"Scoop" Gute Reporter kommen in die Hölle
In Woody Allens übersinnlicher Londoner Kriminalkomödie »Scoop« recherchiert ein Journalist aus dem Jenseits.

Mit welchem Gesichtsausdruck kommen die Toten wohl im Jenseits an? Vermutlich sehen sie aus wie Wesen, die in eine Falle getappt sind. Hinters Licht Geführte, die die Verschwörung zu spät durchschaut haben. Die entsetzte Miene des Verratenen, so mag man sich denken, nehmen wir alle mit in die Ewigkeit.
Von Joe Strombel könnten wir lernen, wie man mit Würde und einem klügeren Gesichtsausdruck hinübergeht. Joe, der Reporter aus London, schlägt nicht heulend drüben auf; er reist wachsam und erhobenen Hauptes ein. Er hat ja schon im Diesseits keinem getraut.
Strombel ist die interessanteste Figur in Woody Allens neuem Film Scoop. Als er nach tödlichem Herzinfarkt auf einem Schiff zu sich kommt, das durch den Nebel gleitet, ist er nicht verzweifelt. Er ist nur ungeduldig. Der Kahn fährt ihm zu langsam, und der Fährmann am Bug, ein riesiger Hinterwäldler mit Kutte und Sichel, spricht nicht mit ihm. Strombel sitzt im Totenschiff wie ein frequent flyer, der sich mit einem Shuttle zum nächsten Flieger bringen lassen will – sehr britisch und völlig unüberraschbar. Ein nervöser Held, der wieder mal in die Wildnis jenseits des Königreichs geraten ist und es mit Fassung trägt. In seinen Augen glüht ein Hunger, den alle Reporter haben und der sich in die Frage »Where is the beef?« kleiden ließe. Zu Deutsch: Wo ist die Story?
»Wohin fahren wir?«, fragt Joe (Ian McShane), und der Fährmann schweigt. »Vielleicht löst das Ihre Zunge«, sagt Joe und holt ein paar Pfund-Scheine aus seiner Tasche, wie er es immer getan hatte, wenn er mit einer Recherche nicht weitergekommen war, aber der Kerl mit der Sense sieht nicht mal hin. Joe lässt die Scheine fallen und hat endlich begriffen, wo er hier ist. Also springt er über Bord und schwimmt zurück – zu den Lebenden. Er muss noch eine Story unter die Leute bringen.
Eine Mitreisende auf dem Totenschiff hat ihm nämlich verraten, wer der Tarotkartenmörder ist, ein Serienkiller, der in London sein Unwesen treibt. Und dieses Wissen lässt Joe keine Ruhe. Er muss den Täter, einen Mann aus höchsten Kreisen, zur Strecke bringen. Es ist nicht die Sehnsucht nach Vergeltung oder Gerechtigkeit, die Strombel zurück ins Leben treibt, nein, ein beruflicher Reflex packt ihn noch auf dem Styx: Es ist der Wille zum Scoop, die Sehnsucht nach der großen, das Land aus den Angeln hebenden Reportage. »Ich wäre der Erste gewesen, der die Story gehabt hätte!«, hadert Joe. Und die Frau, die ihm verraten hat, wer der Mörder ist, antwortet: »Ich fürchte nur, da, wo wir hinfahren, gibt es keine Ersten – nur Letzte.«
- Datum 02.12.2009 - 12:13 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 16.11.2006 Nr. 47
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





als einer der groessten des independent film und natuerlich als einer der ganz grossen komiker der neuzeit ist ihm schon zu lebzeiten die unsterblichkeit sicher : erste klasseabteil in der geisterbahn des humors - - zusammen mit den marx brothers, charles chaplin, buster keaton, jaques tati, w.c. fields und ...
... auch diese filmbeschreibung hoert sich wieder vielversprechend an - ich hab noch keinen seiner filme ausgelassen seit 'bananas' . alle sehenswert.
Dies soll um himmels willen noch kein nachruf sein .
wer bin ich, das zu wagen - aber ich sag schon mal: vielen dank woody ! ... und freu mich auf den naechsten film.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren