100. Geburtstag Ruhe gibt es nicht

Zum 100. Geburtstag von Klaus Mann.

Ein Roman Heimito von Doderers beginnt mit den Sätzen: »Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln, wie er will.« Diese Worte kann man wie ein unfreiwilliges Lebensmotto des Schriftstellers Klaus Mann lesen. Am 18. November 1906 wurde er in München als erster Sohn von Thomas und Katia Mann geboren; er starb im Alter von nur 42 Jahren am 21. Mai 1949 in Cannes, an den Folgen einer Überdosis Schlaftabletten. Sein Leben war in vieler Hinsicht ein Gegenentwurf zur Lebensform des berühmten Vaters. Während Thomas Mann in seinem abgeschirmten Arbeitszimmer mit eiserner Disziplin Weltliteratur produzierte, nach einem genau geregelten Tagesplan, wählte der Sohn eine ruhelose Existenz, die ihn von Ort zu Ort trieb – ohne dass er jemals eine eigene Wohnung besaß. Während der Vater das Repräsentative, Geordnete liebte und sich jeglichen Exzess versagte, entschied sich Klaus Mann für eine Radikalität, die ihn oft in Grenzsituationen führte, auch in die »künstlichen Paradiese« der Rauschgifte. Und während Thomas Mann seine Neigung zur Homosexualität unterdrückte und literarisch sublimierte, machte Klaus aus seiner Veranlagung keinerlei Geheimnis, weder in seinem Werk noch im Alltag.

Von Oskar Maria Graf stammt eine aufschlussreiche Beschreibung Klaus Manns, notiert nach einer Begegnung in Moskau im Sommer 1934: »Er war das vollendete Bild eines ›jungen, gebildeten Mannes von Welt‹: Sauber wie aus dem Ei gepellt, lässig, elegant gekleidet, schlank und rank sozusagen, mit einem gescheiten, rassigen Gesicht, mit nervösen Bewegungen und einer auffallend schnellen Aussprache. Alles an ihm schien ein bisschen manieriert, aber es wurde abgedämpft durch einen klug witternden Geschmack. Der ganze Mensch hatte etwas Ruheloses, überhitzt Intellektuelles und vor allem etwas merkwürdig Unjugendliches.«

Er wurde missverstanden und als Berufsjugendlicher abgetan

Dabei hatte er seinen Weg begonnen als literarisches Enfant terrible in der Weimarer Republik, und gerade über seinen Anspruch, als Repräsentant der jungen Generation aufzutreten, hatten sich viele Kritiker mokiert. Kurt Tucholsky spottete 1928 in der Weltbühne über Klaus Mann, »der von Beruf jung ist und von dem gewiß in einer ernsthaften Buchkritik nicht die Rede sein soll«. Die weitere Entwicklung gab den Spöttern Unrecht. Im Exil, in das ihn die Nazis im Frühjahr 1933 trieben, wurde Klaus Mann rasch zu einem wichtigen Sprecher der deutschen Literatur. Im Kampf gegen das Hitler-Regime fand er die Aufgabe seines Lebens. Hier bewiesen sich seine großen Fähigkeiten als Vermittler: zwischen einzelnen Personen, zwischen rivalisierenden politischen Strömungen, zwischen den Kulturen. Nicht umsonst hieß seine Zeitschrift, die er in Amsterdam herausgab, Die Sammlung; und einer seiner prägnantesten politischen Aufsätze trägt den Titel An unserer Einigkeit könnte der Faschismus sterben .

Mit welcher Leidenschaft sich Klaus Mann als Brückenbauer betätigte, aber auch wie viele Enttäuschungen er dabei erlebte, belegt eindrucksvoll eine neue Studie des jungen Germanisten Veit Schmidinger. Kenntnisreich und differenziert beschreibt er die persönlichen und literarischen Beziehungen, die Klaus Mann zu französischen Autoren unterhielt: zu André Gide, René Crevel, Jean Cocteau und anderen.

