Leser gibt es, die machen ihren Büchern den Hof, ein Leben lang, und am Ende gehört den Büchern das ganze Anwesen. Ihre Liebhaber bauen ihre Wohnungen um in Bibliotheken. Erst bedecken die Regale alle Wände, dann ragen sie, wie bei Goethens und Gladstones, in die Zimmer hinein, schließlich bedecken die übrig gebliebenen Bücher alle möglichen horizontalen Flächen, und am Ende verdrängen sie ihre Besitzer in eine Ecke und im ärgsten Falle ins Bett, bis auch dieses unter der Last der Folianten zusammenzubrechen droht. Diese Menschen nennt man Bibliomane. BÜCHER, BÜCHER, BÜCHER BILD

Hin und wieder fassen sie sich ein Herz, und statt zum Psychiater zu gehen und ihre Sammelwut auf Kindheitsneurosen reduzieren zu lassen (was für ein Blödsinn!), offenbaren sie ihren ganz privaten Wahn in – nun ja, neuen Büchern. Zwei von ihnen gilt es mit unverhohlener Begeisterung anzuzeigen – Reinhard Klimmts überall und irgendwo und Anne Fadimans Ex Libris. Der eine, im zweiten Leben Berufspolitiker aus dem Saarland, ist im wirklichen Leben Büchernarr, allseits bekannter europäischer Antiquariatskunde, unermüdlicher Schnäppchenjäger, der mit vollen Tragetaschen und beflügelt vom Geist der Aufklärung in der Lage ist, auch noch die komplette Encyclopédie française in seinem Haus unterzubringen, obwohl dies inzwischen allen baustatischen Vorschriften widersprechen dürfte. Die andere, Anne Fadiman, ist die Tochter jenes Mr. Fadiman, der den amerikanischen Book of the Month Club gegründet hat und dem es offensichtlich gelungen ist, seine Kinder zu bibliophil-bibliomanischen Gelehrten und Essayisten zu erziehen, die wiederum damit beschäftigt sind, ihre eigenen Kinder zu unheilbaren Buchsüchtigen auszubilden. Davon erzählt ihr Buch, das von jener Heiterkeit ist, die sich all jenen Lesern mitteilt, die – wie die Autorin – ganz und gar unfähig sind, ein bedrucktes Stück Papier unbeachtet zu lassen.

Frau Fadiman liest alles. Gebrauchsanweisungen für Waschmaschinen, Versandkataloge, Homer, Proust, was so herumliegt im Haushalt von ihresgleichen. Aber wie und warum sie es liest, das verrät sie, die überaus belesene, selbstironische Närrin, in einem so angenehmen, heiteren Tonfall, der vermuten lässt, dass ihre Krankheit ebenso unheilbar wie göttlich ist.

Reinhard Klimmt wiederum, den ein seltsames Schicksal in die Politik verschlagen hat statt in die Staatsbibliothek zu München oder Berlin, wandert mit glückseliger Willkür zwischen seinen Regalen auf und ab, lobt die Kunst der Buchillustration (seines ist vom Maler Uwe Bremer verschönt), der Fadenheftung und singt, ein echter Sozialdemokrat, das Hohe Lied der Büchergilde oder eines zu Unrecht vergessenen Bauernrebellen, Joß Fritz, aus dem 16. Jahrhundert, den ein ebenfalls vergessener Historiker in einem äußerst vergriffenen Buch verewigt hat – aber Klimmt, der Sammler, hat es.

Der Bibliomane ist ein Vielfraß, auf seine Unersättlichkeit ist Verlass. Die beiden Autoren gleichen jenen großen Restaurantkritikern, deren Artikel so nahrhaft sind wie die Speisen, die sie preisen. Nein, der Vergleich stimmt nicht. Natürlich sind sie, anders als die essenden Kollegen, von höherem Rang: Sie vertilgen nichts, sie bewahren. Ach was, sie sind die Retter von allem. Gott schenke ihnen zu Weihnachten neue Regale. Und hunderttausend Leser.