Dakar

Dies ist die Geschichte von Tahirou Thioye, seinen Nichten und dem Flüchtlingsdrama in Senegal. Monsieur Thioye lebt mit seiner Frau und zwei erwachsenen Kindern in Yoff, einem Vorort der Hauptstadt Dakar. Aus besseren Zeiten hat er einen betagten Peugeot. Aber dieser lässt sich kaum noch lenken, das Gestänge ist zu sehr ausgeschlagen. Macht nichts, Monsieur Thioye ist Rentner. Er beobachtet das Leben vor allem in Yoff. Trotz der Tragödie von Ceuta vor Jahresfrist - die Auswanderer blicken nach Europa BILD

Yoff war, bevor Dakar es schluckte, ein Fischerdorf. Und noch heute liegen hier Pirogen, kleine Fischerboote mit Außenbordern. Seit einiger Zeit sieht Thioye, dass nur noch wenige zum Fischfang ausfahren. Er sieht aber etwas anderes, wie sie nämlich mit Menschen so voll beladen werden, dass das Wasser über die Seitenplanken schwappt. Menschen, die Afrika verlassen und nach Europa ziehen wollen.

Monsieur Thioye fährt mit seinem Peugeot bis fast auf den Strand, das schafft der alte Wagen noch. Er hält am südlichen Ende des Orts, dem alten Yoff. Erbärmliche Hütten stehen hier und eine halb verfallene Moschee. Auf dem Strand liegen die Fischerboote. Trotz der Atlantikbrise stinkt es zum Himmel. Überall verfaulen Fischreste. Es brennen auch einige Holzkohlefeuer, auf denen Fisch gegrillt wird.»Aber«, sagt Thioye, »die Fischer landen nur noch selten frischen Fang an, es bringt ihnen mehr, Migranten auf die Kanaren zu fahren.«

Fast alle neuen Häuser wurden vom Geld der Ausgewanderten gebaut

Zwischen den Einheimischen lagern Menschen aus allen Ländern Westafrikas. Woher sie kommen, kann auch Thioye nicht auf den ersten Blick sagen. Die Fischer aber haben es leicht, die Migranten ausfindig zu machen. Denn in diesem alten Teil von Yoff kennt noch jeder einen jeden, die Dorfgemeinschaft ist intakt. Es fällt den Schleppern nicht schwer, Fremde auszumachen.

Monsieur Thioye wandert den Strand in nördliche Richtung hinauf. Nach einigen hundert Metern ändert sich das Bild abrupt. Ein ganz anderes Yoff. Hier ist es viel sauberer. Überall stehen Tonnen für den Müll. Die Frauen an den Holzkohlegrills servieren das Essen auf Tellern. Hier zieht kein Fischer sein Boot auf den Strand. Aber man kann cabanas und Sonnenbetten mieten. Überall treiben junge Männer Sport, entweder Fußball oder Ringkampf. Es sind Hunderte, obwohl es ein Wochentag ist. Viele joggen trotz der Gluthitze. BILD

Sie sind junge Senegalesen, sagt Monsieur Thioye. Aber auch sie wollen ihre Heimat verlassen. Er ist pensionierter Professor für Spanisch und Französisch. Von seinen Schülern weiß er, wie gering die Chancen der Jungen sind, im eigenen Land je eine Arbeit zu finden. »So weit ist es nun gekommen«, seufzt der alte Lehrer, »entweder werden sie erfolgreiche Sportler, oder sie gehen fort.«

Dass es sich lohnt, fortzugehen, wird gerade in diesem nördlichen Teil von Yoff für jeden sichtbar. Nahezu alle neuen Häuser, erzählt Thioye, wurden mit dem Geld von Emigranten gebaut. Deshalb sei auch jeder junge Mann überzeugt, er werde in Europa Arbeit finden und selber in die Lage kommen, sich hier eine Wohnung fürs Alter zu bauen.

Die Moschee im reichen Teil von Yoff ist neu und riesig, sie leuchtet in strahlendem Weiß und kräftigem Grün. Thioye ist ein gläubiger Muslim. Er hält alle Gebetszeiten ein. Er ist ebenso stolz auf die prächtige Moschee wie auf die vielen neuen Privathäuser. Ihre Ausstattung muss großzügig, vielleicht sogar luxuriös sein. Ein Baugeschäft an der Hauptstraße zeugt davon. Es handelt mit italienischem Marmor.

Überall sind Restaurants und Supermärkte geöffnet, die überwiegend Importware aus Europa anbieten. Cybershops reihen sich an Internet-Cafés. An jeder zweiten Ecke steht eine Zweigstelle der Western Union oder der MoneyGram-Bank. Dort holen die Zurückgebliebenen das Geld ab, das ihnen ihre ausgewanderten Söhnen schicken. Monsieur Thioye weiß von der Bedeutung dieses Transfers: Die Überweisungen belaufen sich auf etwa zwölf Prozent des senegalesischen Bruttosozialprodukts, nahezu gleich viel wie die Entwicklungshilfe.

