Medien Nur Profit?
Wem soll die Zeitung gehören? Über den Kampf um die »Los Angeles Times«.
Die Zeitungslandschaft in den USA wird sich bald radikal verändern, und der Kampf um die Los Angeles Times ist nur der Anfang. Noch weiß niemand, wie der ausgehen wird. Erobern alteingesessene Geschäftsleute aus Los Angeles ihre Zeitung zurück, die von Konkurrenten aus Chicago gekapert wurde? Oder macht ein schwuler Multimilliardär das Rennen? Vielleicht entsteht aber auch eine Zeitung, die nicht mehr Finanziers an der Wall Street gehört, sondern ihren Lesern.
Vor einer Woche war der vorläufige Höhepunkt der Krise bei Amerikas viertgrößter Zeitung erreicht: Dean Baquet, der ehrgeizige, energische Chefredakteur der Los Angeles Times, wurde gefeuert. Er hatte Stellenstreichungen, die von der Konzernzentrale, der Tribune Company in Chicago, gefordert wurden, abgelehnt. Mehr noch: Bei einem Treffen von Chefredakteuren in New Orleans hatte er zum offenen Widerstand aufgerufen. »Im Moment sind wir alle traumatisiert«, sagt ein Reporter der Times. »Aber der richtige Schrecken steht wohl noch bevor.«
Inzwischen hat sich ein zweiter Revoluzzer zu Wort gemeldet: Harry B. Chandler, der Urenkel von General Harrison Gray Otis, der die Los Angeles Times 1886 gegründet hatte. Chandler hält es für eine »Schande«, dass sich die meisten Mitglieder der 170-köpfigen Familie nicht für das Blatt interessieren. In der Sonntagsausgabe schlug er vor, die Zeitung in einem Stiftungsmodell den Lesern zu übergeben. »Wenn 20 Prozent der Times- Leser 1000 Dollar investieren würden, könnte das funktionieren. Ich würde den ersten Scheck dafür ausstellen.« Chandler hat noch mehr Ideen: Leser sollten nur die Teile der Zeitung bestellen können, die sie interessierten. Und die Redaktionsleiter sollten dann danach bezahlt werden, wie viele Leser sich für ihr Ressort interessierten und wie viele »email-buzzes« es generiere.
Die Krise der Los Angeles Times begann vor sechs Jahren, als die Chandlers die Times Mirror Company – zu der auch mehrere kleinere Zeitungen und Radiostationen gehören – an die Tribune Company in Chicago verkauften. Die Chandlers sind eine der einflussreichsten Oligarchenfamilie Kaliforniens. Otis und sein Schwiegersohn Harry Chandler (1864 bis 1944) diktierten, wo Highways, das Rathaus und der Bahnhof von Los Angeles gebaut wurden; sie veranlassten, dass das San Fernando Valley mit Wasser aus entlegenen Tälern zum Blühen gebracht wurde, weil sie dort Immobilien besaßen (Roman Polanskis Film Chinatown erzählt davon). Und sie kauften Konkurenzblätter, um sie sterben zu lassen.
Als die Chandlers ihr Medienimperium im Jahr 2000 verkauften, bekamen sie ein 8,3 Milliarden Dollar schweres Aktienpaket und drei Sitze im Aufsichtsrat der Tribune Company, deren Flaggschiff die Chicago Tribune ist. Es war die größte Pressefusion in der Geschichte Amerikas. Sie wurde zum Milliardengrab. Statt Synergien zu nutzen, intrigierten die unwilligen Tribune- Töchter gegeneinander. Und mit dem Boom des Journalismus im Internet brach die Auflage ein. Allein im ersten Halbjahr 2006 verlor die Los Angeles Times mehr als acht Prozent und sackte auf 770000 Exemplare ab; 1990 waren es noch 1,2 Millionen gewesen. Und auch der Aktienkurs gab nach. Inzwischen ist der gesamte Konzern nur noch so viel wert wie Times Mirror allein vor sechs Jahren.
Die Tribune Company wird von Dennis FitzSimons geleitet, der seinen Aktionären verpflichtet ist und nicht dem Journalismus. Unter dem Druck der Wall Street und gegen erbitterten Widerstand aus Los Angeles entließ FitzSimons fast 300 von 1200 Journalisten, wechselte zweimal den Verleger aus und einmal den Chefredakteur. Seinen Höhepunkt erlebte der Kleinkrieg im Frühjahr 2004, als die Redaktion der Los Angeles Times fünf Pulitzer-Preise feierte und die Zentrale in Chicago, statt zu gratulieren, ungerührt mehr Budgetkürzungen forderte. Es kam so weit, dass die linke Bürgerorganisation Moveon.org Unterschriften für die Times sammelte.
