimawandel zu bremsen.
Aber eben nur ein Teil. Einen anderen Teil nennt Christoph Böhringer das »Klima-Dilemma«, ein »erhebliches Anreizproblem«. Böhringer ist Umweltexperte am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Klimaschutz, meint er, kommt selbst dann nicht zustande, wenn alle das Klima schützen wollen.
Schuld daran sind die Trittbrettfahrer. Tatsächlich ist es für die Erdatmosphäre egal, wer den Ausstoß von Treibhausgasen senkt; alle profitieren – auch diejenigen, die selbst nichts dazu beisteuern. Jeder Einzelne tut deshalb gut daran, auf die anderen zu hoffen und selbst nichts zu tun. Jedenfalls nichts, was Kosten verursacht. Individuelle Vernunft verhindert, dass kollektiv Vernünftiges erreicht werden kann. Böhringer überrascht deshalb nicht, dass Klimapolitik bisher symbolische Politik geblieben ist.
Allerdings hatten die Umweltpolitiker es schon mit Trittbrettfahrern zu tun, als sie daheim für sauberes Wasser und reinere Luft sorgten. Sie brachten sie mit staatlichem Zwang zur Räson. Der globalen Umweltpolitik fehlt eine solche Instanz. Sie bringt deshalb nur zustande, worauf sich rund 200 Nationen mit unterschiedlichen Interessen freiwillig einlassen. Manche haben viel, andere fast nichts zur Erwärmung beigetragen. Manche haben viel zu verlieren, andere weniger. Die Bewohner flacher Meeresinseln fürchten um ihren Lebensraum. Die Nordamerikaner fürchten um ihre Lebensweise. Und die Ölländer um ihren Export. Fast ist es erstaunlich, dass es trotz dieser Gemengelage Klimapolitik überhaupt gibt.
Zumal ihr die Interessen mächtiger Konzerne – und Gewerkschaften – entgegenstehen. Die der Energiewirtschaft und der Autoindustrie zum Beispiel. Regierungen, die sich anschicken, den Managern ins Geschäft zu pfuschen, lassen sich in Zeiten der Globalisierung leicht abstrafen; ein kleiner Hinweis auf drohende Jobverluste reicht oft schon aus. Von einem regelrechten »Verhinderungskartell« spricht Hermann Ott vom Wuppertal Institut. Tatsächlich haben sich selbst für deutsche Regierungen, die sich stets als klimapolitische Avantgarde empfunden haben, schon Kleinigkeiten wie die Kennzeichnung des CO 2 -Ausstoßes von Autos als Politikum erwiesen. Und was wurde nicht alles versucht, als der Staat den Emissionshandel entwarf. Ergebnis: Der deutsche »Allokationsplan« belohnt nun den Bau neuer klimaschädlicher Kohlekraftwerke.
Zwar schafft Klimapolitik auch Gewinner. Firmen, die Windräder herstellen, gehören dazu, Versicherungsunternehmen und die Produzenten energieeffizienter Pumpen auch – da entstehe eine »mächtige Innovationsdynamik«, sagt der Berliner Politikforscher Martin Jänicke. Und doch: Die Neuerer sind über allerhand Branchen verteilt – und deshalb in der Artikulation ihrer Interessen schwach. Zu allem Übel weckt ein hoher Preis für den Ausstoß von CO 2 , der ihnen und dem Klima helfen würde, Ängste. Wähler sind furchtsam, denn sie müssen heute zahlen und werden den Nutzen der Klimapolitik, wenn überhaupt, erst morgen spüren – und morgen heißt: nach dem nächsten Wahltermin. Das mache die Sache so kompliziert, sagt der britische Premier Tony Blair, der ranghöchste Überzeugungstäter in Sachen Klimaschutz. Wenig hilfreich sind obendrein Kommentatoren, die den Sozialismus auferstehen sehen: In Gestalt der Klimapolitik erlebe er »ein Comeback«, hieß es neulich im Wall Street Journal.
Immerhin, einmal schon schaffte es die Völkergemeinschaft, globale Umweltrisiken zu bannen: Sie rettete die Ozonschicht. Deren Zerstörung durch das Spraydosengas FCKW und andere Stoffe kann Hautkrebs und Augenkrankheiten begünstigen. Dank des 1987 geschlossenen Montrealer Protokolls sind Produktion und Verbrauch der Schadsubstanzen bis heute um mehr als 90 Prozent gesunken. Zwar wird es voraussichtlich noch lange dauern, bis sich die Ozonschicht vollständig regeneriert haben wird; dennoch gilt das Ozonreglement als eine der größten Erfolgsgeschichten der internationalen Umweltpolitik.
Warum gelang den Ozonschützern, was den Klimaschützern nicht gelingen will? Der amerikanische Chemiekonzern DuPont, einst einer der größten FCKW-Hersteller, entwickelte 1986 einen Ersatzstoff – einen vergleichbar universellen Ersatzstoff für Kohle, Öl und Gas gibt es nicht. Die Regierung der USA übernahm bei den Ozonverhandlungen die Führungsrolle – die Klimaverhandlungen boykottiert die Washingtoner Bush-Administration hingegen. Und schließlich wurde das Montrealer Protokoll von nur zwei Dutzend Industrieländern ausgehandelt – während beim Klimapoker zehnmal so viele beisammensitzen.
Das immerhin ließe sich ändern. Eine Initiative namens L20 will die Lösung festgefahrener globaler Probleme, darunter auch der Klimaschutz, der Hand voll führender Staaten überlassen, die das Gros der Weltbevölkerung, der Wirtschaftsleistung und der Emissionen repräsentieren. China und die USA gehören dazu, Indien, Deutschland, Brasilien und Japan. Sie sollen die Zukunft der Klimapolitik unter sich ausmachen – und nicht die schwerfällige UN-Bürokratie bemühen.
»Ein interessanter Ansatz«, findet der Mannheimer Ökonom Böhringer – vorausgesetzt, die großen Klimasünder gäben sich wirklich einen Ruck. Einiges deutet darauf hin: der Wahlsieg der Demokraten bei den amerikanischen Kongresswahlen etwa und die Bemühungen der chinesischen Regierung um mehr Energieeffizienz. Der Wandel im Bewusstsein geschieht, weil sich die unangenehmen Überraschungen häufen: Dürren und Fluten, Waldbrände und Ernteeinbrüche. Solche Überraschungen aber seien Voraussetzung dafür, »dass die Karten neu gemischt werden«, sagt Carlo Jäger vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
Wird die Menschheit nur aus Schaden klug? Schocks haben den Politikern schon öfter Beine gemacht. Mal waren es tote Fische im Rhein, mal war es die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Irgendwann, so viel ist sicher, wird auch der Klimaschock politische Wirkung zeigen. Bleibt nur die Frage, was dann noch zu retten ist.
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- Datum 17.11.2006 - 11:02 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.11.2006 Nr. 47
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