Anderntags fährt Monsieur Thioye nach Kaolack, das gut zweihundert Kilometer entfernt im Inland liegt. Er fährt mit Bussen und Sammeltaxis. Das kommt ihn fast billiger als ein Telefonat. Als Rentner hat er ohnehin viel Zeit. Er ist einer der Ältesten der Familie, und es ist seine Pflicht, sich um die Jüngeren zu kümmern.

Besonders viel Sorgen machen ihm zwei Nichten in Kaolack. Er will nachsehen, ob alles wieder im Lot ist. Dank seiner zentralen Lage ist Kaolack zum Durchgangsort für die Klandestinen aus dem ganzen westlichen Afrika geworden. Das weiß Thioye aus berufenem Munde. Seine Schwester besitzt ein gut gehendes Restaurant nahe dem Busbahnhof. Es wurde schon immer von Durchreisenden frequentiert. In jüngster Zeit, seit Marokko keine Migranten mehr durchlässt, hat die Zahl der Gäste aus den Ländern südlich der Sahara in Kaolack enorm zugenommen.

Und auch dies weiß Thioye: Es sind nicht die ganz Armen, die hier durchreisen. Sie könnten sich die Reise zu einem der Fischerorte und die Passage über den Atlantik gar nicht leisten. Es sind jene, deren Familien es zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht haben. Ganze Clans legen zusammen. Die Frauen verkaufen ihr Gold, die Männer geben Bares. Nach Europa geschickt werden die Söhne, wenn sie gerade erwachsen sind. Seit den Sturmläufen auf die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla vor einem Jahr, in deren Folge Marokko seine Grenzen dichtgemacht hat, nehmen die jungen Männer aus Ghana und Guinea, aus Niger und Nigeria den Weg über Kaolack.

Das Fieber hat in diesem einen Jahr auch die Senegalesen selber erfasst. Das erstaunt Monsieur Thioye. Seit der Unabhängigkeit Senegals von Frankreich im Jahre 1960 hat es noch nie einen größeren Exodus gegeben. Während in anderen Staaten Westafrikas blutige Bürgerkriege tobten, blieb es in seinem Land ruhig. Und es herrscht zwar Armut, nicht aber nacktes Massenelend wie anderswo. Tourismus und der Export von Erdnüssen brachten manchen sogar Wohlstand. Trotzdem zieht es die jungen Leute in Scharen fort. In den vergangenen Monaten landeten täglich Hunderte auf den Kanaren, ein Großteil Senegalesen.

Das ist alles im Fernsehen zu beobachten, wo sogar die Pirogen beim Ablegen gezeigt werden. Thioye ist also schon Einiges gewöhnt. Aber etwas hat ihn schrecklich schockiert, er hatte es nicht für möglich gehalten: Unter den Illegalen befanden sich unlängst auch zwei seiner Schutzbefohlenen, seine Nichten Jnajna und Ndoumb, 26 und 23 Jahre alt.

Sie wohnen im Hause ihrer Mutter, seiner Schwester, der fülligen Restaurantbesitzerin Ken. Das Haus in Kaolack ist so etwas wie der Hauptwohnsitz der weit gefächerten Familie. Im Stall halten sie sechs Ziegen. Auf dem Hof stehen drei Kühe. Jnajna und Ndoumb wären, wie die jungen Männer hier denken, gute Partien. Sie sind aber noch unverheiratet und kinderlos.

In dem Haus herrschen Anstand und Respekt. Alle Frauen begrüßen Onkel Tahirou mit einem Knicks. Dabei senken sie brav den Blick. Indes wenden sie ihn schnell wieder dem Fernseher zu, wo unablässig Musikvideos laufen. Die Clips zeigen ihnen ein glückliches Leben in Amerika und Europa, einen immer währenden Tanz im Paradies.

Onkel Thioye drängt seine Nichten Jnajna und Ndoumb, zu erzählen, wie und weshalb sie geflüchtet sind. Die beiden zögern erst, feuern sich dann aber gegenseitig an. Sie haben im Restaurant ihrer Mutter gearbeitet, haben von dem Geld, das die Mutter ihnen zahlte, eine Menge beiseite gelegt. Eines Tages haben sie sich einfach auf und davon gemacht, ohne ihrer Mutter auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen. Jungs werden, wie gesagt, geschickt. Mädchen aber würde es nie erlaubt werden zu gehen. Ein Freund holte sie noch vor dem Morgengrauen ab. Sie stiegen in den nächsten Bus in die Casamance. In einem der zahlreichen Fischerorte dieser Provinz – sie können sich an den Namen nicht erinnern – stiegen sie aus, schlugen sich zu Fuß zum Strand durch. Sie waren nicht ein einziges Mal von Polizisten angehalten worden.