Mitte 2005 traf sich der damalige Chefredakteur der Times, John Carroll, mit Eli Broad, einem Immobilienentwickler in Los Angeles. Broad ist eine Art Chandler der Neuzeit, aber er legt Wert darauf, als Philanthrop bekannt zu sein. Er hat Millionen von Dollar an Museen in Los Angeles gespendet, aber auch für Frank O. Gehrys spektakuläre Konzerthalle wenige Blocks von der Los Angeles Times entfernt . Diesen Mäzen fragte Carroll, ob er die Los Angeles Times nicht kaufen wolle
Broad gewann einen Verbündeten, den Supermarktkönig Ron Burkle, ebenfalls aus Los Angeles. Und FitzSimons wurde von den Chandlers im Aufsichtsrat unter Druck gesetzt. Die glauben nun, dass die einzelnen Zeitungen zusammen mehr wert sind als das ganze dysfunktionale Imperium. Nun wird verkauft, nur was, ist noch unklar. Alle Zeitungen und Radios? Oder doch nur die Los Angeles Times, die allein zwei bis drei Milliarden Dollar wert ist? Klar scheint nur, dass die Tribune Company kein börsennotiertes Unternehmen mehr sein wird.
Bei der Times sind inzwischen alle wichtigen Posten mit Statthaltern aus Chicago besetzt; neuester Chefredakteur ist Jim O’Shea, ein 63-jähriger Veteran von der Chicago Tribune, der es nicht mal die Mühe wert fand, seine Familie mit nach Los Angeles zu nehmen. Wenn Broad und Burkle zum Zug kommen – sie haben inzwischen ein Angebot für die gesamte Tribune Company abgegeben –, wird die Times wieder die lokalen Geschäftsleute, die Angelenos repräsentieren. Aber brauchen die 18 Auslandsbüros und investigative Artikel über den Irak-Krieg? Ja, sagt Carroll, immerhin lebten in Los Angeles viele Immigranten. Doch Carroll ist inzwischen 64 und Journalistikdozent, er wird nicht zurückkommen.
Vielleicht kommt ja ein anderer Interessent zum Zug, der allerdings nur das Flaggschiff will, nicht den ganzen Konzern: David Geffen, Nummer 45 auf der Liste der reichsten Männer Amerikas. Geffen presste die Eagles, Aerosmith, Gunsn’Roses und Nirvana auf Platte, unterstützte Bill Clinton, war mit John Lennon befreundet und mit Cher verlobt. Mit Steven Spielberg und Jeff Katzenberg gründete er das erfolgreiche Filmstudio DreamWorks. Was Geffen will, bekommt er. In jüngster Zeit hat er Gemälde aus seinem Privatbesitz für 400 Millionen Dollar verkauft. Das füllt die Kriegskasse. Zudem soll er schon Gespräche mit Starjournalisten aus New York führen. Denn wenn Geffen die Los Angeles Times kauft, wird er sie zur Nummer eins bei den Metropolenzeitungen machen wollen, noch vor der New York Times .
»Viele aus der Belegschaft, die Geffen die Daumen drücken, werden sich bald umschauen«, sagt ein Redakteur aus Los Angeles . »Geffen wird sich zwar, anders als die Wall Street, mit einem Profit von unter 20 Prozent zufrieden geben. Aber er wird die Zeitung radikal umbauen. Leute werden fliegen. Und eine Mauer zwischen Besitzer und Redaktion wird es unter Geffen nicht geben. Der wird knallhart sagen, worüber berichtet werden muss.«
Harry B. Chandler will weder Eli Broad – »ein neuer Eigentümer, der wieder nur Profit herausquetscht« – noch David Geffen, ein »von seinem Ego getriebener Entrepreneur mit einer Agenda«. »Mein Urgroßvater war so ein Typ, und mein Vater hat Jahre gebraucht, das wieder gutzumachen«, sagt er. Chandler glaubt an sein Stiftungsmodell: »Haltet durch,
Times-
Leser und Angestellte. Wir können gewinnen.« Das könnte der Anfang vom Ende der Herrschaft der Wall Street über die Presse sein.
Aus dem Archiv
Qualität schützt nicht vor Krisen
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Die "New York Times" hat wirtschaftliche Probleme (DIE ZEIT 28/2001) »
- Datum 13.12.2006 - 12:01 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.11.2006 Nr. 47
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