Rechtzeitig zum 100. Geburtstag Klaus Manns wurde ein Werk abgeschlossen, das hohen Respekt verdient: Fredric Krolls Klaus-Mann-Schriftenreihe . Diese 1976 begonnene Arbeit rekonstruiert auf über 3000 Seiten akribisch das Leben und Schreiben Klaus Manns, beinahe von Tag zu Tag. Krolls Bände sind die unerlässliche Basis aller künftigen Klaus-Mann-Forschung, auch wenn man sich bei der Lektüre gelegentlich ein kritischeres Urteil über den Helden wünscht.

Ihr Bruder Klaus, hat seine Schwester Erika einmal gesagt, habe geschrieben, »wie andere Leute atmen«: leicht, mühelos, immer und überall. Das Werk, das er hinterließ, ist trotz seines frühen Todes sehr umfangreich; über 10000 Druckseiten sind allein in den Ausgaben des Rowohlt Verlags lieferbar. Manches Flüchtige und Zeitgebundene ist darunter, aber auch viele höchst prägnante Beschreibungen von Menschen und Städten, Ereignissen und Erfahrungen. Seine besten Texte sind seine Briefe, seine Essays und die autobiografischen Werke. Auch seine Tagebücher sind unverzichtbare Quellen, wenn man die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts studiert.

Die wichtigste Neuerscheinung kommt eher unauffällig daher. Es ist eine erweiterte Ausgabe seiner Autobiografie Der Wendepunkt . Dahinter verbirgt sich ein Skandalon: Dieser Lebensbericht erschien erstmals 1952 bei S. Fischer, allerdings in einer vom Verlag und von der Schwester Erika zurechtgestutzten Fassung. Viele Formulierungen, zum Beispiel über Gustaf Gründgens, wurden damals gekürzt oder abgeschwächt. Jetzt werden die unterdrückten Stellen endlich dokumentiert, zusammen mit Rückübersetzungen wichtiger Varianten aus der englischsprachigen Ausgabe The Turning Point von 1942. Allein der darin enthaltene fulminante (und natürlich fiktive) Dialog zwischen Marx und Freud lohnt die Lektüre des Buches.

Der Nachlass wird seit 1973 in München verwahrt, im Literaturarchiv der Monacensia in Bogenhausen – eine Fundgrube mit Tausenden von Manuskriptseiten, Briefen, Autografen und Fotos. Seit kurzem sind dort auch die vollständigen Tagebücher Klaus Manns für die Forschung freigegeben; die publizierte Edition enthält nur rund 70 Prozent. Wem die Reise nach Bayern zu aufwändig ist, der kann neuerdings auch im Internet recherchieren: In der nationalen Nachlass-Datenbank Kalliope sind Texte und Dokumente Klaus Manns und seiner Familie zugänglich.

Jahrzehnte nach seinem Suizid wurde er als Kultfigur verehrt

Als sich Klaus Mann im Frühjahr 1949 verbittert und vereinsamt das Leben nahm, hätte er sich kaum träumen lassen, dass er Jahrzehnte später geradezu eine Kultfigur werden würde, vor allem für junge Menschen. Woher rührt die Faszination? Über eine seiner Romanfiguren, die Schauspielerin Sonja in Treffpunkt im Unendlichen (1932), hat Klaus Mann einmal gesagt, sie sei »dazu verurteilt, hautlos durch dieses Treiben zu gehen«, durch das zugleich grauenhafte und verlockende Leben der großen Städte. Die Charakterisierung passt auch auf ihn selbst: Seltsam unbehaust und ungeschützt hat er sein Leben gelebt, ständig unterwegs und ruhelos schweifend. Der Wendepunkt endet mit den Sätzen: »Ruhe gibt es nicht, bis zum Schluss. Und dann? Auch am Schluss steht noch ein Fragezeichen.« Vielleicht macht gerade die Zerrissenheit und Fragilität seiner Existenz seine verblüffende Modernität aus.

Thomas Mann, der zeitlebens ein kompliziertes Verhältnis zu seinem Ältesten hatte, formulierte kurz nach Klaus Tod ein erstaunliches Urteil: »Wie viele Raschheiten und Leichtigkeiten seinem Werk abträglich sein mögen, ich glaube ernstlich, daß er zu den Begabtesten seiner Generation gehörte, vielleicht der Allerbegabteste war.«

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