Ihr Onkel erinnert daran, dass in der Casamance bis vor kurzem eine Unabhängigkeitsbewegung gekämpft hat, »aber nur eine kleine«. Das stimmt. Aber sie ist von der Armee in das östlich angrenzende Mali abgedrängt worden. Sie bindet die Sicherheitskräfte längst nicht mehr. Sie wären frei, den großen Emigrantenstrom durch Senegal aufzuhalten. Sie müssten nur Knotenpunkte wie Kaolack kontrollieren und die Küstenorte »durchkämmen«. Dabei müssten sie nicht einmal so rabiat vorgehen wie die Armee, von der dieser Ausdruck stammt und die den östlichen Senegal von der Unabhängigkeitsbewegung säuberte, indem sie den Busch »durchkämmte«.

Die vielen Toten bedauern sie nicht. Gott hat es so gewollt

Wie sah es in der Casamance aus, wie in dem Strandort, von dem die Pirogen ablegten? Jnajna schaudert es immer noch. Sie sagt gar nichts. »Es war einfach unbeschreiblich«, antwortet ihre Schwester Ndoumb. 15 Tage lang harrten sie im Dreck aus. Tags versteckten sie sich im Busch, nicht wissend, dass die Polizei sich gar nicht für sie interessierte. Nachts warteten die Mädchen am Strand auf einen Schlepper. Die Kapitäne kommen nicht selber, um das Geld für die Überfahrten zu kassieren. Sie schicken »Vermittler«. Und sie stellen es auch sonst sehr geschickt an. Vor der Abfahrt nehmen sie ihren Passagieren die Handys ab. Die spanische Küstenwache und die von ihr mit modernstem Gerät ausgerüstete marokkanische könnten die für den Radar kaum erkennbaren Fischerboote sonst leicht orten. Bei der Ankunft mischen sich die Kapitäne dann unter die Flüchtlinge, suchen selber um Asyl nach. Die Einnahmen für die Überfahrt – auf einen Schlag können es über 50000 Euro sein – haben ihre »Vermittler« längst bei den Familien in Senegal deponiert.

Nach den gut zwei Wochen am unbekannten Strand in der Casamance war es für die Nichten so weit. Ein »Vermittler« kassierte von jeder 400000 senegalesische Francs. Das sind umgerechnet 615 Euro. Auf dem Fischerboot fanden 130 Menschen Platz, außer ihnen noch zwei Frauen, diese allerdings in Begleitung ihrer Männer. Der Kapitän und seine Helfer versorgten sie unterwegs mit Reis, Wasser und Biskuits. »Das Schlimmste war, dass wir uns nie waschen konnten«, sagt Ndoumb. Sechs Tage und sechs Nächte schipperten sie nach Norden. Dann fiel einer der beiden Motoren aus. Der Kapitän versuchte, Südmarokko zu erreichen, um die Maschine reparieren zu lassen. Doch die marokkanische Küstenwache zwang ihn zurück aufs offene Meer. Glücklicherweise schaffte er den Rückweg mit nur einer Maschine.

Wieder in der Casamance, händigte der Kapitän die Mobiltelefone aus. Und er erstattete den halben Fahrpreis zurück. Das fanden die jungen Frauen »fair«. So kamen sie wieder nach Hause zu ihrer Mutter Ken. Diese hatte vor Angst gezittert. Ihre beiden großen Mädchen waren verschwunden und hatten wochenlang nicht angerufen. Als sie aber heimkehrten, schloss die Mutter sie überglücklich in die Arme.

Lange bleiben wollen die beiden jedoch auch nach diesem beinahe missglückten Abenteuer nicht in Kaolack. »Wir haben immer noch genügend Geld«, sagt Jnajna. »Bei nächster Gelegenheit machen wir uns wieder auf und davon«, ergänzt Ndoumb. Der Gedanke scheint sie glücklich zu machen. Nur wollen sie diesmal der Mutter Bescheid sagen.

Hatten sie denn gar keine Angst? »Nein, nie«, sagt die eine, »nie«, bestätigt die andere. Haben sie von den vielen Toten gehört? »Ja, von den Toten haben wir gehört, die sehen wir doch jeden Tag im Fernsehen«, sagen sie. Die Toten bedauern sie nicht. Schicksal. Gott habe es so gewollt. Das ist alles, was sie zu diesem Drama sagen. Gefährlicher als die von Marokko, das glauben sie indes genau zu wissen, sei die Passage von Senegal nicht. Die Kapitäne hielten sich stets in Küstennähe auf. Erst in letzter Minute, auf der Höhe der Kanaren, würden sie nach Westen abdrehen. Die jungen Kapitäne, wirft ihr Onkel ein, seien allerdings oft nicht erfahren genug, um dieses letzte Stück sicher zu bewältigen. Und die kundigen alten befänden sich längst in Europa.

Wie kamen die beiden Frauen überhaupt auf den Gedanken, das Land zu verlassen? »Wir wollten unserer Familie helfen«, antworten sie wie aus einem Munde. Ihr Onkel erklärt, wer seiner Familie helfe, der könne sich Gottes Segen sicher sein. So stünde es im Koran geschrieben.

Und dass sie eigentlich nur Gutes tun wollten, macht ihn dann wieder stolz auf seine Nichten.