Wölfe Hund im Schafspelz
Wölfe sind in die Schweiz eingewandert und reißen Schafe. Die Raubtiere sollen abgeschossen werden. Dabei gibt es wirksame Hilfe.
Oben auf der Alp kommt man ins Paradies. Die Berggipfel sind mit Schnee gepudert, Bäche plätschern zwischen den Felsen, Heidelbeerbüsche färben sich herbstlich rot. Eine Herde Schafe mampft zufrieden vor sich hin. Doch plötzlich fixiert eines der Tiere die Wanderer, knurrt böse – und bellt los.
»Ruhig, Chiara!«, erschallt ein Befehl, und die Maremmano-Hündin gehorcht aufs Wort. Groß und wollig-weiß, war sie zwischen den Schafen kaum zu erkennen. »Die Herde ist ihre Familie«, sagt Walter Hildbrand. »Schutzhunde werden im Schafstall geboren und wachsen mit Schafen auf.« Kaum einer kennt sich mit den Maremmanos besser aus als der wettergegerbte Ex-Sportlehrer. Im Walliser Jeizinen über dem Rhonetal züchtet der 58-Jährige die Hirtenhunde aus den Abruzzen und bringt ihnen bei, Schafe gegen ihren ärgsten Feind zu schützen, den Wolf.
Der Job muss dringend getan werden: Seit Mitte der Neunziger schleichen sich italienische und französische Wölfe auf leisen Pfoten in die Schweiz. Wälder voll mit Rehen und Rotwild, Alpen voller Schafe – das ist Isegrims Schlaraffenland. Mittlerweile haben schon drei Wölfe sicher ihren Hauptwohnsitz in die Schweiz verlegt. Es gibt aber auch Stimmen, die vermuten fünf bis zehn allein im Wallis. Anfangs wehrten sich die Bauern mit Schrot – illegal. Denn die Tiere sind nach der Berner Konvention streng geschützt; vor drei Jahren erst bekräftigte der Nationalrat: Wölfe sind in der Schweiz willkommen. Inzwischen hat das Bundesamt für Umwelt (Bafu) die Spielregeln für das Zusammenleben von Mensch und Wolf festgelegt. Vergeht sich ein Wolf gar zu sehr am Nutzvieh, so darf er abgeschossen werden. Der Wolf, der derzeit durchs Wallis strolcht, hat sein Soll erfüllt: Er riss mehr als 25 Schafe in einem Monat. Die Jagd auf ihn ist eröffnet.
Walter Hildbrand zeigt mit seiner Pfeife auf den Bergkamm. Kolkraben kreisen in der Luft. Schafskadaver stinken da zum Himmel, mittlerweile fast skelettiert. »Im Wolfsgebiet lässt man sie liegen«, sagt Hildbrand, »damit der Wolf, wenn er zurückkommt, auf die Kadaver geht und nicht gleich über die Herde herfällt.«
Eine ehemalige Reisekauffrau ist nun der Schutzengel der Schafe
Auf die Ritzichumme sollte er sich nicht mehr trauen. Seit einer Woche führt hier Kathrin Rudolf das Kommando. Die 30-jährige Hirtin gehört zu Hildbrands schneller Eingreiftruppe. Wann immer ein Wolf sich aufs Schafsbüfett stürzt, rückt diese Raubtier-Feuerwehr in Diensten des Bafu an und verhindert, dass es auf einer Alp noch einmal zum großen Fressen kommt. Ein Hirte übernimmt die Herde; seine Hunde werden den Wolf zum Teufel jagen, sollte der an den Tatort zurückkehren. Auch als sich letztes Jahr ein Bär im Engadin verlustierte, war Hildbrands Truppe zur Stelle.
In der kargen Alphütte lebt Kathrin Rudolf jetzt ohne Strom. Der Ofen heizt nur spärlich. Die gelernte Reisekauffrau aus Leipzig begeisterte sich in Neuseeland für Hunde und Berge, arbeitete in Patagonien mit Schafen und las dort Hildbrands Stellenanzeige im Internet. Seit drei Jahren ist sie nun auf Schweizer Alpen der Schutzengel der Schafe. Angst hat sie keine. Wölfe seien verdammt menschenscheu. »Die bekommt man nicht zu Gesicht.«
Mit Hildbrand, der heute Vorräte auf die Alp brachte, will sie die Herde in den Pferch treiben: »Einige Schafe lahmen.« Das Wetter war mies, da muss kontrolliert werden, ob sich etwa Klauenfäule in der Herde breit macht. Die Schafe sollen im guten Zustand wieder heim gebracht werden. Ihre Besitzer beäugen genau, was Hildbrand und seine Leute tun.
Erst nachdem der Wolf auf der Ritzichumme Schafe riss, sahen die Schäfer ein, dass sie ihre Tiere nicht mehr unbeaufsichtigt weiden lassen können. Eine Entscheidung, die nicht allen leicht fiel. Denn unter Schafzüchtern im Wallis herrscht traditionellerweise nur eine Meinung über den Wolf: Der gehört abgeschossen! Und wer seine Herde bewachen lässt, setzt sich dem Verdacht aus, ein Wolfsfreund zu sein.
