Plötzlich sind sie alle grün
Ob Premierminister, Oppositionsführer oder Industrielobbyisten in Großbritannien überbieten sie einander mit Bekenntnissen zur Ökologie
Die Vorlesung über den Klimawandel ist vorbei, und oben auf dem Rang bricht ein Tumult aus.Ein junger Student im weißen T-Shirt und mit langen, zotteligen Haaren drängt in die erste Reihe und schreit: Sir Nicholas, wollen Sie nun mit mir reden oder nicht? Nein, der Professor Sir Nicholas Stern hat jetzt schon genug über sein Integrated Assessment Model gesprochen, seine Abschätzung der Kosten, die von der Erderwärmung in den nächsten 100 Jahren verursacht werden. Sterns 600 Seiten langer Bericht hatte in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen in der westlichen Welt gesorgt: Wenn wir die Erwärmung der Erde nicht aufhalten, argumentierte Stern, verlieren wir langfristig 5 bis 20 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Premierminister Tony Blair hat den Stern-Report das wichtigste Dokument meiner gesamten Amtszeit genannt. Doch der VWL-Student der London School of Economics will sich weiter streiten, will seine eigenen Berechnungen testen und erhält dafür lautstarke Unterstützung.Sir Nicholas schaut wohlwollend nach oben, als wollte er sagen: Solange wir kluge junge Leute haben wie Sie, werden wir die Herausforderungen des Klimawandels meistern.Dann geht er.Der junge Mann hält inne. Wenn ich Recht habe, wird es alles noch viel schlimmer, ruft er. Man merkt es schon: In der britischen Debatte ist etwas Denkwürdiges geschehen.Man regt sich über das Wetter auf. In den Medien kommen kaum noch Wissenschaftler zu Wort, die irgendwelche Folgen des CO2-Ausstoßes durch Fabriken und Autos und Flugzeuge für die Erwärmung der Atmosphäre bezweifeln.Stattdessen hört man immer mehr von Auguren der Apokalypse.Anfang des Monats konnte man eine Protestkundgebung in der Londoner Innenstadt erleben: An einem Sonnabend versammelten sich militante Umweltschützer, Globalisierungs- und Irak-Kriegs-Gegner, um lauthals und mit Rockmusik für die Rettung der Erde zu protestier en.Sally Barker, eine selbst ernannte Gegnerin amerikanischer Arroganz, verkleidete sich als Freiheitsstatue mit Staubmaske vor dem Mund und prangerte die USA an, weil sie das Kyoto-Protokoll nicht ratifiziert haben. In der Menge stand auch Peter Ainsworth, der Umweltminister im Schattenkabinett der konservativen Opposition. Wir müssen aufwachen, sonst ist es zu spät, sagte er.Am Tag nach der Demo druckte der Independent on Sunday eine fiktive Schlagzeile aus dem Jahr 2060: Tsunami-Horror verschlingt Großbritannien.Darunter war eine Riesenwelle abgebildet, die in dieser nicht so fernen Zukunft das ganze Inselreich von Orkney bis zum Ärmelkanal überrollt. Was ist da geschehen?Es hat mit dem erlebten Klima zu tun.Die Briten haben in den vergangenen Jahren immer mehr extreme Wetterlagen durchgemacht.Im Südosten wurde im vergangenen Sommer das Wasser rationiert, weil sich die Reservoirs in zwei trockenen Wintern nicht füllten.Es scheint immer heftigere Sturmfluten zu geben. So sind sich die Parteien heute einig, dass der Klimawandel neben dem Terrorismus das dringendste Problem dieser Generation von Politikern ist.Großbritannien macht sich nun zum Zugpferd einer globalen Koalition gegen die Erderwärmung, die auch der Professor Stern nachhaltig fordert.Dafür hat sich zunächst die gesamte politische Klasse des Landes zusammengeschlossen.Vor allem aber hat Tony Blair sich das Thema vorgenommen. Ohne Tony Blair hätte das Thema Klimawandel in den Medien nicht so viel Aufmerksamkeit gefunden, meint Germana Canzi von der Umweltorganisation Friends of the Earth. Für Tony Blairs Einstellung zum Klimawandel sind nicht zuletzt zwei Wissenschaftler verantwortlich, die ihn seit Jahren über den aktuellen Forschungsstand unterrichten und denen das Thema selbst am Herzen liegt.Sir David King ist seit sechs Jahren wissenschaftlicher Berater des Premierministers.Der Chemieprofessor aus Cambridge war einer der Ersten, der den Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen der Vereinten Nationen (IPPC) aus dem Jahr 2001 verbreitete und später v erkündete: Klimawandel ist das größte Problem, dem