Als die Nachricht aus Chicago nach Deutschland durchsickerte, begann in Svante Pääbos Labor ein Wettlauf gegen die Uhr. Hastig durchstöberten die Forscher im Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) ihre Gendatenbanken. Nur eine einzige passende Sequenz – und sie könnten die Befunde der Amerikaner noch toppen. BILD

Seit 2005 ist das Team des Paläogenetikers Pääbo damit beschäftigt, Licht in ein entscheidendes Kapitel menschlicher Vorgeschichte zu bringen. Die EVA-Forscher haben sich zum Ziel gesetzt, das Erbgut der seit 30000 Jahren ausgestorbenen Neandertaler vollständig zu entziffern. Vorletzte Woche galt die eilige Computerrecherche einem ganz besonderen Stück Erbinformation – einem, das Genomforscher und Anthropologen seit Jahren in Atem hält. Meist war es die Genetikertruppe von Bruce Lahn in Chicago, die mit ihren Ergebnissen das Aufsehen erzeugte.

So auch jetzt: Lahn verkündete eine Nachricht, die geeignet scheint, die halbe Urmenschenforschung samt der Genomerkundung gründlich umzukrempeln. In grauer Vorzeit, so ergeben die neusten Befunde aus dem Howard Hughes Medical Institute, sei es mindestens gelegentlich zum Tête-à-tête zwischen modernen Menschen und archaischen Hominiden gekommen – und die Xenoromanzen blieben nicht ohne Folgen. Lahns Daten zeigen nicht nur, dass dabei Kinder gezeugt wurden, gesund genug, um erwachsen zu werden und sich fortzupflanzen. Über die Mischlinge drang auch das Erbgut der Vormenschen in die genetische Ausstattung der modernen Menschheit ein.

Die meisten dieser archaischen Erbinformationen sind im Lauf der vergangenen Jahrzehntausende wohl verloren gegangen. Doch nicht alle: Eine Erbanlage der Vormenschen, ausgerechnet das für die Hirnentwicklung bedeutsame Microcephalin-Gen, hat sich seither unter den Menschen mit Macht verbreitet und seinen ursprünglichen menschlichen Kollegen weitgehend verdrängt. 70Prozent der Weltbevölkerung leben heute mit dem Gen der archaischen Aliens im Erbgut. Und, verkündet Lahn: »Wir sind noch einigen weiteren Genen des Homo sapiens auf der Spur, die nicht menschlicher Herkunft sind.«

War es eine Romanze mit dem Neandertaler?

Mit Verve debattieren die Fachgelehrten nun über die Befunde aus Chicago. Die große Frage laute nun: »Wer waren die anderen?«, sagt Pääbos Leipziger Kollege Jean-Jacques Hublin. Eine gesicherte Antwort hat auch Lahn derzeit nicht zu bieten. Immerhin liefert seine Untersuchung einige handfeste Indizien. Hauptverdächtig sind ausgerechnet – die Neandertaler, jenes eurasische Urvolk, auf das Homo sapiens traf, als er aus Afrika aufbrach, den Rest der Welt zu erobern.

So erklärt sich die Aufregung, die Lahns Resultat bei Svante Pääbo und seinen Mitarbeitern am Leipziger Max-Planck-Institut auslöste. Denn sie haben inzwischen, in Allianz mit dem US-Unternehmen 454 Life Science, dem Team des kalifornischen Genomexperten Edward »Eddie« Rubin vom Joint Genome Institute des US-Department of Energy und dem Lawrence Berkeley National Laboratory, die umfassende Erkundung des Neandertaler-Erbguts vorangetrieben.