Weil Wolf und Bär in der Schweiz schon über 100 Jahren ausgerottet sind, konnte man Schafe unbehütet weiden lassen. Seitdem jedoch in Italien und Frankreich die Wolfspopulationen wachsen, suchen sich Jungwölfe auch hierzulande Jagdgründe. Im Wallis ist die Schäferei meist nur noch Liebhaberei. Nebenerwerbslandwirte halten sich oft zwei, drei Dutzend Schwarznasenschafe – nicht um sie zu schlachten, sondern um sie auf Schönheits-Schauen zu präsentieren. »Anderswo pflegt man sein Auto«, sagt Hildbrand, »hier wäscht man die Schwarznasen, bevor sie auf die Alp gehen.« Ein Einzelwolf muss sich aber auf leichte Beute konzentrieren. Wenn er also an ein paar einsamen, gut genährten, nicht allzu flinken Schafen vorbeikommt, warum sollte er die verschmähen?
Weil er dabei jedoch jegliches Maß zu verlieren scheint und viel mehr Tiere meuchelt, als er selbst fressen kann, hat Canis lupus einen katastrophalen Ruf. Wie der Fuchs im Hühnerstall, beißt der Wolf auf alles ein, was sich bewegt. Das hat nichts mit Blutrausch zu tun. Dieser Beißreflex ist sinnvoll, wenn es ein ganzes Rudel zu versorgen gibt und die Beutetiere sehr viel schneller davonlaufen als Schafe auf einer engen Alp, wo das Beißen kein Ende nimmt.
Kathrin Rudolf eilt mit zwei Hütehunden die Alp hoch, um die Schafe hinabzutreiben. »Caramba, gang rechts«, dirigiert sie den einen Border-Collie auf Schweizerdeutsch, der andere hört auf italienische Kommandos: »Aida, a destra!« Anders als die Schutzhunde sehen die Collies die Schafe nicht als Familienmitglieder an, sondern als Beute, die sie ihrem Alphatier, der Hirtin, zutreiben müssen. Leicht ist die Hütearbeit nicht. Die gut 240 Schafe stammen aus sechs verschiedenen Herden, sind Schwarznasen, weiße und braune Alpenschafe – die wenigsten sind an Hunde gewöhnt. Wolf und Hund lassen im Wallis die Emotionen gleichermaßen hochkochen. In Leserbriefen an den Walliser Boten wird über die »großen Hunde« geschimpft, »die jeden und alles anbellen«, aber höchstens die Touristen verschrecken. Und dass das Wallis nicht ein »Naturpark für Raubtiere« werden dürfe, man züchte ja kein »Wolfsfutter«. Wer wisse überhaupt, »ob für unseren eigenen Nachwuchs oder gar für uns selbst keine Gefahr besteht«. Bloß eins sei sicher: Der Wolf sei »auf vier Rädern« ins Wallis gekommen, Ökofanatiker hätten ihn ausgesetzt. Daher kann die Parole nur lauten: Abknallen!
Chiara und Bob, die beiden Schutzhunde, haben sich in nur drei Tagen in die fremde Herde integriert. Die Schafe fürchten sie nicht mehr. Jetzt trollen die Hunde gelangweilt nebenher, der Rüde hebt ab und zu das Bein, markiert das Revier. »Der Wolf wittert so, dass ein Rudel Caniden die Alp besetzt hat«, erklärt Kathrin Rudolf, »und macht einen großen Bogen.«
»Ein einzelner Wolf scheut immer das Risiko«, sagt auch Walter Hildbrand. Selbst wenn er stärker ist – die Gefahr verletzt zu werden, ist zu groß. Deshalb sind Hildbrands Maremmanos auch keine Kampfhunde im Schafspelz. Psychologische Kriegsführung heißt ihr Rezept. »Schleicht sich ein Wolf an eine Herde an, stehen ihm plötzlich ein, zwei große Hunde gegenüber. Da vergisst er, dass er Hunger hat«, sagt Hildbrand. Das sei wie bei einem ertappten Ladendieb, den interessiere die Beute auch nicht mehr, »der will nur weg«.
Mittlerweile ist die Herde eingepfercht. Bei lahmenden Schafen werden die Klauen untersucht. Rudolf und Hildbrand sind erleichtert: Kein Fall von Klauenfäule. Ein paar Tiere haben verstauchte Beine, »vermutlich Wolfsschäden«. Als der Räuber nachts in die noch unbewachte Herde einbrach, flohen die Schafe in Panik über die Felsen. Gerade für die Schwarznasen ist das fast so gefährlich wie der Wolf. Ihr lang gezüchtetes Flokati-Fell baumelt ihnen vor den Augen. »Es gibt Schäfer, die binden das mit einem Gummi hoch«, sagt die Hirtin.