wir gegenüberstehen, gefährlicher als die Bedrohung durch den Terrorismus.Diese Meinung vertritt auch Sir Martin Rees, ein Kosmologe und Astrophysiker, der zugleich Präsident der Royal Society is t, des Sprachrohrs der britischen Wissenschaft.Auch ihm hört Blair zu. Solche reputierlichen Stimmen gaben dem Premier Munition für einen jener politischen Weitwürfe, die er so mag ob es nun um Terrorismus, Tyrannen oder Tsunamis geht.Blair reizt es auch, dass der Klimawandel eng mit der Armut in der Dritten Welt verknüpft ist.Die ärmsten Länder der Welt werden am härtesten von der Wetterveränderung betroffen sein, darüber ist die Wissenschaft sich einig.Afrika könnte unter besonders schlimmen Dürren leiden, Bangladesch könnte zu einem Fünftel überflute t werden. Sir Nicholas Stern rief deswegen in seinem Bericht die reichen Länder dazu auf, wie versprochen die Entwicklungshilfe zu erhöhen, Aufklärungsarbeit zu leisten und widerstandfähigeres Saatgut für die ärmsten Länder der Erde zu entwickeln.Tony Blair war der erste Staatschef, der im schottischen Gleneagles die Armut und das Klima gemeinsam auf die Tagesordnung eines G8-Gipfels setzte und diesen Themen damit die höchste Priorität gab. Den entscheidenden Anstoß für politische Taten lieferte allerdings die Opposition.Der vor einem Jahr gewählte konservative Parteivorsitzende David Cameron tritt gern medienwirksam auf und profilierte sich schnell als einzig wahrer Grüner im Parlament.Er trommelte die Vertreter der großen Umweltorganisationen zusammen, radelte an laufenden Fernsehkameras vorbei ins Unterhaus und reiste zum Polarkreis, um sich die schmelzende Eiskappe persönlich anzuschauen. Als Wiedergutmachung für die CO2-Belastung durch seinen Flug im Privatjet pflanzte er viele Bäume.Das ist zwar teils Wahlkampftaktik, teils aber ernst gemeint.Die Kommunalwahlen im vergangenen Mai bestritten die Tories deren traditionelles Parteilogo in blauer Farbe gemalt ist mit dem Slogan Wähle blau, werde grün!. Diese inhaltliche Nähe der beiden großen Parteien hat zu einem Wettlauf zugunsten der Umwelt geführt.Mitte der Woche las die Queen Blairs Regierungserklärung für das kommende Parlamentsjahr vor, und erstmals folgten den vielen guten Worten aus den vergangenen Jahren auch Gesetzesvorhaben.Bis zum Jahr 2050 sollen die CO2-Emissionen um 60 Prozent gesenkt werden.Die Regierung will einen eigenen Emissionshandel für den Dienstleistungssektor einführen und in Brüssel ein neues Regelwerk vorschlage n, das den Verkauf von Energiesparlampen fördert und herkömmliche Glühbirnen bald vom Markt verdrängen soll. Einigkeit herrscht sogar darüber, dass der Staat die führende Rolle übernehmen muss. Als Konservativer sage ich das nicht gerne, aber der Markt hat versagt, gibt Peter Ainsworth zu, der Umweltsprecher der Tories. Wir müssen die konkurrierenden Interessen von Wirtschaftswachstum und Umweltschutz miteinander verheiraten.Das kann nur das Gesetz. In diesem Punkt widerspricht nicht einmal mehr die Industrie.Matthew Farrow, energie- und umweltpolitischer Sprecher des Verbandes der britischen Industrie (CBI), betont: Wir stehen voll hinter den Ergebnissen des Stern-Reports.Jetzt müssen entsprechende Rahmenbedingungen im Gesetz festgeschrieben werden.Wir warten auf klimafreundliche Bauvorschriften, ein neues System für den europäischen Emissionshandel und Steueranreize für die Verbreitung von umweltfreundlicheren Konsumgütern. Tatsächlich hat die Regierung hier eine ganze Menge zu erledigen.So groß das öffentliche Bewusstsein für den Klimawandel und seine Folgen auch geworden sein mag die britischen Verbraucher begehen jeden Tag eine lange Liste von Umweltsünden.Der Anteil der erneuerbaren Energien am Gesamtverbrauch liegt bei unter einem Prozent, nur knapp 30 Prozent aller Haushalte sammeln Glas und Papier, für Batterien gibt es vielerorts gar keine Sammelstellen, und sogar für einen Schokoriegel bekommt man am Kiosk eine Plastiktüte angeboten. Doch alles deutet darauf hin, dass Großbritannien in den nächsten Jahren in Sachen Umweltschutz aufholen wird.
- Datum 16.11.2006 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 47/2006
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