Roman Hübscher Bluff

Dietmar Daths Roman »Dirac« führt uns in andere Welten. Aber wollen wir da wirklich hin?

Die »zwei Kulturen«, von denen der englische Schriftsteller C. P. Snow 1959 gesprochen hat, gibt es noch immer: hier die humanities, die Geisteswissenschaften, zu denen man die Künste und ihre Kritik hinzurechnen kann; dort die sciences, die Naturwissenschaften samt Industrie und Technik. Die zwei Kulturen, deren Ferne voneinander Snow beklagt hat, lassen sich auch durch unterschiedliche Gestimmtheiten bezeichnen. Der Naturwissenschaftler und Ingenieur ist optimistisch und gut gelaunt: Probleme sind zum Lösen da, Fortschritt ist machbar. Der Geistesmensch hingegen neigt zu schlechter Laune und zum Pessimismus: Fortschritt ist eine Chimäre, die Blätter des Glücks im Buch der Geschichte, wie Hegel bemerkt hat, sind leer.

Das Auffälligste an Dietmar Daths Roman ist die gut gelaunte Munterkeit, mit der er einen bunten Teppich voller Szenen und Episoden vor uns hinbreitet. Im Mittelpunkt steht der Physiker und Nobelpreisträger Paul Dirac (1902 bis 1984). Bei Wikipedia findet man folgenden Eintrag: »1928 stellte er auf Grundlage der Arbeit von Pauli über das Ausschließungsprinzip die nach ihm benannte Dirac-Gleichung auf, bei der es sich um eine relativistische, also auf der speziellen Relativitätstheorie beruhende Wellengleichung zur Beschreibung des Elektrons handelt. Sie lieferte eine theoretische Erklärung für den anomalen Zeeman-Effekt und die Feinstruktur der Wasserstofflinien und Röntgenspektren. Sie erlaubte es Dirac, seine Löchertheorie zu formulieren und die Existenz des Positrons, des Antiteilchens des Elektrons vorherzusagen.«

Obgleich ich als Angehöriger der anderen Kultur kein Wort davon verstehe, klingt es doch ziemlich gut, so wie auch die Passagen in Daths Roman, die sich mit dem Werk und der Person Diracs befassen, ziemlich gut klingen. Sie haben eine poetische Qualität insofern, als man bei großer Poesie ja auch nicht immer genau weiß, worum es geht. Wenn ich Dietmar Dath richtig verstehe, so fasziniert ihn an Dirac das quasi ästhetische Moment. Dirac hat offenbar auf mathematischem Weg etwas gefunden, was seine Physikerkollegen auf experimentellem Weg nicht finden konnten. Und da wäre nun die kleine, wenn auch schwankende Brücke zur Literatur (die etwa Stanislaw Lem beschritten hat): Der Schriftsteller kann auf literarischem Weg etwas finden, was die bloß praktische Vernunft nicht zu finden vermag.

Reisen in die Tiefe der Zeit und des Alls sind möglich für den, der glaubt

Was findet Dath? Diracs Theorie ist unter anderem Anlass geworden für verheißungsvolle Spekulationen über die Zeitreise. Wer daran glaubt und sich davon etwas verspricht, kann in die Vergangenheit reisen oder auch ins Außerirdische. Die bildschöne, geistig etwas verwirrte Nicole jedenfalls, die gleich am Anfang des Romans eine Begegnung mit der »Frau von der Küste« hat, springt am Ende vom Balkon des Sanatoriums. Ihre Leiche aber wird nie gefunden, sodass man hoffen darf, sie sei glücklich in einem dieser Diracschen Räume gelandet.

Zum besseren Verständnis sollte man vielleicht erklären, dass der Roman drei Zeitebenen hat. Die erste spielt in der Gegenwart, und hier sehen wir ein halbes Dutzend miteinander befreundeter Dreißigjähriger, darunter den Schriftsteller David Dalek, der dabei ist, einen Roman über Dirac zu schreiben. Er gibt das Manuskript seiner Freundin Johanna, die ihm per E-Mail eine Rezension zuschickt, was nun eine ziemlich offensichtliche Kritikerfalle ist. Auf der zweiten Ebene sehen wir die nämliche Gruppe als Schüler irgendwo im Badischen und erleben allerlei Affären und Streiche auf dem Niveau der Feuerzangenbowle. Die dritte Ebene zeigt uns Dirac in den Dreißigern, seine Gespräche mit Schrödinger, Heisenberg, Oppenheimer und anderen. Einiges davon ist authentisch, anderes gut erfunden.

Es ist nun das Ziel des Romans, diese drei »Ebenen« (ein bei genauerem Nachdenken in der Tat irreführender Begriff) völlig aufzulösen. Denn was ist die Zeit? Tand, Tand!, hätte Fontane gesagt. Sodass also die Handlung des Romans leicht in die Zukunft ausschreiten oder dass die ominöse »Frau von der Küste« auch Dirac ihre Aufwartung machen kann. Fügen wir hinzu, dass Nicole am liebsten die Fernsehserie Roswell guckt, die mit Außerirdischen zu tun hat und sich auf den wiederum ominösen Ufo-Landeplatz Roswell in New Mexico bezieht. Was dazu führt, dass der Dichter David Dalek ebendorthin reist und für Dietmar Daths Dirac weitere Kapitelchen liefern kann.

Um es kurz zu machen: Ich ahne, was Dath will, aber die Schärfe des Gedankens ist seine Sache nicht. Er versucht, das Banale mit dem Außerordentlichen, das Reale mit dem Fantastischen zu verknüpfen und die beiden Kulturen miteinander zu versöhnen. Letztlich bleibt es schiere Behauptung, und die Sphären stehen unverbunden nebeneinander. Der Roman liest sich angenehm, er steckt voller Einfälle, und geschrieben ist er in einer kolloquialen, aufgeräumten, völlig unbekümmerten Sprache. Zuweilen denkt man, auf der Spur eines der großen Geheimnisse zu sein; zuweilen glaubt man, die Physik sei wahrhaftig der Königsweg der Erkenntnis, weil ja Erkenntnis nicht selten dort wirklich tief wird, wo der eigene Verstand nicht hinreicht. Am Ende aber wird man den Verdacht nicht los, Dirac sei ein gewaltiger, wenngleich recht hübscher Bluff.

 
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