Aber auch Schutzhunde garantieren keinen absoluten Schutz. Hildbrand kramt in seinem Rucksack nach einer Zeitung. »Der Wolf nagt an meiner Herde«, titelte der Blick und schrieb vom »blutigen Massaker«, das er unter den Schafen auf der Alpe Pontimia angerichtet habe – trotz Hirt und Hunden. »Da ist den ganzen Sommer nichts passiert«, erzählt Hildbrand. »Der Hirt wurde nachlässig, pferchte die Schafe nicht jede Nacht ein.« Die Herde schlief verstreut, und dann kam das, was man in Italien il tempo di lupo nennt: Wolfswetter mit dickem Nebel. »Das war eine Einladung für den Wolf.«
Bald werden die Wölfe in den Bergen die ersten Rudel gründen
Auf den vier Alpen aber, wo Hildbrands Leute das Regime übernommen haben, wo die Schafe nachts eingepfercht werden und Schutzhunde über sie wachen, gab es keine Wolfsrisse mehr. »Jetzt werden wir die Schäfer fragen, ob wir nächstes Jahr ihre Herden wieder schützen sollen«, sagt Hildbrand, »und zwar bevor der Wolf kommt.« Das ist das Problem: Geschützt wird erst, wenn das Lamm im Wolfsschlund verschwunden ist. Das muss anders werden. Wie es das »Konzept Wolf« des Bundes vorsieht, sollen in Regionen, die der Wolf bereits heimsuchte, nur noch Schafe für die Abschussstatistik gezählt werden, die aus geschützten Herden heraus gerissen wurden. »Wir werden in Zukunft schärfer beurteilen, ob Bauern die Tiere genügend schützen«, bestätigt auch der eidgenössische Jagdinspektor Reinhard Schnidrig.
Für die Schäfer ist der Schutz weitgehend kostenlos. Hirt und Hunde werden subventioniert. Gehütete Schafe erhalten vom Bund höhere Zuschüsse, da sie die Landschaft besser pflegen. »Der Herdenschutz steht und fällt mit der Bereitschaft, Herden zusammenzulegen«, sagt Daniel Mettler, der als nationaler Koordinator des Herdenschutzes die Einsätze der Eingreiftruppe dirigiert. »Das ist harte diplomatische Knochenarbeit.« Doch es führt kein Weg dran vorbei. Immer mehr Wölfe kommen nach Heidi-Land, irgendwann finden sich zwei und gründen das erste Rudel. Spätestens dann reicht Hildbrands Wolfs-Feuerwehr nicht mehr. Dann müssen die Schäfer selbst ihre Tiere schützen.
Die Schafe zupfen wieder feine Alpenkräuter. Walter Hildbrand steigt durch den dunklen Föhrenwald ins Tal. Fast meint man, die Natur halte den Atem an: Drückt sich hier der Wolf rum? Hildbrand schüttelt den Kopf. »Er ist auf dem Weg nach Osten. Im Nachbartal fand man eine frisch gerissene Gämse.« Der Wolf hat seinen Zyklus. »Dort, wo er ein Tier reißt, verschwindet er wieder. Erst zwei, drei Wochen später, wenn sich alles beruhigt hat, kehrt er zurück und schlägt erneut zu.«
Ob er selbst schon einmal einem Wolf begegnet ist? »Nur einmal. Wir hatten gerade eine Herde übernommen. Nachts gegen eins gerieten die Schafe in Panik. Da bin ich barfuß raus aus dem Schlafsack.« Der Wolf kauerte hinter einer Geröllhalde; seine Augen funkelten im Licht der Taschenlampe. »Endlich sehe ich ihn einmal«, freute sich Hildbrand. Dann hat er ihn verjagt.
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- Datum 20.11.2006 - 10:07 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.11.2006 Nr. 47
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Erst musste unser Freund Bär Bruno in die ewigen Jagdgründe eingehen, jetzt lauern im Erzgebirge 'Genomreinhaltungsfanatiker' dem Albino Reh Bambi auf.
'Wer hat ´s aber nun erfunden? die Schweizer!' Statt Meister Isegrimm als 'Problemwolf' abzuschießen, besinnt man sich, von Amts wegen, auf einen der ältesten Berufe der Welt, den Schäfer.
Von dieser Einstellung sollten sich unsere verehrten Beamten und Politiker mal ein Stück abschneiden!
Und zwar als erstes diese Bekloppten, die geistig noch im Märchen vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf stehengeblieben sind, und die für ihre eigene Unfähigkeit, sich um ihre Schafe zu kümmern, wie üblich die bösenbösen Ökos verantwortlich machen.
Traurig, dass die Schweizer auch nicht viel intelligenter zu sein scheinen als die bayrischen Bruno-Hysteriker, die sich wochenlang mit vollen Hosen im Keller versteckt haben und auch immer nur 'Abknallen!' kreischen konnten.
Bin selber Tierfreund, ich vermisse hier irgendwie eine Kontaktadresse zu dem Projekt. Kann mir vorstellen das es da ausser meinem Interesse noch mehr Leute gibt die sich da auch persönlichen Einsatz vorstellen können.
Weiß jemand mehr?
Schöne Weihnachten
und
ohne Wölfe , Bären , Dachse eceteraecetera ..............
find ich Unsere Welt arm!!!!!!!!!!!!!!!
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